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Musik ist Bestandteil der menschlicher Kulturen wohl seit es uns Menschen gibt. So haben archäologische Ausgrabungen noch intakte und benutzbare Flöten zutage gefördert, die bis zu 9000 Jahre alt sind [1]. Es wurden aber noch deutlich ältere Instrumente gefunden: Die drei ca. 40.000 Jahre alten Schwanenknochenflöten vom Geißenklösterle oder die wohl von Neandertalern benutzte Flöte von Divje babe im nördlichen Slowenien.
Auch in der Gegenwart begleitet uns Musik beispielsweise bei religiösen Zeremonien, festlichen Zusammenkünften, beim Einkaufen im Supermarkt oder dem Kinofilm. Anders als noch vor wenigen Jahrzehnten ist Musik heute jedermann zugänglich, allein durch die zahlreichen digitalen Geräte.
Wie beeinflusst Musik die Gesundheit?
Über die unterhaltsame oder emotionale Wirkung von Musik hinaus stellen sich noch weitere Fragen: Kann Musik unsere Gesundheit beeinflussen? Wenn ja, ist jede Musik gleichwertig? Oder gibt es Genres und Stile, die die Gesundheit stärker fördern?
Die Wissenschaft hat dazu in den letzten Jahrzehnten intensiv geforscht. Studien aus Neurowissenschaften, Psychologie und Medizin zeigen: Musik stimuliert nicht nur das Gehirn, sondern kann auch physiologische Prozesse wie Herzfrequenz, Stresshormone und sogar Zellwachstum beeinflussen.
Die Idee, dass Musik heilende Wirkungen haben kann, ist nicht neu. Schon griechische Ärzte und Gelehrte wie Hippokrates oder Aristoteles empfahlen Musik für Erkrankungen. Noch frühere schriftliche Zeugnisse für Musiktherapie stammen aus dem alten Ägypten und Mesoptamien [2].
Heute untermauern randomisierte kontrollierte Studien und Meta-Analysen die positiven Wirkungen der Musik. So deuten Forschungsarbeiten zum Beispiel darauf hin:
- Klassische Musik kann Stress reduzieren und die Herzgesundheit fördern.
- Laute Genres wie Heavy Metal könnten unter Umständen auch schädliche Effekte haben.
Doch die Ergebnisse sind nuanciert: Nicht jede Musik wirkt bei jedem gleich. Außerdem spielen viele Faktoren wie Tempo, Lautstärke, persönliche Vorlieben und Kontext eine Rolle.
Grundlegende Mechanismen von Musik
Zunächst lohnt ein Blick auf die grundlegenden Mechanismen, wie Musik uns beeinflusst.
Musik aktiviert multiple Gehirnregionen:
- Die wichtigste ist das Belohnungszentrum mit dem Nucleus accumbens. Dort werden der Neurotransmitter Dopamin freigesetzt und positive Emotionen erzeugt.
- Bildgebende Untersuchungen haben zudem gezeigt, dass fast kein Gehirnbereich unberührt bleibt: Das Belohnungs- und Hörzentrum, das für die Reglung von Gefühlen verantwortliche limbische System sowie motorische und sensorische Areale werden angeregt. Letztere können unwillkürliche Bewegungen und Empfindungen wie Kribbeln oder Wohlgefühle bedingen [3].
Auf physiologischer Ebene beeinflusst Musik das autonome Nervensystem:
- Langsame, harmonische Melodien können den Parasympathikus aktivieren.
- Das führt zu Entspannung, niedrigerem Blutdruck und reduziert Kortisol. Das Stresshormon ist mit chronischen Erkrankungen sowie Herz-Kreislauf-Problemen assoziiert [4].
Weiter findet sich ein positiver Einfluss auf das Immunsystem:
- Musik senkt Entzündungsmarker und steigert die Produktion von Glutathion. Dieses Antioxidans schützt Zellen vor oxidativem Stress [5].
- Es gibt sogar Hinweise, dass sich Musik positiv auf die Darmflora auswirkt. Das deutet darauf hin, dass Musik auch auf zellulärer Ebene wirkt, möglicherweise durch Schwingungen, die Gene aktivieren [6].
Ein weiterer Aspekt ist die Neuroplastizität:
- Musik fördert die Bildung neuer neuronaler Verbindungen. Das kann besonders älteren Menschen oder Patienten mit neurologischen Erkrankungen helfen.
- Musik kann sich positiv auf soziale Bindungen, kognitive Fähigkeiten und Sprachverarbeitung auswirken. Deshalb sind viele Forscher der Ansicht, dass Musiktherapie bei neurologischen Störungen eingesetzt werden kann, um beeinträchtigte Gehirnschaltkreise neu zu trainieren [7].
Kann Musik auch schaden?
Nicht alle Effekte sind positiv: Laute Musik kann das Hörvermögen schädigen und Stress auslösen, vor allem wenn sie als unangenehm und überfordernd empfunden wird. Das verdeutlicht, wie wichtig das persönliche Musikempfinden ist. Zudem hängt die Wirkung von individuellen Faktoren ab: Persönliche Vorlieben spielen eine große Rolle, da bevorzugte Musik stärker motiviert und entspannt. Ein Popmusikliebhaber muss sich also nicht zwingen klassische Musik zu hören (und umgekehrt) [8].
Außerdem zeigen wissenschaftliche Forschungen: Mit anderen oder in Gemeinschaft ausgeübte Musikaktivitäten wie Singen und Tanzen verstärken die positiven Gesundheitseffekte und fördern soziale Bindungen [9].
Musik wirkt über neurologische, hormonelle und zelluläre Pfade. Sie kann als "natürliches Medikament" genutzt werden. Der Schlüssel liegt jedoch in der Art der Musik und ihrem Kontext.
Gibt es gesundheitsförderlichere Genres?
Ehe detailliert auf einzelne Musikbereiche eingegangen wird, muss wiederholt werden: Die Forschung hat Unterschiede zwischen einzelnen Genres herausgearbeitet. Aber: Es gibt keine bestimmte Musik, die universell als die "bessere" gilt. Als wichtigstes Maß gilt der individuelle Musik-Geschmack.
Klassische Musik
Wenn eine bestimmte Musikrichtung besonders viel untersucht worden ist, dann die klassische Musik. Sie steht oft im Fokus positiver Studien. Demnach kann sie
- Angstsymptome reduzieren,
- die Stimmung verbessern,
- die Schlafqualität erhöhen,
- die mentale Klarheit steigern [10],
- den Blutdruck senken,
- die Herzfrequenzvariabilität (wichtiger Indikator für kardiovaskuläre Gesundheit) verbessern [11].
Popmusik und House
Für diese beiden Genres fällt die wissenschaftliche Evidenz geringer aus als für klassische Musik. Nichtsdestotrotz scheinen Popmusik und House-Music ebenfalls positive Wirkungen zu haben.
- Bei House-Music gelten vor allem die relativ langsamen Rhythmen als gesundheitsförderlich. Denn Musik, die langsamer gespielt wird oder weniger Schläge pro Minute hat, also eine geringere BPM, verlangsamen den Puls und das Stressniveau sinkt stärker als bei Musik mit schnelleren Rhythmen [12].
- Da Popmusik relativ heterogen ist, lassen sich schwerer Aussagen über sie treffen. In manchen Untersuchungen sind die Effekte positiv, in anderen erhöhen sie Blutdruck und Puls [13]. Das kann beim Sport vorteilhaft sein, ist aber nicht immer entspannend und gesundheitsförderlich.
In einer Studie wurden beispielsweise die Musik von Mozart, Strauß und der Pop-Gruppe ABBA miteinander verglichen. Darin waren die entspannenden, blutdruck- und pulssenkenden Effekte bei der klassischen Musik stärker ausgeprägt; bei ABBA waren sie so gut wie gar nicht vorhanden [14].
Rockmusik
Rockmusik zeigt gemischte Effekte. So gibt es einige Hinweise, dass in dieser heterogenen Gruppe Textinhalt, Frequenz und Intensität unterschiedliche Wirkungen bedingen können.
- In einer Untersuchung gaben Teilnehmer beispielsweise an, eher unter Müdigkeit, Anspannung, Aggression und Traurigkeit zu leiden, wenn sie Rockmusik hörten [15].
- Eine Tierstudie zeigte gegenteilige Effekte: Wurde den Tieren Rockmusik - in diesem Fall Soft Rock - vorgespielt, waren die Tiere ruhiger und schienen unter weniger Stress zu leiden [16].
Heavy Metal
Hier zeigt die Forschung bislang gegensätzliche Erkenntnisse.
- In einer Zellstudie führte Heavy Metal im Vergleich zu klassischer Musik zu vermehrtem Zellsterben und oxidativem Stress [17].
- Eine andere Untersuchung konnte im Gegensatz dazu keinen Unterschied zwischen den beiden Musikarten feststellen.
- Bei Komapatienten rief Heavy Metal stärkere Gehirnreaktionen hervor als Klassik, was therapeutisch nutzbar, aber überstimulierend sein könnte [18].
Also: Heavy Metal muss nicht unbedingt von der Musikliste gestrichen werden. Aber einige Hinweise deuten auf eine weniger bis gar nicht ausgeprägte Gesundheitswirkung hin. Zudem können hohe Lautstärken das Gehör schädigen und Stress hervorrufen, insbesondere bei sehr lautem Heavy Metal.
Fazit: Die persönlichen Vorlieben wohl entscheidend
Selbstverständlich gibt es noch weitere Musikrichtungen und noch längst sind nicht alle ausreichend wissenschaftlich erforscht. Bisherige Ergebnisse deuten aber an, dass manche Musikgenres gesünder als andere wirken können:
- Klassische und entspannte Genres scheinen eher den Stressabbau und die Gesundheit zu fördern.
- Schnellere Musik könnte die Aktivität und möglicherweise auch Aggression fördern.
- Am wichtigsten aber ist: der eigene Geschmack. Denn Studie um Studie zeigt, dass die für Ihre Gesundheit beste Musik diejenige ist, die Ihnen am besten gefällt.
Dr. med. Peter Niemann

Peter Niemann arbeitet als Geriater, Internist und Integrativmediziner vor allem in den USA. Der Autor einer Reihe von Gesundheitsratgebern bietet aber auch Beratungen zu Anti-Aging, Anti-Entzündung, Testosteronmangel und vielen anderen Themen an.
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- Chan MMY, Han YMY. The Functional Brain Networks Activated by Music Listening: A Neuroimaging Meta-Analysis and Implications for Treatment. Neuropsychology 2022; https://doi.org/10.1037/neu0000777
- Kulinski J et al. Effects of Music on the Cardiovascular System. Trends in Cardiovascular Medicine 2021; https://doi.org/10.1016/j.tcm.2021.06.004
- Orak Y et al. Effect of Music Therapy on Glutathione Peroxidase, Malondialdehyde and Pain in Patients Undergoing Oocyte Retrieval: A Randomized Controlled Trial. European Journal of Integrative Medicine 2023; https://doi.org/10.1016/j.eujim.2023.102266
- Zhang Z et al. Effects of Music and White Noise Exposure on the Gut Microbiota, Oxidative Stress, and Immune-Related Gene Expression of Mice. Microorganisms 2023; https://doi.org/10.3390/microorganisms11092272
- Zaatar MT et al. The Transformative Power of Music: Insights into Neuroplasticity, Health, and Disease. Brain, Behavior, & Immunity - Health 2023; https://doi.org/10.1016/j.bbih.2023.100716
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- Dingle GA et al. How Do Music Activities Affect Health and Well-Being? A Scoping Review of Studies Examining Psychosocial Mechanisms. Frontiers in Psychology 2021; https://doi.org/10.3389/fpsyg.2021.713818
- Burrai F et al. Beneficial Effects of Listening to Classical Music in Patients with Heart Failure: A Randomized Controlled Trial. Journal of Cardiac Failure 2019; https://doi.org/10.1016/j.cardfail.2019.12.005
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