Inhalt

In der Klinik, in der ich tätig bin, betrachtet man die Patienten ganzheitlich und tauscht sich in Teams regelmäßig über die Patienten aus; hierbei nehme ich regelmäßig teil. In meinen Beratungen geht es vor allem um Antidepressiva, die für Gewichtszunahmen sorgen und häufig Hauptthema bei den Sitzungen sind. Aber auch weitere Nebenwirkungen von Antidepressiva, Nahrungsmittelunverträglichkeiten, Diabetes mellitus Typ 2, hohe Blutfettwerte und Leberwerte sind eine kleine Auswahl weiterer Beratungsinhalte.
Den Patienten fällt es im Kliniksetting sehr viel leichter, ihre Nahrungsmittelauswahl und auch ihr Essverhalten umzustellen als daheim. Wenn ich in den Gesprächen allerdings auf die Umsetzbarkeit im Alltag zu Hause zu sprechen komme, erweisen sich ganz viele Dinge als überhaupt nicht praktikabel. Hier kommen die Hauptsymptome der Erkrankten zum Tragen:
- gedrückte/depressive Stimmung
- Interessenverlust/Freudlosigkeit
- Verminderung des Antriebs/erhöhte Ermüdbarkeit.
Andere häufige Symptome kommen hinzu wie Schlafstörungen, verminderte Konzentration, vermindertes Selbstwertgefühl usw. All diese Symptome sorgen dafür, dass diese Menschen ihren Alltag nicht mehr bewältigen können bzw. nur noch das Nötigste im Alltag erledigen können. Sie schaffen es nicht, sich um körperliche Beschwerden zu kümmern und vereinbaren keine ärztlichen Termine. Zudem haben sie stellenweise ein sehr schlechtes Essverhalten, das geprägt ist von unregelmäßigen Mahlzeiten und Fertigprodukten; sie trinken zu wenig bzw. auch bevorzugt „falsche“ Getränke und gehen keiner sportlichen Betätigung nach.
Merke
Für die Patienten ist es von Vorteil, wenn sie eine Familie oder einen Partner haben, die sich um die Erkrankten kümmern. So können die Patienten im Alltag ein Stück aufgefangen werden.
Fallbericht
Im Folgenden möchte ich von einer Klientin berichten.
Angemeldet hatte sich bei mir aufgrund ihres Übergewichts bzw. einer Adipositas eine Patientin, Frau M., Mitte 50. Sie wolle unbedingt Einzelgespräche, sie sei kein Gruppentyp. Es stellte sich heraus: Bei 160 cm Größe und 120 kg, einem BMI von 46,9 kg/m2 ist das Einzelcoaching ein guter Weg.
Die aktuellen Anliegen: Ihre Blutzuckerwerte machen ihr Sorgen, sie möchte ihre ganze Ernährung umstellen. Sie fühlt sich sehr schwer und überhaupt nicht mehr wohl in ihrem Körper, sie schämt sich. Als ein Ziel strebt Frau M. an, unter 100 kg wiegen zu wollen.
Die Klientin erzählte, dass sie von familiärer Seite her mit Übergewicht belastet sei und seit ihrer Pubertät ein ausgeprägter Apfeltyp sei. Von mütterlicher Seite her gab es so gut wie keine Kommunikation, keine Liebe, keine Emotionen. Als Kind wurde so gut wie nie mit ihr geredet. Ihr wurde als Kind immer nur gesagt: „Du bist nichts, du kannst nichts.“ Rückblickend erzählte sie, dass sie ein zorniges, trauriges Kind, voller Wut im Bauch war. Sie wollte so gerne von der Mama gesehen und beachtet werden. Ihre Eltern haben immer nur gearbeitet. Viel Liebe gab es nur über das Essen. Das prägt!
Seit sie in der hormonellen Umstellung im Klimakterium war, hatte sie noch mehr an Gewicht zugenommen und nie gegengesteuert.
Im Gespräch arbeiteten wir gemeinsam heraus, dass sie sich ihr Gewicht als eine Art Schutzwall zugelegt hat: Es sollte sie bloß keiner anschauen. Auf der einen Seite möchte Frau M. allein sein, auf der anderen Seite hätte sie gerne einen Mann an ihrer Seite. Übergewicht dient hier als Abgrenzung und zugleich ist sie auf der Suche nach Aufmerksamkeit.
In der vergangenen Zeit kam für die Klientin erschwerend die Coronavirus-Pandemie hinzu. Frau M. bezeichnet sich selber als kontaktscheu und durch die Pandemie hat sie sich noch weiter zurückgezogen. Sie hat somit ihren Schutzwall weiter ausgebaut.
Frau M. arbeitet in der Pflege. Sie kann nicht „Nein“ sagen. Frau M. war so gut wie nie krank. Selbst wenn sie gesundheitlich angeschlagen war, ist sie zur Arbeit gegangen. Frau M. lebt für ihre Arbeit, sie macht ihr auch Spaß. Sie arbeitet sehr viel und sie springt oft für Kollegen ein. Dadurch haben sich bei ihr sehr viele Überstunden angesammelt.
Aus ihrem Arbeitsrhythmus heraus ergab sich die Tages- und Essstruktur der Klientin. Sie fuhr morgens vor Arbeitsbeginn zum Bäcker und kaufte sich zwei Leberkäsesemmeln und eine Butterbrezel, dazu Kaffee mit Zucker. Dies alles aß sie dann zum Frühstück mit/bei ihren Patienten, besser gesagt, schlang sie alles innerhalb von 10 Minuten hinunter. Später gab es entweder ein Mittagessen, einen Joghurt oder einen Apfel. Frau M. kommt gegen 21 Uhr wieder nach Hause und suchte sich dann gerne etwas Deftiges zum Abendessen: Zwei Wurstbrote wurden zum Beispiel vor dem PC nebenbei gegessen. Falls sie früher Dienstschluss hatte, fuhr sie gerne bei einem Schnellrestaurant vorbei und aß Burger im Auto. Sie erzählt, sie esse zum Stressabbau und habe eigentlich keinen Hunger. Durch ihre langen Dienste kommt die Klientin nur selten zum Einkaufen.
Frau M. bezeichnet sich selbst als Schlingerin, sie verspüre nach dem Essen eher ein Völlegefühl als ein angenehmes Sattsein. Kochen empfinde sie eher als schwierig, da sie eine sehr kleine Küche habe. Wenn sie Spät- oder Nachtdienst habe, gebe es Fertiggerichte aus der Tiefkühltruhe.
Ihr Trinkverhalten hatte Frau M. bereits vor dem Beginn des ersten Beratungstermins von sich aus umgestellt: Sie hatte sehr viele süße Getränke (Limonaden, Säfte) konsumiert und ist nun direkt auf Wasser umgestiegen. Die ersten 10 kg Gewicht sind nur durch die Veränderung der Trinkflüssigkeiten fast von allein gepurzelt.
In den Gesprächen berichtet sie auch immer wieder von persönlichen Veränderungen, die sie selber spürt und von Antriebslosigkeit und immer weniger Lebensfreude. Sie kann immer sehr gut schlafen, komme morgens eher schlecht aus dem Bett. Zudem erzählte sie, dass sie früher an einer larvierten Depression gelitten hatte.
Info: Larvierte Depression
Unter einer larvierten Depression versteht man eine depressive Episode, die mit körperlichen Beschwerden einhergeht bzw. sich hinter diesen verbirgt, z. B. Herzrasen, Atemnot, Verspannungen. Es handelt sich also um kein eigenständiges Krankheitsbild, sondern um eine Diagnose, die eigentlich nur im Rückblick gestellt werden kann.
In den Gesprächen begannen wir, die Nahrungsmittelauswahl und das Essverhalten zu thematisieren. Wir besprachen Frühstücksmöglichkeiten und -veränderungen, Essen am Esstisch sowie ein langsames bewusstes Essen und Kauen. Nichts von diesen Ideen oder anderen Möglichkeiten fruchtete oder konnte die Klientin umsetzen. Auch zwei verschiedene Achtsamkeitsübungen waren wenig erfolgreich.
Zu Beginn der Gespräche hatte Frau M. keinerlei sportliche Ambitionen, was auch lange Zeit so blieb. Sie hatte aus (noch) eigener Kraft eine Mitgliedschaft in einem Fitnessstudio abgeschlossen, war jedoch nur 2- oder 3-mal dort gewesen. Spaziergänge an der frischen Luft oder andere Aktivitäten erschienen ihr unmöglich.
In unseren Gesprächen ging es auch oft darum, dass Frau M. so wenig bis gar keine Dinge für sich tut: Sie hat so gut wie keine Hobbys und soziale Kontakte zu pflegen, fällt ihr schwer. Hinzu kommt das schlechte Essverhalten. In ihrer Arbeit pflegt die Klientin schwerstkranke Menschen, aber sich selbst zu „pflegen“ und schöne Dinge für sich zu tun, auch im Rahmen des Stressabbaus, ist für Frau M. eigentlich nicht möglich.
Frau M. steht auch in Kontakt mit ihrer Hausärztin. Es stellte sich dabei heraus, dass sie eine schwere depressive Episode (ohne psychotische Symptome) hat. Die Symptome waren depressive Verstimmung, Verminderung des Antriebs und Interessenverlust; diesen beschrieb Frau M. als besonders ausgeprägt. Andere häufige Symptome wie vermindertes Selbstwertgefühl, Schuldgefühle, negative Zukunftsperspektiven und Schlafstörungen komplettierten die Diagnose. Diese Symptome erklärten, warum sich Frau M. nicht um sich und ihr Essverhalten/Nahrungsmittelauswahl bemühen konnte. Von der Hausärztin bekam sie Citalopram 20 mg verordnet.
In der nächsten Sitzung sagte Frau M., sie möchte nun endlich durchstarten und ihre Ernährung umstellen. Sie erzählte, dass sie eigentlich Obst und Gemüse möge. Deshalb besprachen wir die Integration von mehr Obst und Gemüse in den Speisenplan/Arbeitsalltag und übten auch das Nein-Sagen (v. a. weniger für die Kollegen einspringen, denn diese haben Frau M. regelrecht ausgenutzt). Sie wollte versuchen, nicht mehr vor dem PC zu essen, und wir überlegten uns in 2–3 Gesprächsterminen weitere kleine Übungsaufgaben.
Leider verschlechterte sich der psychische Zustand der Klientin nochmals, der Antrieb war wieder gemindert, Grübelgedanken kamen hinzu und sie sah in ihrer Arbeit nun nur noch Sinnlosigkeit. Es war ihre Überlebensangst. In den Gesprächen sagte Frau M. viele Dinge mit einem Lachen im Gesicht – ein Hinweis darauf, dass sie sich selbst nicht ernst nimmt. Sie selbst sagte, dass sie sehr gut darin sei, anderen Menschen etwas vorzuspielen und über den Ernst der Lage hinweg zu täuschen.
Bei einem neuen Termin mit der Hausärztin wurden die Blutwerte besprochen. Dabei wurden eine Fettleber, erhöhte Harnsäurewerte und der Bluthochdruck thematisiert. Diese Blutwerte waren zu Beginn der Gespräche bei mir im Normbereich gewesen.
Es gab erneut einen kleinen Ruck in ihrem Leben und sie konnte wieder mehr Freude verspüren. Insgesamt ging es wieder bergauf mit ihrer Stimmung und dem Antrieb. In der nächsten Sitzung brachte sie spontan ihre Einkäufe mit: verschiedene Müslis, Porridge und Aufstriche. Wir schauten uns die Verpackungen an, besprachen und planten ihr „neues“ Frühstück. Zum nächsten Termin verabredeten wir uns im Supermarkt, um ein Einkaufstraining zu starten. Frau M. stellte viele Fragen und kaufte auch für sie neue Nahrungsmittel ein, die ihr zusagten und die sie probieren wollte.
Fazit
In der Ernährungstherapie mit Patienten mit Depressionen bzw. psychischen Thematiken ist immer abzuwarten, welche psychische Stabilität die Patienten mitbringen bzw. in welcher Phase der Erkrankung sie sich befinden.
Bei meinem Fallbeispiel wollte die Patientin in den ersten Sitzungen nur reden. Sie brauchte jemanden, der ihr zuhörte und sich ihrer annahm. Für die komplette Anamnese (inkl. Kindheitsgeschichte) haben wir 4–5 Sitzungen benötigt. Sobald ich gemerkt habe, dass sie die Übungsaufgaben für den Bereich Ernährung nicht umsetzen kann, sind wir sofort wieder zurückgerudert und haben uns andere Themen gesucht, die ihr in dem Moment guttaten. Wir hatten oft Themen, die weit weg vom Essen und der Gewichtsreduktion waren. Themen wie Nein-Sagen, Stellenwert des Gewichtes, Hobbys, soziale Kontakte pflegen, Stressabbau, Glückstagebuch, Angstabbau, Achtsamkeitsübungen, Abgrenzung oder Freizeitgestaltung. Ich habe sie auch motiviert, sich in eine psychosomatische Rehabilitation zu begeben.
Die Patientin habe ich einen ganz weiten Weg mit vielen Tiefen und auch ein paar Höhen begleiten dürfen. Dabei ging es oft weit über die Ernährungstherapie hinaus. Die Patientin hat stets betont, sich bei mir sehr wohlzufühlen. Die Gespräche gaben ihr trotz allem Kraft und Zuversicht. Frau M. wird noch einen weiten Weg vor sich haben. Es stellt sich immer die Frage, wie viel die Patientin für sich noch erreichen kann, um eine gute Lebensqualität jetzt und im Ruhestand erleben zu dürfen.
Autorin
Anja Nickel
Diätassistentin und Heilpraktikerin für Psychotherapie
Interessenkonflikt: Die Autorin erklärt, dass kein Interessenkonflikt besteht.



