
Diabetes mellitus und Parodontitis gehören zu den häufigsten chronischen Erkrankungen in Deutschland:
- Rund 9,1 Millionen Menschen leben mit Diabetes.
- Etwa 14 Millionen sind von schwerer Parodontitis betroffen.
Beide Krankheiten stehen in enger Wechselwirkung – und zeigen exemplarisch, wie wichtig eine stärkere Zusammenarbeit zwischen Medizin und Zahnmedizin ist. Fachleute fordern eine bessere fachübergreifende Zusammenarbeit als bisher.
Fortgeschrittene Parodontitis ist nicht nur lokales Problem
"Die Mundhöhle ist kein isolierter Raum, sondern Bestandteil der Körperoberfläche", erklärt der Parodontologe und Oralchirurg Prof. Henrik Dommisch. "Fortgeschrittene Parodontitis ist daher nicht nur ein lokales Problem, sondern kann Entzündungsreaktionen über Botenstoffe oder pathogene Mundbakterien auslösen. Letztere können in den Blutstrom gelangen und Gewebe fern der Mundhöhle beeinflussen."
Die enge Verbindung zwischen Allgemein- und Mundgesundheit unterstreicht auch der Endokrinologe und Ernährungsmediziner Prof. Knut Mai: "Beim Diabetes spielen nicht nur Stoffwechselfaktoren eine Rolle. Entzündliche Prozesse sind maßgeblich an der Entstehung typischer Spätfolgen eines Diabetes wie einem erhöhten Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall oder Nierenerkrankungen beteiligt." Dieses Zusammenspiel zeige sich besonders deutlich im Zusammenhang von Parodontitis und Diabetes mellitus. "Wer seine Blutzuckerwerte stabil halten möchte, sollte unter anderem auf eine gute Mundgesundheit achten."
Schwachstelle Zahn
Die Mundhöhle ist Teil der Körperoberfläche – mit dem Zahn als besonderer Schwachstelle: Dieser ragt aus dem Knochen in eine bakterienreiche Umgebung. Der Zahn ist jedoch gleichzeitig die einzige Körperoberfläche, die sich nicht ständig erneuert, wie Haare oder Fingernägel. Die Grenzfläche schützt nur ein dünnes Gewebeband, das gerade etwas mehr als zwei Millimeter breit ist. Es besteht aus Bindegewebe und einer dünnen Zellschicht, die den Zahnfleischrand mit dem Zahn verbindet.
Wird diese Barriere und die Immunantwort, etwa durch ein aus dem Gleichgewicht geratenes Mundmikrobiom, Diabetes mellitus und/oder Rauchen geschwächt, kann der Körper mit einer ausgeprägteren Entzündung reagieren. Dabei können Bakterien und Botenstoffe in den Blutkreislauf gelangen und Entzündungen auslösen, die das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Rheuma oder Diabetes mellitus verstärken. So haben Diabetespatient*innen mit Parodontitis eine deutlich höhere Herz-Kreislauf-Sterblichkeit als ohne Parodontitis.
Kann die Entzündung nicht gestoppt werden, wird der Entzündungsprozess aufrechterhalten bis die Integrität der Körperoberfläche wieder hergestellt werden kann. Das heißt, ohne Therapie bleibt die Entzündung bestehen, bis der zahntragende Knochen entzündlich zerstört ist und der Zahn, als sich nicht erneuernde und Biofilm-kontaminierte Oberfläche verloren geht.
"Im Gegensatz zum diabetischen Fuß, der nicht heilt, und dann im schlimmsten Fall amputiert werden muss, amputiert der Körper durch die Immunreaktion die Zähne bei fortgeschrittener Parodontitis quasi selbst, wenn keine Therapie der Erkrankung erfolgt: Sie fallen aus, damit eine intakte Körperoberfläche wiederhergestellt werden kann", so Dommisch.
Therapien bringen Verbesserungen in beide Richtungen
Wird die Entzündung durch eine erfolgreiche Parodontitistherapie zurückgedrängt, verbessert sich der Blutzuckerspiegel nachweislich:
- Der Langzeit-Blutzuckerwert (HbA1c-Wert) sinkt bei Menschen mit Diabetes mellitus im Schnitt um 0,3 bis 0,6 Prozent.
- Der Zustand des Zahnhalteapparates unterscheidet sich bei gut eingestelltem Diabetes mellitus nicht von dem gesunder Personen.
- Diabetes-Patient*innen mit guter Blutzuckerkontrolle verlieren seltener Zähne als jene mit dauerhaft erhöhten Blutzuckerwerten.
Studien zu den Wechselwirkungen in gemeinsamer Leitlinie gebündelt
Die mit über 6000 Publikationen wissenschaftlich sehr gut belegten Verbindungen zwischen Diabetes und Parodontitis mündete im Jahr 2024 in einer Leitlinie. Sie wurde gemeinsam von einer zahnmedizinischen und einer medizinischen Fachgesellschaft entwickelt. Die S2k-Leitlinie Diabetes und Parodontitis unter Federführung der Deutschen Gesellschaft für Parodontologie (DG PARO), der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) und der Deutschen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (DGZMK) bündelt diese Belege und liefert praxisnahe Empfehlungen für Diabetolog*innen und Zahnärzt*innen.
Etablieren einer Überweisungskultur
Trotz der vorhandenen wissenschaftlichen Evidenz gibt es bei der Zusammenarbeit von Mediziner/innen und Zahnmediziner/innen nicht nur in puncto Diabetes und Parodontitis noch Verbesserungspotential. Um Risikopatient*innen frühzeitig zu erkennen und die Versorgung ganzheitlich zu verbessern, wäre eine stärkere gegenseitige Aufmerksamkeit für das jeweils andere Fachgebiet und ein verbindlicher Kommunikationsweg zwischen den Professionen entscheidend, wie beide Experten betonen.
Während Ärzt*innen bei diabetischen Folgeerkrankungen routinemäßig Überweisungen an Kolleg*innen aus Augenheilkunde, Nephrologie oder Kardiologie ausstellen, existiert zwischen Medizin und Zahnmedizin keine solche Überweisungskultur. Ein Zahnarzt/eine Zahnärztin kann seinem Patienten/ihrer Patientin zwar empfehlen, sich internistisch untersuchen zu lassen – eine formale Überweisung mit einer Rückmeldung in Form eines Arztbriefes ist jedoch (noch) nicht vorgesehen. Umgekehrt können auch Diabetolog*innen keine Überweisung an eine Zahnarztpraxis ausstellen.
In der Neuauflage des blauen Gesundheits-Pass Diabetes wird inzwischen auch eine regelmäßige Untersuchung auf Parodontitis ausdrücklich empfohlen – eine erfreuliche und wichtige Entwicklung, wie beide Experten hervorheben.
Diagnostische Tools für fächerübergreifendes Screening existieren
Hausärzt*innen, aber auch Diabetes-Patient*innen selbst können das Risiko für Parodontitis heute bereits einfach einschätzen - zum Beispiel mit einem kurzen Selbsttest entwickelt von der Deutschen Gesellschaft für Parodontologie in Kooperation mit der Universität Greifswald. Der Test kann erste Hinweise auf eventuell vorliegende parodontale Probleme geben. Eine genaue Abklärung sollte dann beim Zahnarzt/der Zahnärztin erfolgen.
Menschen mit Parodontitis können ihr individuelles Diabetes-Risiko mit dem GesundheitsCheck Diabetes (FINDRISK) einschätzen. Zahnärztliche Teams könnten darüber hinaus bei Parodontitis-Patient*innen den Blutdruck und den Taillenumfang messen, zusammen mit dem Online-GesundheitsCheck ergibt sich so ein guter Hinweis auf ein mögliches Diabetesrisiko.
"Dies sind einfache Maßnahmen, die auch in der zahnärztlichen Praxis gut umgesetzt werden können. Bei Bedarf bietet die hausärztliche Bestimmung des sogenannten HbA1c zudem einen einfachen Laborparameter, mit dem sich oft ein bestehender Diabetes mellitus nachweisen lässt", erklärt Mai.
Interdisziplinäre Früherkennung senkt Erkrankungslast und Kosten
Eine engere Zusammenarbeit zwischen Internist*innen und Zahnmediziner*innen sowie eine gezielte Aufklärung der Bevölkerung hätten nicht nur medizinische, sondern auch gesundheitspolitische Bedeutung. Diabetes und Parodontitis verursachen in fortgeschrittenen Stadien – vor allem durch Folgeerkrankungen und deren Therapiebedarfe - erhebliche Behandlungskosten. Eine frühzeitige, fachübergreifende Prävention könnte die Lebensqualität von Betroffenen deutlich verbessern und zugleich das Gesundheitssystem spürbar entlasten.
Quelle: Deutsche Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde


