
Die Normalisierung eines erhöhten Blutzuckerspiegels bei Prädiabetes ist durch gesunden Lebensstil auch ohne Gewichtsabnahme möglich.
Blutzucker im Normalbereich durch gesunden Lebensstil
Bisher war Gewichtsreduktion das oberste Therapieziel bei Menschen mit Prädiabetes. Die Analyse einer großen Tübinger Studie zeigt: Betroffene, die durch einen gesunden Lebensstil ihren Blutzuckerspiegel wieder in den Normalbereich bringen, aber kein Gewicht verlieren oder gar zunehmen, senken trotzdem ihr Risiko für Typ-2-Diabetes um 71 Prozent.
Normaler Blutzuckerspiegel als Wendepunkt
Bisher empfohlene Strategien zur Vorbeugung von Typ-2-Diabetes bei Menschen mit Prädiabetes zielen vor allem darauf ab, durch gesunde Ernährung und mehr körperliche Aktivität Gewicht zu reduzieren. Diese allein auf das Gewicht beschränkte Strategie könnte durch die neuen Analyseergebnisse erweitert werden.
In einer von der Tübinger Universitätsklinik durchgeführten Langzeitstudie zeigte sich:
- Von den über 1100 Studienteilnehmern verloren 234 innerhalb eines Jahres kein Gewicht oder nahmen trotz Lebensstiländerung sogar zu. Dennoch normalisierte sich bei gut 22 Prozent von ihnen der Blutzuckerspiegel.
- Über einen Zeitraum von bis zu weiteren 9 Jahren wurde das Auftreten von Typ-2-Diabetes beobachtet. Ohne Gewichtsverlust hatte diese Gruppe eine bis zu 71 Prozent geringere Wahrscheinlichkeit an Diabetes zu erkranken. Dieser Wert ist fast identisch zu denjenigen, die mittels Gewichtsabnahme ihr Risiko für Typ-2-Diabetes senken konnten (73 Prozent).
Fettverteilung ausschlaggebend
Ein besonderes Augenmerk der Analyse galt der Fettverteilung. So wurde das Verhältnis zwischen Viszeralfett (inneres Bauchfett), das die Organe umgibt, und Subkutanfett (Fettgewebe unter der Haut) untersucht. Viszeralfett setzt Botenstoffe frei, die Entzündungen fördern und den Hormonhaushalt stören. Das führt zu einer Insulinresistenz und steht im direkten Zusammenhang mit Typ-2-Diabetes.
Gerade diejenigen Studienteilnehmer, deren Blutzuckerspiegel sich ohne Gewichtsabnahme wieder normalisierte, hatten durch die Lebensstilveränderung einen geringeren Anteil an Bauchfett im Vergleich zu denjenigen, deren Blutzuckerspiegel im Prädiabetesbereich verblieben.
Körpergewicht nicht mehr alleiniger Indikator
"Die Wiederherstellung eines normalen Nüchternblutzuckerspiegels ist das wichtigste Ziel zur Prävention von Typ-2-Diabetes und nicht zwingend die Zahl auf der Körperwaage", bringt es Studienleiter Prof. Andreas Birkenfeld auf den Punkt. "Sport und eine ausgewogene Ernährung wirken günstig auf Blutzucker, unabhängig davon, ob Gewicht reduziert wird. Gewicht zu verlieren, bleibt hilfreich, aber unsere Daten weisen darauf hin, dass es nicht zwingend notwendig für den Schutz vor Diabetes ist."
"Die Leitlinien zur Prävention und Behandlung von Typ-2-Diabetes sollten künftig nicht nur das Gewicht, sondern vor allem die Blutzuckerkontrolle und Fettverteilungsmuster berücksichtigen", ergänzt Prof. Reiner Jumpertz-von Schwartzenberg.
Gesunder Lebensstil als Erfolgsrezept
Die Studienergebnisse legen nahe, wie wichtig es ist, neben Gewichtsreduktionszielen auch glykämische Zielwerte, also Blutzuckerrichtwerte, in die Praxisleitlinien aufzunehmen. Der Rückgang des Prädiabetes ist der wirksamste Weg, um zukünftigem Typ-2-Diabetes vorzubeugen, und die Analyse deutet darauf hin, dass dies teilweise unabhängig von der Gewichtsreduktion ist.
Nichtsdestotrotz bleiben ausreichend körperliche Bewegung und eine ausgewogene Ernährung die entscheidenden Mittel, um die Blutzuckerwerte in einen normalen Bereich zu bringen.
Hintergrund: Prädiabetes
- Schätzungsweise jeder 10. Erwachsene ist von Prädiabetes betroffen. Die Dunkelziffer liegt deutlich höher.
- Bei Prädiabetes sind die Blutzuckerwerte erhöht, erfüllen aber noch nicht die Diabeteskriterien.
- Oft bleibt er lange unentdeckt, da Betroffene zunächst keine Beschwerden haben. Die Körperzellen reagieren schlechter auf das körpereigene Hormon Insulin. Somit gelangt weniger Zucker aus dem Blut in die Körperzellen und der Blutzuckerspiegel ist erhöht.
- Die Risiken bei einem Prädiabetes sind erheblich: Unbehandelt besteht ein hohes Risiko, später an Typ-2-Diabetes zu erkranken. Sie kann schwere Folgeerkrankungen wie Herz-Kreislauf-Leiden oder Krebs nach sich ziehen.
Quelle: Uniklinikum Tübingen


