OsteoporoseVitamin K2 – oft vergessenes Knochenvitamin

Warum Vitamin K2 wichtig für den Knochenstoffwechsel ist und welche Bedeutung Prävention haben sollte: Dr. Helena Orfanos-Boeckel hat die Antworten.

Illustration: Eine Wirbelsäule mit gesunden Wirbeln, dazwischen ein Wirbel, der zerfällt.
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Ein gesunder Knochen braucht die richtigen Nährstoffe: Dazu gehört auch Vitamin K2.

Welche Nährstoffe und Hormone sind generell wichtig für den Schutz des Knochens?

Dr. Helena Orfanos-Boeckel: In erster Linie das Steroidhormon Vitamin D. Es arbeitet zusammen mit den Co-Faktoren Magnesium, Kalzium, Bor und Vitamin K2. Ein gesunder Knochen braucht aber noch viele weitere Nährstoffe. Dazu gehören Vitamin A, Vitamin C, Vitamin B12, Omega-3-Fette und vor allen Dingen die Hormone Estradiol und Progesteron.

Viele denken beim Knochenschutz an Vitamin D, vielleicht noch Kalzium. Warum ist auch Vitamin K2 so wichtig?

Vitamin K2 reguliert den Kalziumstoffwechsel. Es entscheidet darüber, in welchen Bereichen des Körpers das Kalzium nach der Aufnahme eingebaut wird. Der gesunde Speicherort dafür ist der Knochen. Vitamin K2 carboxyliert und aktiviert das Protein Osteocalcin. Damit trägt K2 entscheidend zur Knochendichte bei.

Darüber hinaus aktiviert K2 weitere Proteine, die eine Gefäßverkalkung verhindern und das Dentin der Zähne schützen. Ist zu wenig K2 verfügbar, fehlt die Kalzifikation in den Knochen und Kalzium kann sich in den Blutgefäßen ablagern. Das bedeutet, bei K2-Mangel können sich Osteoporose und Arteriosklerose leichter manifestieren.

Sollte man vor einer K2-Substitution eine Laborbestimmung durchführen?

Zunächst: K2 ist ein "Gesundmach-Nährstoff" mit einer hohen therapeutischen Breite. Das bedeutet, dass wir zum einen auch einen schweren K2-Mangel nicht akut krankhaft merken und zum anderen, dass wir bei einer niedrig dosierten K2-Therapie keinen Schaden haben, selbst wenn wir eine gute Versorgung mit K2 haben. Es ist einfach gesund, satt mit K2 versorgt zu sein und vielen von uns fehlt es. Deswegen kann man auch ohne vorherige Labordiagnostik eine niedrig dosierte K2-Therapie von täglich 200 Mikrogramm einnehmen, vor allem begleitend zu einer Vitamin-D-Therapie. Das ist wahrscheinlich sinnvoll und sicher ungefährlich. 

Wie sieht die Labordiagnostik für das Vitamin K2 aus?

Da die Halbwertszeit von K2 im Blut sehr kurz ist, kann selbst bei einer guten Versorgung der K2-Spiegel im Blut sehr niedrig sein. Deswegen ist die Bestimmung von K2 im Blut nicht sinnvoll, weil man hier auch bei niedrigen Spiegeln den K2-Mangel nicht ablesen kann. Man braucht also eine andere Messmethode, um den K2-Mangel oder den K2-Bedarf sichtbar zu machen. Hier bedient man sich eines Tricks. Man misst im Blut das sogenannte untercarboxylierte Osteocalcin (ucOC). Das ist ein Krankwert, der steigt, wenn Vitamin K2 fehlt,  weil sich dann das, was K2 carboxylieren würde, ungesund ansammelt. Wenn das ucOC niedrig in der Referenz liegt, ist ein K2-Mangel ausgeschlossen. Fehlt K2, liegt der ucOC-Wert deutlich über der oberen Referenz. Anhand dieses Markers lässt sich in der Nährstofftherapie zur Prävention von Osteoporose und Arteriosklerose die K2-Dosis sehr gut austitrieren.

Was empfehlen Sie für die Substitution von Vitamin K2?

Da die meisten Menschen etwas bis viel Vitamin K2 brauchen, kann man auch ohne Labordiagnostik beginnen parallel zum Vitamin D niedrige Dosen von K2, wie beispielsweise 100- 200 Mikrogramm täglich, einzunehmen. Möchte man aber im Stoffwechsel von Knochen und Gefäßen eine sichere therapeutische gesundmachende oder - erhaltende Wirkung erzielen, muss man wissen, welche genaue K2-Dosis  individuell gebraucht wird. Das erfährt man nur, indem man regelmäßig unter Therapie das ucOC misst. Das gilt generell für die Therapie mit Nährstoffen. Wenn man eine genaue und sichere therapeutische Wirkung erzielen will, muss man messen, was man im Stoffwechsel mit der Therapie bewirkt. Das gilt für die Innere Medizin, aber auch für die Nährstoff- und Hormonmedizin.

In der Praxis sehe ich selten eine ausreichende K2-Versorgung. Viel häufiger sehe ich einen sehr großen Bedarf, besonders bei Frauen mit bereits bestehender manifester Osteoporose. In diesen Fällen braucht es häufig auch längerfristig Dosierungen von 1000 bis 2000 Mikrogramm am Tag, um das ucOC im Sinne von Knochen- und Gefäßschutz optimal niedrig zu halten. 

Gibt es auch Gegenanzeigen für eine Vitamin-K2-Einnahme?

Grundsätzlich nicht, aber es gibt aber noch weitere K-Vitamine. Vor allem ist in der Bevölkerung das Vitamin K1 bekannt, da es ältere Medikamente wie das Marcumar gibt, die als Vitamin-K1-Antagonisten in der Medizin als Blutverdünner verwendet werden. K1 reguliert die gesunde Gerinnung, K2 tut das aber nicht. Da aber im Darm durch die Bakterien des Mikrobioms das K2 zu einem gewissen Anteil in K1 verstoffwechselt werden kann, sollten Menschen, die unter Marcumar-Therapie stehen, kein K2 einnehmen, weil das daraus im Darm entstehende K1 ggf. die medizinisch notwendige Blutverdünnung etwas aufheben kann. Diese Medikamente werden zwar immer seltener verschrieben, aber manche Patient*innen nehmen sie noch ein und sollten nicht einfach so höhere Dosierungen von K2 einnehmen.

Bei Patient*innen, die mit den neueren Vitamin K1-unabhängigen Medikamenten zur Blutverdünnung eingestellt sind, bestehen diese Zusammenhänge nicht, sie können K2 nutzen. Auch Menschen mit Zustand nach Thrombose oder Lungenembolie können bei einem erhöhten ucOC die K2-Therapie nutzen.

Dr. med. Helena Orfanos-Boeckel ist ganzheitlich praktizierende Ärztin für Innere Medizin und Expertin auf dem Gebiet der Nährstoffe und körpereigenen Hormone. Sie absolvierte ihre Facharztausbildung zur Internistin mit Schwerpunkt Nephrologie an der Freien Universität Berlin, heute Charité Berlin. Seit 2002 arbeitet sie in ihrer eigenen Praxis für ganzheitliche Innere Medizin, Stoffwechsel- und Präventivmedizin in Berlin-Charlottenburg. Hier verbindet sie die klassische internistische Medizin mit den neuen Erkenntnissen der funktionellen Medizin. Helena Orfanos-Boeckel ist Pionierin einer neuen Medizin – der Nährstoff- und Hormonmedizin. Bei dieser werden Nährstoffe und körpereigene Hormone anhand einer umfassenden, individuellen Labordiagnostik kurativ und vor allem präventiv eingesetzt, um Folgen von altersbedingten Erkrankungen zu vermeiden.

Welche Maßnahmen empfehlen sie noch, um die Knochen möglichst lange gesund zu halten?

Ganz wichtig ist Prävention. Und zwar schon sehr früh. Junge Menschen müssen den Knochen erst einmal richtig aufbauen. Dafür sind eine gesunde proteinreiche Ernährung und Sport essenziell. Ständige Diäten sind kontraproduktiv. Beim Sport muss man etwas machen, was mit der Schwerkraft zu tun hat: hüpfen, drücken, heben, stampfen, trommeln, Sportarten, bei denen man die Muskeln intensiv gegen die Schwerkraft nutzt. Der Zug des Muskels am Knochen fördert im Knochen die Kalziumverdichtung. Zur Prävention gehört auch, nicht zu rauchen und nicht über viele Jahre eine starke antiandrogene Pille einzunehmen. Ohne Androgene haben es Muskeln schwer sich aufzubauen.

Ganz wichtig für Frauen in der Lebensmitte ist es, sich Gedanken zur Hormonersatztherapie (HRT) zu machen. Sie ist in meinen Augen ein ganz wichtiger Faktor, um dem "natürlichen" peri- und postmenopausalen Knochenabbau entgegenzuwirken. Die Gabe von Östrogen verhindert stark den Abbau und Progesteron fördert etwas den Aufbau des Knochens. Ohne HRT verliert die Frau in den 10 Jahren nach der letzten Regel 30 % ihrer Knochendichte. Sie muss sich vor der letzten Regel überlegen, ob sie sich das leisten kann, die HRT nicht zu nutzen. Dafür wäre gut, wenn sie Ende 40 eine Knochendichtemessung machen lässt. Wenn sich da schon eine Osteopenie zeigt, was in meiner Praxis viel öfter vorkommt, als ich jemals dachte, muss sie die HRT nutzen, wenn sie mit 70 bis 80 Jahren noch genug Knochendichte haben möchte.

Wichtig ist, spätestens dann die Ernährung gesund und proteinreich zu gestalten, mit Kraftsport und Nährstofftherapie, vor allem Vitamin D & Cofaktoren, inklusive Vitamin K2, zu beginnen. Die Frau darf sich nicht allein auf das Gewicht auf der Waage fokussieren. Leicht sein darf nicht das Ziel sein, denn Knochen und Muskeln sind schwer. Sie muss Muskeln haben, um einen dichten Knochen zu bekommen oder zu behalten. Meine Erfahrung hat mir gezeigt, dass es so mit HRT, trotz Alterung möglich ist, eine schlechte  Knochendichtemessung im Verlauf zu verbessern.

Diese Maßnahmen stehen selten im Fokus.

In der Inneren Medizin wird meist über das Kurative und das Notwendige gesprochen – nämlich, wie man die akuten gefährlichen und dann für die Patient*innen auch spürbaren Folgen, von altersbedingten Stoffwechselerkrankungen, effektiv und schnell behandelt.  Die Idee der Inneren Prävention aber ist, dass man, das, was im Rahmen der Alterung krank macht (Knochendichteverlust und arterielle Gefäßverkalkung) schon bei ihrer Entstehung zu stoppen, so dass die daraus entstehenden Spätfolgen wie Knochenfraktur, Herzinfarkt, Dialyse und Demenz gar nicht erst entstehen können. Wichtig ist noch möglichst knochen- und gefäßgesund die innere Stoffwechselgesundheit zu erhalten, obwohl man älter wird. Dafür reicht in meiner Erfahrung vor allem bei Frauen, die statistisch über 80 Jahre alt werden, eine gesunde Lebensweise allein nicht aus.

Die präventiven Maßnahmen kann man schon anwenden, wenn man noch jung und gesund ist. Ergänzend zu einem gesunden Verhalten, kann eine gut eingestellte Nährstofftherapie mit zum Beispiel Vitamin D und K2 helfen und unterstützen, dass der Knochen gesund bleibt.

Das Gespräch führt Anke Niklas.