
Bei mehr als 30 Prozent der Menschen mit Depressionen wirken verfügbare Medikamente nicht zufriedenstellend. Bei bis zu 80 Prozent der Betroffenen kehrt die Erkrankung nach einer Therapie innerhalb von 12 Monaten wieder zurück.
Studien haben in den vergangenen Jahren Hinweise darauf gegeben, dass das Psychedelikum Psilocybin in Kombination mit Psychotherapie positive Effekte auf eine Depression haben kann. Das wurde nun in der EPIsoDE-Studie geprüft.
Die Ergebnisse legen nahe, dass die Einnahme von 25 mg Psilocybin mit begleitender Psychotherapie in bedeutsamen Maß antidepressiv wirksam ist.
EPIsoDE-Studie: Wirksamkeit und Sicherheit von Psilocybin bei Depression
In dieser großen klinischen Studie wurden Wirksamkeit und Sicherheit von Psilocybin in Kombination mit Psychotherapie untersucht. Im Rahmen der Studie wurden 144 Menschen mit therapieresistenten Depressionen behandelt.
Psilocybin in verschiedenen Dosierungen im Vergleich zu Placebo
In der Studie wurden 2 unterschiedliche Dosierungen von Psilocybin eingesetzt:
- 25 mg als vermutlich antidepressiv wirksame Dosierung und
- 5 mg als wahrscheinlich nicht therapeutisch wirksame Kontrolldosis.
Zusätzlich wurde zum Vergleich ein Scheinpräparat (Placebo) gegeben. Damit alle Teilnehmenden mindestens einmal eine hohe Dosis Psilocybin erhalten, wurden sie zufällig in 4 Gruppen eingeteilt: Diese erhielten in unterschiedlicher Abfolge zu 2 festgelegten Zeitpunkten hochdosiertes Psilocybin sowie niedrig dosiertes Psilocybin oder Placebo. Jeweils vor und nach der Einnahme des Psilocybins fanden psychotherapeutische Sitzungen zur Vor- und Nachbereitung statt.
Jeweils eine Woche vor und nach den Psilocybin-Sitzungen sowie 6 Wochen danach wurde eine Vielzahl von Messwerten erhoben. Das Interesse der Forschenden richtete sich auf die Wirksamkeit und Sicherheit der Therapie, aber auch auf mögliche psychologische und biologische Wirkmechanismen. Bei 97 Teilnehmenden wurde zudem die Gehirnaktivität- und -struktur im MRT untersucht. Die längerfristigen Effekte der Therapie wurden durch Nachuntersuchungen 6 und 12 Monate nach der ersten Psilocybin-Sitzung erfasst.
Wichtige Einflussfaktoren: Set und Setting
In der Therapie mit Psychedelika spielen sowohl der innere psychische Zustand der Patient*innen – etwa ihre Gefühle, Erwartungen und Wahrnehmungen (Set) – als auch die therapeutische Umgebung (Setting) eine wichtige Rolle. Um für beides möglichst gute Bedingungen zu schaffen, fanden vor den Sitzungen mit Psilocybin (oder Placebo – daher im Folgenden: Substanzsitzungen) jeweils psychotherapeutische Vorbereitungssitzungen statt.
Auf die Substanzsitzungen folgten weitere psychotherapeutische Sitzungen, in denen das Erlebte verarbeitet und Bezüge zum Alltagsleben hergestellt wurden. Die Substanzsitzungen fanden in einer angenehmen, ruhigen Atmosphäre und begleitet von Musik statt. Sowohl am ZI in Mannheim als auch an der Charité in Berlin wurden hierfür spezielle Therapieräume eingerichtet. Jeweils 2 TherapeutInnen waren während der 6- bis 8-stündigen Substanzsitzungen im Therapieraum anwesend.
„Mithilfe eines Therapiemanuals, spezifischer Schulungen und regelmäßiger Supervision ist es uns gelungen, eine hohe und möglichst einheitliche Qualität der psychotherapeutischen Begleitung zu erreichen“, betont Dr. Michael Koslowski von der Charité, Koordinator und Studientherapeut am Standort Berlin.
Ansprechen auf die Therapie und Verringerung der Symptome
Als primärer Endpunkt für die Wirksamkeit wurde das Ansprechen auf die Therapie 6 Wochen nach der ersten Dosis festgelegt. Eine Woche nach Einnahme von 25 mg Psilocybin war die Ansprechrate deutlich höher als nach der Einnahme von Placebo. Sechs Wochen nach der Einnahme zeigte sich jedoch kein statistisch signifikanter Unterschied zwischen Psilocybin und Placebo mehr. Somit wurde der primäre Endpunkt der Studie nicht erreicht.
Sekundäre Endpunkte) waren die Verringerung der Depressionssymptome nach 6 und 12 Wochen.
- Nach 6 Wochen zeigte sich ein bedeutsamer Unterschied zwischen 25 mg Psilocybin und Placebo: Bei den Teilnehmenden, die 25 mg Psilocybin eingenommen hatten, war die depressive Symptomatik im Durchschnitt um 4,6 Punkte auf der HAMD17-Skala stärker reduziert als in der Placebo-Gruppe.
- Nach 12 Wochen, nachdem alle Teilnehmenden mindestens einmal 25 mg Psilocybin erhalten hatten, waren die Depressionssymptome über alle Behandlungsgruppen hinweg deutlich um durchschnittlich 7,5 Punkte reduziert. Es gab keine Unterschiede zwischen den Gruppen mehr.
Diese Ergebnisse legen nahe, dass die Einnahme von 25 mg Psilocybin mit begleitender Psychotherapie in bedeutsamen Maß antidepressiv wirksam ist. Für gesicherte Erkenntnisse sind allerdings weitere Studien notwendig.
Sicherheit: unerwünschte Ereignisse
Derzeit ist noch nicht abschließend geklärt, welche unerwünschten Ereignisse möglicherweise auch förderlich für den therapeutischen Effekt von Psilocybin sein können.
- Die Einnahme von 25 mg Psilocybin führte während der Substanzsitzungen zu unerwünschten Ereignissen, die vor allem die Wahrnehmung und die Emotionen betrafen, wie Affektlabilität (rasche und starke Stimmungsschwankungen – bei 62 % aller 25 mg-Sitzungen), lebhafte innere Bilder (56 %) und Dissoziation (Auseinanderfallen von Bewusstseinsbereichen – 22 %).
- Aber auch körperliche Phänomene wie Kopfschmerzen (55 %), Bluthochdruck (51 %), Übelkeit (34 %) und Schwindel (19 %) traten auf. Innerhalb der folgenden Tage verschwanden diese Phänomene in den meisten Fällen und es wurde am häufigsten über Kopfschmerzen (20 %) und Kraftlosigkeit (8 %) berichtet.
- Nach der Gabe von 25 mg Psilocybin sind in 2 Fällen schwerwiegende unerwünschte Reaktionen aufgetreten: starker Blutdruckanstieg bei einem Teilnehmer sowie eine länger fortbestehende Wahrnehmungsstörung bei einem anderen Teilnehmer. Die angemessene Versorgung wurde sichergestellt und der Verlauf dieser Ereignisse sorgfältig nachverfolgt.
„Insgesamt bewerten wir die Sicherheit der Behandlung als gut. Die meisten unerwünschten Ereignisse traten nur vorübergehend auf und entsprachen in Art und Intensität den Erwartungen. In zwei Fällen kam es jedoch zu schwerwiegenden unterwünschten Reaktionen. Das unterstreicht, wie entscheidend eine sorgfältige psychotherapeutische Einbettung für die sichere Anwendung ist“, fasst die Psychotherapeutin Lea Mertens, Koordinatorin und Studientherapeutin am Standort Mannheim, zusammen.
Auf der Suche nach den Mechanismen
Erste Hinweise darauf, wie Psilocybin seine antidepressive Wirkung entfaltet, ergab die Auswertung der Angaben der Patient*innen zu so genannten emotionalen Durchbrüchen. Darunter versteht man Zustände hoher emotionaler Öffnung und tiefer Einsichten, während eine psychedelische Substanz wirkt.
- In der Auswertung zeigte sich, dass möglicherweise Zusammenhänge zwischen der Psilocybin-Dosis, emotionalen Durchbrüchen und der antidepressiven Wirkung von Psilocybin bestehen.
- So wurde in der Hochdosis-Gruppe häufiger von emotionalen Durchbruchserfahrungen berichtet.
- Je höher der Messwert der Durchbruchserfahrungen war, desto stärker war auch die antidepressive Wirkung.
„Aktuell analysieren wir weitere Daten, die ebenfalls Aufschluss über Biomarker sowie psychologisch-psychotherapeutische Wirkmechanismen geben können. Die Ergebnisse werden wir so schnell wie möglich veröffentlichen“, stellt Mertens in Aussicht.
Relevante antidepressive Wirkung bei gutem Sicherheitsprofil
Obwohl die Ergebnisse keine signifikante Wirkung auf den primären Endpunkt zeigten, war die Gabe von 25 mg Psilocybin in Kombination mit einer begleitenden Psychotherapie mit einer bedeutsamen antidepressiven Wirkung verbunden. Die Behandlung wurde von den meisten Teilnehmenden gut vertragen. „Unsere Studienergebnisse erweitern die bisherigen Erkenntnisse über das Potenzial der Psilocybin-Behandlung bei Depressionen“, sagt Studienleiter Prof. Dr. Gerhard Gründer.
Die Studie wurde federführend am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim sowie an der Charité – Universitätsmedizin Berlin durchgeführt. Sie wurde vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert und durch die gemeinnützige MIND Foundation finanziell und personell unterstützt.
Quelle: Zentralinstitut für Seelische Gesundheit




