MedizinsystemeWas ist Anthroposophische Medizin?

Die Anthroposophische Medizin nutzt alle Mittel der konventionellen Medizin und Naturheilkunde und ordnet Diagnosen und Befunde in ein eigenes komplexes Menschenbild ein.

Kamillenblüten, Braunfläschchen mit ätherischem Öl
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Von Anthroposophie – der von Rudolf Steiner (1861–1925) begründeten Geisteswissenschaft – haben Sie wahrscheinlich schon einmal gehört. Was aber ist die Anthroposophische Medizin? Sie hat ihre Wurzeln in dem ganzheitlichen und spirituellen Menschen- und Naturverständnis, das der Anthroposophie zugrunde liegt, und integriert Ansätze aus der Naturwissenschaft, Philosophie und Spiritualität.

Kosmos und Mensch - umfassend und vielschichtig

Alles hat eine geistige Existenz und alles ist mit allem verbunden – das könnte man stark vereinfacht über das anthroposophische Weltbild sagen. Der gesamte Kosmos, unsere Sonne, die Erde und weitere Planeten unseres Sonnensystems, die Naturreiche (nach anthroposophischer Lehre Mineral-, Pflanzen-, Tier- und Menschenreich) und mittendrin der individuelle Mensch – sie alle stehen unterschiedlich ausgeprägt in Beziehung zueinander. Daraus entstehen Analogien zwischen zum Beispiel Planeten, Organen, Pflanzen und Mineralien, die unter anderem für die anthroposophische Arzneimittellehre sehr wichtig sind (siehe Abschnitt „Anthroposophische Arzneimittel“). Das alles ist übrigens keine Erfindung der Anthroposophie, sondern Teil traditionell-abendländischen Denkens.

Zwei für das anthroposophische Menschenbild sehr wichtige Begriffe sind „Viergliedrigkeit“ und „Dreigliederung“. „Viergliedrigkeit“ beschreibt unter anderem, in welcher Beziehung der Mensch zur Natur steht. Nach Rudolf Steiners Verständnis hat sich der Mensch über Jahrmillionen über die verschiedenen Naturreiche entwickelt. Demnach finden sich die Prinzipien der Naturreiche auch in ihm wieder.

Unterschieden werden die 4 Seinsebenen: Physische Organisation, Lebensorganisation, Empfindungs- und Seelenorganisation sowie Ich-Organisation. Die Physische Organisation zum Beispiel beschreibt den physischen Körper, findet sich aber auch als Prinzip im Mineralreich wieder. Dieses Beispiel verdeutlicht, wie der Mensch über seine Seinsebenen in die Naturreiche eingebunden ist. „Dreigliederung“ bedeutet, dass 3 Systeme im physischen Körper zusammenwirken: Sinnes-Nerven-System, Bewegungs-StoffwechselSystem und Rhythmisches System.

Übergeordnete Zeitzyklen

Der Mensch wird in der Anthroposophie verstanden als ein entwicklungsorientiertes Wesen mit einem geistigen Wesenskern, der sich im Irdischen verwirklichen möchte. Die Entwicklung des Menschen vollzieht sich demnach in übergeordneten Zeitzyklen. Besonders wichtig sind hier 7-Jahres-Zyklen, die sogenannten Jahrsiebte. Jedes Jahrsiebt ist verbunden mit physischen Prozessen (zum Beispiel Zahnwechsel um das 7. oder die Geschlechtsreife um das 14. Lebensjahr herum), aber auch psychisch-seelischen Entwicklungsaufgaben und Lebensthemen. Als Teildisziplin betrachtet die anthroposophische Biografiearbeit, wie sich jeder Mensch innerhalb dieser Zeitzyklen individuell entwickelt.

Anamnese und Diagnostik

An erster Stelle in der anthroposophischen Diagnostik steht die Anamnese, also die systematische Patientenbefragung. Krankheit wird in diesem Zusammenhang nicht nur als Herausforderung, sondern auch als mögliche Gelegenheit für Entwicklung und Selbstausdruck gesehen. Darüber hinaus nutzt die Anthroposophische Medizin alle der konventionellen Medizin und Naturheilkunde zur Verfügung stehenden diagnostischen Mittel und ordnet die Befunde und Diagnosen in das eigene komplexe Menschenbild ein.

Die Arzneimittelratio

Substanzen für anthroposophische Arzneimittel werden nach einem Prinzip ausgesucht, das man Ratio nennt. Eine wichtige Rolle spielen hier neben der Viergliedrigkeit und der Dreigliederung Analogien zwischen Kosmos, Natur und Mensch. Beispiel: Die strahlende und ausdehnende Kraft der Sonne spiegelt sich gemäß der Anthroposophie im Element Gold wider. Gold ist ein sehr schweres Metall, es hat also eine hohe Dichte. Zugleich ist es sehr elastisch (1 g Gold lässt sich zu einem Faden mit 2 km Länge ausziehen). Daher passt es gut zum Herz-KreislaufSystem: Das Herz als Zentrum (analog zur hohen Dichte des Goldes) verteilt das Blut bis in die feinsten Blutgefäße (analog zur Elastizität des Goldes und zur ausdehnenden Leuchtkraft der Sonne). Daher findet sich Gold in niedriger Konzentration (also unterhalb möglicher toxischer Konzentrationen) in anthroposophischen Arzneimitteln für das Herz. Mit der strahlenden Kraft der Sommersonne ist als Pflanze zum Beispiel das kraftvoll gelb blühende Echte Johanniskraut (Hypericum perforatum) verbunden. Entsprechend zeigt es seine bekanntermaßen „aufhellende“ Wirkung auf die Stimmung.