CybermobbingSocial Media: Jede*r 5. Jugendliche hat Mobbing-Erfahrungen

Warum nutzen Jugendliche Social Media? Und wie können sie vor den Risiken geschützt werden? Der Schlüssel ist Medienkompetenz, sagt Psychologin Franziska Klemm.

Frauenhand fotografiert Essen auf Holztisch
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Posten, liken, chatten: Social Media birgt nicht nur, aber auch Gefahren für Kinder und Jugendliche.

Soziale Medien – Identitätsstifter oder Krankmacher?

Soziale Medien dienen Kindern und Jugendlichen zur Unterhaltung, zum Austausch mit Gleichaltrigen sowie dem Erleben von Zugehörigkeit. Sie bieten Raum, um sich zu informieren und zu positionieren, kreativ zu sein, Bestätigung und Hilfe zu erfahren.

Sie können aber "mit ihrem Überangebot und ihrer Flut an ungefilterten Nachrichten auch überfordern, frustrieren, Ängste schüren und einsam machen", sagt Franziska Klemm, Psychologin und Expertin für Medienkompetenz bei der KKH. Und: Sie können Erkrankungen forcieren, die einst für Kinder untypisch waren – durch Bewegungsmangel und geringerer persönlicher Kommunikation, die oft mit intensiver Mediennutzung einhergehen.

Neue Versichertendaten der KKH zeigen:

  • Der Anteil der 6- bis 18-Jährigen mit motorischen Entwicklungsstörungen hat von 2013 auf 2023 um gut 37 Prozent zugenommen, bei den 15- bis 18-Jährigen sogar um rund 77 Prozent.
  • Bei Sprach- und Sprechstörungen zeigt sich ein Plus von 53 Prozent; auffallend auch hier der Anstieg bei den 15- bis 18-Jährigen von rund 104 Prozent.

Soziale Medien "können auch zu Konzentrationsproblemen, Einsamkeit und depressiven Symptomen führen. Davor sollten wir Heranwachsende unbedingt schützen", so Klemm.

Mobbingfalle und Glücksgenerator

Soziale Medien sind für Heranwachsende eine digitale Spielwiese, um fremde Beiträge zu konsumieren, aber auch eigene Inhalte zu veröffentlichen. 56 Prozent der Zwölf- bis 19-Jährigen gibt es meist ein gutes Gefühl, wenn andere ihre Beiträge liken oder teilen. Fallen Kommentare hingegen kritisch aus, ärgert oder verletzt das mehr als jeden vierten Jugendlichen (27 Prozent). Und gehen gar keine Reaktionen auf eigene Beiträge ein, macht das jeden vierten Zwölf- bis 19-Jährigen traurig (25 Prozent).

"In der Phase vom Kind zum Erwachsenen sind junge Menschen besonders empfänglich für soziale Vergleiche und Einflüsse durch andere. Sie probieren sich aus, suchen Anschluss an Gleichaltrige, wollen sich von anderen aber auch abgrenzen. Dabei kommt es leider auch zu negativen Erfahrungen wie Ausgrenzung oder sogar psychischer Gewalt in Form von Mobbing", sagt Franziska Klemm.

Online-Mobbing ist extremer

Über soziale Netzwerke hat speziell Mobbing laut der Expertin eine neue Qualität: "Beleidigungen und Ausgrenzung von Menschen erfolgen im Netz anonym, meist über einen längeren Zeitraum, und sie erreichen mehr Menschen als offline. Dagegen aktiv anzugehen, ist schwer. Und da das Smartphone im Alltag der Jugendlichen nahezu immer präsent ist, gilt das auch für das Mobbing." Das kann tief verunsichern, verletzen, zu sozialem Rückzug bis hin zu Ängsten und Depressionen führen.

Viele Kinder und Jugendliche sind selbst Opfer von Cyber-Mobbing, wie die forsa-Umfrage zeigt:

  • Gut jede/r Fünfte der befragten 12- bis 19-Jährigen hat in sozialen Netzwerken selbst negative Erfahrungen mit Mobbing gemacht (21 Prozent).
  • Weiteren 35 Prozent bereitet es Sorgen, dass sie in sozialen Netzwerken beleidigt, bedroht oder belästigt werden könnten.

Likes, Kommentare, Follower führen zu Dopamin-Ausschüttung

Soziale Medien agieren mit raffinierten Instrumenten: Dazu zählen Belohnungsmechanismen wie Likes, Kommentare, Emojis oder Follower-Anzahl. Sie verleiten Social-Media-Nutzer*innen dazu, x-mal am Tag auf das Smartphone zu schauen.

"Positive soziale Interaktion kann zu einer vermehrten Ausschüttung des Glücksbotenstoffs Dopamin im Gehirn führen", erklärt Martin Korte. "Schalten wir das Smartphone ein, wissen wir nie, was uns erwartet. Das gilt besonders für soziale Medien, deren Nutzung oft mit der Erwartung auf soziale Belohnung einhergeht. Dies kann zu einer starken Dopamin-Ausschüttung führen, die in manchen digitalen Kontexten genauso stark sein kann wie bei einer Drogen- oder Spielsucht."

Visuelle Intelligenz hat zugenommen

Positiv ist aus Kortes Sicht, dass durch den Konsum Social-Media-typischer Kurzformate die visuelle Intelligenz bei Jugendlichen zugenommen hat. Sie sind trainiert darin, innerhalb kürzester Zeit auf unterschiedliche Signale zu reagieren.

"Was hingegen abnimmt, ist das Auge für Details und die Fähigkeit, den Überblick zu behalten. Denn vor allem im Zuge von Videoclips liegt der Fokus häufig auf den Ausschnitten einer Szene oder eines Ablaufs, nicht auf den Zusammenhängen. Ständiges Kommentieren und Chatten in kürzester Form wirkt sich zudem negativ auf die Sprach- und Lesekompetenz beziehungsweise auf die Entwicklung des Wortschatzes aus."

Hinzu kommt: Das Switchen zwischen digitalem Interagieren und alltäglichen Tätigkeiten wie Schulaufgaben sorgt für kürzere Aufmerksamkeitsspannen und schneller nachlassende Konzentration. „Stundenlange Bildschirmnutzung beeinflusst darüber hinaus die Fähigkeit zur Empathie“, so der Wissenschaftler. „Die Gehirnareale, die spiegeln, was andere Menschen denken und fühlen, entwickeln sich bei übermäßiger Smartphone-Nutzung langsamer, bleiben möglicherweise sogar schlechter ausgeprägt.“

Reflektierten Umgang fördern durch Medienkompetenz

Digitale Medien haben ihre Schattenseiten, aber auch Potenzial für Kinder und Jugendliche – ob für soziale Beziehungen, Bildung oder auch Kreativität. "Umso entscheidender ist es, dass Heranwachsende lernen, soziale Plattformen risikokompetent zu nutzen", betont Franziska Klemm. Der Schlüssel hierfür ist Medienkompetenz.

Bei deren Vermittlung spielen Eltern eine zentrale Rolle. Klemm rät:

  • "Legen Sie gemeinsam mit Ihrem Kind klare Regeln für die Nutzung sozialer Medien fest, und erklären Sie, warum diese wichtig sind.
  • Sprechen Sie aktiv über die Erfahrungen, die Ihr Nachwuchs online macht. So können Sie einen reflektierten Umgang fördern.
  • Trauen Sie sich, Grenzen zu setzen und Ihr Kind so dabei zu unterstützen, einen selbstbestimmten Umgang mit sozialen Medien zu entwickeln – auch zum Schutz der Gesundheit."

Entscheidend ist, dass Kindern die Balance zwischen digitalen Medien und realem Alltag gelingt und sie Social-Media-Kontakte nicht als Ersatz für persönliche Beziehungen betrachten.

Um die Medienkompetenz von Kindern von klein auf zu fördern bietet die KKH Unterstützung, u.a. mit einem Selbstcheck und einem Medientagebuch.

Hintergrund: forsa-Umfrage im Auftrag der KKH

Das Meinungsforschungsinstitut forsa hat vom 5.-20.9.2024 rund 1000 Kinder und Jugendliche im Alter von 12 bis 19 Jahren bundesweit repräsentativ online befragt.

Die KKH hat anonymisierte Daten zu motorischen Entwicklungsstörungen (F82 nach ICD-10) von rund 190.000 KKH-Versicherten im Alter von sechs bis 18 Jahren für die Jahre 2013 und 2023 ausgewertet. Rund 5.650 Kinder und Jugendliche dieses Alters haben 2023 bundesweit diese Diagnose erhalten. Das entspricht einem Anteil von 3,0 Prozent. 2013 waren es noch 2,2 Prozent. Der Anteil in den verschiedenen Altersgruppen lag 2023 bei den Sechs- bis Zehnjährigen bei 5,3 Prozent, bei den Elf- bis 14-Jährigen bei 2,5 Prozent und bei den 15- bis 18-Jährigen bei 1,1 Prozent. Zudem hat die KKH anonymisierte Daten zu Sprachentwicklungsstörungen (F80 nach ICD-10 mit F80.0, F80.1, F80.8, F80.9) für 2013 und 2023 ausgewertet.

Mehr als 16.000 Sechs- bis 18-Jährige haben 2023 bundesweit eine der angeführten Diagnosen erhalten, also 8,6 Prozent. 2013 waren es noch 5,6 Prozent. Der Anteil in den verschiedenen Altersgruppen lag 2023 bei den Sechs- bis Zehnjährigen bei 17,2 Prozent, bei den Elf- bis 14-Jährigen bei 5,4 Prozent und bei den 15- bis 18-Jährigen bei 2,3 Prozent. 

Quelle: KKH Kaufmännische Kranlenkasse