SchilddrüseBegleiterkrankungen der Schilddrüse

Es bestehen vielfältige Zusammenhänge zwischen Erkrankungen der Schilddrüse und rheumatischen Beschwerden sowie Schmerzerkrankungen der Muskeln und Gelenke.

3D Illustration einer Schilddrüse
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Funktionsstörungen und Erkrankungen der Schilddrüse können sehr vielfältige Symptome verursachen, von harmlosen Beschwerden bis hin zu lebensbedrohlichen Erscheinungen.

Schilddrüse und rheumatische Erkrankungen

Sowohl eine Überfunktion der Schilddrüse (Hyperthyreose) als auch eine Unterfunktion der Schilddrüse (Hypothyreose) kann, unabhängig von der zugrunde liegenden Ursache, zu rheumaähnlichen Beschwerden führen. Eine Autoimmunerkrankung der Schilddrüse, sei es ein Basedow oder ein Hashimoto, kann ebenfalls verknüpft sein mit einer Erkrankung aus dem rheumatischen Formenkreis auf autoimmunologischer Basis.

Basedow und Rheuma Ein Blick zurück in das Jahr 1840: Bereits in seiner denkwürdigen Schrift über die Augenveränderungen bei einer Überfunktion der Schilddrüse beschreibt der in Merseburg praktizierende Arzt Carl von Basedow einen Fall, wo einige Zeit nach Auftreten der Schilddrüsenüberfunktion sich auch typische rheumatische Beschwerden einstellten. Ich selbst habe in den frühen Jahren meiner Praxistätigkeit eine damals 38-jährige Patientin erlebt, bei der ich kurz vor Weihnachten eine Basedow-Hyperthyreose diagnostiziert hatte. Zurückgekehrt aus dem Weihnachtsurlaub, staunte ich nicht schlecht, als dieselbe Frau einen weiteren Termin in der Praxis hatte, diesmal zur nuklearmedizinischen Untersuchung der Knochen und Gelenke. Die Diagnose war schnell klar: Die Patientin hatte zusätzlich zu dem Basedow eine primär chronische Polyarthritis als weitere Autoimmunerkrankung. 

Kombination von Autoimmunerkrankungen

Es ist eine bekannte Tatsache, dass ein Mensch entweder zeitgleich oder in einem gewissen zeitlichen Abstand eine oder sogar mehrere weitere Autoimmunerkrankungen entwickeln kann. Beispielsweise kann eine Autoimmunthyreoiditis mit einer Myasthenia gravis (wörtlich übersetzt: schwere Muskelschwäche, einer neurologischen Autoimmunerkrankung) verknüpft sein, aber auch mit einem Diabetes mellitus Typ I, einer autoimmunen Gastritis, einer vorzeitigen Ovarialinsuffizienz (Erschöpfung der Eierstockfunktion) oder einer Nebenniereninsuffizienz. Laut Literatur haben 3–5 % der Myasthenia-gravis-Patienten auch eine Immunhyperthyreose (Morbus Basedow), und ca. 1 % der von Basedow Betroffenen entwickeln eine Myasthenia gravis.

Hashimoto und Morbus Addison Das Zusammentreffen eines Hashimoto mit einer Nebenniereninsuffizienz (Morbus Addison) wird nach einem Würzburger Pathologen, der dieses Krankheitsbild ca. 1930 beschrieben hatte als »Schmidt-Syndrom« bezeichnet. Ich hatte einmal einen zum damaligen Zeitpunkt 30-jährigen Hashimoto-Patienten, bei dem mir ein bräunlicher Teint auffiel. Ich schaute mir die Handinnenflächen an, die ebenfalls braun waren. Damit war für mich die Diagnose klar: Zusätzlich zum bereits diagnostizierten Hashimoto lag auch eine Nebenniereninsuffizienz vor, eine Unterfunktion der Nebennieren. Ich brauchte die dazu passenden Laborwerte nur noch zur Absicherung und zur Dokumentation. Für mich als Erfahrenen war es eine Blickdiagnose. Ich schickte den Patienten zur Einstellung des Morbus Addison in die Klinik. Als diese von mir eilends den Befund anforderte, erfuhr ich, dass der Patient im Aufzug auf dem Weg zur Station zusammengebrochen war: Muskelschwäche infolge des Schmidt-Syndroms.

Halten wir fest: Patienten und Patientinnen mit einer Nebenniereninsuffizienz sind typischerweise gebräunt, wobei die Handinnenflächen nicht ausgenommen sind von der Braunfärbung. Ein prominenter Addison-Patient war übrigens der frühere US-Präsident John F. Kennedy.

Hypothyreose und Rheuma Eine aktuelle Studie aus China diskutiert die Zusammenhänge zwischen Unterfunktion der Schilddrüse und rheumatoider Arthritis. Durch eine genomweite Assoziationsstudie fand das Autorenkollektiv heraus, dass es eine positive genetische Assoziation gibt zwischen Hypothyreose und rheumatoider Arthritis. Mit modernsten Methoden wurde also die Beobachtung des Merseburger Sanitätsrates von Basedow, die aufmerksame und kundige Schilddrüsenexperten immer wieder nachvollziehen konnten, in den Rang einer allgemeingültigen Aussage erhoben.

Schilddrüse und Muskel- und Weichteilbeschwerden

Schilddrüsenerkrankungen gehen nicht selten einher mit Beschwerden an Muskeln, Gelenken und Weichteilen. 

Hypothyreose und Muskel- und Weichteilbeschwerden Häufige muskuloskelettale Beschwerden bei Hypothyreose, also einer Unterfunktion der Schilddrüse, sind: Muskelkrämpfe, Muskelschwäche, vor allem an den Oberschenkeln, Gelenkschmerzen, Steifheit und eingeschränkte Beweglichkeit der Gelenke sowie Schwellungen an den Gelenken, unter Umständen verbunden mit Gelenkergüssen.

Karpaltunnelsyndrom Auch das Karpaltunnelsyndrom kann mit einer Schilddrüsenunterfunktion einhergehen. Dabei ist der sogenannte Nervus medianus, der in einem engen Kanal auf der Beugeseite des Handgelenks verläuft, eingeengt, was zu Missempfindungen, Schmerzen und Taubheitsgefühlen führt. Mein Tipp: Ihre Neurologin oder Ihr Neurologe hat ein Karpaltunnelsyndrom diagnostiziert und Ihnen zu einer Operation geraten? Dann bestehen Sie darauf, dass durch eine fachärztliche Schilddrüsenuntersuchung zuvor eine Hypothyreose ausgeschlossen wird! Nicht selten kamen Patienten in meine Schilddrüsensprechstunde zur Abklärung, bei denen schon ein Termin zur Operation eines Karpaltunnelsyndroms festgesetzt war.

Schmerzen an den Oberschenkeln Weitere Beschwerden an Muskulatur und Weichteilen bei einer Hypothyreose können Schmerzen an den Oberschenkeln sein, häufig verbunden mit Schwierigkeiten beim Aufstehen aus der Sitzposition heraus. Eine Besonderheit ist, dass eine Hypothyreose insbesondere auf dem Boden eines Hashimoto mit einer Fibromyalgie kombiniert sein kann. Daher ist es möglich, dass eine Kombination von Fibromyalgie- und Hypothyreosebeschwerden vorliegt.

Hyperthyreose und Muskel- und Weichteilbeschwerden

Welche Schmerzen am muskuloskelettalen System können bei einer Überfunktion der Schilddrüse, einer Hyperthyreose, auftreten? Die Antwort ist ernüchternd: Es sind im Grunde genommen dieselben Beschwerden wie bei der Hypothyreose. Ausgenommen sind das Karpaltunnelsyndrom und die Beschwerden, die sich aus der Kombination mit einer Fibromyalgie ergeben. Manchmal allerdings sind die Muskelbeschwerden bei einer Hyperthyreose so ausgeprägt, dass die Betroffenen nahezu bewegungsunfähig sind. Beiden Erkrankungen gemeinsam ist, dass es schwerfällt, aus der Sitzposition aufzustehen. Ein wichtiger Unterschied ist, dass bei der Hypothyreose eher über Muskelschmerzen, bei der Hyperthyreose eher über Muskelschwäche geklagt wird. Ein klassisches medizinisches Untersuchungsinstrument, der Reflexhammer, zeigt ganz deutlich den Unterschied zwischen den beiden Funktionszuständen: Bei Hyperthyreose sind die Reflexe stark gesteigert, bei der Hypothyreose sind sie abgeschwächt; in schweren Fällen von Schilddrüsenunterfunkton sind die Reflexe manchmal kaum noch oder gar nicht mehr auslösbar. Bei Beschwerden der Muskeln und Weichteile ist in jedem Fall eine gute Labordiagnostik wichtig. Dies gilt, wenn eine Schilddrüsenerkrankung diagnostiziert wurde und Sie Medikamente einnehmen, aber auch wenn es keine solche Diagnose gibt.

Wiederkehrende Muskellähmung Ein eigenartiges Krankheitsbild, das zeigt, wie vielfältig die Symptome einer Schilddrüsenerkrankung sind, ist eine vorübergehende Lähmung der Muskulatur bei einer Schilddrüsenüberfunktion, die hypokaliämische periodische Paralyse. Auslöser sind z. B. kohlenhydratreiche Mahlzeiten, so tritt sie nach dem Besuch eines Fast-Food-Restaurants auf, wenn Pommes und Cola konsumiert wurden. Einmal hatte ich einen solchen Fall als Komplikation eines Morbus Basedow. Infolge meiner jahrelangen Beschäftigung mit den Schilddrüsenerkrankungen und intensiver kontinuierlicher Fortbildung war mir diese sehr seltene Erscheinung vertraut. Diese Erkrankung kann einer Schilddrüsenüberfunktion vorausgehen.

Bei der hypokaliämischen periodischen Paralyse handelt sich um eine seltene Muskelerkrankung mit schmerzloser Muskelschwäche, welche symmetrisch die untere Extremität betrifft. Im Labor ist Kalium im Serum erniedrigt, während T3 und T4 erhöht sind. Die Muskelschwäche ist in der Regel vorübergehend, tritt aber immer wieder auf. Sie ist eine schwerwiegende Komplikation eines Morbus Basedow, die sogar die Aufnahme in einer Intensivstation erforderlich machen kann. Menschen asiatischer Herkunft sind im Vergleich zu Menschen europäischer Herkunft 10mal häufiger betroffen. Und im Gegensatz zur Mehrzahl der sonstigen Schilddrüsenerkrankungen sind Männer häufiger betroffen als Frauen. Die Therapie besteht in der Kaliumsubstitution und der Gabe von Propylthiouracil. 

Hypothyreose und Fibromyalgie Die Fibromyalgie ist eine weltweit verbreitete chronische Erkrankung, die gekennzeichnet ist durch Schmerzen in Muskeln, Gelenken und Weichteilen sowie durch leichte Erschöpfbarkeit, chronische Müdigkeit und Schlafstörungen. Die Diagnose wird rein klinisch gestellt, indem bei der körperlichen Untersuchung geprüft wird, ob bestimmte definierte Punkte, die sogenannten Triggerpunkte, druckschmerzhaft sind. Die Bestimmung des Antikörpers gegen Serotonin kann einen Hinweis auf die Erkrankung geben, ist aber kein Beweis. Seit langem ist bekannt, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen der Fibromyalgie und einer Hypothyreose, und es gibt eine Reihe überlappender Symptome, sodass eine exakte Schilddrüsenabklärung und eine Schilddrüsenhormonsubstitution bereits bei einer subklinischen Hypothyreose erforderlich sind. Häufig liegt auch ein Vitamin-D-Mangel vor, der substituiert werden sollte. Nicht zuletzt sind Fehlstellungen wie z. B. Skoliose oder sonstige orthopädische Probleme bei der Therapie zu berücksichtigen.

Fazit

Die wichtigste Erkenntnis ist: Funktionsstörungen und Erkrankungen der Schilddrüse können sehr vielfältige Symptome verursachen, von harmlosen Beschwerden bis hin zu lebensbedrohlichen Erscheinungen. Wegen der Vieldeutigkeit der Beschwerden ist eine subtile Feindiagnostik erforderlich, die Geduld, Erfahrung, Einfühlungsvermögen und einen souveränen Einsatz, der heute zur Verfügung stehenden technischen Möglichkeiten erfordert. Die gute Nachricht lautet: Sobald einmal die korrekte Diagnose gestellt ist, führt die optimale Therapie im Allgemeinen rasch zur Besserung der Beschwerden bis hin zur Symptomfreiheit.

Quelle: Schilddrüse im Gleichgewicht
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