
Intensives, strukturiertes Gehtraining wird es in den Behandlungsleitlinien einstimmig empfohlen. Dennoch nehmen noch nicht einmal 12 Prozent der PAVK-Patient*innen an einem solchen Training teil, wie zwei aktuelle Umfragen der Deutschen Gesellschaft für Gefäßchirurgie und Gefäßmedizin (DGG) ergaben.
Als Grund führten die Befragten hauptsächlich einen Mangel an Informationen an: Nur eine Minderheit war von ärztlicher Seite ausreichend über die Bedeutung des Trainings informiert worden. Auch konkrete Kursangebote vor Ort waren den Betroffenen weitgehend unbekannt – ebenso wie vielen behandelnden Ärzt*innen.
Strukturierter Gefäßsport verlängert schmerzfreie Gehstrecke
Strukturierter Gefäßsport kann dazu beitragen, dass sich die schmerzfreie Gehstrecke der Patient*innen wieder verlängert.
„In einer Vielzahl von Studien hat sich gezeigt, dass dieser Effekt sogar größer sein kann als der einer invasiven Revaskularisierung, bei der die Blutversorgung in den Beinen durch eine Operation oder durch die minimal invasive Aufdehnung des verengten Gefäßes wiederhergestellt wird“, sagt Gefäßchirurg Dr. Dmitriy Dovzhanskiy. Das Gehtraining bilde deshalb eine wichtige Säule der PAVK-Therapie.
Dennoch nimmt die große Mehrheit der Patient*innen nicht an entsprechenden Bewegungsangeboten teil: Von 235 stationär aufgenommenen PAVK-Patient*innen gaben in der Umfrage nur 11,4 Prozent an, jemals zum Gefäßsport oder zum Gehtraining gegangen zu sein [1].
Obwohl fast zwei Drittel der Befragten wussten, dass angeleiteter Gefäßsport die schmerzfreie Gehstrecke verbessern kann, fühlten sie sich mehrheitlich nicht gut genug informiert. So erklärten nur 35,6 Prozent, in der Klinik ausreichend über die Notwendigkeit oder die Vorteile eines Gehtrainings aufgeklärt worden zu sein, in der hausärztlichen Praxis war dies sogar nur bei 25,8 Prozent erfolgt.
„Besonders groß war das Informationsdefizit im Hinblick auf Trainingsangebote in Wohnortnähe“, berichtet Dovzhanskiy. Über Zugang zu derlei Informationen verfügten der Umfrage zufolge nur 24,5 Prozent der Befragten.
Mögliche Gründe für seltene Verschreibung
Eine zweite, parallel durchgeführte Umfrage gibt Aufschluss über die möglichen Gründe der seltenen Verschreibung und Inanspruchnahme des Gehtrainings. Dazu befragten die DGG-Experten Mitglieder ihrer eigenen Fachgesellschaft sowie der Deutschen Gesellschaft für Angiologie (DGA) [2]. Die Ergebnisse fasst der Hamburger Gefäßchirurg Dr. Christian-Alexander Behrendt zusammen:
- Die behandelnden Ärzt*innen haben oft keinen Überblick über die lokale Versorgungssituation.
- Nur etwa ein gutes Drittel konnte ein Angebot vor Ort und eine Ansprechperson benennen.
- 56 Prozent konnten keine nützlichen Informationen vermitteln, wie die Betroffenen ein solches Training ausfindig machen können.
- 58 Prozent waren sich nicht im Klaren darüber, wie man den Gefäßsport so verschreibt, dass ihn die Krankenkassen erstatten.
Gleichwohl gaben 90 Prozent der teilnehmenden Ärzt*innen an, ihren Patient*innen ein solches Training zu empfehlen. „Diese Botschaft kommt aber offenbar nicht an“, konstatiert Behrendt. „Wir verpassen eine große Chance in der Arzt-Patienten-Kommunikation“, fügt er hinzu.
Als Grund für ein mögliches Kommunikationsdefizit sei in der Studie unter anderem der Zeitmangel im klinischen Alltag genannt worden. Doch nicht nur bei der Information, auch beim Angebot selbst hapert es. Laut Leitlinie soll zwar allen PAVK-Patient*innen, die noch mobil genug sind, ein angeleitetes Gefäßtraining angeboten werden. „Ein flächendeckendes Angebot solcher Trainingsgruppen ist in Deutschland jedoch nicht verfügbar“ [3]. Die DGG appelliert daher dringend an ihre Mitglieder, an der Etablierung solcher Sportgruppen mitzuwirken.
Gefäßsport: Weiterführende Links
Deutscher Behindertensportverband DBS
www.dbs-npc.de/rehabilitationssport.html
Deutsche Gefäßliga
Auch Interessenvertretung Patienten und Versicherte im Bundesverband für Gesundheit und Soziales kann bei der Einrichtung von Gefäßsportgruppen unterstützen. Über diese Netzwerke sei es auch möglich, sich über bereits bestehende regionale Reha-Sportangebote zu informieren – sowohl für Patient*innen als auch für Ärzt*innen.
Um die Orientierung weiter zu erleichtern, plant die DGG ein Register, in dem Gefäßsport und weitere präventive Angebote etwa zur Rauchentwöhnung systematisch erfasst werden sollen – damit eine wichtige Therapie endlich ihren Weg zum Patienten findet.
Quelle: Deutschen Gesellschaft für Gefäßchirurgie und Gefäßmedizin
Literatur
[1] Li Y et al. A prospective survey study on the education and awareness about walking exercise amongst inpatients with symptomatic peripheral arterial disease in Germany. Vasa 2023; doi: 10.1024/0301-1526/a001057
[2] Rother U et al. How German vascular surgeons and angiologists judge walking exercises für patients with PAD: Results from a nationwide survey amongst members of the leading scientific societies. Vasa 2023; doi: 10.1024/0301-1526/a001071
[3] Dovzhanskiy D et al. Das große Verbesserungspotenzial in der Multiodalen Basisbehandöung der peripheren arteriellen Verschlusskrankheit (pAVK): ein Aufruf zum flächendeckenden Ausbau der pAVK-Gehtrainingsgruppen in Deutschland. Gefäßchirurgie 2023; doi: 10.1007/s00772-022-00962-6


