
Die B-Vitamine sind allesamt Gesundmachnährstoffe! Sie haben eine große therapeutische Breite und unsere innere biochemische Realität ist ein eklatanter Vitamin-B-Mangel oder, anders formuliert, ein enormer Vitamin-B-Hunger oder -Bedarf. Die B-Vitamine müssen für die Energiearbeit einer jeden Zelle satt da sein (siehe mein 1. Buch Nähstofftherapie). Ein wichtiger Indikatorwert für das gute funktionelle Vorhandensein von vor allem B12, B9 (Folsäure), B7 (Biotin), B6 und auch B2 ist der Zustands-Schlüsselwert Homocystein. Der Homocystein-Wert steigt, wenn alle oder eines dieser B-Vitamine fehlen. Ein erhöhtes Homocystein schadet den Gefäßen, es wirkt unerwünscht proentzündlich und prothrombotisch. Deswegen ist ein wichtiges Ziel in der NT für die Gefäßgesundheit, das Homocystein auf optimale Werte von 6–8 μmol/l einzustellen. Wo unter Therapie das B12 sein soll, habe ich schon erläutert. Nun zu den anderen, für das Homocystein relevanten B-Vitaminen: B9, B7, B6 und B2 (Reihenfolge nach Wichtigkeit).
Vitamin B9 (Folsäure)
Das Labor sagt, alles »normal«, aber die Nährstoffmedizin sagt, nein, das reicht nicht, um für die Stoffwechselfunktion top versorgt zu sein. Hier ist ein Gap, wo wir funktionell und präventiv etwas tun können. Es geht nicht um die Vermeidung eines Todes aufgrund von Nährstoffmängeln, sondern es geht um eine robuste und fitte IBSE, die bereit ist, Alltagsprobleme wie Alterung und Stress gesund zu lösen. Meist reicht es, vor und unter Therapie zur Dosisfindung aus, diesen günstigen Test auf Folsäure im Serum zu machen, man muss nur darauf achten, dass unter Therapie die Folsäure-Spiegel über 16 pg/ml liegen. Wenn man aber unsicher ist und genauer wissen will, ob es wirklich genug aktive Folsäureformen für die zelluläre Stoffwechselarbeit gibt, kann man eine besondere Untersuchung im IMD Berlin (ID-Vit144) machen, bei der von dem Wachstum Vitamin-B-abhängiger Bakterien auf das tatsächliche Vorhandensein der bioaktiven Folsäureformen geschlossen wird.
Vitamin B7 (Biotin)
Bei einer Biotin-Therapie gibt es oft Aufregung, weil Biotin, wenn man es direkt vor der Blutabnahme nimmt, bei bestimmten Labordiagnostik-Testsystemen die Werte einiger Parameter verfälschen kann. Da Sie meist nicht wissen, was genau im Labor der Arztpraxis für ein Verfahren eingesetzt wird, sollten Sie am besten Ihre Biotin-Therapie 24 Std. oder besser 48 Std. vor jeder Blutennahme (BE) nicht nehmen. Da wir in der Praxis sowieso immer alle BE morgens »blanko« machen, ist für die notwenige Biotin-Pause vor der BE automatisch gesorgt. Und das IMD Berlin nutzt beispielsweise mit dem Alinity System der Firma Abbott, auch kein Biotin-abhängiges Testsystem, da ist das Thema dann sowieso irrelevant. Auch das Cobas-System der Firma Roche, das das Labor Augsburg nutzt, ist deutlich Biotin-resistenter geworden, hier reicht dieser Abstand von 24–48 Std. Bevor Sie sich deswegen verrückt machen, fragen Sie Ihre Labore, ob deren Testsysteme Biotin-abhängig sind oder nicht. Oder Sie lassen das und legen einfach vor der BE eine Biotin-Pause von 1–2 Tagen ein.
Vitamin B6
Bei B6 erlebe ich auch immer wieder, dass die Menschen durch Warnungen vor zu viel verunsichert werden. Man muss sehr hohe Dosierungen geben, um von B6 schadhaft zu viel zu haben. Sehr hohe Dosierungen wären 300 mg täglich und mehr. Meiner Erfahrung nach braucht man selten mehr als 50 mg aktives B6 als P5P täglich, um das bioaktive B6 in den optimalen Bereich anzuheben. Bitte nicht ohne Laborkontrolle dauerhaft Dosierungen von mehr als 50 mg täglich nehmen. Nutzen Sie in der Therapie die aktive Form von B6, das P5P. Und bitte keine Panik bekommen, wenn Ihr bioaktiver B6-Wert unter Therapie plötzlich bei > 36 μg/l liegt, das ist nicht schlimm, es ist dann einfach ein Hinweis, dass die Tagesdosis oder Wochendosis zum Erhalt einer guten Versorgung mit B6 etwas reduziert werden kann. Die Idee in der NT ist, anhand des bioaktiven B6-Spiegels, dem MCV (das bei B6-Mangel sinkt), dem HC (das bei B6-Mangel steigt), der DAO (die DAOSynthese benötigt B6) und dem Serotonin und dem Melatonin-Spiegel (die Synthese ist B6-abhängig) die beste funktionell unterstützende B6-Dosis herauszuarbeiten. Man muss immer den Nährstoffspiegel in den Kontext zum Stoffwechsel setzen. Es lässt sich dann sehen, ob im Inneren »genug« wirkt.
Vitamine B2 und B1
Vitamin B1 ist interessant und auch in sehr hohen Mengen nicht toxisch oder zu viel. Es gibt Hinweise, dass z. B. bei Parkinson eine sehr hohe B1-Dosis von 2 g bis zu 4 g täglich oral helfen kann, die Symptomatik zu reduzieren.148 Ich habe hier keine Erfahrung, aber ich freue mich immer, wenn es zu einem einzelnen Nährstoff Daten gibt, die sogar bei sehr hohen Dosierungen über einen positiven Effekt berichten. Ähnlich wie das Coimbra-Protokoll bei Vitamin D, wo auch sehr hohe D-Dosierungen von mehreren 100 000 IE pro Woche unter engmaschiger Kontrolle zur Behandlung der Multiplen Sklerose eingesetzt werden.
Es gibt Menschen, bei denen es trotz bester Spiegel aller einzelnen B-Vitamine nicht gelingt, das Homocystein (HC) zu senken. Dafür können genetische Gründe oder auch eine Niereninsuffizienz verantwortlich sein. Versuchen Sie es dann nochmal mit einer zusätzlichen Gabe von Betain 500 mg, ein bis zweimal pro Tag. Und bitte keine Panik, wenn das HC etwas erhöht bleibt und Sie es einfach nicht perfekt gesenkt bekommen. Es ist nicht bei jedem in jedem Alter möglich, jede Zahl auf ihr Optimum einzustellen, das ist unrealistisch, denn bisher sind wir ja auf jeden Fall ein endliches System und wir altern, ob wir das wollen oder nicht. Und mit 40, 50 oder 60 Jahren sind ja auch schon einige Dinge »in den Brunnen gefallen«.
Quelle: Nährstoff- & Hormontherapie - Der Präventions-Leitfaden
kcl




