MigräneMigränepatientinnen in Schwangerschaft und Stillzeit unterversorgt

Schwangere sind von Arzneimittelstudien meist ausgeschlossen. Das führt zu Unsicherheiten und Unterversorgung bei der Migräne-Therapie - bei Ärzt*innen und Patient*innen.

Silhouette einer Frau mit einem Blitz, der durch den Kopf geht
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Die medikamentöse Behandlung von schwangeren oder stillenden Frauen wird durch fehlende Evidenz erschwert.

Migräne betrifft Frauen dreimal häufiger als Männer, besonders im gebärfähigen Alter. Schwangere Frauen werden oft von Arzneimittelstudien ausgeschlossen. Dies führt zu Unsicherheiten bei der medikamentösen Behandlung während Schwangerschaft und Stillzeit, sowohl bei Ärzt*innen als auch bei den betroffenen Frauen.

„Das macht die medikamentöse Behandlung in dieser sensiblen Lebensphase zu einem ethisch und rechtlich komplexen Unterfangen und schafft große Unsicherheit, sowohl bei Ärzt*innen als auch bei den werdenden Müttern“, erklärt Dr. Wolfgang Paulus von der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG).

Beispiel Paracetamol: Jahrelange Unsicherheit 

Ein Beispiel für diese Unsicherheit ist Paracetamol, das weltweit als sicheres Schmerzmittel in der Schwangerschaft gilt. In den letzten Jahren wurde jedoch wiederholt ein Zusammenhang mit möglichen Komplikationen bei den Nachkommen vermutet, wie Asthma oder Verhaltensstörungen.

Eine aktuelle schwedische Studie an 2,5 Millionen Kindern konnte diese Bedenken jedoch entkräften. „Für die Akutbehandlung von Kopfschmerzen wird Paracetamol somit weiterhin als sicherstes Analgetikum in der Schwangerschaft betrachtet“, so Paulus.

Begrenzte Auswahl an Medikamenten in der Schwangerschaft 

Neben nicht-medikamentösen Ansätzen stehen nur wenige Medikamente zur Verfügung, um Migräne in der Schwangerschaft zu behandeln. Der Einsatz von Ibuprofen ist vor dem letzten Schwangerschaftsdrittel unbedenklich, und auch bei Triptanen wie Sumatriptan gibt es ausreichend Sicherheitsdaten. Bei neueren Mitteln wie den CGRP-Antagonisten, darunter Erenumab, fehlen jedoch noch ausreichende Daten für eine Empfehlung.

Risiken bei der Migräneprophylaxe

Zur Prophylaxe von Migräne gelten Betablocker wie Metoprolol und Amitriptylin als relativ sicher. Bei Topiramat, einem seit Jahren etablierten Mittel, weisen Studien jedoch auf ein erhöhtes Risiko für Fehlbildungen und Entwicklungsstörungen hin. „Die Datenlage ist zwar international sehr widersprüchlich, dennoch ist das Präparat in der Schwangerschaft und bei Frauen im gebärfähigen Alter nun kontraindiziert“, erklärt Dr. Paulus.

Versorgungslücken durch fehlende Evidenz 

Die Behandlung von Migräne in der Schwangerschaft erfordert eine individuelle Abwägung von Nutzen und Risiken. Da es jedoch an randomisierten Studien mangelt, müssen Ärzt*innen auf Beobachtungsstudien zurückgreifen, die oft widersprüchliche Ergebnisse liefern. „Das deutsche Gesundheitswesen bietet bezüglich der Arzneimitteltherapie-Sicherheit in Schwangerschaft und Stillzeit leider wenig Unterstützung“, kritisiert Dr. Paulus.

Forderung nach staatlicher Unterstützung 

In Deutschland gibt es mit EMBRYOTOX und REPROTOX nur zwei Einrichtungen, die sich mit der Risikobewertung von Medikamenten in der Schwangerschaft befassen, beide jedoch chronisch unterfinanziert. Die DMKG fordert daher eine bessere finanzielle Unterstützung, um eine intensivere Forschung und Beratung zu ermöglichen.

Paulus verweist auf die skandinavischen Länder, wo nationale Register seit über 20 Jahren wertvolle Daten zur Sicherheit von Medikamenten liefern. „Nur durch eine gezielte Förderung der Forschung und eine verbesserte Datenlage können wir die Gesundheit sowohl der Mutter als auch der nächsten Generation effektiv schützen.“

Quelle: Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft

  1. Diener HC, Förderreuther S, Kropp P et al., Therapie der Migräneattacke und Prophylaxe der Migräne, S1-Leitlinie, 2022, DGN und DMKG, in: Deutsche Gesellschaft für Neurologie (Hrsg.),
  2. Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurologie. Online: www.dgn.org/leitlinien Ahlqvist VH, Sjöqvist H, Dalman C et al. Acetaminophen Use During Pregnancy and Children’s Risk of Autism, ADHD, and Intellectual Disability. JAMA. 2024 Apr 9;331(14):1205-1214. doi:10.1001/jama.2024.3172. PMID: 38592388
  3. Bjørk MH et al. Association of Prenatal Exposure to Antiseizure Medication With Risk of Autism and Intellectual Disability. JAMA neurology vol. 79,7 (2022):672-681. doi:10.1001/jamaneurol.2022.1269