PräventionFolgen von Schwangerschaftsdiabetes unterschätzt

Gestationsdiabetes erhöht das mütterliche Risiko für einen späteren Typ-2-Diabetes. Zentral ist eine strukturierte Nachsorge. Allerdings nehmen 60 Prozent der Betroffenen das Angebot nicht wahr.

schwangere Frau steht auf der Waage
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Schwangerschaftsdiabetes - eine Erkrankung, die man zunächst nicht spürt.

Schwangerschaftsdiabetes ist die häufigste Stoffwechselerkrankung während der Schwangerschaft. Nach der Entbindung vervielfacht der Gestationsdiabetes (GDM) die Wahrscheinlichkeit, dass die Mutter später einen dauerhaften Typ-2-Diabetes entwickelt. Ebenso ist ihr Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall deutlich erhöht. Eine strukturierte GDM-Nachsorge ist zentral, sagt die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG). Dennoch nehmen über 60 Prozent der Betroffenen dieses Angebot nicht wahr.

Eine Erkrankung, die man nicht spürt

Bei Schwangeren mit Gestationsdiabetes verschlechtert sich die Glukoseverwertung durch eine Kombination komplexer Stoffwechselvorgänge. Der Blutzucker steigt. Davon spüren Patient*innen zunächst nichts. Ein erhöhtes Risiko für die Entwicklung eines Gestationsdiabetes bestehe für Frauen mit höherem Lebensalter und Körpergewicht, so die Diabetologin Dr. Katharina Laubner.

Zu hoher Blutzucker kann das Ungeborene „mästen“

Obwohl der Blutzuckerspiegel nur Tage bis Wochen erhöht sein kann, ist diese Störung alles andere als harmlos. Laubner erklärt: „Da der Blutzuckerspiegel von Mutter und Kind über die Plazenta verbunden ist, wirkt sich zu viel Zucker im Blut der Mutter auch auf das Ungeborene aus. Mit ernsten Folgen: So kann es zu groß und zu schwer für eine normale Entbindung werden. Auch drohen schwerwiegende Entwicklungsstörungen und Stoffwechselkomplikationen wie Unterzuckerung des Neugeborenen nach Geburt“. Später hat das Kind ein erhöhtes Risiko für Stoffwechselstörungen wie Adipositas

Erhöhtes Risiko für Folgeerkrankungen

Bei der Mutter gilt der Gestationsdiabetes wegen des hohen Risikos für die Entwicklung eines Typ-2-Diabetes nach der Geburt als Prädiabetes.

Frauen mit GDM wiesen in einer Studie mit einer Beobachtungsdauer von durchschnittlich 7,7 Jahren ein fast 10-fach erhöhtes Risiko für die Entwicklung eines Typ-2-Diabetes auf [2]. Darüber hinaus treten Herz-Kreislauf-Komplikationen wie Herzinfarkt und Schlaganfall innerhalb von 10 bis 22 Jahren nach der Entbindung doppelt so häufig auf im Vergleich zu Frauen mit normalem Blutzuckerspiegel in der Schwangerschaft, und zwar unabhängig davon, ob sie zwischenzeitlichen an Typ-2-Diabetes erkrankt sind [3, 4].

Nachsorge deckt Diabetes-Vorstufen auf

Alle Frauen mit Gestationsdiabetes benötigen deshalb eine strukturierte Nachsorge mit regelmäßigen Screeningterminen hinsichtlich Typ-2-Diabetes, aber auch auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen und weitere kardiovaskuläre Risikofaktoren. Ganz gleich, ob zwischenzeitlich ein Typ-2-Diabetes vorliege oder nicht, so Laubner. Es gehe auch darum, frühzeitig Diabetes-Vorstufen zu finden, Patientinnen vorbeugende Maßnahmen anzubieten und einen bereits ausgebrochenen Typ-2-Diabetes schnell zu behandeln. Zahlen aus Deutschland aus dem GestDiab-Register zeigen, dass nur 38,2 Prozent der Frauen mit Gestationsdiabetes ein postpartales Screening wahrnehmen, der Großteil über 60 Prozent nicht [5].

Mehr Awareness nötig

„Hier müsste die Awareness dringend verbessert werden“, betont Prof. Baptist Gallwitz von der Deutschen Diabetes Gesellschaft. „Präventive Maßnahmen wie eine Gewichtsreduktion sollten bei der langfristigen Betreuung der Patientinnen immer wieder angesprochen werden“, ergänzt Prof. Stephan Petersenn.

Hintergrund: Steigende Tendenz bei Gestationsdiabetes

  • Im Jahr 2020 kamen in Deutschland 759.827 Kinder zur Welt.
  • Etwa 56.200 Frauen entwickelten während der Schwangerschaft einen Gestationsdiabetes.
  • Knapp 8.000 (1,3 Prozent) der Mütter lebten bereits vor der Schwangerschaft mit einem Diabetes Typ 2.
  • Insgesamt seien gut 9,5 Prozent der Schwangerschaften von Störungen des Blutzuckerstoffwechsels betroffen [1].

„Wir verzeichnen leider eine steigende Tendenz bei den Zahlen“, sagt die Diabetologin Dr. Katharina Laubner. „Schwangerschaft ist eine Art Stresstest für den Organismus“, so Laubner.

Quelle: Deutsche Diabetes Gesellschaft

Literatur

[1] IQTIG. Geburtshilfe. Qualitätsindikatoren und Kennzahlen. https://iqtig.org/downloads/auswertung/2020

[2] Vounzoulaki E, Khunti K, Abner S et al. Progression to type 2 diabetes in women with a known history of gestational diabetes: systematic review and meta-analysis. BMJ 2020; doi: 10.1136/bmj.m1361

[3] Xie W et al. Association of gestational diabetes mellitus with overall and type specific cardiovascular and cerebrovascular diseases: systematic review and meta-analysis. BMJ 2022;378:e070244

[4] Täufer Cederlöf E, Lundgren M, Lindahl B et al. Pregnancy Complications and Risk of Cardiovascular Disease Later in Life: A Nationwide Cohort Study. J Am Heart Assoc 2022; doi: 10.1161/JAHA.121.023079

[5] Linnenkamp U et al. Postpartum screening of women with GDM in specialised practices: Data from 12,991 women in the GestDiab register. Diabet Med 2022; https://doi.org/10.1111/dme.14861