Personalmangel in KrankenhäusernAbwanderung von Pflegekräften hat Folgen für die Lebenserwartung

Verringerte Betreuungsquote, Rückgang notwendiger Operationen, erhöhte Sterblichkeit: So das Ergebnis einer Studie, die die Abwanderung von Fachkräften untersucht hat. 

Krankenpfleger von hinten auf einem Krankenhausflur
K. Oborny/Thieme - Posed by a Model.
Die Abwanderung von Pflegekräften bleibt nicht ohne Folgen. Das bestätigt nun eine Studie aus der Grenzregion zur Schweiz.

Eine repräsentative Studie des ZEW Mannheim und des ifo Instituts beschäftigt sich mit den Folgen der Abwanderung von Pflegekräften ins Ausland. Darin wurden die Auswirkungen in den Grenzregion zur Schweiz auf die Sterblichkeit von Patient*innen untersucht. Mit diesen Ergebnissen:

  • Die Sterblichkeit stieg in den grenznahen Krankenhäusern um fast 5 Prozent.
  • Das bremste den Anstieg der Lebenserwartung in der Region.

Fachkräftemangel bremst Lebenserwartung

Im Jahr 2011 begannen viele in Grenznähe lebende deutsche Pflegekräfte in der Schweiz zu arbeiten. Dies führte zu 12 Prozent weniger Pflegekräften in grenznahen deutschen Krankenhäusern und damit zu einer schlechteren Gesundheitsversorgung für Patient*innen. Die Folge: eine verringerte Betreuungsquote und eine geringere Wahrscheinlichkeit, (notwendige) Operationen zu erhalten.

„Der durch den Pflegekräftemangel bedingte Rückgang von notwendigen medizinischen Eingriffen wirkte sich vor allem auf ältere Patient*innen sowie Notfälle aus. Bei ihnen erhöhte sich die Sterberate. In den betroffenen Regionen ließ sich eine stagnierende Lebenserwartung beobachten, während  diese im Rest Deutschlands stieg. Daraus kann man ableiten, dass Fachkräftemangel nicht nur das Wirtschaftswachstum, sondern auch den Anstieg der Lebenserwartung negativ beeinflussen kann“, erklärt Studienautor Oliver Schlenker vom Leibniz-Zentrum für europäische Wirtschaftsforschung (ZEW).

Durch den Mangel an Pflegekräften begannen Krankenhäuser in den betroffenen deutschen Regionen zudem, Patient*innen nach ihren medizinischen Bedürfnissen zu priorisieren und insbesondere die Anzahl nicht dringlicher Operationen zu reduzieren („Triage“). Dennoch sank auch die Betreuungsrate für Notfallpatient*innen, weshalb sich deren Sterblichkeit besonders stark erhöhte – so beispielsweise bei Erkrankten mit Sepsis und Herzinfarkt um 11,6 bzw. 17,7 Prozent.

  • Insgesamt stieg die regionale Sterblichkeit, insbesondere bei älteren Personen.
  • Die Lebenserwartung in der Grenzregion sank um etwa 0,3 statistische Lebensjahre im Vergleich zu ähnlichen Kreisen im Inland.

Attraktive Gehälter in der Schweiz als Auslöser

Im Zuge der europäischen Schuldenkrise wurde der Schweizer Franken massiv aufgewertet und letztlich 2011 auf einem hohen Niveau durch die Schweizer Nationalbank faktisch an den Euro gekoppelt. In Kombination mit gleichbleibenden Lebenshaltungskosten in Deutschland, einer hohen Personalnachfrage in der Schweiz und stagnierenden Löhnen in deutschen Krankenhäusern machte das einen Stellenwechsel insbesondere für examinierte Pflegefachkräfte attraktiv. Daher stieg 2011 die Zahl der neuen Grenzgänger*innen im Gesundheitssektor massiv an: Das führte zu mehr unbesetzten Stellen in deutschen Krankenhäusern in der Grenzregion.

Weitere Forschung zum Thema sei dringend nötig, betont Studienautor Schlenker: „In dieser Studie haben wir uns auf die Sterblichkeit konzentriert. Wichtig wäre auch zu untersuchen, welche Folgen der Pflegefachkräftemangel auf jüngere und gesündere Patient*innen sowie auf das verbleibende Personal selbst hat. Es ist plausibel, dass er auch weitere negative Gesundheitsergebnisse begünstigt, beispielsweise chronische Erkrankungen und Folgeschäden.“

Datengrundlage

Als Datenbasis dienten verschiedene repräsentative Datensätze der statistischen Bundesämter Deutschlands und der Schweiz, darunter die Schweizer Grenzgängerstatistik, die deutsche Krankenhausstatistik sowie regionale Daten. Oliver Schlenker untersuchte alle stationären Krankenhausfälle über den Zeitraum von 12 Jahren (2006 bis 2017), um die Auswirkungen des Fachkräftemangels auf die Sterblichkeit und Lebenserwartung herauszufinden.

Quelle: Leibniz-Zentrum für europäische Wirtschaftsforschung