
Bauchschmerzen gelten wegen ihrer diffusen, schwer lokalisierbaren und häufig bedrohlich erlebten Natur als besonders anfällig für ungünstige Erwartungseffekte. Eine Studie der Uni Duisburg-Essen hat untersucht, wie Behandlungserwartungen die Bauchschmerzen und den Therapieerfolg beeinflussen.
Studie: Erwartungen, Erfahrungen und Schmerzwahrnehmung
Immer wieder schmerzt der Bauch, der Darm, die Eingeweide – aber die Ursache ist unklar und verschiedene Behandlungen greifen nicht. Viele Betroffene mit chronischen viszeralen Schmerzen haben einige negative Diagnose- und Therapieerfahrungen im medizinischen Bereich erlebt. Patient*innen sind oft frustriert – auch von der Kommunikation mit Ärzt*innen.
Enttäuschung setzt sich oft als negative Erwartung fest, die Nocebo-Effekte begünstigt. Zum Beispiel bei chronischen, schmerzhaften, therapieresistenten Beschwerden wie viszeralen Schmerzen oder dem Reizdarmsyndrom.
Die Psychologin Prof. Sigrid Elsenbuch und ihr Team untersuchten dazu in einer experimentellen Studie bei 101 gesunden Proband*innen. Im Fokus standen negative Erwartungen, deren Einfluss auf die Schmerzwahrnehmung sowie die Auswirkungen von Vorerfahrungen mit Schmerzen. Konkret schauten sie sich an:
- ob viszerale Schmerzen oder somatische Schmerzen anfälliger machen für Nocebo-Effekte,
- ob negative Behandlungserfahrungen bei somatischen Schmerzen dazu beitragen, die Nocebo-Effekte bei viszeralen Schmerzen zu fördern.
Sie verglichen, wie Schmerzen aus dem Inneren (viszerale Schmerzen) und dem Äußeren (Hitzeschmerz auf der Haut des Unterbauchs) des Körpers wahrgenommen werden, und ob sie sich gegenseitig beeinflussen.
Ausgeprägtere Nocebo-Effekte bei Schmerzen im Körperinneren
Die Wissenschaftler*innen stellten fest:
- Bei viszeralen Schmerzen aus dem Körperinneren waren Nocebo-Effekte deutlich ausgeprägter.
- Die Effekte konnten durch (negative) Kommunikation, aber auch durch Schmerzerfahrungen auf der Körperoberfläche verstärkt werden.
Diese Befunde bei Gesunden haben für Betroffene mit chronischen Schmerzen weitreichende Implikationen, da sie häufig weitere Beschwerden aus unterschiedlichen Körperbereichen haben. „So ist es zum Beispiel denkbar, dass eine andere Schmerzerkrankung wie erlebte Rückenschmerzen, das Schmerzsystem hochreguliert, so dass dann Bauchschmerzen stärker wahrgenommen werden, auch wenn der Rückenschmerz längst vergangen ist“, erklärt Elsenbruch.
Erfahrungen bei anderen somatischen Schmerzen übertragen sich somit auf den viszeralen Schmerz. Dr. Jana Aulenkamp rät: „Behandle ich Patient*innen mit viszeralen Schmerzen, sollte ich mir bewusst sein, dass es Teil der individuellen Schmerzwahrnehmung ist, dass sie stark durch Kognition, Emotion und Erwartung beeinflussbar sind, insbesondere dann, wenn Betroffene unter verschiedenen Schmerzarten leiden."
Die Darm-Gehirn-Achse
Lange Zeit galten wiederkehrende Unterbauchschmerzen ohne nachweisliche Ursachen als typisch psychosomatische Beschwerden, die primär mit Stress zusammenhängen. Der Zusammenhang von Psyche und Darm ist aber sehr viel komplexer und wird nicht allein durch Stress verändert.
Entlang der Darm-Gehirn-Achse verläuft eine Kommunikation in beide Richtungen. Die Informationen werden als neuronale Signale des zentralen Nervensystems über den Vagusnerv weitergeleitet, aber auch mithilfe von Darmmikroben, Hormonen und Botenstoffen. Reizdarmpatient*innen zeigen zum Beispiel eine erhöhte Aufmerksamkeit für viszerale Reize und eine gesteigerte Schmerzempfindlichkeit. Verantwortlich sind die Störungen der Kommunikationswege entlang der Darm-Gehirn-Achse. Am Schmerzerleben und dessen Verarbeitung sind viele kognitive und emotionale Faktoren beteiligt. Stress und Angstgefühle können Nocebo-Effekte verstärken und die Funktionen der Gehirn-Darm-Achse beeinträchtigen.
Fazit: Gelungene Kommunikation bei viszeralen Schmerzen
Wenn schon bei Gesunden die negative Erwartung bei viszeralem Schmerz viel relevanter ist als bei somatischen Schmerzen, sollte dies in der Klinik unbedingt stärker berücksichtigt werden, so das Fazit der Autor*innen.
Eine gute Arzt-Patienten-Kommunikation kann eine gute Basis darstellen, um langfristig die Störung der Gehirn-Darm-Achse zu minimieren und die spürbaren Symptome des viszeralen Schmerzes direkt zu reduzieren. „Durch empathische und aufmerksame Zuwendung in der Kommunikation mit Therapeut*innen sowie die Betonung positiver Therapieergebnisse, kann zumindest teilweise die Schmerzwahrnehmung überschrieben werden“, erklärt Elsenbruch.
In der Gastroenterologie, Gynäkologie, Bauchchirurgie und Herzchirurgie sollten Behandler*innen gut kommunikativ geschult sein. „Man sollte in der Klinik wissen, dass Worte auf Patient*innen mit viszeralen Schmerzen viel stärker wirken als bei einem verletzten Fuß“, so Aulenkamp.
Quelle: Universitätsklinikum Essen


