Wie man lernt, sich beim Denken gerne anzustrengen

Menschen gehen gerne den Weg des geringsten Widerstands, wenn es um kognitive Anstrengung geht. Forschende haben nun herausgefunden: Werden Personen für ihre Denkleistung einmal belohnt, wählen sie später auch ohne Belohnung herausfordernde Aufgaben.

Student beim Lernen
BullRun/stock.adobe.com; posed by a model.

Ergebnis einer Studie: Wer für eine kognitive Anstrengung einmal belohnt wurde, wählt später auch ohne Belohnung eher herausfordernde kognitive Aufgaben.

Menschen gehen gerne den Weg des geringsten Widerstands, wenn es um kognitive Anstrengung geht – eine gängige Lehrmeinung in der Kognitionspsychologie. Forschende der Universität Wien und der Technischen Universität Dresden kommen nun zu einem anderen Fazit: Bekommen Personen einmal eine Belohnung für ihre Denkleistung, wählen sie später auch dann herausfordernde Aufgaben, wenn sie keine Belohnung für ihre kognitiven Anstrengung mehr erhalten. 

Wann werden Denkanstrengungen als lohnend erlebt?

Viele außergewöhnliche menschliche Fähigkeiten wie das Lesen, das Beherrschen eines Musikinstruments oder das Programmieren komplexer Software erfordern tausende Stunden des Übens und ständige kognitive Anstrengung. In den vorherrschenden wissenschaftlichen Theorien wird die Meinung vertreten, dass kognitive Anstrengung als unangenehm erlebt wird und Menschen versuchen, wann immer möglich diese zu vermeiden.

Allerdings gibt es im Alltag viele Situationen, in denen sich Menschen scheinbar freiwillig anstrengen, selbst wenn es keine offensichtliche äußere Belohnung dafür gibt. So macht es vielen Menschen Spaß, Sudokus zu lösen, Studierende werden oft durch anspruchsvolle intellektuelle Aufgaben motiviert und Amateurpianist*innen können sich stundenlang um Perfektion bemühen, ohne dass sie, von außen betrachtet, dafür belohnt werden. In jüngster Zeit haben Wissenschaftler*innen kritisch hinterfragt, ob kognitive Anstrengung wirklich immer etwas Negatives ist. Statt stattdessen argumentieren sie, dass herausfordernde kognitive Tätigkeiten unter bestimmten Umständen als lohnend und wertvoll erlebt werden. Studien dazu fehlten bislang.

Experiment: Ist Bereitschaft zu kognitiven Anstrengungen erlernbar? 

In einem aktuellen Projekt des Sonderforschungsbereichs (SFB) 940 "Volition und kognitive Kontrolle" widmeten sich nun Forschende der Universität Wien und der Technischen Universität Dresden dieser Frage. Unter der Leitung von Veronika Job, Thomas Goschke und Franziska Korb haben die Teams erstmals unter kontrollierten Bedingungen untersucht, ob Menschen, die in einer kognitiven Aufgabe für ihre Anstrengungsbereitschaft belohnt wurden, auch bei anderen neuen Aufgaben bereit sind, sich stärker anzustrengen und von sich aus und ohne weitere Belohnung schwierigere Aufgaben wählen als Personen einer Vergleichsgruppe.

Im einem ersten Experiment mit 121 Testpersonen erhoben Georgia Clay und Christopher Mlynski mithilfe kardiovaskulärer Messungen, wie sehr sich jemand bei verschiedenen kognitiven Aufgaben in einer Trainingsphase anstrengt. Die Belohnung wurde dabei direkt durch die Anstrengung bestimmt: Wenn sich eine Person bei schwierigen Aufgaben mehr angestrengt hatte, erhielt sie eine höhere Belohnung als bei einfachen Aufgaben, in denen sie sich nur wenig angestrengt hatte. In der Vergleichsgruppe wurde die Belohnung zufällig zugeteilt und war unabhängig davon, wie sehr sich jemand angestrengt hatte. Beide Gruppen erhielten gleich viel Belohnung, aber nur die eine wurde gezielt für die Anstrengung belohnt, die anderen nicht. Im Anschluss bearbeiteten alle Testpersonen Mathematikaufgaben, bei denen sie selbst die Schwierigkeitsstufe der Aufgaben auswählen konnten, die sie bearbeiten wollten. Fazit: „Personen, die zuvor für Anstrengung belohnt worden waren, wählten im Anschuss schwierigere Aufgaben als Personen der Vergleichsgruppe, obwohl ihnen bewusst war, dass sie keine externe Belohnung mehr erhalten würden“, erklärt Prof. Veronika Job von der Fakultät für Psychologie der Universität Wien.

Ergebnis zeigt: Schon nach einmaliger Belohnung steigt die Bereitschaft zur Anstrengung.

Weitere Experimente bestätigen Ergebnisse

Um zu untersuchen, ob sich die Effekte einer anstrengungsabhängigen Belohnung erneut zeigen und verallgemeinern lassen, wurden fünf weitere Experimente mit insgesamt 1457 Testpersonen online durchgeführt. Dabei erhielten die Personen in der Experimentalgruppe für schwierige Aufgaben eine höhere Belohnung als für leichte Aufgaben, unabhängig davon, wie gut sie die Aufgaben gelöst hatten. Die Belohnung hing also wieder von der notwendigen kognitiven Anstrengung und nicht von der Leistung der Teilnehmenden ab. Es zeigte sich erneut, dass eine anstrengungsabhängige Belohnung dazu führte, dass die Personen in einer nachfolgenden Testphase, in der sie Aufgaben wieder frei wählen konnte, die schwierigeren Aufgaben bevorzugten, die mehr kognitive Anstrengung erforderten.

Diese Ergebnisse stellen die weit verbreitete Auffassung in aktuellen Theorien der Kognitiven Psychologie und der Neurowissenschaften in Frage, dass Anstrengung stets als unangenehm und kostspielig erlebt wird. „Dass Menschen den Weg des geringsten Widerstands gehen möchten, ist also möglicherweise keine universelle Eigenschaft menschlicher Motivation. Die Neigung, anspruchsvolle Aufgaben zu vermeiden, könnte vielmehr das Ergebnis individueller Lerngeschichten sein, die sich je nach Belohnungsmuster unterscheiden: wurde vor allem die Leistung oder aber die Anstrengung belohnt“, schließt Thomas Goschke, Professor für Allgemeine Psychologie an der TU Dresden und Sprecher des SFB 940.

Quelle: Pressemitteilung /Technische Universität Dresden