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Von einer Unterfunktion der Schilddrüse (Hypothyreose) sind in Deutschland fast 10 % der Menschen betroffen. Besonders häufig tritt sie bei Frauen und älteren Menschen auf. Die schulmedizinische Therapie, die Gabe synthetischer Schilddrüsenhormone, kann naturheilkundlich gut ergänzt werden.
Knapp unterhalb des Kehlkopfes liegt ein schmetterlingsförmiges Organ, die Schilddrüse. Sie produziert wichtige Hormone für unseren Körper. Die 2 bekanntesten sind Trijodthyronin (T3) und Thyroxin (T4) – die Ziffer verweist dabei auf ihren Jodanteil: T3 besitzt 3 Jod-Atome, T4 ist mit 4 Jod-Atomen bestückt. T3 ist die kurzlebige, dafür wirksamere Variante.
Diese beiden Botenstoffe sind für unseren Organismus wie Zündfunken: Sie sorgen dafür, dass unser Energiestoffwechsel in Schwung kommt. Dies zeigt sich eindrücklich bei einer Unterfunktion der Schilddrüse, bei der das Organ zu wenig Hormone produziert: Die Betroffenen sind schwach und frieren schnell, da ihr Stoffwechsel verlangsamt ist. Doch das sind nicht die einzigen Symptome. Fast alle Organsysteme können von einer Hypothyreose betroffen sein. Die Betroffenen zeigen nicht selten nachlassendes Lebensinteresse und schotten sich ab.
Beschwerden fast im ganzen Körper
Unbehandelt führt eine Hypothyreose zu schweren körperlichen und psychischen Beeinträchtigungen wie Schädigungen des Herzens, starkem Anschwellen der Haut durch Wassereinlagerungen (Myxödem), komatösen Zuständen oder Halluzinationen.
Besonders kritisch ist eine Unterfunktion der Schilddrüse bei Kindern und Schwangeren: Die Schilddrüsenhormone regulieren nämlich die Entwicklung und Reifung des zentralen Nervensystems. Sind sie nicht ausreichend vorhanden, kann dies bei Kindern – zum Teil irreversible – Entwicklungsstörungen mit sich bringen. In stark jodarmen Regionen der Welt ist eine Hypothyreose bei Säuglingen eine der Hauptursachen für geistige Behinderung.
Immer wieder kommt es zu Fehldiagnosen
Aufgrund der Vielzahl der Symptome kommt es immer wieder zu falschen Diagnosen. Gerade die Gewichtszunahme (meist trotz nachlassendem Appetit) führt nicht selten zu Stigmatisierung und Fehldiagnosen: Betroffene bekommen im persönlichen Umfeld, aber auch in Praxen oder Kliniken, zu hören, sie müssten ihre Ernährung umstellen und sich mehr bewegen, um das vermeintliche lebensstilbedingte Übergewicht in den Griff zu bekommen.
Bei Frauen kann eine Hypothyreose unentdeckt bleiben, wenn Ärzte die Beschwerden als Befindlichkeitsstörungen oder Wechseljahresbeschwerden verkennen. Auch bei älteren Menschen sind Fehldiagnosen möglich: Sie zeigen oft nur wenige Symptome, die dann als Depression oder Demenz falsch gedeutet werden können.
Fehldiagnosen lassen sich vermeiden, indem bei entsprechenden Beschwerden auf eine gute Hormondiagnostik geachtet wird.
Ursachen
In den meisten Fällen liegt die Ursache für die Unterfunktion in der Schilddrüse selbst, hier spricht man von einer primären Hypothyreose. Die Funktion des Schilddrüsengewebes kann durch Entzündungen oder Nebenwirkungen von Medikamenten wie Antidepressiva oder Lithium beeinträchtigt sein. Zu den häufigsten Entzündungen der Schilddrüse zählt die autoimmune Hashimoto-Thyreoiditis. Auch eine teilweise oder ganze operative Entfernung der Schilddrüse oder eine Unterversorgung mit Jod oder Selen können zur primären Hypothyreose führen.
Selten ist die sekundäre Hypothyreose, bei der nicht die Schilddrüse selbst, sondern die Hirnanhangdrüse (Hypophyse) oder der Hypothalamus im Gehirn erkrankt ist. Hypothalamus und Hypophyse die Funktion der Schilddrüse. Der Hypothalamus misst den Gehalt der Schilddrüsenhormone T3 und T4 im Blut. Sind zu wenige vorhanden, aktiviert er über das Hormon TRH (Thyreotropin-Releasing-Hormon) die Produktion des Hormons TSH (Thyreoidea stimulierendes Hormon) in der Hypophyse. TSH regt wiederum die Produktion von T3 und T4 in der Schilddrüse an, welche – bei entsprechend hohen Blutspiegeln – die Produktion von TRH in der Hypophyse wieder hemmen können.
Bei einer latenten Hypothyreose schafft es die Schilddrüse, durch eine gesteigerte Aktivität ausreichend Hormone zu bilden. Symptome treten daher eher selten, zum Beispiel nur bei starker Belastung, auf.
Jodmangelgebiet Deutschland
In den letzten zwei Jahrzehnten ist die Jodversorgung in Deutschland gesunken – und Deutschland ist laut der Definition der WHO wieder Jodmangelgebiet. Dafür sorgt die nachlassende Verwendung von jodiertem Speisesalz. Die Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie schätzt, dass ein Drittel der Bevölkerung unzureichend versorgt ist.
Die Schilddrüse kompensiert dies zunächst: Sie vergrößert sich, um besser Jod aus dem Blut filtern zu können. Eine längerfristige Unterversorgung von Jod kann zu einer Hypothyreose führen.
So wird eine Hypothyreose diagnostiziert
Bei Verdacht auf eine Hypothyreose ist die hausärztliche Praxis der erste Ansprechpartner und der Bluttest die wichtigste Untersuchung. Ein erhöhter TSH-Spiegel ist ein erster Hinweis für eine mögliche Hypothyreose. Denn eine ausreichende Versorgung mit T3 und T4 hemmt zunächst die Produktion von TRH im Hypothalamus und dann von TSH in der Hypophyse. Hohe TSH-Werte lassen hingegen eine Unterversorgung mit T3 und T4 vermuten.
Des Weiteren ist die Bestimmung von T3 und T4 und deren Antikörper gegen Thyreoperoxidase (TPO-AK) und gegen Thyreoglobulin (Tg-AK) diagnostisch relevant. Das Vorhandensein der beiden Antikörper spricht für das Vorliegen einer Hashimoto-Thyreoiditis.
Bei einer behandlungsbedürftigen Hypothyreose ist TSH erhöht, T3 und T4 sind erniedrigt. Liegen T3 und T4 im Normbereich, TSH ist hingegen erhöht, spricht man von einer latenten Hypothyreose. Ob diese einer Behandlung bedarf, wird kontrovers diskutiert. In der ärztlichen Praxis wird hier oft unter Berücksichtigung von Alter der Betroffenen und einer eventuellen Schwangerschaft individuell entschieden. Bei Schwangeren erhöht eine latente Schilddrüsenunterfunktion möglicherweise das Risiko für Fehl- und Frühgeburten.
Auskunft über die Durchblutung und Größe der Schilddrüse und eventuelle Entzündungsprozesse gibt eine Ultraschalluntersuchung. Noch genauer ist die Schilddrüsenszintigrafie, ein bildgebendes Verfahren, bei dem die Funktion der Schilddrüse mithilfe radioaktiver Substanzen beurteilt wird.
Behandlung in der Schulmedizin
Der amerikanische Wissenschaftler Edward Calvin Kendall isolierte 1914 zum ersten Mal das Schilddrüsenhormon T4. Schon ein Jahrzehnt später kam synthetisch hergestelltes Thyroxin zur Behandlung der Schilddrüsenunterfunktion auf den Markt. Diese Praxis hat sich bis heute gehalten: Der Wirkstoff Levothyroxin oder L-Thyroxin kann aufgrund seiner strukturellen Ähnlichkeit mit dem körpereigenen T4 Letzteres ersetzen. L-Thyroxin wird bisweilen zusammen mit synthetischem Trijodthyronin (T3) eingesetzt.
Bei richtiger Dosierung und regelmäßiger Kontrolle des TSH-Wertes verläuft eine Behandlung mit synthetischen Schilddrüsenhormonen meist problemlos. Leider sorgen mangelnde ärztliche Kontrolle oder eigenmächtige Dosisveränderungen der Patienten dafür, dass schätzungsweise jeder 5. Betroffene überdosiert ist [3]. Dies kann zu Nebenwirkungen wie Herzrhythmusstörungen, Nervosität oder Osteoporose führen.
Wichtig!
Wer synthetische Schilddrüsenhormone einnimmt, sollte mindestens alle 4 Monate die Schilddrüsenwerte überprüfen lassen und die Dosierung nicht eigenmächtig verändern!
Naturheilkunde als Ergänzung nutzen
Naturheilkunde ist bei der Hypothyreose kein Ersatz für die schulmedizinische Therapie, kann diese aber gut ergänzen. Die Einnahme der folgenden Spurenelemente und Vitamin D zur Verbesserung der Nährstoffversorgung bedarf der ärztlichen Zustimmung.
Auf die Nährstoffzufuhr achten
Spurenelemente: Menschen mit einer Schilddrüsenunterfunktion haben Untersuchungen zufolge meist niedrigere Selen- und Zinkwerte als Gesunde [2]. Besonders Selen ist für die Bildung von Schilddrüsenhormonen wichtig, da daran beteiligte Enzyme Selen enthalten. Es ist daher sinnvoll, einen eventuellen Selen- oder Zinkmangel durch einen Bluttest nachzuweisen und dann mittels Einnahme entsprechender Präparate auszugleichen.
Vitamin D: Der wichtige Nährstoff trägt zu einer normalen Funktion der Schilddrüse bei. Menschen mit einer Unterfunktion des Organs haben häufig niedrige Vitamin-D-Spiegel [1]. Ob eine Vitamin-D-Zufuhr bei Hypothyreose sinnvoll ist, ist noch umstritten. Ratsam ist es jedoch, einen eventuellen Vitamin-D-Mangel mit einem Bluttest nachzuweisen und gegebenenfalls durch die Einnahme von Vitamin D zu beheben.
Jod: Wer kein Jodsalz verwenden will, muss auf eine alternative Jodzufuhr achten (zum Beispiel regelmäßig Seefisch oder Algen essen – beides sind gute Jodquellen). Um zu testen, ob die Jodzufuhr über die Ernährung ausreichend ist, empfehle ich die Ermittlung der Jodversorgung mit einem Urintest.
Info
Es ist ein Irrtum, dass Hashimoto-Patienten auf Jod verzichten müssen! Sie sollten jedoch mit ihrem Arzt besprechen, wie viel und auf welche Weise sie Jod zu sich nehmen. Schließlich kann sich eine übermäßige Jodzufuhr negativ auf die Erkrankung auswirken.
Die Vorteile entzündungshemmender Ernährung nutzen
Mehrere Studien liefern Hinweise darauf, dass eine Hypothyreose mit latenten Entzündungsvorgängen und oxidativem Stress einhergeht [4]. Eine Ernährung mit hohem Obst- und Gemüseanteil und damit einem hohen Gehalt an Antioxidanzien ist empfehlenswert, um die Belastung durch die Entzündung und durch freie Radikale zu minimieren. Rohes Kohlgemüse wie Kohlrabi, Weißkohl, Brokkoli oder Wirsing sollten nur in Maßen konsumiert werden. Sie enthalten Senfölglykoside, welche die Jodaufnahme der Schilddrüse hemmen können. Beim Kochen verliert sich diese Wirkung weitestgehend.
Für Bewegung sorgen
Leichte Bewegung, die Spaß und Erholung bietet (zum Beispiel Spazierengehen, Radfahren, Yoga oder Tanzen), bringt den Stoffwechsel in Schwung. Überanstrengungen sollte allerdings vermieden werden!
Stress reduzieren
Stress schadet bei Schilddrüsenerkrankungen. In der Praxis sehe ich positive Auswirkungen von Entspannungstechniken wie Meditation, Yoga oder MBSR (Achtsamkeitsbasierte Stressreduktion).
Alkohol und Zigaretten meiden
Schädigende Substanzen wie Tabak oder Alkohol sind nach Möglichkeit zu meiden.
Den Kreislauf anregen
Eine morgendliche Bürstenmassage mit einer weichen Bürste fördert die Hautdurchblutung und regt den Kreislauf an. Man beginnt dafür herzfern an den Extremitäten und bürstet dann zur Körpermitte.
Heilpflanzen als Ergänzung zur Schulmedizin einsetzen
Auch die Pflanzenheilkunde kann eine wertvolle Ergänzung sein. Denn oft erlebe ich in meiner Praxis, dass sich die Blutwerte durch die schulmedizinische Behandlung zwar bessern, viele Symptome aber weiterhin bestehen bleiben.
Wichtiger Hinweis!
Wie jede Wissenschaft ist die Heilpflanzenkunde ständigen Entwicklungen unterworfen. Soweit in der Zeitschrift medizinische Sachverhalte, Anwendungen und Rezepturen beschrieben werden, handelt es sich naturgemäß um allgemeine Darstellungen, die eine individuelle Beratung, Diagnose und Behandlung durch einen Arzt oder Apotheker nicht ersetzen können. Jeder Nutzer ist für die etwaige Anwendung und vorherige sorgfältige Prüfung von Dosierungen, Applikationen oder sonstigen Angaben selbst verantwortlich. Autoren, Herausgeber und Verlag haben große Sorgfalt darauf verwendet, dass diese Angaben bei ihrer Veröffentlichung dem aktuellen Wissensstand entsprechen. Eine Haftung für Schäden oder andere Nachteile ist jedoch ausgeschlossen.
- Taheriniya S, Arab A, Hadi A. et al. Vitamin D and thyroid disorders: a systematic review and Meta-analysis of observational studies. BMC Endocr Disord 2021; 21: 171
- Talebi S, Ghaedi E, Sadeghi E. et al. Trace Element Status and Hypothyroidism: A Systematic Review and Meta-analysis. Biol Trace Elem Res 2020; 197: 1-14
- Taylor PN, Iqbal A, Minassian C. et al. Falling threshold for treatment of borderline elevated thyrotropin levels-balancing benefits and risks: evidence from a large community-based study. JAMA Intern Med 2014; 174: 32-39
- Tellechea ML. Meta-analytic evidence for increased low-grade systemic inflammation and oxidative stress in hypothyroid patients. Can levothyroxine replacement therapy mitigate the burden?. Endocrine 2021; 72: 62-71
Autorin
Anne Wanitschek
Die Pflanzen waren mir immer nah – schon im Wald meiner Kindheit und im Garten der Großeltern. 3 Jahre lang lernte ich ihre Anwendung am ehemaligen Institut für Phytotherapie in Berlin. Seit 10 Jahren bin ich als Heilpraktikerin mit dem Schwerpunkt Phytotherapie, daneben als Autorin für naturheilkundliche Ratgeber und Fachbeiträge tätig. Die Erfahrungen in der Praxis erneuern täglich meine Begeisterung für Heilpflanzen und das Staunen darüber, dass die Medizin, die wir brauchen, oft direkt unter uns wächst.
Interessenkonflikt: Die Autorin gibt an, dass kein Interessenkonflikt besteht.



