
Nächtlicher Blütenrausch
Wenn in den Sommermonaten die Sonne untergeht und viele Pflanzen zur Ruhe kommen, beginnt der große Auftritt der Nachtkerze. Fast lautlos öffnen sich ihre leuchtend gelben Blüten in der Abenddämmerung – ein faszinierendes Schauspiel, welches zahlreiche nachtaktive Falter einlädt.
Doch die Gemeine Nachtkerze (Oenothera biennis) ist weit mehr als eine hübsche Blütenpflanze am Wegesrand: Es handelt sich um eine Heilpflanze, die traditionelle Nutzung und moderne Wissenschaft auf überzeugende Weise verbindet und sogar kulinarische Überraschungen bereithält. Als Arzneipflanze des Jahres 2026 rückt sie deshalb zurecht in den Fokus, wobei aus pharmakologischer Sicht vor allem das in den kleinen Samen befindliche Öl von Bedeutung ist.
Gäste aus Amerika
Die Gewöhnliche Nachtkerze (Oenothera biennis) kam zu Beginn des 17. Jahrhundert als Zierpflanze nach Europa. Heute ist die ursprünglich in Nordamerika beheimatete Pflanze in weiten Teilen Europas verwildert und an Wegrändern, Böschungen und auf Brachflächen verbreitet. Inzwischen sind sogar noch Dutzende weitere Nachtkerzen-Arten dazugekommen, die sich ebenso bei uns eingebürgert haben. Dazu zählt beispielsweise die Rotkelchige Nachtkerze (Oenothera glazioviana) mit ihren sehr großen Blüten. Ebenfalls häufig anzutreffen sind kleinblütige Arten, wie die Kleinblütige Nachtkerze (Oenothera parviflora) oder die Rotstängel-Nachtkerze (Oenothera rubricaulis). Aber keine Angst: Es ist letztendlich nicht wichtig, sie genau zu unterscheiden, da alle in gleichem Maße nutzbar sind.
Botanisch handelt es sich bei der Nachtkerze um eine zweijährige Pflanze: Im ersten Jahr bildet sie eine bodennahe Blattrosette, im zweiten Jahr treibt der bis zu 180 cm hohe, aufrechte Blütenstängel aus. Von Juni bis September öffnen sich allabendlich neue Blüten und verströmen einen dezent süßlichen Duft. Nach der Befruchtung bilden sich zahlreiche längliche Samenkapseln, die jeweils 200 - 300 kleine Samen enthalten. Aus diesen Samen wird das wertvolle Nachtkerzenöl gewonnen wird.
Traditionelle Nutzungen
Für viele indigene Völker Nordamerikas war die Nachtkerze eine vielseitige Nutzpflanze. Verschiedene Stämme wie Cherokee oder Ojibwa nutzten Pflanzenteile sowohl als Nahrungsmittel als auch als Medizin. So aßen die Cherokee junge Blätter als Gemüse und kochten die Wurzeln wie Kartoffeln. Einzelne Völker verwendeten auch die Samen als Nahrung. Die Ojibwa legten den Pflanzenbrei auf Prellungen. Andere Stämme nutzen die Nachtkerze bei Husten (Blüten), bei Menstruationsbeschwerden (Samen) oder bei Hauterkrankungen (Samen).
Auch in Europa entdeckten die Bauern schon bald nach der Einwanderung und Verbreitung der fremden Pflanze, dass ihre Wurzeln, Blätter und Blüten essbar waren, sodass die Nachtkerzen bald vielerorts als Gemüse kultiviert wurden. Vor allem die Wurzel galt als stärkend und sättigend. Alte Sprichwörter belegen dies: „Ein Pfund Nachtkerzenwurzel gibt soviel Kraft wie ein Zentner (50 kg) Ochsenfleisch“. Man nannte das neue Gemüse damals Schinkenwurz oder Rapontika. Der Name Schinkenwurz kommt von der rötlichen Färbung der rübenartigen Pfahlwurzel, die unsere Vorfahren an Schinken erinnerte.
Inhaltsstoffe und pharmakologische Wirkung
Berühmt geworden als Medizin ist die Nachtkerze allerdings erst im 20. Jahrhundert, als man im ölhaltigen Samen die wertvolle Gamma-Linolensäure entdeckte. Seither ist das aus den Samen gewonnene fette Öl (Oenotherae oleum) der pharmakologisch relevante Teil der Nachtkerze. Das Nachtkerzenöl enthält besonders hohe Anteile an Linolsäure (65–80 %) und 8-14% der seltenen Gamma-Linolensäure (GLA), beides essenzielle Omega-6-Fettsäuren. GLA ist insofern bemerkenswert, als sie im Körper zu hormonähnlichen Prostaglandinen metabolisiert wird, die entzündungshemmend, gefäßerweiternd und immunmodulierend wirken können. Außerdem wirken sie cholesterin- und blutdrucksenkend.
- Deshalb nutzt man in der Rationalen Phytotherapie das Nachtkerzenöl äußerlich und innerlich bei Neurodermitis, insbesondere zur Linderung des Juckreizes und der Hauttrockenheit (HMPC-Monographie).
- Es eignet sich besonders als ergänzende Maßnahme innerhalb integrativer Therapiekonzepte, weniger als alleinstehende Wunderlösung.
Die Erfahrungsmedizin hat den Anwendungsbereich des Öls stark erweitert: innerlich beim prämenstruellem Syndrom (PMS) und bei Wechseljahresbeschwerden, bei erhöhtem Cholesterinspiegel und erhöhtem Blutdruck, bei Akne und Schuppenflechte sowie bei rheumatoider Arthritis. Im Gegensatz zu vielen synthetischen Entzündungshemmern wirkt Nachtkerzenöl nicht blockierend, sondern regulierend – ein Aspekt, der die gute Verträglichkeit erklärt, aber auch Geduld erfordert, da die Wirkung oft erst nach 4-12 Wochen eintritt. Die Stärke liegt also nicht im spektakulären Soforteffekt, sondern in der sanften Regulation – ein Prinzip, das gut zur heutigen Phytotherapie passt.

Auch in der Wildkräuterküche beliebt
Neben seiner medizinischen Bedeutung ist die Nachtkerze eine essbare Wildpflanze mit interessanten kulinarischen Optionen. Die fleischigen Pfahlwurzeln der zweijährigen Pflanze werden im Herbst und Winter ausgegraben, wenn sie noch jung und zart sind. Sie können ähnlich wie andere Wurzelgemüse zubereitet werden.
Geschmacklich erinnert die Nachtkerzenwurzel etwas an die Schwarzwurzel. Wer jedoch die Wurzel einer im Sommer blühenden Nachtkerze probiert, wird enttäuscht sein, denn sie ist zäh und holzig. Schon im Frühling, wenn der Austrieb aus der Blattrosette beginnt, wird die Wurzel ungenießbar.
Solange die Nachtkerze als Blattrosette zu sehen ist, sind auch die jungen Blätter genießbar. Sie erinnern geschmacklich an Mangold. Während der Blütezeit im Sommer können die mild-süßlich schmeckenden Blüten und Knospen gegessen werden. Sie eignen sich wunderbar als farbige Zutat in frischen Salaten oder Garnituren. Auch die kleinen Samen sind nahrhaft – sie können als Topping oder in Müslis und Energieriegeln verwendet werden.
Und zum Schluss …
Die Nachtkerze ist mehr als eine hübsche Erscheinung in der Abenddämmerung. Als Arzneipflanze des Jahres verbindet sie traditionelle Nutzung mit moderner Forschung und zeigt wie pflanzliche Arzneimittel sinnvoll in integrative Therapiekonzepte eingebunden werden können. Außerdem demonstriert sie den kulinarischen Reichtum essbarer Wildpflanzen. Damit verdient die Nachtkerze ihren Platz im Rampenlicht – auch wenn sie selbst lieber im Halbdunkel blüht.
Wichtiger Hinweis!
Wie jede Wissenschaft ist die Heilpflanzenkunde ständigen Entwicklungen unterworfen. Soweit in diesem Beitrag medizinische Sachverhalte, Anwendungen und Rezepturen beschrieben werden, handelt es sich naturgemäß um allgemeine Darstellungen, die eine individuelle Beratung, Diagnose und Behandlung durch eine Ärztin, einen Arzt oder eine/einen Apothekerin nicht ersetzen können. Jede/Jeder Nutzende ist für die etwaige Anwendung und vorherige sorgfältige Prüfung von Dosierungen, Applikationen oder sonstigen Angaben selbst verantwortlich. Autoren und Autorinnen und Verlag haben große Sorgfalt darauf verwendet, dass diese Angaben bei ihrer Veröffentlichung dem aktuellen Wissensstand entsprechen. Eine Haftung für Schäden oder andere Nachteile ist jedoch ausgeschlossen.
Für die meisten Heilpflanzen fehlen Studien zu Unbedenklichkeit bei der Anwendung in der Schwangerschaft und während der Stillzeit, sowie bei Säuglingen, (Klein-)Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren. Alle beschriebenen Anwendungen sollten daher, sofern nicht ausdrücklich im Beitrag anders beschrieben, bei diesen Personen und in diesen Lebensphasen nicht ohne ärztliche Zustimmung angewendet werden.
Literatur
- Munir R, Semmar N, Farman M et al. An updated review on pharmacological activities and phytochemical constituents of evening primrose (genus Oenothera). Asian Pacific Journal of Tropical Biomedicine 2017; https://doi.org/10.1016/j.apjtb.2017.10.004
- Rudi Beiser. Unsere essbaren Wildpflanzen. Stuttgart: Kosmos; 2022
- Stern C, Ell-Beiser H. Phytotherapie. Aarau: AT Verlag; 2022
Rudi Beiser
Wildkräuter- und Heilpflanzenexperte


