
Während ca. 16 % der Eltern eine Nahrungsmittelallergie bei ihrem Kind vermuten, stellen sich nach konsequenter allergologischer Diagnostik nur ca. 2–4 % als betroffen heraus. Diese Diskrepanz zwischen der Wahrnehmung und den Ängsten der Eltern und dem tatsächlichen Auftreten der Allergie liegt häufig an einer Fehlinterpretation von Symptomen und führt zu einer unnötigen Vermeidung von Lebensmitteln. Eine Vermeidung ohne echten Grund ist aber wiederum problematisch für die Allergieprävention, denn viele Allergien lassen sich verhindern, wenn Eltern ihren Kindern ab dem Beikoststart eine möglichst große Vielfalt an Nahrungsmitteln zukommen lassen.
Eher untypisch für eine Allergie ab dem Beikoststart sind folgende Symptome:
- leichte Rötung der Haut um die Lippen herum (kann z. B. durch Säuren in Obst oder Tomaten ausgelöst werden; hier kann eine zinkhaltige Creme schützen)
- Rötung des Windelbereichs (kann durch Nässe oder auch Hefepilze entstehen)
- festerer oder wechselnd weicher und festerer Stuhlgang nach Beikoststart (durch die Nahrungsumstellung; Gemüsebrei stopft mehr als Muttermilch!)
- chronische Bauchschmerzen, die nicht in Verbindung mit der Nahrungsaufnahme gebracht werden können
Was ist der Unterschied zwischen einer Allergie und einer Unverträglichkeit?
Eine Unverträglichkeit ist eine nicht-immunologische Reaktion auf bestimmte Nahrungsmittel oder deren Bestandteile, die aufgrund einer Fehlfunktion im Stoffwechsel oder einer Enzym-Fehlfunktion ausgelöst wird. Blähungen und Durchfall, Müdigkeit und Kopfschmerzen können als Symptome auftreten (auch erst innerhalb von Stunden), nicht jedoch schwere allergische Reaktionen mit Kreislaufschwäche (sogenannte anaphylaktische Reaktionen). Typische Auslöser sind z. B. Laktose, Fruktose, Histamin. Als Therapiemaßnahme sollten Nahrungsmittel, die diese Stoffe enthalten, möglichst gemieden oder reduziert werden. Alternativ oder ergänzend können Enzympräparate eingesetzt werden.
Gegenüberstellung der Unterschiede von Nahrungsmittelintoleranz und -allergie
| Intoleranz | Allergie | |
| Definition | nicht-immunologisch vermittelte Reaktion, bestimmte Stoffe können nicht richtig verdaut oder nicht richtig verstoffwechselt werdenz. B. Kohlenhydrat-Malabsorption | Immunsystem-vermittelte Reaktion, spezifische Antikörper im Blut nachweisbar (sog. IgE-Antikörper) |
Symptome | meist Bauchschmerzen, Blähungen, Durchfall seltener sog. pseudallergische Reaktionen wie Atembeschwerden, Hautausschläge verzögerte Reaktion (Stunden bis Tage) |
Haut: Nesselsucht (Urtikaria) |
| Beispiele | minintoleranz Laktoseintoleranz Fruktoseintoleranz |
Erdnuss-Allergie |
| Therapie | Enzymsubstitution |
Eliminationsdiät
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*Diese IgE-vermittelte Weizen-Allergie ist klar von der Zöliakie, einer Autoimmunerkrankung, bei der Autoantikörper gegen Gluten gebildet werden, die dann die Darm-Schleimhaut angreifen, zu unterscheiden.
Hätten Sie’s gewusst? Eine Laktoseintoleranz ist fast nie die Ursache für Blähungen oder dünnen Stuhl nach der Einführung von Kuhmilch in den Beikostplan eines Babys, denn Laktose ist auch schon Hauptbestandteil der Muttermilch und Pre-Nahrung und wurde demnach auch vor Beikoststart reichlich verzehrt. Eine Laktoseintoleranz kommt bei Kleinkindern so gut wie nie vor. Dennoch gilt eine Kuhmilchallergie als eine der häufigsten Nahrungsmittelallergien im Kindesalter.
Eine Allergie ist eine überempfindliche Reaktion des Immunsystems auf normalerweise harmlose Lebensmittel oder Lebensmittelbestandteile mit akut einsetzenden Symptomen wie z. B. Nesselsucht, Atemnot, Übelkeit, Erbrechen, Durchfall oder im Extremfall einem anaphylaktischen Schock. Zu den häufigsten Auslösern von Nahrungsmittelallergien im Säuglings- und Kleinkindalter gehören Kuhmilch (0,5–4 %), gefolgt von Erdnuss (0,2–1,9 %), Nüssen (0,8–1,6 %), Meeresfrüchten inklusive Fisch (0,2–5,2 %) und Hühnerei (0,2–2 %).1
Die Therapie einer diagnostizierten Nahrungsmittelallergie besteht aus einer kompletten Vermeidung des auslösenden Lebensmittels in Kombination mit einem Notfallmanagement – die damit verbundenen Konsequenzen (auch Mitführen eines Notfallsets und Allergenkarenz) sind im Alltag eine Herausforderung für die Familien. Wichtig ist daher die gute allergologische Abklärung, um die Diagnose fachlich abzusichern. Wichtig für die Eltern zu wissen ist, dass ein mehrfacher und regelmäßiger oraler früher Kontakt mit Nahrungsmittelallergenen die Toleranz dieser fördert, während ein Kontakt durch die Haut zur Allergiebildung beitragen kann.
Das kann man sich so vorstellen: Wenn unsere Schutzbarriere der Haut gestört ist, wie z. B. bei einer Neurodermitis, kann das große Nahrungsmittelallergen, das normalerweise nicht durch die Haut käme, durch die Haut eindringen und die Immunzellen in unserer Haut erreichen und sensibilisieren. Praktisch gesehen heißt das: Wenn Ihr Kind mit den Fingern isst und sich das Essen auf Oberkörper und Gesicht verteilt, kann hierdurch bei gestörter Hautbarriere auch eine Allergie provoziert werden.
Um diese echten Allergien zu vermeiden und möglichst auf ein breites Spektrum an Nahrungsmitteln zugreifen zu können, empfehlen wir bei Familien mit familiärer Häufung von Neurodermitis, Nahrungsmittelallergien und Asthma folgende Maßnahmen zur Prävention:
- Stillen hilft über mehrere Wege, Allergien beim Kind zu vermeiden: Die Muttermilch enthält wichtige Bausteine für das kindliche Immunsystem, fördert den Aufbau einer guten Darmflora und vermeidet einen zu frühen Kontakt mit Fremdproteinen, z. B. aus der Kuhmilch. Wenn möglich, sollten Kinder die ersten 4–6 Monate ausschließlich gestillt werden. Während Schwangerschaft und Stillzeit sollte die Kost der Mutter möglichst abwechslungsreich sein.
- Das gilt auch für die Beikost, die zwischen dem 4.–6. Monat gestartet werden sollte. Wiederholter und regelmäßiger oraler Kontakt, auch mit potenziellen Allergenen wie Fisch oder Erdnuss, senkt das Allergierisiko. Falls die Mutter an einer Nahrungsmittelallergie leidet, sollte der Kontakt zum Allergen regelmäßig über den Vater oder eine andere Bezugsperson stattfinden. Nach dem erstmaligen Verzehr sollte man keine zu lange Pause bis zum nächsten einlegen, denn ein zu seltener Kontakt kann die Allergiebildung fördern.
- Eine große Bedeutung hat die Pflege der Hautbarriere: Die Hautpflege, insbesondere bei Säuglingen mit trockener oder atopischer Haut, hilft, die Hautbarriere intakt zu halten und den Eintritt von Allergenen über die Haut zu verhindern. Wenn Ihr Säugling also an Neurodermitis leidet, lautet die Devise, bei jedem Wickeln mit Basispflege cremen.
- Einige Studien zeigten, dass die Einnahme langkettiger Omega-3-Fettsäuren (DHA und EPA) in der Schwangerschaft das Allergierisiko der Kinder senken kann.2
Die meisten Nahrungsmittelallergien im Kindesalter haben glücklicherweise eine gute Prognose und zeigen eine hohe Rate an spontaner Toleranzentwicklung. Das bedeutet, dass viele Kinder mit Nahrungsmittelallergien im Laufe der Jahre das Nahrungsmittel wieder vertragen werden. Dies gilt besonders für Allergien gegen Milch, Eier und Weizen. Eine regelmäßige Überprüfung beim Allergologen kann helfen, festzustellen, ob eine Wiedereinführung möglich ist. In manchen Fällen können gezielte orale Toleranz-Induktionsprogramme unter ärztlicher Aufsicht dabei helfen, das Kind schrittweise an das Allergen zu gewöhnen und eine Toleranzentwicklung zu fördern. Vorsicht: Bitte nicht zu Hause ohne ärztliche Aufsicht durchführen!
Quellen: Welche Nährstoffe braucht mein Kind?
1 Vgl. Lange L. Nahrungsmittelallergien bei Kindern und Jugendlichen. Pädiatrie up2date. 2020; 15(4): 343–359. DOI: 10.1055/a-0892-5839.
2 Vgl. Warstedt K, Furuhjelm C, Fälth-Magnusson K et al. High levels of omega-3 fatty acids in milk from omega-3 fatty acid-supplemented mothers are related to less immunoglobulin E-associated disease in infancy. Acta Paediatr. 2016 Nov;105(11):1337–1347. DOI: 10.1111/apa.13395.
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