
Der IGeL-Report 2024 geht hart ins Gericht mit Angeboten zu Individuellen Gesundheitsleistungen (IGeL) in ärztlichen Praxen: Es werde unzureichend darüber aufgeklärt, der Nutzen der meisten IGeL sei fraglich oder sie könnten im schlimmsten Fall sogar schaden.
Wie so oft ist die Situation komplexer: Zu den am häufigsten in Anspruch genommenen IGeL-Leistungen zählen IGeL in gynäkologischen Praxen. Wir haben beim Berufsverband der Frauenärzte (BVF) in Deutschland nachgefragt und um Stellungnahme gebeten. Der Verband kritisiert die Diskussionskultur und die damit verbundene Berichterstattung. Es fehle häufig an Sachlichkeit. Das trage erheblich zur Verunsicherung bei Patient*innen bei.
Insbesondere der im IGeL-Report stark kritisierte transvaginale Ultraschall könne je nach persönlicher Situation einen wertvollen Beitrag zur frühzeitigen Diagnostik leisten, ordnet der BVF ein. Das betreffe nicht alle Patient*innen, sondern ist eine individuelle Entscheidung.
Transvaginaler Ultraschall - Nutzen und Notwendigkeit
Der IGeL-Report kritisiert: Beim "Ultraschall der Eierstöcke und der Gebärmutter zur Krebsfrüherkennung" könne es "zu vielen falsch-positiven Ergebnissen und dadurch zu unnötigen weiteren Untersuchungen und Eingriffen kommen, die den Patientinnen schaden können. Gleichzeitig ist nicht belegt, dass das Risiko an Eierstockkrebs zu sterben, damit verringert werden kann. Daher raten auch Fachgesellschaften seit Jahren davon ab, diese Leistungen anzubieten."
Das sagt der Berufsverband: Das ist so nicht korrekt. Bereits im April 2024 haben die Fachgesellschaften dazu Stellung genommen - mit anderen Empfehlungen. Zunächst sei der transvaginale Ultraschall nicht primär auf die Früherkennung von Eierstockkrebs ausgerichtet, wie im IGeL-Report suggeriert wird.
Auf unsere Anfrage erhalten wir eine differenzierte Einschätzung:
Transvaginaler Ultraschall
Bei der Transvaginalen Sonografie handelt es sich um eine detaillierte Ultraschall-Untersuchung der weiblichen Beckenorgane.
- Die Untersuchung deckt deutlich mehr ab als die Früherkennung von Eierstockkrebs.
- Sie schließt die Gebärmutter, Eileiter, Eierstöcke, Harnblase und die Zwischenräume zwischen Harnblase, Vagina und Darm bis zu Strukturen des Beckenbodens ein.
Im Ultraschall können sich eine Vielzahl von Erkrankungen zeigen, wie etwa Myome, Endometriose, Zysten oder Flüssigkeitsansammlungen. Man kann mit dieser Untersuchung auch Veränderungen entdecken, die noch keine Symptome verursachen und einem Tastbefund nicht zugänglich wären.
Eine mögliche Behandlung orientiert sich an individuellen Faktoren wie Beschwerdebild, der Einschätzung des Komplikations- oder Entartungsrisikos und dem anzunehmenden weiteren Verlauf.
Fazit
- Der transvaginale Ultraschall stellt eine Ergänzung der gynäkologischen Routineuntersuchungen dar.
- Der Fokus liegt auf einer zeitnahen, nicht-invasiven Diagnostik häufiger funktioneller und gutartiger Veränderungen sowie gynäkologischen Problemen.
- Als komplettierende Erweiterung der gynäkologischen Routineuntersuchungen (Inspektion und Palpation) ist der transvaginale Ultraschall ein wichtiges diagnostisches Hilfsmittel im Praxisalltag.
Der transvaginale Ultraschall wird von den gesetzlichen Krankenkassen nur dann honoriert, wenn ein konkreter Krankheitsverdacht besteht, z.B. wenn Symptome auftreten oder ein auffälliger Tastbefund vorhanden ist. Frauenärzt*innen können deshalb diese Leistung ohne konkreten Krankheitsverdacht nur als IGeL zur Verfügung stellen.
Das Hauptargument für die Diagnostik durch transvaginale Sonografie ist demnach nicht die Früherkennung des Ovarialkarzinoms außerhalb eines Risikokollektivs, sondern:
- Diese Untersuchungsmethode visualisiert das gesamte kleine Becken und ist differenziert eingesetzt ein sehr wichtiges Kriterium in der gynäkologischen Befunderhebung.
- Dies gilt insbesondere bei Frauen, bei denen eine alleinige Tastuntersuchung aufgrund körperlicher Disposition schwierig ist, z.B. bei mehrgewichtigen Mädchen und Frauen sowie bei solchen, bei denen durch verstärkten Muskeltonus der Bauchdecke kein eindeutiger Tastbefund für eine Diagnosestellung möglich ist.
- Es findet sich zunehmend Evidenz für die Möglichkeiten der Endometriose-Diagnostik mittels Ultraschall.
Unnütze Operationen durch Ultraschall-Untersuchung?
Die generelle Behauptung, der transvaginale Ultraschall würde unnütze Operationen nach sich ziehen, weist der BVF entschieden zurück: Sie sei schlichtweg falsch, verkennt die fachärztlichen Qualifizierungsprozesse sowie das 4-Augen-Prinzip vor einer OP. Vor invasiven Interventionen wird im Krankenhaus ebenfalls per Ultraschall und ggf. weiterer bildgebender Verfahren die OP-Indikation überprüft.
IGeL in der gynäkologische Praxis
Gynäkologische Praxen können Frauen, die den Anspruch an eine medizinische Versorgung haben, die über den Leistungsumfang der Gesetzlichen Krankenversicherung hinausgeht, zur Verfügung stellen. Der BVF vertritt die Auffassung, dass Frauen sehr wohl in der Lage sind, eine autonome Entscheidung über diagnostische Maßnahmen zu treffen. Ebenso spricht sich der Verband für eine sachliche Patientenaufklärung beim Umgang mit IGe-Leistungen aus, die Missverständnisse vermeidet.
Einen offiziellen Leitfaden zu Selbtszahler-Leistungen haben die Bundesärztekammer und Kassenärztliche Bundesvereinigung als IGeL-Ratgeber in einer gemeinsamen Fassung für Ärzt*innen und Patient*innen herausgegeben.
Anke Niklas/Berufsverband der Frauenärzte


