
Wie können wir durch gezielte Strategien unsere Rückengesundheit schützen? Wenn der Rückenschmerz durch den Körper fährt, fragen wir uns ganz automatisch: »Was habe ich (falsch) gemacht? Warum tut es jetzt weh?« Oft wird dann die letzte Bewegung oder Tätigkeit als Ursache gesehen – etwa das Bücken im Haushalt, eine Stunde Gartenarbeit oder eine Sporteinheit.
Tritt der Schmerz beim Bücken auf, ist die Reaktion: »Bücken tut mir nicht gut!« Erleiden wir bei der Gartenarbeit einen Rückenschmerz, folgern wir: »Ich kann keine Gartenarbeit mehr machen!« Spüren wir bei sportlicher Aktivität einen Rückenschmerz, verteufeln wir die Sportart und haben den scheinbar Schuldigen gefunden.
Überschlagen wir hingegen kurz, wie häufig wir uns in unserem Leben bücken, Gartenarbeit erledigen oder unsere Sportart ausüben, wie oft und intensiv wir unseren Körper belasten, ohne einen Rückenschmerz dabei zu spüren, ist die Schlussfolgerung nicht mehr ganz so logisch.
Die Ursachen für ein Schmerzerleben sind vielfältiger, als es uns lieb ist, und Schmerzen sind nicht ausschließlich von einer einzigen Aktion abhängig. Die Aktion ist allerhöchstens der Tropfen, der das Fass sprichwörtlich zum Überlaufen bringt. Nach fast 30 Jahren klinischer Arbeit mit meinen Patientinnen und Patienten kann ich Ihnen versichern, dass das Wissen um die wahren Ursachen für Schmerzentstehung ein absoluter Gamechanger ist. Um das besser zu verstehen, möchte ich Ihnen ein Bild mitgeben, das mir in meiner Arbeit mit Patientinnen und Patienten seit vielen Jahren hilft: das Schmerzfass.
Das »Rückenschmerz-Fass«
Stellen Sie sich ein Fass vor. In dieses kommen alle möglichen Reize, die Ihnen im Lauf Ihres Lebens widerfahren. Körperliche und psychische Belastungen beginnen, Ihr Fass zu füllen. Ab einer bestimmten Füllmenge fangen Sie an, sich unwohl zu fühlen; wenn die maximale Füllmenge erreicht ist, durchfährt ein Rückenschmerz Ihren Körper. Das Fass ist voll!
Die Grenze, ab der das Unwohlsein beginnt, ist von der Tagesform abhängig: Sie sind nicht jeden Tag gleich belastbar, die Schwelle verändert sich entsprechend. Muskelspannungen, Gelenkdruck oder allgemein unangenehme Empfindungen machen Ihnen das Leben schwer. An manchen Tagen können Sie eindeutig mehr ab: Die Dosis macht den Rückenschmerz.
Je mehr dieser ungünstigen Faktoren sich bei Ihnen ansammeln und je weniger hilfreiche Gegenmaßnahmen Sie zum Ausgleich zur Verfügung haben und auch anwenden, desto dichter rückt Ihr Körper an einen Schmerz heran.

Einflussfaktoren auf Schmerz
| körperliche Faktoren | psychische Faktoren | andere Faktoren |
|---|---|---|
| wenig Bewegung monotone Körperhaltung geringe Muskelkraft Ausdauerdefizit Mobilitätsdefizit | Stress Termindruck negative Emotionen Streit Ängste Depression berufliche Belastungen (Über- oder Unterforderung) finanzielle Sorgen ungünstige Überzeugungen | Übergewicht Lebensalter Verletzungen andere Erkrankungen ( Bluthochdruck, Diabetes, Allergien) Entzündung ungünstige Ernährung (zu viel Zucker) zu geringe Trinkmenge |
Wenn Sie in dieser Tabelle einige Faktoren wiedererkennen, die in Ihrem Alltag häufig vorkommen, haben Sie klaren Handlungsbedarf. Versuchen Sie, diese Belastungen zu reduzieren oder am besten ganz zu vermeiden. Je weniger Sie davon »im Gepäck« haben, desto besser sind Sie vor einer erneuten Schmerzepisode geschützt.
Die passenden Gegenstrategien sind oft erstaunlich einfach: Bewegen Sie sich etwas mehr, erhöhen Sie Ihre tägliche Trinkmenge und bringen Sie Abwechslung in Ihre Körperhaltung – selbst das Sitzen am Schreibtisch lässt sich variabel gestalten. Organisieren Sie Ihre beruflichen Herausforderungen und verbessern Sie Ihre Essgewohnheiten durch vitaminreiche Ernährung, die möglichst viele entzündungshemmenden Stoffe (z. B. Obst, Gemüse, Gewürze wie Ingwer, Kurkuma oder Curry, Lebensmittel mit Omega-3-Fettsäuren) enthält. Das Drehen an solchen Stellschrauben kann Wunder wirken!
Symptome: die Alarmanlage des Körpers
Schmerz und andere Symptome sind meistens kein Anzeichen für eine Verletzung, sondern Ausdruck erhöhter Sensibilität. Nur bei klaren Anlässen wie einem Unfall oder Sturz muss von einer tatsächlichen Schädigung ausgegangen werden. In allen anderen Situationen können Symptome eher folgendermaßen übersetzt werden: Ihr Körper ist leidlich unzufrieden mit der Gesamtsituation und fordert Sie auf, etwas zu verändern. Denn wenn alles so bleibt wie bisher, bleiben auch die Symptome!
| aktive Hilfen zur Reduktion von Risikofaktoren | passive Hilfen zur Reduktion von Risikofaktoren |
|---|---|
| viel Trinken mehr aktive Bewegung (aktive Mittagspause, Spaziergang, Treppen statt Aufzug) Musik hören, Zeichnen (musisches Hobby) Krafttraining, Ausdauertraining Yoga, Pilates, Thai Chi (Body-Mind-Sportarten für mehr Resilienz) | Ruhe, Entspannung Wärme oder Kälte Massagen frische Luft Medikamente Globuli mehr und besserer Schlaf Akupunktur, Akupressur |
Diese »Körper-Alarmanlage« wird durch unser tägliches Handeln und Denken unterschiedlich »scharf gestellt«. Je mehr ungünstiger Faktoren vorhanden sind, desto schneller wird sie ausgelöst; je mehr negative Überzeugungen Sie anhäufen, desto schneller wird Ihr Alarmsystem mit Symptomen reagieren (siehe Schmerzfass). Umgekehrt wirken positive Erlebnisse wie dosierte Belastung und Bewegung, die keine drastische Symptomverstärkung verursachen, entlastend und helfen, die Alarmanlage weniger empfindlich zu justieren.
Generell gilt: Setzen Sie bei Rücken-, Ischias- oder ISG-Beschwerden auf aktive Strategien. Aktivität steigert das Gefühl von Selbstwirksamkeit und bringt Sie wieder in die Kontrolle über die Situation, das wiederum führt zu positiven Überzeugungen. Passive Maßnahmen, wie Massagen oder Wärmeanwendungen, können ergänzende Effekte bringen, in der alleinigen Anwendung führen Sie jedoch zu Abhängigkeit (»Mir geht es nur gut, wenn ich diese Behandlung bekomme«). Die besten Effekte erzielen Sie durch Aktivität und sportliches Training, die aktiv Veränderungen im Körper anstoßen und Schmerzen nachhaltig reduzieren.
Quelle: Der kleine Coach für Ischias und ISG
kcl




