SchmerzWie emotionale Unterstützung Schmerzen reduzieren kann

Das soziale Umfeld beeinflusst Schmerzwahrnehmung und Schmerzerleben. Was Behandler*innen, Partner*innen, Freund*innen tun können, war Thema auf dem Deutschen Schmerzkongress.

Rückansicht einer Frau, die sich den Kopf hält
Victor Koldunov/stock.adobe.com; Stockphoto - Posed by a Model

Das soziale Umfeld hat großen Einfluss darauf, wie Betroffene Schmerzen wahrnehmen und erleben.

  • So kann eine verstärkte soziale Unterstützung das Wohlbefinden von Menschen mit chronischen Schmerzen verbessern.
  • Sind Angehörige und Freunde jedoch übermäßig besorgt, wirkt sich dies negativ auf das Schmerzerleben aus und verstärkt Beeinträchtigungen.

Schmerzen hat man nicht allein

Die Psychologin Dr. Judith Kappesser brachte auf dem Deutschen Schmerzkongress ein Beispiel:  Ich behandle eine 40-jährige Patientin, die u.a. unter Schmerzen aufgrund einer Osteoporose leidet. Ihre Ärztin sagte ihr kürzlich: „Ihre Knochen sehen aus wie die einer 80-Jährigen. Passen Sie auf, dass Sie sich im Schlaf nicht die Knochen brechen.“

Bei Osteoporose ist körperliche Aktivität der betroffenen Menschen ein sehr wichtiger Behandlungsbaustein. Denkt man an die Aussage der Ärztin, wird schnell klar, wie sie sich auf das Schmerzerleben dieser Patientin auswirken kann und wie sie sich im Alltag verhält.

Die Interaktion von Behandler*innen und Patient*innen im medizinischen Kontext ist nur ein kleiner Teil dessen, was unter „soziales Umfeld“ oder „sozialer Kontext“ zusammengefasst wird. Wie wir Schmerz erleben und damit umgehen, hängt vom sozialen Kontext ab: Dies kann die einfache An- oder Abwesenheit einer mir fremden oder vertrauten Person meinen. Es kann sich um einfaches Verhalten dieser Personen handeln wie z.B. die Hand halten, oder um komplexe Interaktionen zwischen Kindern und ihren Eltern oder zwischen Patient*innen und ihren Bezugspersonen (Krahé 2013).

Im Vergleich zum Einfluss biologisch-medizinischer oder auch psychologischer Faktoren wissen wir bisher nur wenig darüber, wie sich soziale Faktoren auf das Schmerzerleben auswirken (Mogil 2015).

Allerdings sind soziale Faktoren auch Risikofaktoren für die Entwicklung chronischer Schmerzen und für das Befinden von Menschen mit chronischen Schmerzen (Nichola 2022). So kann eine zunehmende soziale Unterstützung das Wohlbefinden von Menschen mit chronischen Schmerzen verbessern. Wird Unterstützung jedoch zu übermäßiger Besorgtheit, wirkt sich diese negativ auf das Schmerzerleben und die Beeinträchtigung durch die Schmerzen aus (Hadjistavropoulos 2011).

Da das Erleben von Schmerzen sehr subjektiv ist, wird es für die soziale Umwelt erst dadurch sichtbar, dass Betroffene ihre Schmerzen verbal oder nonverbal ausdrücken (Craig 2015; 2018).

Die Gesichter von Fußballspieler*innen, die gefoult wurden, sind schmerzverzerrt, sie halten sich die Stelle, die getroffen wurde, und stöhnen oder schreien vor Schmerzen. Durch diesen Schmerzausdruck signalisieren sie nicht nur, dass sie Schmerzen haben, sondern auch dass sie Hilfe benötigen.

Bedeutung des sozialen Kontextes

Der soziale Kontext hat nicht nur einen Einfluss darauf, ob und in welchem Ausmaß Schmerzen erlebt, geäußert und gezeigt werden – oder auch nicht. So zeigen Menschen mit Krebserkrankungen ihre Schmerzen oft nicht, um ihre Angehörigen nicht zu beunruhigen (Wilkie & Keefe, 1991). Die Forschung dazu, welchen Einfluss der soziale Kontext auf den Schmerzausdruck hat, steckt aktuell noch in den Kinderschuhen (Mogil 2015; Kappesser 2019). Der soziale Kontext ist generell ein wichtiger Faktor im Heilungsprozess (Wampold 2021), nicht nur bei Menschen, sondern auch bei Tieren.

Bienen erzeugen bei Infektionen zum Beispiel ein „soziales Fieber“, indem sie mit den Flügeln schlagen, um so die Temperatur im Stock zu erhöhen und die Infektion zu bekämpfen (Cremer & Sixt, 2009). In einem Experiment nahm eine allergische Hautreaktion mithilfe einer Placebo-Creme dann am stärksten ab, wenn die Ärzt*innen nicht nur kompetent waren, sondern sich auch empathisch verhielten, zum Beispiel durch Verhaltensweisen wie Ansprechen der Patient*innen mit Namen, sich neben die Patient*innen setzen, Augenkontakt halten, lächeln (Howe 2017).

Dies gilt natürlich nicht nur für Ärzt*innen, sondern auch für Eltern oder Partner*innen. Auch wenn sie nicht direkt vor Ort sein können, könne möglicherweise schon ein Bild der Eltern oder des Partners helfen, das Schmerzerleben zu lindern, wie Hilmer et al. experimentell zeigen konnten.

„Das Vorhandensein unterstützender Beziehungen kann Schmerzen subjektiv weniger intensiv erscheinen lassen, da emotionale Unterstützung Stress und Angst reduzieren kann. Umgekehrt kann soziale Isolation Schmerzen verstärken, da Einsamkeit die psychische Belastung erhöhen kann – wie wir es während der Corona-Pandemie vielfach erlebt haben“, sagt auch Prof. Thomas Fischer, Präsident des diesjährigen Schmerzkongresses. Fischer hat die sozialen Aspekte von Schmerz und Schmerztherapie zu einem Schwerpunktthema gemacht.

Übermäßige Besorgnis negativ für das Schmerzerleben

  • Die Art der Interaktion der Betroffenen mit Ärzt*innen, Therapeut*innen, dem Freundeskreis und Angehörigen trägt entscheidend dazu bei, wie stark Schmerzen empfunden werden (Krahé 2013; Hillmer 2021).
  • Unterstützende Beziehungen können Schmerzen subjektiv lindern.
  • Soziale Isolation kann Schmerzen verstärken.

Fazit

Obwohl das biopsychosoziale Modell von Schmerz weitgehend anerkannt ist und die Definition der International Association for the Study of Pain von 2020 den Einfluss sozialer Faktoren betont, wurden soziale Faktoren bisher nicht ausreichend erforscht. 

Insgesamt unterstreichen diese Ergebnisse die zentrale Bedeutung des sozialen Kontextes für die Wahrnehmung von Schmerzen und deren Behandlung. „Der soziale Kontext ist ein entscheidender Faktor im gesamten Heilungsprozess“, so Kappesser (Wampold 2021).

Quelle: Pressekonferenz Deutscher Schmerzkongress 2023

Literatur

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Craig KD. Toward the social communication model of pain. In: T. Vervoort, K. Karos, Z. Trost & K. M. Prkachin (Eds.). Social and interpersonal dynamics in pain. We don’t suffer alone (pp. 23-41). Cham, Switzerland: Springer; 2018. doi: 10.1007/978-3-319-78340-6

Cremer S, Sixt M. Analogies in the evolution of individual and social immunity. Philosophical Transactions of the Royal Society B: Biological Sciences 2009; doi: 10.1098/rstb.2008.0166

Hadjistavropoulos T, Craig KD, Duck S et al. A biopsychosocial formulation of pain communication. Psychological Bulletin 2011; doi: 10.1037/a0023876

Hillmer K, Kappesser J, Hermann C. Pain modulation by your partner: an experimental investigation from a social-affective perspective. PLoS ONE 2021; doi: 10.1371/journal.pone.0254069

Hillmer K, Kappesser J, Hermann C. (eingereicht). Experimental investigation of social and affective pain modulation in children.

Howe LC, Leibowith KA, Crum AJ. When your doctor “Gets It” and “Gets You”: the critical role of competence and warmth in the patient-provider interaction. Frontiers in Psychiatry 2017; doi: 10.3389/fpsyt.2019.00475

Kappesser J. The facial expression of pain in humans considered from a social perspective. Philosophical Transactions of the Royal Society B: Biological Sciences 2019; doi: 10.1098/rstb.2019.0284

Krahé C, Springer A, Weinman JA et al. The social modulation of pain: others as predictive signals of salience – a systematic review. Frontiers in Human Neuroscience 2013; doi: 10.3389/fnhum.2013.00386

Mogil JS. Social modulation of and by pain in humans and rodents. Pain 2015; doi: 10.1097/01.j.pain.0000460341.62094.77

Nicholas MK. The biopsychosocial model of pain 40 years on: time for a reappraisal? Pain 2022; 163, S3-S14. doi: 10.1097/j.pain.0000000000002654

Wampold BE. Healing in a social context: the importance of clinician and patient relationship. Frontiers in Pain Research 2021; doi: 10.3389/fpain.2021.684768

Wilkie DJ, Keefe FJ. Coping strategies of patients with lung cancer-related pain. The Clinical Journal of Pain 1991; 7: 292-299