Inhalt

Körper und Seele sind nicht dualistisch zu trennen, sondern bilden immer eine gemeinsam reagierende Einheit. Dieser Artikel bezieht sich besonders auf muskuläre bzw. myofasziale Zusammenhänge – die Muskulatur als Ganzes, inklusive Faszien, ist klinisch das „missing link“ zwischen Körper und Seele.
Der Großteil aller Beschwerden am Bewegungssystem ist primär muskulärer Genese. Sarno beschrieb, dass von diesen wiederum der allergrößte Teil seelische Hintergründe hat – und dass dann eine ausschließlich somatische Behandlung schadet [1]. Dazu passend gibt es im ICD 11 statt „somatoforme Störung“ die neue Diagnose „somatische Belastungsstörung“ (Bodily Distress Disorders). Statt entweder Soma oder Psyche sind auch organische Korrelate seelischer Belastungen möglich.
Obligat ist eine von 3 psychischen Auffälligkeiten:
- unangemessene und andauernde Krankheitsgedanken (Kreisen/Fixierung)
- Ängste in Bezug auf Symptome/Gesundheit
- exzessiver Aufwand an Zeit und Energie für Gesundheitssorgen
In jedem Fall soll hier von Anfang an somatische und psychische Diagnostik und Therapie simultan, ineinandergreifend erfolgen.
Psychosomatische Aspekte beeinflussen sich gegenseitig und zeigen sich meist ganzkörperlich. Insofern ist es nicht zielführend, sie isoliert einzelnen Gelenken oder viszeralen Organen zuordnen zu wollen. Eher noch kann eine Zuschreibung zu Regionen/Muskeln erfolgen, vor allem zu emotionalen Spannungsmustern und zu Funktionen wie dem Bewegen des Arms.
Allgemein sollten Patienten lernen, auf die Signale des Körpers zu hören (love letters from your body), statt dagegenzuagieren. Ein Zitat einer Patientin dazu: „Dem Schmerz ausweichen kostet uns das Bei-uns-Sein.“ Hierbei bezog sie sich bewusst sowohl auf den Körper als auch auf die Seele.
Auf einen Blick
Psychosomatische Zusammenhänge zeigen sich besonders häufig durch Symptome im Bewegungssystem. Anspannung – körperliche, seelische wie geistige – schlägt sich unter anderem in Verspannungen der Muskulatur nieder. Bei der Behandlung von Beschwerden im Schulter-Nacken-Bereich ist eine Klärung möglicher psychosomatischer Ursachen hilfreich. Diese lassen sich zum Beispiel durch achtsames Berühren oder Akupunktur aufdecken. Fallbeispiele demonstrieren, wie die Lösung psychischer Konflikte zugleich auch zu einer Lösung der Schulter-Nacken-Symptomatik führen kann.
Psychosomatische Einflüsse aufdecken
Wie können wir auch nonverbal, über Beobachten und Berühren des Körpers, Hinweise auf das Vorliegen relevanter psychosomatischer Einflüsse und einen therapeutischen Zugang bekommen?
Es kann hilfreich sein, somatisch sowie meist auch seelisch mehrere Zuordnungen zu beachten.
Zusammenhang oben – unten
Ohne einen stabilen und zugleich gelösten, also nicht angestrengten Stand bzw. Sitz ist es kaum möglich, dass der Schultergürtel entspannt auf dem Thorax ruht. Insofern ist es sinnvoll, den unteren Bereich des Körpers – Beine und Rumpf – mit zu untersuchen und ggf. zu behandeln. Häufig finden sich beim Stehen durchgestreckte Knie und eine Hyperlordose der Lendenwirbelsäule bei angespannter Rückenmuskulatur und/oder verkürztem M. iliopsoas. Dies spricht für eine unflexibel machende Unsicherheit, ein Aushalten in als schwierig empfundenen Situationen, bei dem die mühelose Beweglichkeit der Lenden-Becken-Hüftregion verloren gegangen ist [2].
Es wird beim Schulter-Nacken-Bereich inkl. Schultergürtel auch vom oberen Kreuz gesprochen, vor allem, wenn wir schwere Lasten schultern – was psychisch bei genauer systemischer Betrachtung meist gar nicht notwendig ist.
Beim unteren Kreuz geht es um unseren Stand, die Erdung, und die Fortbewegung, das Gehen. Die Bedeutung zeigt sich auch am Namen Os sacrum. Beim Schultergürtel und Arm geht es um das Handeln bzw. Einwirken in die Welt.
Hochgezogene Schultern korrelieren laut gynäkologischer Erfahrung mit einem verkrampften Beckenboden – eine weitere empirische Bestätigung für den engen Zusammenhang von oberem und unterem Kreuz.
Muskeltonus
Dieses Einwirken kann positiv im Sinne eines Beziehungsschaffens sein – dann ist die Muskulatur euton-gelöst, die Hand fühlt sich angenehm an. Oder der Muskeltonus ist gestört im Sinne eines Rückzugs (eher schlaffe Muskeln, hilflos) bzw. angespannt eine Grenze setzend mit Tendenz zu hohem Tonus (massiver Händedruck etc., Macht ausdrückend, oft zur Kompensation einer Unsicherheit). Hinter beidem können z.B. traumatische Erfahrungen stehen, kenntlich an einer deutlich reduzierten Kontaktaufnahme beim achtsamen Handgeben (siehe Fallbeispiel).
Allgemein sind Muskelverhärtungen oft Ausdruck eines inneren Schutzpanzers. Sie zeigen, dass sich jemand innerlich aus seiner Umwelt (partiell) zurückgezogen hat, dass seine Beziehungsfähigkeit reduziert ist. Dies wird besonders an der (muskulären) Reaktion auf achtsam-meinende Berührung deutlich.
Gesund ist eine kontaktende Hinwendung des Patienten zur berührenden Hand des Therapeuten. Ein Wegziehen zeigt einen z. B. durch Angst ausgelösten Rückzug an. Keine spürbare Antwort/Veränderung des Muskeltonus/der Atembewegung ist ein Hinweis auf eine mental dissoziative Reaktion, der Patient ist in Gedanken ganz woanders. Dann sind weder Gespräche noch körperliche Interventionen erfolgversprechend.
Unterscheidung nach Räumen
Mit den Armen wirken wir aktiv beeinflussend (Yang) oder einladend (Yin) auf unsere Umwelt ein – das ist ihre Funktion. Die zugehörigen Themen können wir anhand der betroffenen Umläufe der Akupunktur, die zu den 3 Raumorientierungen passen, differenzieren, wobei es häufig gewisse Überschneidungen gibt.
Nach hinten
Hierbei geht es positiv um Rückhalt, Schutz, Sicherheit und Geborgenheit [4], zeitlich um den Bezug zur Vergangenheit (Tai-Yang-Achse der Akupunktur, Dü-Bl). Wenn dies – wie sehr oft der Fall – gestört ist, geht es meist um Unsicherheit, Angst, Aus- und Durchhalten.
Diese Themen resultieren oft aus der frühen Kindheit, wenn wir kein Gefühl von RÜCK-Halt von den Eltern (Vergangenheit) hatten. Bei Schulter-Nacken-Beschwerden sagen wir, die Angst sitzt im Nacken. Wir schützen uns unbewusst durch Hochziehen der Schultern (Levator scapulae und Trapezius descendens). Es kann sich aber auch um ein Tragen von Lasten aus der Vergangenheit handeln. Oft gibt es eine Sorge, nicht zu genügen, nicht geliebt zu werden, mit daraus resultierender Bemühenstendenz. Lendenwirbelsäule und Unterbauch sind dann meist auch angespannt – ein klassisches Angstmuster mit hohem Atem und vermehrter Spannung auch der Mm. scaleni.
Wenn dieses System gut funktioniert, können wir unseren eigenen Raum bzw. unser eigenes Revier klar signalisieren/einnehmen, Grenzen setzen [3].
Zur Seite
Zur Seite nehmen wir mit unseren Armen/Händen Kontakt zu Partnerin und Partner, Freundinnen und Freunden auf – miteinander sich bewegen und ankuscheln. In der Akupunktur steht hierfür die Shao-Yang-Achse 3E-Gb und die Jue-Yin-Achse Pe-Le – Emotionalität. Hier dominiert bei Störungen meist der Ärger, wobei hinter Ärger auch öfter eine Angst steckt. Typisch für Störungen in diesem Bereich sind in Lokalisation und zeitlicher Intensität wechselnde Beschwerden.
Nach vorne
Dabei geht es um das, wo wir hinwollen, althochdeutsch „sinan“: Sinn, Neugier, was uns begeistert, um die Zukunft. Der zur Yang-Ming-Achse Di-Ma zugehörige Zeigefinger weist nach vorne oben. Fehlt diese Dynamik – wie bei Depressiven –, so sinkt der Patient auch durch eine dorsale Schwäche in sich zusammen, und die Mm. pectorales verkürzen. Dies ist in Rückenlage einfach daran zu erkennen, dass die Schultern nicht auf der Unterlage aufliegen.
Meist ist dann auch die Magenleitbahn bzw. der M. rectus abdominis deutlich verhärtet und verkürzt mit weitreichenden Auswirkungen wie Atemstörungen und Problemen und/bis hin zu Rückenschmerzen. Alois Brügger hat diese Zusammenhänge als sternosymphysale Belastungshaltung eindrücklich beschrieben [5].
Ein wunderbarer genereller Indikatorbereich für seelische Belastungen ist die Brustmitte um den Punkt KG 17 in der Mittellinie und in der Mitte des Corpus sterni, bei Männern auf der Verbindungslinie der Mamillen, bei Frauen im Bereich des Brustansatzes. Ist dieser Bereich sehr empfindlich, wie bei einer „Fibromyalgie“, ist die Wahrscheinlichkeit für Tränen während der Behandlung deutlich erhöht. Ich empfehle nach J. Gleditsch meinen Patienten, sich diesen Bereich morgens und abends selbst zu massieren. Dabei sollten sie sich fragen, ob jemand zu Hause ist – und sich vor allem selbst im Spiegel anlächeln.
Vom Körper zu den Gefühlen
Wie kann man vom Körper aus einen Zugang zu den wesentlichen Gefühlen bekommen? Es gibt verschiedene Möglichkeiten:
- durch Akupunktur inkl. Nadeln verhärteter Muskeln und Triggerpunkte, um dort gespeicherte Emotionen zu aktivieren
- durch verbales Aufgreifen dessen, was uns bei der Beobachtung und beim Berühren „anspringt“. Bei hochgezogenen Schultern passt oft „Es ist viel, was sie tragen“. Allein das „Darin-gesehen-Werden“ tut gut und öffnet.
- Bei erhöhter Spannung den Patienten auffordern, Bewegungen zum Entladen auszuführen – manchmal kommen diese sogar spontan. Dann fragen: Was will die Hand tun, erreichen; was braucht sie – Kontakt, Sicherheit, Abstand?
- durch achtsames Berühren, z. B. an der Schulter; den Patienten einladen, dort hinzuspüren („Transsensus“ der Psychotonik® nach Glaser [6]). Dies löst simultan seelisch sowie somatisch die Verhärtungen und stellt wieder mehr Beweglichkeit und Beziehungsfähigkeit her.
- dadurch, dass die Behandelnden ihre Patienten ganz aufmerksam, annehmend anschauen, einfach nur da sind
Als Therapeut ist es hilfreich, die Haltung des Patienten zu imitieren, um sich über den eigenen Körper in dessen Körpermuster/-sprache einzufühlen und ihn so besser zu verstehen.
Schon der bekannte Schulteroperateur Peter Habermeyer pflegte zu sagen, dass es häufig um zu tragende (seelische) Lasten gehe – und man sich gut überlegen solle, ob man da hineinstechen solle.
Spezielle Krankheitsbilder an der Schulter
Im Folgenden werden verschiedene Krankheitsbilder an der Schulter vorgestellt sowie mögliche psychosomatische Zusammenhänge erläutert:
Impingement
Diese Patienten sind durch ihre Prägungen öfter verhaftet in starren Bewegungs- und Denk- bzw. Herangehensmustern. Mein Raum, nichts ändern, es muss so wie früher gehen (dahinter steckt oft „Schwäche“ – bitte nicht abwertend sehen, eher Bedürftigkeit), alles mit Kraft und Willen, anstrengend machen, wenig Kontakt zu sich und ihrem Leib (= beseelter Körper). Die Kraft kommt nicht aus dem unteren Rumpf oder der Bauchblase (core stability), sondern aus der Schulter – was dort zu einer Überlastung führt. Auf den Seiten 52–57 in diesem Heft findet sich ein ausführlicher Artikel zum Impingement.
Öffnen mit Bedacht
Führen Sie Interventionen zur Aufdeckung psychosomatischer Hintergründe nur durch, wenn Sie genügend Zeit und Kompetenz, vor allem aber einen guten Kontakt zum Patienten haben – sonst kann dieses „Öffnen von Pandoras Büchse“ mehr retraumatisieren als helfen. Falls es eine eher überraschende emotionale Lösungsreaktion geben sollte, bleiben Sie ruhig, atmen Sie selbst tief und bauen Sie einen adäquaten verbalen und falls passend durch Berührung auch körperlichen Kontakt zum Patienten auf.
Fragen Sie dabei nach, ob dies guttut. Allein die Frage holt den Patienten ins Hier und Jetzt zurück, in einen sicheren Kontakt. Laden Sie ihn dazu ein, gemeinsam, langsam (keine Hyperventilation!) tief in den Unterbauch zu atmen. Das holt ihn heraus aus der Anspannung, dem erhöhten Sympathikotonus und dem (sich bewertenden) Denken. Es aktiviert den Parasympathikus.
Empfehlen Sie anschließend ggf. eine Traumatherapie wie EMDR oder Somatic Experiencing. Universitäten und Weiterbildungsinstitute haben oft hilfreiche Beratungsstellen.
Frozen Shoulder
Die Schultersteife (eingeschränkte Außenrotation > Abduktion) ist regelmäßig Ausdruck einer auch inneren Einengung in einer als ausweglos, ohnmächtig empfundenen aktuellen Situation, die oft etwas Früheres triggert, z. B. nach Missbrauch in der Familie mit von der Patientin im Körper zurückgehaltener Wut. Wenn diese Patienten sich überfordert fühlen, gibt es leicht Verschlechterungen. Deshalb ist es wichtig, hier sehr achtsam heranzugehen und den Patienten zu unterstützen, seine eigenen Fähigkeiten einzusetzen.
Wenn die durch aktuelle Beziehungsprobleme reaktivierte ursprüngliche Belastung geklärt ist, gibt es oft eine erfreuliche Besserung – unabhängig von physischen Interventionen. Systemische Therapie wie Familienaufstellungen zur Klärung familiärer „Verstrickungen“ ist hier oft sinnvoll.
Einzelne Muskeln
Levator scapulae
Zum Verlauf der Dü-Leitbahn gehörend passen die Erwägungen zum dorsalen System, zum Beispiel, sich zu schützen oder Unsicherheit.
Trapezius descendens
Hier gilt das zum dorsalen und zum lateralen Raum Geschriebene – Schutz und Ärger. Zudem findet sich bei den beiden Schulterhebern häufig eine Einstellung von Perfektionismus, sich bemühen, um Anerkennung zu bekommen, wie dies zum Beispiel viele Berufstätige tun.
Deltoideus
Er wird manchmal als Imponiermuskel bezeichnet: Es geht darum, gesehen werden zu wollen, sich durchzusetzen, stark zu wirken (Schulterpolster), zugleich Gefühle unter Kontrolle zu halten; Einstellung „ich muss“, was regelmäßig die Basis einer Depression darstellt [7]. Sein Anspannen mit Hochziehen des Armes fördert ein Impingement. Hier finden sich regelmäßig ausgeprägte Verhärtungen mit Triggerpunkten.
Pectoralis
Der Pectoralis major zieht (zusammen mit dem Serratus anterior) die Schultern nach vorne, oft im Sinne eines Sich-Schützens, Herz-Verschließens, auch: Sich-kleiner-Machens), bei Frauen auch: die Brüste verbergen. Der Pectoralis minor verkippt die Scapula mit konsekutiver Störung der Biomechanik. Beschwerden und Verspannungen im Pectoralis-Bereich korrelieren regelmäßig mit Trauer. Dies kann man beim Nadeln erfahren, besonders beim Dry Needling myofaszialer Triggerpunkte dort, wenn der Patient anfängt, schluchzend zu atmen, oder die Augen feucht werden und Tränen über die Wangen zu rollen beginnen.
Trapezius ascendens, Rhomboidei
Diese Muskeln ziehen die Scapulae nach hinten und unten, sie sind insofern Antagonisten zu den Mm. levator scapulae und trapezius descendens sowie pectoralis major und minor, bzw. sie stabilisieren gemeinsam mit diesen die Scapulae auf dem Thorax, um den Armen eine stabile Basis zu geben. Eine Überaktivierung kann korrelieren mit dem Versuch, sich mehr aufzurichten, auch passend zur Blasenleitbahn aus- und durchzuhalten unter als schwierig empfundenen äußeren Bedingungen. Bei dieser Störung ist die gegenhaltende, meist angespannte schräge Oberbauchmuskulatur mitzubehandeln, in der häufig Wut steckt, die vom M. rectus abdominis unter Kontrolle gehalten wird – der Magenleitbahn entsprechend.
Wenn die Scapulae wieder entspannt nach hinten geführt werden können, z. B. bei durch Triggerpunkt-Akupunktur und durch Dehnen entspannten Mm. pectorales, korrelierend mit einem Gefühl von sicherer Gelassenheit, steht auch das Glenoid bzw. die Scapula günstiger für alle Armbewegungen.
Zusammengefasst
Eine Behandlung von chronifizierten myofaszialen Triggerpunkten (mTrP) bei dauerhaft zu angespannten Patienten ohne Veränderung der hier beschriebenen Grundeinstellungen ist selten von dauerhaftem Erfolg gekrönt und insofern nur begleitend bzw. als Zugang zu den darunterliegenden Emotionen und Glaubenssätzen sinnvoll. Leider ist es oft schwer und erfordert körper- bzw. verhaltens-/psychotherapeutische Kompetenz, den Patienten dazu zu bringen, diese Verhaltensmuster zu verändern, um wirklich im Sinne eines multimodalen Therapieansatzes kausal und umfassend zu behandeln.
Bei einem guten Selbstwertgefühl, einem „In-sich-Ruhen“, ohne sich von äußeren Anforderungen unter Druck setzen zu lassen und mit sich und der Welt zufrieden sein, sind die Schultern kaum angespannt – und auch der restliche Körper entspannt und löst sich [8].
Fallbeispiele
Schulter-Impingement
Lehrerin im Ruhestand, 62 Jahre, zufrieden verheiratet, kräftige Figur, wirkt resolut. Sie kam wegen eines seit 9 Monaten bestehenden Impingement-Syndroms der linken Schulter (Rechtshänderin) mit laut Orthopäde im MRT sichtbaren Schleifspuren am Schulterdach. Sie gab Schmerzen bei Abduktion und Außenrotation sowie nachts beim Liegen auf der betroffenen Seite an mit Ausstrahlung in den Oberarm.
An weiteren Diagnosen hatte sie eine beidseitige Coxarthrose, Craniomandibuläre Dysfunktion mit deutlichen Abrasionsspuren der Zähne, Rhizarthrose rechts und Zustand nach Periarthropathia humeroscapularis rechts sowie Epikondylopathie rechts. Eine Stoßwellenbehandlung besserte die letzten beiden Beschwerden.
Untersuchung und Therapie
Bei der Untersuchung zeigte sich sein sogenannter schmerzhafter Bogen bei der Abduktion – das klassische Zeichen für ein Impingement-Syndrom.
Schon die Pressur am Akupunkturpunkt Ma 38 ipsilateral, im M. tibialis anterior 1 QF lateral der Tibiakante auf halber Strecke zwischen den Gelenkflächen, brachte eine Besserung des Schmerzes und des Bewegungsablaufes. Nach der gut 4 cm tiefen Nadelung dort und dann der intensiven Behandlung der Triggerpunkte der Mm. deltoideus und supraspinatus (dabei waren die Schmerzen reproduzierbar) wurde es noch besser.
Bei der Wiedervorstellung nach 2 Wochen gab die Patientin an, dass es anfangs sehr gut gewesen sei, die linke Schulter sei völlig locker und leicht gewesen. Die Besserung hielt 10 Tage an, dann war es fast wieder wie vor der Behandlung. Daraus war abzuleiten, dass keine wesentliche Struktur geschädigt war, Beschwerdefreiheit also möglich sein sollte.
Nachdem sich nach 2 weiteren ähnlichen Behandlungen jedoch keine anhaltende zufriedenstellende Besserung einstellte, führte ich als Diagnostik und Therapie „achtsames Handgeben“ durch.
Achtsames Handgeben
Eine einfache Untersuchung mit zugleich therapeutischem Effekt ist das achtsame Handgeben. Hierbei wird der Patient zum Handgeben eingeladen, welches über einen längeren Zeitraum beibehalten wird. Als Untersucher kann man wahrnehmen, ob
- inadäquat fest zugedrückt wird: unökonomisch, strukturüberlastend – pathologische Fülle (TCM); innerlich eher Kontrolle, Unsicherheit kaschierend oder als männlich erlernt oder ob
- die Hand schlaff, fast unbeteiligt und oft kühl übergeben wird: Leere (TCM); Rückzug, sich aus dem Arm herausziehend mit reduzierter Handlungsfähigkeit, oft sind kindliche Anteile aktiv.
In beiden Fällen fehlt der spürende Kontakt zwischen Patient bzw. Patientin und Untersuchendem. Als Untersuchender fühlt man sich wenig gemeint, bis hin zu dissoziativen Aspekten. So „fließt“ wenig Qi/Lebendigkeit.
Es ist immer wieder spannend, wie viel der Griff über die Einstellung des Patienten und seine Beziehungsfähigkeit aussagt. Wenn es gelingt, dass er zu unserer Hand oder besser dem ganzen BeHANDler hinüber spürt, ergibt sich regelhaft eine Normalisierung des vorher gestörten muskulären Tonus. Glaser nennt dies „Eutonie durch Transsensus“ [6]. Auch vegetative inkl. thermischer Dysregulationen bessern sich umgehend. Eine einfache, effiziente BeHANDlung.
Dabei war deutlich zu bemerken, dass die Patientin ihren Arm stark selbst hielt und nicht in meine Hand legen konnte (ausgeprägte Kontrolle) – es fühlte sich sehr angestrengt an. Nachdem sie mir bestätigte, dass es sich auch für sie sehr anstrengend anfühlte, forderte ich sie auf, mit geschlossenen Augen zu sagen: „Es ist so anstrengend“, dabei offen zu sein für alles, was auftaucht, und mir dies mit dann wieder offenen Augen mitzuteilen. Wir wiederholten dies 3–4-mal, wobei ihr u. a. bewusst wurde, dass sie immer das Gefühl habe, Haltung annehmen und schlimme Dinge nach außen unbewegt ertragen zu müssen – so sei sie etwas wert und geschützt vor Verletzungen.
Dann platzte es aus ihr regelrecht heraus: „Es ist so anstrengend, immer eine starke Frau sein zu müssen“, und sie weinte heftig. Nach ein paar Minuten bat sie mich, mich rechts hinter sie zu setzen, damit sie sich mal anlehnen könne. Ich tat dies, und angelehnt weiter unter Tränen erzählte sie mir, dass ihr erster Ehemann, der sie sehr schlecht behandelt hatte, psychotisch gewesen war und sich nach einem heftigen Streit umgebracht habe. Sie habe nie ihre Gefühle zulassen können. Nachdem sie dies alles erzählt hatte und sie deutlich gelöst, mehr in ihrer Mitte war, bat ich sie, mir erneut ihre Hand zu geben. Jetzt war sie wunderbar im Kontakt, mit euton-gelöster Armmuskulatur. Danach konnte sie die Schulter locker, frei und ohne irgendwelche Beschwerden bewegen.
Der Jobe-Test, der Stresstest für den M. supraspinatus, war jetzt ebenfalls negativ. Sie war sehr aufgewühlt und fühlte sich positiv lebendig – „von der Starre ins Leben“ war ihr Resümee. Auch Jahre danach, als sie wegen ihrer Hüftprobleme wiederkam, war die Schulter immer noch beschwerdefrei.
Psychobiomechanische Erklärung
Ein Impingement an der Schulter entsteht meist durch die angespannt-verkürzte schulterumgreifende Muskulatur; insbesondere der den Humeruskopf kranialisierende M. deltoideus ist hier zu nennen. Auch viele andere Muskeln waren bei dieser Patientin angespannt-verkürzt mit den o. a. Periarthropathien bzw. schon Gelenkbeschwerden. Durch die kathartische Reaktion mit Lösung der im Muskel „eingefrorenen“ Emotionen kam es zu einer anhaltenden Normalisierung der davor über 20 Jahre hypertonen Muskeln (langjährige Vorbelastung) mit der eindrücklichen klinischen Besserung.
Kasuistik Schulter-Nacken-Bereich
Patientin, ca. 40 Jahre, Rechtshänderin, chronische Beschwerden links im Schulter-Nacken-Bereich bei Schulterhochstand links durch verkürzt-verspannte Mm. trapezius descendens und levator scapulae links. Bei der Untersuchung war die Rotation der Halswirbelsäule links > rechts leicht eingeschränkt, es bestand freie Beweglichkeit bei passiv angehobener linker Schulter. Palpatorisch fanden sich massive Verhärtungsstränge der beiden linken Schulterheber, die auch mit ihren Beschwerden korrelierten.
Bei der Triggerpunktnadelung, konkret dem Dry Needling des M. trapezius descendens links, war es sehr schwierig, die Nadel (0,25 × 40 mm) in die Taut Bands zu bekommen. Ich konnte einige Local-Twitch-Responses (Zuckungen der verhärteten Muskelstränge) auslösen und dadurch den Muskel deutlich lockern, sodass er auch von außen sichtbar nachgab: Die bisher hochgezogene linke Schulter sank herunter, auf gleiche Höhe wie rechts.
Ich sagte der Patientin, dass nach meinem Gefühl da noch mehr drinstecke, wohl auch seelische Belastungen, und sie sich gerne wieder melden könne, falls sie es für sinnvoll halte.
Psychische Ursachen aufspüren
Rund 3 Wochen später kam sie wieder, da die Beschwerden nach knapp 2 Wochen Besserung inzwischen wieder wie früher waren. Als Test stellte ich mich schräg rechts und links hinter sie und bat sie zu spüren, ob es einen erlebbaren Unterschied gebe. Wir empfanden es beide(!) als deutlich unangenehmer, wenn ich schräg links hinter ihr stand. Nachdem ich dies der Position der Mutter zuordne, fragte ich sie nach ihrem Verhältnis zu ihrer Mutter. Sie atmete tief durch und erzählte mir dann, dass ihre Mutter während ihrer gesamten Kindheit und Jugend massiv alkoholabhängig gewesen war, inzwischen jedoch trocken sei. Zudem habe es immer Streit zwischen den Eltern gegeben.
Nach dem Termin holte sie, wie sie mir später erzählte, ihre Tagebücher heraus, was die alten seelischen Schmerzen aktivierte und sie erst einmal sehr erschütterte. Es brauchte einige Sitzungen mit psychotherapeutischen Interventionen und später erneut Dry Needling, bis sie sich auf einem deutlich besseren Niveau stabilisieren konnte. Ihre Beziehung zu ihren Eltern und auch zu ihren eigenen Kindern und ihrem Ehemann besserten sich, wie auch die Beschwerden durch die Mm. trapezius descendens und levator scapulae links.
Zusammenfassend interpretiere ich die Symptomatik als Ausdruck einer (nicht mehr realen) Angst um und auch Lasttragen für die Mutter. Letzteres wurde deutlich durch eine systemisch-therapeutische Intervention, bei der sie mit ihrer vorgestellten Mutter reden und ihr die falsch übernommene und massiv überlastende Verantwortung zurückgeben konnte. Dies brachte einen deutlichen Schritt vorwärts in der Therapie.
Ein Hinweis: Traumata und familiäre Be-/Überlastungen spielen nach meiner Erfahrung häufig eine wichtige Rolle bei chronischen Schmerzen.
Nachwort
Der vorliegende Artikel gibt Hinweise auf ein sinnvolles somatopsychisches Vorgehen. Diese sind aber nicht immer einfach technisch umsetzbar. Ein gut bestückter „Werkzeugkasten“ gibt zwar Sicherheit durch Behandlungsoptionen, er sollte aber nicht unser Vorgehen bestimmen. Wenn die Medizin wieder den Vorsatz „Human“ verdienen soll – und zwar für Patienten wie für Ärzte –, ist Beziehung(sfähigkeit), die Zeit braucht, mindestens so wichtig wie fachliches Wissen und technische Fertigkeiten. Leider wird meist nur Letzteres unterrichtet. Basis jeder guten Therapie ist aber ein beiderseits stimmiger Patienten-Arzt-Kontakt. Voraussetzung hierfür ist ein einfühlsamer, wertschätzender Umgang mit unseren Patienten – und uns selbst! Der Patient sollte sich gesehen, verstanden fühlen.
Je authentischer, menschlicher und herzlicher wir uns zeigen, desto eher wird dies geschehen. Dafür ist es sinnvoll, immer wieder einmal den Werkzeugkasten, die therapeutische Brille beiseitezulegen, in die Ruhe zu kommen, chinesisch WuWei – absichtslos präsent – im Bezug zu sein. Dann erst wird ein Ebenenwechsel möglich, es konstituiert sich eine Atmosphäre, in der der Patient sich anders wahrnehmen, spüren und auch zeigen kann, wo Wesentliches geschieht.
Dies zu ermöglichen, zu induzieren, lernen wir am besten durch Vorbilder und eigene Erfahrungen, Krisen und „Herzensbildung“ – die Entwicklung unserer eigenen Persönlichkeit. Schriftlich ist dies, wie auch der individuell passende Umgang mit unseren Patienten, leider kaum zu vermitteln.
Autor
Dr. med. Nicolas Behrens
ist Facharzt für Physikalische und Rehabilitative Medizin mit den Zusatzbezeichnungen Naturheilverfahren und Akupunktur. Ausbildungen in systemischer körperorientierter Psychotherapie, systemischer Familientherapie sowie Atem- und Körpertherapie Psychotonik Glaser®. Behrens ist seit 1988 Dozent der DÄGfA und übt seit 1994 eine Referententätigkeit u. a. an der LMU München und beim Kneippärztebund aus. Seit 1998 ist er niedergelassen in eigener Privatpraxis mit den Schwerpunkten Akupunktur, Schmerztherapie, Psychosomatik in München.
Interessenkonflikt: Der Autor erklärt, dass kein Interessenkonflikt besteht.
- Sarno J. Befreit von Rückenschmerzen – Die Körper-Seele-Verbindung realisieren. 12. Aufl. München: Goldmann; 2006
- Behrens N. Psychophysiologie der Körperhaltung. ZKM 2021; 04: 12-18
- Glaser V. Kei raku: Das Menschenbild der westlichen Welt im Meridiansystem der östlichen Welt. München: Kiener; 2020
- Behrens N. Körperorientierter Therapieansatz bei Rückenschmerzen. ZKM 2009; 02: 42-47
- Koch-Remmele C, Kreutzer R.. Funktionskrankheiten des Bewegungssystems nach Brügger Diagnostik, Therapie, Eigentherapie. Heidelberg: Springer; 2007
- Glaser V. Eutonie. Das Verhaltensmuster menschlichen Wohlbefindens. 4. Aufl. Heidelberg: Haug; 1993
- Josef Giger-Bütler Sie haben es doch gut gemeint – Depression und Familie. Weinheim: Beltz-Verlag; 2003
- Irnich D. Hrsg Leitfaden Triggerpunkte. München: Urban & Fischer; 2009
- Maslow A.. Law of Instrument. Im Internet. dewiki.de/Lexikon/Law_of_the_Instrument Stand: 05.10.2022



