LügenOb Kinder lügen, hängt stark vom sozialen Umfeld ab

Erziehung und Elternhaus bestimmen wesentlich, wie oft Kinder lügen. Dieses Verhalten ist veränderbar, zeigt eine Studie.

Vater und Kind mit Kopfhörern
K. Oborny/Thieme - Posed by Models
Ein verständnisvoller Erziehungsstil, ein liebevolles Umfeld und Vertrauen stehen in Verbindung mit Ehrlichkeit.

Jeder Mensch lügt. Das ist bei Kindern nicht anders. Welchen Einfluss Elternhaus und Erziehung ausüben, hat ein internationales Team von Wirtschaftswissenschaftlern untersucht.

Die zentralen Ergebnisse

  • Kinder aus Haushalten mit hohem sozioökonomischem Status sind ehrlicher, verglichen mit Kindern, die unter eher prekären Bedingungen aufwachsen.
  • Auch ein verständnisvoller Erziehungsstil und ein hohes Maß an Vertrauen stehen in Verbindung mit Ehrlichkeit.
  • In Stein gemeißelt ist die Lust zum Lügen jedoch nicht. Die Teilnahme an einem speziellen Mentoring-Programm zieht ein höheres Maß an Ehrlichkeit nach sich – und das auch noch viele Jahre nach Ende des Programms.

Würfelexperiment bringt Wahrheit ans Licht

Im Fokus der Studie standen die Fragen, welche Faktoren die Präferenzen für Ehrlichkeit bei Jugendlichen bestimmen und ob sie veränderbar sind.

Mit einem einfachen Würfelexperiment überprüften die Wissenschaftler*innen die Ehrlichkeit: Die Kinder sollten würfeln und vor ihrem Wurf die gewürfelte Zahl vorhersagen. Stimmten Vorhersage und Ergebnis überein, erhielten sie einen kleinen Geldbetrag. Die Kinder waren beim Würfeln unbeobachtet, niemand konnte überprüfen, ob ihre Vorhersage stimmte oder nicht. 

Der Rest ist Statistik. Johannes Abeler ordnet die Ergebnisse ein: „Wenn alle die Wahrheit sagen, müssten der Wahrscheinlichkeit nach ein Sechstel der Teilnehmer, also etwa 16,7 Prozent, eine zutreffende Vorhersage angeben.“ Tatsächlich behaupteten mehr als 60 Prozent, dass Vorhersage und Würfelergebnis übereinstimmen würden. Das bedeute, dass ein großer Teil der Kinder gelogen haben muss.

Unterschiede im Ausmaß der „Lügenbereitschaft“ wurden sichtbar, als die Wissenschaftler den sozialen Hintergrund der Kinder betrachteten. „Unsere Auswertungen zeigen deutlich, dass Kinder aus reicheren Haushalten ehrlicher sind. Darüber hinaus finden wir ein höheres Maß an Ehrlichkeit bei Kindern, die einen wärmeren Erziehungsstil und ein höheres Maß an Vertrauen in ihrem familiären Umfeld erfahren“, so Abeler.

Für die Untersuchung konnten die Wissenschaftler auf die Daten von Haushalten aus Köln und Bonn zurückgreifen. 2011 hatten sie Familien mit Kindern zur Teilnahme an einer Studie eingeladen. Mehr als 700 Familien hatten daraufhin Ende 2011 an einer ersten Befragungswelle teilgenommen und Auskunft gegeben über ihr Einkommen, ihren Bildungsstand und ob beide Elternteile im selben Haushalt lebten. Begleitend wurden Erziehungsstil und das Verhalten von Kindern und Eltern erfasst

Mentoring-Programm: Balu und Du

Anschließend wurde zu dem Mentoring-Programm eingeladen. 212 nach dem Zufallsprinzip ausgewählte Kinder aus Haushalten mit geringem Einkommen, in denen kein Elternteil über einen Schulabschluss verfügte, der zum Hochschulstudium berechtigt, oder in denen ein Elternteil alleinerziehend war nahmen teil. 378 Kinder, die unter vergleichbaren Bedingungen aufwuchsen, nahmen nicht an dem Programm teil und bildeten die Kontrollgruppe.

„Im Rahmen des Mentoring-Programms „Balu und Du“ verbringen ehrenamtliche Mentoren über den Zeitraum von etwa einem Jahr hinweg einen Nachmittag pro Woche mit den Kindern und unternehmen gemeinsam sozialen Aktivitäten wie Kochen, Fußballspielen oder Basteln“, erklärt Armin Falk das Angebot für die 212 Kinder.

Das Programm ziele darauf ab, den Horizont eines Kindes durch soziale Interaktionen mit einer neuen Bezugsperson zu erweitern und ihm ein warmes und vertrauensvolles Umfeld zu bieten – ein wichtiger Faktor für die Entwicklung von Ehrlichkeit, da Kinder auf diesem Weg die Erfahrung machen können, dass es langfristig von Vorteil ist, die Wahrheit zu sagen

Die Ergebnisse zeigen: „Kinder, die am Mentoren-Programm teilgenommen hatten, waren im Gesamtergebnis ehrlicher“, erklärt Fabian Kosse. Während in der Kontrollgruppe 58 Prozent schummelten, waren es in der Behandlungsgruppe nur 44 Prozent. „Dies ist ein großer Effekt. Er ist ähnlich groß wie der Unterschied zwischen Mädchen und Jungen“, so Kosse.

Dieser Effekt spricht nach Ansicht der Forscher für den Erfolg des Mentoring-Programms. Da die Studie gut 4 Jahre, nachdem die Kinder an dem Programm teilgenommen hatten, durchgeführt wurde, sei dies auch ein Beleg für eine langfristige und anhaltende Verhaltensänderung.

Insgesamt zeige die Studie, dass Präferenzen für Ehrlichkeit tatsächlich veränderbar sind und dass sie durch geeignete Maßnahmen verändert werden können. Frühkindliche Interventionen können also nicht nur die Leistungen eines Kindes verbessern, sondern auch deren soziales und moralisches Verhalten beeinflussen.

Quelle: Julius-Maximilians-Universität Würzburg