
Mit Akupunktur kann Patient*innen mit Polyneuropathie erfolgreich Linderung verschafft werden. “Verloren geglaubte Nervenfunktionen regenerieren sich", sagt PD Dr. Sven Schröder vom Uniklinikum Hamburg-Eppendorf. Das konnten der Neurologe und sein Team in 2 Akupunktur-Studien zeigen.
In der Neurologie gehe man davon aus, dass Taubheit und Missempfindungen bei diabetischer Neuropathie irreversibel sind. Demnach seien verloren gegangene Nervenfunktionen nicht wieder herstellbar. Genau das scheine aber durch Akupunktur möglich zu sein: “2021 konnten wir in einer Studie mit 180 Probanden mit diabetischer Polyneuropathie belegen, dass Akupunktur nicht nur die Beschwerden lindert, sondern auch die Nervenleitgeschwindigkeiten messbar verbessert. In einer gemeinsamen Studie mit der Charité konnten wir in Berlin und Hamburg 2023 bestätigen, dass die Patienten von der Therapie profitierten”, berichtet Schröder.
PD Dr. Sven Schröder gibt Antworten auf die wichtigsten Fragen.
Wie erklären Sie sich das Potenzial der Akupunktur?
Die sogenannten peripheren Nerven in den Armen und Beinen haben natürlicherweise ein Regenerationspotential. Leider ist der Reparaturmechanismus aber oft langsamer als neue Schäden, die etwa durch einen zu hohen Blutzucker entstehen. Wir vermuten, dass wir durch Akupunktur einen starken sensorischen Reiz setzen und Feindurchblutung stark anregen. Das stimuliert das Nervensystem und führt zu einer Regeneration gerade auch der feinen Nervenenden.
Wie schnell tritt dieser Effekt ein?
Voraussetzung ist, dass die Taubheit noch nicht sehr lange besteht und die Polyneuropathie nicht extrem fortgeschritten ist. Wir behandeln 1- bis 2-mal die Woche für jeweils 20 Minuten. Manchmal tritt ein Effekt nach den ersten 6 Behandlungen ein, manchmal sogar schneller. Danach sollte man die Akupunktur noch einige Wochen fortsetzen. Außerdem verbinden wir sie mit Empfehlungen zu Ernährung und Bewegung sowie mit Phytotherapie. Ich verordne zusätzlich Arzneipflanzen, die Patienten als Tee einnehmen. Die Chinesische Medizin ist multimodal, besteht also aus verschiedenen therapeutischen Interventionen.
Außerhalb von Studien können wir die Therapie sehr stark individualisieren. Da wird geschaut, wie geregelt die Tagesabläufe sind und wie ein Patient mit Stress umgeht. Deshalb fragen wir etwa auch, wie es mit dem Schlaf aussieht oder mit der Verdauung. Und wir betrachten die Zunge der Patienten. Das ist eine Technik, die im Westen verloren gegangen ist. In der Traditionellen Chinesischen Medizin lernt man, sehr viele Informationen über den Gesundheitszustand aus der Krankengeschichte und der Untersuchung z.B. der Zunge herauszulesen, um ein auf den einzelnen Patienten zugeschnittenes Behandlungskonzept zu entwickeln.
Wie langfristig sind die Ergebnisse?
Unsere Beobachtungszeiträume in Studien reichten über 3 bis 4 Monate. Im klinischen Alltag halten die positiven Effekte dann weitere 3 bis 6 Monate an. Wie nachhaltig der Effekt ist, hängt von der Ursache der Polyneuropathie ab. Wenn ein toxisches Medikament aus medizinischen Gründen weitergegeben werden muss, oder wenn der Diabetes weiter nicht richtig behandelt wird, kann der Effekt auch nur kurzfristig sein. Daher ist eine Optimierung auch der westlichen Therapie und der Lebensführung – Verbesserung der Ernährung und viel Bewegung – unabdingbar für den Therapieerfolg.
Kann Akupunktur Selbstheilungskräfte anregen?
Ja, auf jeden Fall. Präzise Akupunkturnadeln setzen Mikroreize, die Nerven- und Bindegewebsrezeptoren ansprechen. Akupunktur aktiviert körpereigene Schmerzhemmung und Endorphine, beruhigt über das Nervensystem Stress- und Entzündungsreaktionen und verbessert die Durchblutung. So unterstützt sie die natürliche Selbstregulation und hilft dem Körper, seine Erholungsprozesse zu aktivieren.
Wie reagieren Ihre Patient*innen auf Akupunktur?
Unsere Patient*innen nehmen sie sehr gerne an. Sie bemerken nicht nur positive Effekte auf das Nervensystem, ihr Wohlbefinden steigert sich insgesamt. Auch die WHO empfiehlt, traditionelle Medizin mit einzubeziehen, wo es sinnvoll ist. Die Patienten in Deutschland wünschen sich in hohem Maße, mit Naturheilkunde behandelt zu werden. Das haben große Studien gezeigt.
Woran werden Sie demnächst arbeiten?
Aktuell machen wir gemeinsam mit dem Universitären Cancer Center des Universitätsklinikum Eppendorf (UCCH) eine Studie, die prüft, ob Akupunktur schon während der Chemotherapie einen Effekt hat. Ferner planen wir eine Studie, die untersucht, ob auch Hand- und Fußbäder mit chinesischen Arzneien gegen die Nebenwirkungen der Chemotherapie wirken können. Darüber hinaus planen wir eine Studie, die sowohl in Deutschland als auch in China prüfen soll, ob chinesische Arzneitherapie die Erschöpfung (Fatigue) nach Chemotherapie lindern kann.
Welche Grenzen der konventionellen Medizin lassen sich mit Komplementärmedizin noch überwinden?
Starke Nebenwirkungen von Medikamenten etwa lassen sich durch Naturheilverfahren reduzieren oder sogar rückgängig zu machen. Zwei Beispiele: Eine Polyneuropathie mit Taubheit in Händen oder Füßen kann auch durch die Medikamente einer Chemotherapie hervorgerufen werden. Diese lässt sich ebenfalls gut mit Akupunktur behandeln [4], wie wir in einer Studie belegen konnten: Sowohl Beschwerden als auch Nervenleitgeschwindigkeit besserten sich durch Akupunktur deutlich nach der Chemotherapie [5].
Leidet jemand an starken Rückenschmerzen, empfiehlt der Orthopäde in der Regel Physiotherapie, Schmerzmittel und Abwarten. Aus unserer Sicht als Integrative Mediziner würden wir zusätzlich versuchen, die Medikamente zu reduzieren, indem wir gegen die Schmerzen Akupunktur und Wärmebehandlungen einsetzen. Denn Arzneimittel wie Ibuprofen schädigen auf lange Sicht die Nieren und belasten die Leber, die sie abbauen muss. Wir sehen immer wieder, dass Patient*innen Medikamente durch unsere Behandlungen verringern oder ganz weglassen können.
PD Dr. Sven Schröder ist Facharzt für Neurologie. Seine TCM-Ausbildung in Akupunktur, Kräuterheilkunde und der chinesischen Massagetechnik Tuina absolvierte er in Deutschland und China. Seit 2010 ist Schröder Geschäftsführer des damals neu gegründeten TCM-Zentrums am Universitätsklinikum Hamburg Eppendorf (UKE). Am UKE habilitierte er sich mit dem Thema „Chinesische Medizin in der Neurologie“.
Quelle: Gesunde Vielfalt/Initiative für eine patientenorientierte und integrative Medizin


