InulinPflanzliches Inulin für einen gesunden Darm

Darmsymbionten arbeiten für uns – doch nicht umsonst. Sie haben auch Bedürfnisse, die unter anderem durch Inulin befriedigt werden können.

3 Pastinaken auf türkisem Untergrund
superfood/stock.adobe.com
Wurzelgemüse wie Pastinaken enthalten reichlich Inulin.

Wir leben in Symbiose mit vielen Darmbakterien

Zwischen den Darmsymbionten und uns bestehen alte Verträge: Sie unterstützen sogar die Effektivität von eingenommenen Arzneidrogen steigern sie, da sie viele Phyto-Wirkstoffe aktivieren (mehr dazu in meinem Beitrag: Wie Deine Darmflora die Wirkung von Heilpflanzen steigert).

Doch was bekommen sie als Gegenleistung? Ganz einfach: Kost und Logis. Dünn- und Dickdarm sorgen zunächst für ein Milieu, in dem sich unsere Darmsymbionten wohl fühlen. Etwas feucht soll es sein, gut durchwärmt und – ganz wichtig – der pH-Wert soll stimmen. Ein leicht saures Milieu sorgt dafür, dass sich Darmsymbionten wohl fühlen und gedeihen. Es verdrängt auch unliebsame Bakterien, die uns und unseren Darmsymbionten das Leben schwer machen können.

Und wie sieht es mit der Kost aus? Darmsymbionten bedienen sich an dem, was wir auch essen. Kommt der Nahrungsbrei in den Darm, wird er von den Darmsymbionten bearbeitet. Sie stehen jedoch nicht in Konkurrenz zu uns und essen uns das weg, was wir auch begehren. Sie haben sich auf Nahrungsbestandteile spezialisiert, die für uns nicht verdaulich sind. Insbesondere geht es hier um langkettige Kohlenhydrate. Für die fehlen uns die Enzyme. Nur rund 10 Enzyme produzieren wir für die Verdauung von Kohlenhydraten, rund 200 hingegen die Darmsymbionten [1]. Das kommt auch uns zugute: Spalten sie für uns unverdauliche Kohlenhydrate auf, behalten sie nur einen Teil der Ausbeute, den Rest stellen sie uns zur Verfügung. Besonders gut lässt sich dies beim Inulin demonstrieren. 

Das natürliche Präbiotikum Inulin

Inulin ist ein wichtiger Speicherstoff von Pflanzen. Er wird vor allem im Herbst in den Wurzeln gebildet und bildet eine wichtige Ressource, von der die Pflanze im Frühjahr dann zehren kann. Verschiedene Arzneipflanzen sind Inulin-haltig. Wir finden den Stoff zum Beispiel in der Wurzel des Löwenzahns (Taraxacum officinale) und der Wegwarte (Cichorium intybus). Auch viele Wurzelgemüse enthalten Inulin, zum Beispiel Topinambur (Helianthus tuberosus), die Schwarzwurzel (Scorzonera hispanica) und die Pastinake (Pastinaca sativa) [2]. Auch Chicorée, Zwiebeln und Lauch sind außergewöhnlich inulinreich.

Inulin besteht aus vielen Fructose-Bausteinen – Fructose ist eigentlich für uns verdaulich, aber nicht in einer solch komplexen Zusammensetzung. Inulin passiert daher unbehelligt unsere Darmenzyme und gelangt unverändert in tiefere Darmabschnitte. Dort trifft es auf Bakterien, die mithilfe ihres Enzyms Inulinase Inulin in seine Fructose-Bestandteile zerlegen und sich von diesen ernähren. Dabei produzieren sie die kurzkettigen Fettsäuren Proprionsäure, Buttersäure und Essigsäure und deren Salze und Ester Propionat, Butyrat und Acetat. Diese Stoffe kommen wieder uns zugute, sie hemmen im Darm Entzündungsprozesse, versorgen die Zellen der Darmschleimhaut mit Energie, fördern die Bewegung des Darms (Peristaltik), die Aktivität des Immunsystems und die Wehrhaftigkeit der Darmschleimhaut gegenüber Toxinen und Krankheitserregern. Ein Teil der kurzkettigen Fettsäuren gelangt ins Blut und hilft dabei, hohe Blutfettwerte zu senken, und kann positive Auswirkungen auf unsere Stimmung und kognitiven Leistungen haben [3].

Inulin ist also für uns unverdaulich, ernährt aber auch die Darmsymbionten: Aus diesem Grund zählt es zu den natürlichen Präbiotika, also Stoffe, die eine diverse und gesunde Darmflora fördern.

Inulin für ein gesundes Multi-Kulti im Darm

Unter den Inulin-Spezialisten unserer Darmflora sind besonders die Bifidobakterien hervorzuheben. Sie sind die "Wächter" des Milieus im Dickdarm. Mithilfe der von ihnen produzierten Milchsäure halten sie schädliche Keime fern und fördern die Diversität von Darmsymbionten. Eine durch Inulin gestärkte Bifidobakterien-Fraktion sorgte in Untersuchungen für ein Gedeihen von Faecalibacterium prausnitzii oder Ruminococcus sowie verschiedene Arten der Bakteriengattung Bacteroides wie Bacterioides uniformis oder Bacterioides caccae. All dies sind wichtige Keime für die Darmgesundheit [4]. Schädliche Keime wie zum Beispiel Campylobacter jejuni, Clostridium perfringens und Salmonellen, pathogene Stämme von Escherichia coli oder Bilophila wadsworthia werden hingegen durch die Inulineinnahme zurückgedrängt [5]. 

So stärkt Du Deine Darmgesundheit mit Inulin

Vielleicht hast Du jetzt die Idee, Dir möglichst viel Inulin zuzuführen. Davon rate ich aber ab. Wer viel Inulin zu sich nimmt, kann unter Nebenwirkungen wie Blähungen oder Durchfall leiden. Ergebnisse aus der Grundlagenforschung lassen sogar vermuten, dass eine zu hohe Inulinzufuhr schädlich sein kann, da sie zur Bildung von toxischen Substanzen führen könnte [6]. 

Ich empfehle daher, regelmäßig Inulin-reiche Gemüsepflanzen (siehe oben) in die Ernährung einzubauen. Daneben kann eine Teetherapie mit Inulin-haltige Arzneipflanzen sinnvoll sein.

Teerezept

Das folgende, einfache Teerezept kannst Du Dir in einer Apotheke mischen lassen:

  • 55 g Löwenzahnwurzel (Taraxaci radix)
  • 55 g Wegwartenwurzel (Cichorii radix)

Überbrühe davon 2- bis 3-mal täglich 1 TL mit ¼ Liter siedendem Wasser und lasse es zugedeckt 15 Minuten lang ziehen. Ungesüßt während oder kurz vor den Mahlzeiten trinken. 

Löwenzahn und Wegwarte könnten mit ihrem natürlichen Inulingehalt Deine Darmgesundheit fördern. Diese Anwendung empfehle ich aufgrund bisheriger Studienergebnisse und den Erkenntnissen der Erfahrungsheilkunde.

Die Monografien von Kommission E, ESCOP und HMPC sprechen beiden Heilpflanzen zwar eine verdauungsfördernde Wirkung zu, die Effekte auf die Darmflora sind dort aber noch nicht erwähnt.

Neben- und Wechselwirkungen sind für beide Pflanzen nicht bekannt. Als Gegenanzeigen sind bestehende Allergien gegen Korbblütler (Asteraceae) zu nennen.

Wie Du das obige Rezept mit Kapuzinerkresse (Tropaeolum majus) und Holunder (Sambucus nigra) ergänzen kannst, zeige ich Dir in meinem Beitrag Mit dieser Teemischung stärkst Du Deine Darmflora

Und zum Schluss 

Inulin ist ein wichtiger Stoff, der für Kost und Logis für unsere Darmsymbionten sorgt. Einerseits liefert er ihnen Nahrungsbestandteile. Andererseits sorgt er dafür, dass Bifidobakterien für ein günstiges Milieu im Dickdarm sorgen und damit für Logis für viele unterschiedliche Darmsymbionten. Davon profitieren auch wir: Eine gesunde Darmflora produziert verschiedene Stoffe wie die kurzkettigen Fettsäuren, die für einen gesunden Darm sorgen.

Inulinhaltige Gemüse und Arzneipflanzen wie Löwenzahn und Wegwarte könnten Deiner Darmgesundheit zugutekommen. 

Wichtiger Hinweis!

Wie jede Wissenschaft ist die Heilpflanzenkunde ständigen Entwicklungen unterworfen. Soweit in diesem Beitrag medizinische Sachverhalte, Anwendungen und Rezepturen beschrieben werden, handelt es sich naturgemäß um allgemeine Darstellungen, die eine individuelle Beratung, Diagnose und Behandlung durch eine Ärztin, einen Arzt oder eine/einen Apothekerin nicht ersetzen können. Jede/Jeder Nutzende ist für die etwaige Anwendung und vorherige sorgfältige Prüfung von Dosierungen, Applikationen oder sonstigen Angaben selbst verantwortlich. Autoren und Autorinnen und Verlag haben große Sorgfalt darauf verwendet, dass diese Angaben bei ihrer Veröffentlichung dem aktuellen Wissensstand entsprechen. Eine Haftung für Schäden oder andere Nachteile ist jedoch ausgeschlossen.

Für die meisten Heilpflanzen fehlen Studien zu Unbedenklichkeit bei der Anwendung in der Schwangerschaft und während der Stillzeit, sowie bei Säuglingen, (Klein-)Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren. Alle beschriebenen Anwendungen sollten daher, sofern nicht ausdrücklich im Beitrag anders beschrieben, bei diesen Personen und in diesen Lebensphasen nicht ohne ärztliche Zustimmung angewendet werden.

  1. Nelson KE, Weinstock GM et al. The Human Microbiome Jumpstart Reference Strains Consortium. A catalog of reference genomes from the human microbiome. Science 2010; 328
  2. Shoaib M, Shehzad A, Omar M et al. Inulin: Properties, health benefits and food applications. Carbohydr Polym 2016; 147: 444–454
  3. Birkeland E, Gharagozlian S, Birkeland KI et al. Prebiotic effect of inulin-type fructans on faecal microbiota and short-chain fatty acids in type 2 diabetes: a randomised controlled trial. European journal of nutrition 2020; 59(7): 3325–3338
  4. Healey G, Murphy R, Butts C et al. Habitual dietary fibre intake influences gut microbiota response to an inulin-type fructan prebiotic: a randomised, double-blind, placebo-controlled, cross-over, human intervention study. Br J Nutr 2018; 119(2): 176–189
  5. Vandeputte D, Falony G, Vieira-Silva S et al. Prebiotic inulin-type fructans induce specific changes in the human gut microbiota. Gut 2017; 66(11):1968–1974
  6. Singh V, Yeoh BS, Chassaing B et al. Dysregulated Microbial Fermentation of Soluble Fiber Induces Cholestatic Liver Cancer. Cell 2018; 175(3): 679-694.e22

Heilpraktiker mit dem Therapieschwerpunkt Phytotherapie

Erfahren Sie mehr über den Autor