
Rund 40 Prozent der Bevölkerung in Indien ernährt sich vegetarisch, das sind etwa 480 Millionen Menschen. Das hat vor allem religiöse Gründe: Die Mitglieder der „Jain Religion“ und einige hinduistische Glaubensgemeinschaften befolgen seit Jahrhunderten eine vegetarische Ernährung. Daneben spielen noch kulturelle Aspekte eine Rolle, so das indische Kastenwesen, die Brahman-Kaste, zu denen viele Gelehrte und Priester zählen, ernährt sich vegetarisch [1].
Gerade bei der armen Bevölkerung Indiens führt die vegetarische und – dem geringen Einkommen geschuldete – einseitige Ernährung zu erheblichem Eisenmangel. Rund 53 Prozent der indischen Frauen leidet Untersuchungen zufolge an einer durch Eisenmangel bedingten Anämie [2]. Eine Anämie ist ein kritischer Mangel am roten Blutfarbstoff Hämoglobin, der für den Transport von Sauerstoff im Körper zuständig ist. Für seine Bildung ist Eisen notwendig. Ein Mangel an Eisen kann daher zu einem Mangel an Hämoglobin führen, die Gewebe können nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt werden. Betroffene sind in ihrer körperlichen und geistigen Leistungsfähigkeit eingeschränkt.
Die indische Regierung versucht seit Jahrzehnten, den Eisenmangel mit verschiedenen Programmen in den Griff zu bekommen. Ein Teil der Strategie gegen den Eisenmangel könnten auch Gewürze wie Ingwer (Zingiber officinalis) sein.
Neue Strategien für die Aufnahme von Eisen aus pflanzlicher Ernährung
Eisen liegt in unserer Ernährung in zwei Formen vor: Als Hämeisen in Lebensmitteln tierischen Ursprungs und als Nicht-Hämeisen in pflanzlicher Ernährung. Hämeisen können wir gut aufnehmen: Rund ein Drittel des Hämeisens aus dem Essen landet in unserem Blut. Nicht-Hämeisen verwerten wir leider schlecht, nur zwischen 1 bis 10 Prozent nehmen wir auf. Wer sich vegetarisch ernährt, hat zwar teilweise genauso viel Eisen auf dem Teller wie ein Fleischesser – leider aber in einer Form, die schlecht verwertet wird. Aus diesem Grund werden derzeit in Indien Möglichkeiten erforscht, die Aufnahme von Nicht-Hämeisen zu fördern. Auch der Ingwer landete im Fokus der Forschung.
Ingwer ist in der indischen Küche weit verbreitet, daneben spielt er auch in der in Indien verbreiteten Ayurveda-Heilkunde eine wichtige Rolle. Laut deren Lehren regt Ingwer das Verdauungsfeuer an, das dafür sorgt, dass die Energie und wertvollen Nährstoffe aus der Ernährung aufgenommen werden. Dies scheint bei Eisen der Fall zu sein.
So fördert Ingwer die Aufnahme von Nicht-Hämeisen
Einzelne Studien ergaben, dass die Ingwerknolle die Aufnahme von Eisen verbessern kann, insbesondere jene von Nicht-Hämeisen. Ingwer konnte in einer Studie die Eisenaufnahme um mehr als doppelte steigern [3]. Teilweise konnte Ingwer die Aufnahme von Eisen sogar um 300 Prozent anheben [4]. Die genauen Gründe dafür sind noch nicht bekannt. Der Vitamin-C-Gehalt der Knolle könnte eine Rolle spielen, da Vitamin C die Aufnahme von Eisen steigert. Diese sollen auch seine Aminosäuren fördern. Seine Scharfstoffe 6-Shogaol und 6-Gingerol förderten in Tierstudien die Produktion von roten Blutkörperchen. Dieser Effekt könnte Symptome des Eisenmangels entgegenwirken [5].
Die entzündungshemmende und antioxidative Wirkung von Ingwer könnte zudem den Nebenwirkungen einer oralen Eisentherapie entgegenwirken. Bei der oralen Einnahme von Eisenpräparaten werden im Darm freie Radikale gebildet, die unter anderem Verdauungsbeschwerden und Entzündungsprozesse auslösen können. Eine 2016 veröffentlichte Studie legt nahe, dass Ingwer Entzündungsbotenstoffe und Beschwerden bei Menschen während einer oralen Eisentherapie senken könnte [6].
So kannst Du Ingwer zu Dir nehmen
Eine einfache und schmackhafte Methode Ingwer einzunehmen, ist das Ingwerwasser. Hierfür schneidest Du bis zu 3-mal täglich ein daumengroßes Stück frische Ingwerknolle in dünne Scheiben und übergießt sie mit kochendem Wasser. Das Ingwerwasser lässt Du dann zugedeckt 10 Minuten ziehen und trinkst es am besten vor den Mahlzeiten.
Alternativ ist die in Apotheken erhältliche Ingwertinktur (Zingiberis tinctura) eine Option. Man kann bis zu 3-mal täglich 15 bis 20 Tropfen mit etwas Flüssigkeit vor den Mahlzeiten einnehmen. Eine zeitliche Begrenzung der Einnahme ist nicht notwendig, das heißt, man kann die Tropfen über einen langen Zeitraum einnehmen.
Daneben bietet sich Ingwer auch als Gewürz für Deine Speisen an. Ich werfe hierfür frischen Ingwer in den Zerkleinerer unserer Küchenmaschine (ca. 1 daumengroßes Stück pro Person) und brate dann die zerkleinerte Knolle mit Zwiebeln und Knoblauch an. Das ergibt eine gute Grundlage für Saucen, Currys oder Suppen. Frischer Ingwer hat eine angenehm zitronige Schärfe.
Vorsicht während der Schwangerschaft
Ingwer während der Schwangerschaft: Bisweilen wird vor dem Einsatz von Ingwer in der Schwangerschaft gewarnt. In Maßen als Gewürz verwendet (bis zu 5 g frischer Ingwer pro Tag), stellt nach heutigen Erkenntnissen kein Risiko für die Schwangerschaft dar.
Vor einer therapeutischen Einnahme – wie die in diesem Beitrag empfohlene Einnahme von Tropfen zur Verbesserung der Eisenaufnahme – sollte jedoch Rücksprache mit einem Arzt erfolgen.
Monografien und Erfahrungsheilkunde
Die Monografien von HMPC, Kommission E und ESCOP empfehlen den Einsatz von Ingwer
- zur Vorbeugung von Übelkeit und Erbrechen bei Reisekrankheit oder
- im Zusammenhang mit einer Schwangerschaft (nur unter ärztlicher Aufsicht!) und
- bei Verdauungsbeschwerden wie Blähungen und Flatulenz.
- Eine Einnahme zur Förderung der Eisenaufnahme kann aufgrund der Erkenntnisse der Erfahrungsheilkunde empfohlen werden.
Vorsicht: Bei bestehendem Eisenmangel ist die Einnahme von Ingwer unzureichend, sie kann aber die in der ärztlichen Praxis empfohlenen Maßnahmen ergänzen.
Wechselwirkungen von Ingwer mit anderen Medikamenten sind nicht bekannt. Als mögliche Nebenwirkungen können leichte Verdauungsbeschwerden wie Unwohlsein oder Durchfall auftreten.
Und zum Schluss …
Der Mensch verwendet Gewürze nicht nur des guten Geschmackes wegen. Viele unserer Gewürze sind wichtige Heilpflanzen, von deren Einnahme wir profitieren. Das gilt auch für den Ingwer, der bei uns immer beliebter wird.
Untersuchungen aus Indien zeigen, dass die Knolle auch bei der Aufnahme von Eisen hilfreich sein könnte. Dieser Effekt dürfte vor allem bei vegetarischen Gerichten zum Tragen kommen. Diese können zwar reich an Eisen sein (Beispiel: Hülsenfrüchte), doch leider nehmen wir ihr Eisen schlecht auf. Ingwer könnte Studien zufolge die Aufnahme verbessern.
Wichtiger Hinweis!
Wie jede Wissenschaft ist die Heilpflanzenkunde ständigen Entwicklungen unterworfen. Soweit in diesem Beitrag medizinische Sachverhalte, Anwendungen und Rezepturen beschrieben werden, handelt es sich naturgemäß um allgemeine Darstellungen, die eine individuelle Beratung, Diagnose und Behandlung durch eine Ärztin, einen Arzt oder eine/einen Apothekerin nicht ersetzen können. Jede*r Nutzende ist für die etwaige Anwendung und vorherige sorgfältige Prüfung von Dosierungen, Applikationen oder sonstigen Angaben selbst verantwortlich. Autor*innen und Verlag haben große Sorgfalt darauf verwendet, dass diese Angaben bei ihrer Veröffentlichung dem aktuellen Wissensstand entsprechen. Eine Haftung für Schäden oder andere Nachteile ist jedoch ausgeschlossen.
Für die meisten Heilpflanzen fehlen Studien zu Unbedenklichkeit bei der Anwendung in der Schwangerschaft und während der Stillzeit, sowie bei Säuglingen, (Klein-)Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren. Alle beschriebenen Anwendungen sollten daher, sofern nicht ausdrücklich im Beitrag anders beschrieben, bei diesen Personen und in diesen Lebensphasen nicht ohne ärztliche Zustimmung angewendet werden.
- Gregerson J. Vegetarianism. A History. Fremont: Jain Publishing Company; 1995
- Rai RK, Kumar SS, Sen Gupta S et al. Shooting shadows: India's struggle to reduce the burden of anaemia. Br J Nutr. 2023; 129(3): 416-427. DOI: 10.1017/S0007114522000927
- Ooi SL, Pak SC, Campbell R et al. Polyphenol-Rich Ginger (Zingiber officinale) for Iron Deficiency Anaemia and Other Clinical Entities Associated with Altered Iron Metabolism. Molecules 2022; 27(19): 6417. DOI: 10.3390/molecules27196417
- Jaiswal A, Pathania V, A JL. An exploratory trial of food formulations with enhanced bioaccessibility of iron and zinc aided by spices. LWT 2021; 143: 111122. DOI:10.1016/j.lwt.2021.111122
- Ferri-Lagneau KF, Haider J, Sang S et al. Rescue of hematopoietic stem/progenitor cells formation in plcg1 zebrafish mutant. Sci Rep. 2019; 9: 244. DOI: 10.1038/s41598-018-36338-8
- Kulkarni RA, Deshpande AR. Anti-inflammatory and antioxidant effect of ginger in tuberculosis. J Complement Integr Med. 2016; 13(2): 201-6. DOI: 10.1515/jcim-2015-0032
Sebastian Vigl
Heilpraktiker mit dem Therapieschwerpunkt Phytotherapie


