Supportive ErnährungstherapieStärkende und entlastende Ernährung bei Krebs

In der supportiven Ernährungstherapie gewinnt eine vollwertige, nachhaltigere Ernährung zunehmend an Bedeutung. Die bestmögliche Versorgung mit Mikro- und Makronährstoffen stärkt den Gesamtorganismus und unterstützt sowohl das Nebenwirkungs- als auch das Gewichtsmanagement.

Tisch mit gesunden Lebensmitteln.
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Entscheidend ist die vollwertige Vielfalt – und das zu essen, was gut vertragen wird. Eine Ernährungstherapie mit Küchenpraxis beim stationären Aufenthalt unterstützt die Rückkehr nach Hause.

Ich habe Kochen gehasst. Jetzt sehe ich es so, dass ich damit etwas für mich tun kann und mache es sogar gerne.

 Patientin in der Tagesklinik

„Was kann ich selber tun? Wie kann ich mein Immunsystem unterstützen? Was muss ich essen, und gibt es Lebensmittel, die ich jetzt nicht mehr essen darf?“ – Mit einer Krebserkrankung konfrontiert, beschäftigen sich die meisten Patient:innen früher oder später mit ihrer Ernährung. Dass Bestandteile aus der Nahrung im direkten Zusammenhang mit dem Immunsystem und dessen Leistungsfähigkeit stehen, ist spätestens seit der Entdeckung der Ursache für Skorbut akzeptierter Fakt. Ein fittes Immunsystem verarbeitet Stress durch Operationen, Chemo- und Radiotherapie anders als ein angeschlagenes [1]. Homöostase, das sich immer wieder neu justierende Gleichgewicht der psycho-neuro-immunologischen Funktionen, erfordert eine Ernährung, die dem Körper die Energie-, Bau- und Wirkstoffe liefert, die er braucht. Damit beinhaltet gutes Essen die Chance, eine bessere Verfassung zu erreichen und sich wohler zu fühlen. Und es ist eine Möglichkeit, praktische Selbstfürsorge zu betreiben, um von der passiven Behandlung (wieder) ins aktive Handeln zu kommen (Abb. 1).

Seit „Krebszellen mögen keine Himbeeren“ [2] und „Das Antikrebs-Buch“ [3] hat es sich herumgesprochen: Es gibt sehr viele sekundäre Pflanzenstoffe, die das Wachstum von Krebszellen hemmen können sowie antientzündlich wirken [4] [5]. Genaue Mengen im Sinne einer Dosis-Wirkungs-Beziehung und deren klinische Relevanz sind (noch) nicht quantifizierbar, da die Resorptionsraten per se von Individuum zu Individuum stark schwanken und darüber hinaus interne und externe Einflussfaktoren bislang nur teilweise in ihren Wirkungen und Wechselwirkungen erforscht sind. Worauf kommt es im Wesentlichen im Ernährungsalltag an?

Die Vielfalt von Gemüse nutzen

Eine bunte und vielfältige pflanzenbasierte Ernährung ist grundsätzlich (nicht nur bei Krebserkrankungen) empfehlenswert. Diese beinhaltet:

  • Farbige Fruchtgemüse/Gemüsefrüchte mit Hunderten Flavonoiden und Carotinoiden und weiteren Antioxidanzien für verschiedenste Zubereitungsarten, z. B. Kürbis-Tomaten-Suppe, rote Paprikastreifen in der Gemüsepfanne, Zucchinilasagne.
  • Knollen- und Wurzelgemüse sind gut verdaulich und vielseitig zuzubereiten. Beispiele: Kartoffel-Sellerie-Stampf, Rote-Bete-, Karotten- und Pastinakensticks oder Rosenköhlchen vom Blech aus dem Ofen oder vom Grill, Topinambur-, Kartoffel- und Petersilienwurzelauflauf, „querbeet“ in einer Suppe usw. Roh gut zu essen sind die zarten Sorten wie Mairübchen, Carpaccios von Rettich, Radieschen oder Kohlrabi, die insbesondere mit ihren Scharfstoffen die Abwehr stärken.
  • Stängel- und Blattgemüse als Salate, blanchiert oder im Smoothie oder in einem pikanten Porridge; klein geschnitten eingerührt oder übergestreut passen sie auf (fast) alle herzhaften Speisen. Mit ihren Bitterstoffen tragen Rucola, Chicorée, Endivie, Radicchio & Co. zu einer besseren Leberfunktion bei. Tipp: Babyspinatsalat. Hitzelabile Folsäure fördert die gesunde Zellneubildung.
  • Kohlgemüse ist immer einen Versuch wert; die Bekömmlichkeit lässt sich durch die Zubereitungsform verbessern. Denn alle Kohlsorten sind reich an sekundären Pflanzenstoffen, hier: krebszellwachstumshemmende Glucosinolate/Sulforaphan, jedoch schwer verdaulich aufgrund der robusten Zellstrukturen. Pürierstab oder Hochleistungsmixer schaffen Abhilfe, indem sie die Zellwände zerschlagen und so die Verdauungssäfte besser zum Zuge kommen. Gemahlener Kümmel (nach Geschmack) reduziert die blähende Wirkung, s. Beispielrezept Brokkolisuppe.
  • Zwiebelgewächse und Knoblauch mit ihren schwefligen Substanzen sind manchmal nur mitgekocht bekömmlich; kleine Mengen probieren.
  • Außerdem kommen immunstimulierende Pilze (mit Lentinan), Kräuter und Gewürze in verzehrüblichen Mengen in Betracht:
  • Seitlinge, Champignons, evtl. asiatische Pilze wie Shiitake, frisch, tiefgekühlt und getrocknet.
  • Frucht-, Samen-, Rinden- und Blütengewürze (Anis, Fenchel, Kümmel, Zimt, auch bekannt als „Bauch-Wohl-Gewürze“). Diese kann man nicht nur essen, sondern auch lecker trinken in Form von Tee.
  • Wurzelstockgewürze (Kurkuma, Ingwer) dito.
  • Blatt- und Krautgewürze (Küchen-, Salat- und Gartenkräuter) sind mit ihren vielen Mineralien besonders basisch; die ätherischen Öle wirken wohltuend auf die Verdauung.

Rezept für eine Brokkolicremesuppe

Zutaten (ca. 4 Portionen):

  • 1 Brokkolirose (ggf. TK-Ware, rund 500 g)
  • 1 kleine Kartoffel
  • 1–2 EL Öl (zum Beispiel Raps- oder Olivenöl)
  • 1 kleine Zwiebel
  • 1 Knoblauchzehe
  • 750 ml Gemüsebrühe
  • 100 ml Kokoscreme (Kokoscuisine)
  • frische Petersilie (optional)
  • Salz, Pfeffer

Brokkoli waschen, putzen und in kleine Röschen zerteilen; den Stiel schälen und klein schneiden. Die Kartoffel schälen und in große Würfel schneiden. Zwiebel und Knoblauch schälen und hacken.

Einen Suppentopf erhitzen, Öl hineingeben. Gemüse inkl. Zwiebel- und Knoblauchwürfel etwa 5 Min. darin dünsten. Mit der Gemüsebrühe aufgießen. Aufkochen lassen, dann für 10–15 Min. sanft köcheln lassen. Kokosmilch beziehungsweise Kokossahne hinzufügen. Die Petersilie waschen und fein hacken oder mit der Kräuterschere in einem Glas oder in einer Tasse zerkleinern. Die Suppe durchpürieren, mit Salz und Pfeffer abschmecken und servieren. Etwas Petersilie darüber streuen.

Tipp: Für den Extra-„Biss“ Sonnenblumenkerne oder Pinienkerne fettfrei golden anrösten und über die Suppe streuen.

Desserts oder Snacks

Als erfrischende Desserts oder als Snacks für eine bessere Energiebilanz dienen mikronährstoffreiche

  • Beerenfrüchte (Beerenobst), bei Empfindlichkeit gegenüber Fruktose mit etwas Sauerrahm gemischt (Abb. 2)
  • Steinobst, Kernobst, Wildfrüchte oder Produkte daraus: ein angenehmes Kompott oder ein vitaminreiches Schlehen- oder Sanddorn-Elixier, eventuell mit dem Frühstücksbrei oder im Joghurt
  • mineral- und ballaststoffreiches Trockenobst (Delikatesse: selbst gedörrte Apfelringe; Geschenkidee: Dörrapparat). Insbesondere für die Trockenpflaume mehren sich Hinweise auf knochenstärkende Wirkung [6] [7] [8]
  • Nüsse, Mandeln, Saaten – werden bekömmlicher durch Einweichen („overnight“). Oder gemahlen als Topping und in Form von Mus als Brotaufstrich und für Saucen, z. B. Tahin, ein Sesammus. Kalziumlieferanten für die Knochengesundheit! Selenreich ist neben der Paranuss vor allem die Kokosnuss, als Raspel (Backzutaten) vielseitig einsetzbar. Zwei Teelöffel jeden Tag im Müsli decken die Hälfte des Mindestbedarfes. So wird aus einem Müsli ein „Nüssli“ und liefert dadurch mehr essenzielle Fettsäuren, Mineralien, Vitamine und Spurenelemente sowie mehr Protein. Leinsaat nicht zu vergessen, eiweißreiche Hanfnüsschen und Chiasamen
  • Südfrüchte wie Mandarine oder Banane. Bei entzündeter Schleimhaut ist die Zitrone mit ihrem hohen Gehalt an Fruchtsäure ungeeignet. Zwei, drei Esslöffel frisch gepresster Orangensaft im Salatdressing ersetzen sie sehr gut. Zesten von Zitrone können verwendet werden. Sie setzen mit ihren ätherischen Ölen und Flavonoiden positive Impulse für die Leber [9]
  • tropische Früchte (Exoten), z. B. Papaya, unterstützen mit ihren Enzymen die Eiweißverdauung

Vollkornprodukte

Hochwertige Vollkornprodukte wie Haferflocken, Gerste (beide mit gesundheitsfördernden β-Glucanen), Naturreis, Hirse und Kartoffeln bieten eine hohe Nährstoffdichte. Abnehmen fällt leichter aufgrund der guten Sättigungswirkung. Aber auch Gewicht halten und auch Zunehmen ist möglich durch gezielten Einsatz energiereicher Speisen und Getränke wie Mandelmilch, Quark mit Leinöl, energiereiche Muffins auf vollwertiger Basis. Mangelernährung/Kachexie kann so mit relativ einfachen und natürlichen Mitteln entgegengewirkt werden – für viele geschmackskompatibler als Fertigtrinknahrung.

Insbesondere die Hirse beeindruckt auch mit ihrer mineralischen Komponente: Mit ihrem Gehalt an Kieselsäure und Eisen stärkt sie Bindegewebe, Blut, Nägel und Haare. Sie ist schnell gegart. Auch Quinoa, die sogenannte Inkahirse, punktet mit knapp 15% Eiweißanteil und über fünfmal so viel Magnesium und mehr als dreimal so viel Kalzium wie z. B. Weizenmehl Type 1050! [10].

Generell sind die Ballaststoffe aus den „Ackerfrüchten“ wichtige Substrate für das Mikrobiom im Darm, sozusagen das Lieblingsfutter der Darmflora. Dies gilt auch für Hülsenfrüchte (Saponine, Proteaseinhibitoren): rote Linsen sowie Mungobohnen sind am bekömmlichsten. Schnell durchgegart kann man sie, nach persönlicher Vorliebe gewürzt, als nahrhafte Beilage essen, in den Suppentopf schubsen, pürieren und als vegetarischen Brotaufstrich verwenden… Sie liefern viel Protein, insbesondere Linsen und Kidneybohnen. Beispiele: Mus von schwarzen und/oder weißen Bohnen, herzhafte Kidneybohnenpaste, pikante oder milde Linsencreme. Ein Stück Kombu-Alge mit ins Kochwasser macht sie bekömmlicher.

Tipp

Beim Kochen von Reis, Nudeln, Kartoffeln, Bohnen etc. die doppelte Menge nehmen. Im Kühlschrank hygienisch verwahrt, bilden sie am nächsten Tag die Basis für einen schmack- und nahrhaften Reis-, Nudel-, Kartoffel- oder Hülsenfrüchtesalat. Die Darmflora profitiert von der resistenten Stärke, die sich gebildet hat.

Die Gestaltungsmöglichkeiten solcher Salate sind so vielfältig, dass jede/r die eigenen Geschmacksfavoriten hinzufügen kann. Beispiel: (Tiefkühl-)Erbsen, Cocktailtomaten, Rucola, Pilze, Thunfisch, Ziegenkäse, Frühlingszwiebeln, Radieschen, Paprikawürfel und so weiter; ins Dressing antientzündlich wirkendes Curcumapulver (Curcumine) und Olivenöl (Oleocanthal), ein Teelöffel Weizenkeimöl oder rotes Palmfruchtöl für viel Vitamin E, ein wenig frischen, feingeriebenen Ingwer (Gingerole).

Rezept für eiweißreiche Blitzbrötchen

Zutaten für 6–8 Stück:

  • 250 Gramm Dinkelmehl (Zwischentype)
  • 250 Gramm Magerquark
  • 1 Ei
  • 1 Päckchen Weinsteinbackpulver
  • 1 Esslöffel Rapsöl
  • 1 Teelöffel Salz
  • Saaten/Kerne wie Sesam, Mohn, Sonnenblumenkerne, Hanfnüsschen… (ohne Schale!)

Den Backofen auf 180° Celsius vorheizen. Alle Zutaten in eine ausreichend große Schüssel geben und zu einem Teig verkneten. Das Teigstück zu einer Rolle formen und in 6–8 etwa gleich große Brötchen formen. Diese nach Belieben mit Sesam, Sonnenblumenkernen oder Mohn bestreuen, beziehungsweise darin rollen. Auf ein Backblech geben und ca. 20 Minuten backen.

Eiweißversorgung

Häufiges Thema ist die Eiweißversorgung. Gerade bei empfohlenem reduziertem Fleisch- und Wurstwarenkonsum sollten pflanzliche Proteine untereinander kombiniert werden. Daraus ergibt sich der sogenannte Aufwertungs- oder Ergänzungseffekt der einzelnen Aminosäuren. Dieser steigert die biologische Wertigkeit [11]. Günstige Kombinationen zeigt [Tab. 1].

Rezept für einen veganen Brotaufstrich

Zutaten:

  • 200 g Hülsenfrüchte, z. B. Kichererbsen, aus der Dose (für Eilige) oder 100 g getrocknete Hülsenfrüchte
  • 1 Knoblauchzehe, wenn sie vertragen wird
  • 2 Esslöffel Olivenöl
  • 1–2 Teelöffel Zitronensaft
  • ½ Teelöffel Kreuzkümmel, gemahlen
  • 1 Messerspitze Paprikapulver
  • Salz, Pfeffer und frische Kräuter nach Geschmack

Getrocknete Kichererbsen nach Anleitung auf der Verpackung garen und abkühlen lassen bzw. Kichererbsen aus der Dose abgießen. Ggf. Knoblauch klein hacken oder durch die Knoblauchpresse drücken. Alle Zutaten bis auf die frischen Kräuter in den Mixer geben und pürieren. Wenn die Masse zu fest ist, ein wenig Wasser hinzufügen. Die Kräuter waschen, hacken oder fein wiegen und untermischen. Abschmecken. Bei hygienischer Handhabung und Aufbewahrung im Kühlschrank hält sich der Aufstrich einige Tage. Guten Appetit!

Tipp: Das Rezept funktioniert auch mit roten Linsen, weißen, roten oder schwarzen Bohnen. Auch gegartes Gemüse, wie z. B. Rote Bete (aus der Vakuumverpackung), kann mitpüriert werden. Ebenso Sesammus (Tahin).

Fette und Öle

Beim Thema Fette ist das Motto „Klasse statt Masse“. Das heißt, deutlich mehr Fette/Lebensmittel mit Omega-3-Anteil (terrestrische Quellen: Perillaöl, Leinöl, Hanföl, Rapsöl, Walnüsse) essen, weniger Omega-6-reiche (Distelöl, Sonnenblumenöl, Maiskeimöl usw.) sowie weniger hoch raffinierte und gehärtete Fette konsumieren (in Fertiggerichten und Fertigbackwaren). In Kombination mit geringerer Arachidonsäure-Zufuhr durch weniger tierische Lebensmittel sind damit zwei wesentliche Faktoren einer antiinflammatorischen Ernährung gegeben. Zur Verbesserung der Omega-3-Bilanz trägt eine Fischmahlzeit pro Woche bei oder mehrmals wöchentlich kleinere Mengen von fettem Kaltwasserfisch. Dies kann Hering in Gelee ebenso sein wie ein Stückchen Lachs oder Makrele. Weitere maritime Quellen sind Algenöl und Krillöl.

Gutes Olivenöl mit seiner einfach ungesättigten Ölsäure und zahlreichen Begleitsubstanzen wie das entzündungshemmende Oleocanthal ist grundsätzlich empfehlenswert.

Mariendistelöl beinhaltet Silymarin zur Leberfunktionsstärkung (und Entgiftung). Es hat keinen starken Eigengeschmack und kann kalten und warmen Speisen beigemengt werden (teelöffelweise; nicht als Extrakt!) [12].

Milchprodukte

Milchprodukte in Bioqualität runden den Speiseplan ab. Sie liefern Mineralien, Vitamine, Eiweiß (allen voran Quark und Harzer Käse) und die gesäuerten, fermentierten Varianten auch die wertvollen Milchsäurebakterien. Diese Laktobazillen – die Leitflora des Dünndarms – gelten nicht umsonst als die Ordnungshüter im Darm.

Merke

Mit Käse nicht übertreiben, weil er überwiegend gesättigte Fettsäuren enthält und ein Säurelieferant ist.

Bezüglich des in epidemiologischen Studien beobachteten Zusammenhangs zwischen Milchkonsum, Krebserkrankungen und Gesamtmortalität zeigen Studien neutrale bis schützende Effekte, die durch die Abschwächung der mTORC1-aktivierenden Prozesse wohl infolge bakterieller Fermentierung erklärbar sind [13].

Bei sekundärer Lactoseunverträglichkeit – eine der Zuckerverwertungsstörungen – kann auf lactosefreie Erzeugnisse ausgewichen werden, das Sortiment ist ausreichend groß. Die Lactose wurde enzymatisch durch hinzugefügte Lactase, die sonst im Bürstensaum des Duodenums hergestellt wird, bereits aufgespalten und es schmeckt dadurch ein wenig süßer. Davon abgesehen werden Produkte aus Schaf- und Ziegenmilch häufig als bekömmlicher beschrieben.

Zucker

Isolierter Zucker/zugefügter Zucker ist erst ab einer bestimmten Menge ungesund. Die Weltgesundheitsorganisation gibt als Richtlinie pro Person am Tag rund 25–30 Gramm vor. Diese Menge entspricht etwa 6 Teelöffeln Zucker bzw. 8 Stück Würfelzucker und schließt Sirupe/Säfte ein.

Merke

Mit Limonaden, Süßigkeiten und Fertigbackwaren ist die empfohlene Höchstmenge an Zucker sehr schnell überschritten.

Andererseits darf es dementsprechend das eine Glas Softdrink oder die Rippe Schokolade oder ein Stück Kuchen oder ein Eis sein. Ohnehin gilt: Zucker, der vom Körper verbrannt wird, bereitet ja keine Probleme. Die von Natur aus in den Lebensmitteln enthaltenen Kohlenhydrate liefern Energie und werden auch für den Strukturaufbau z. B. im Bindegewebe benötigt. Gesundheitlich nachteilig sind die zugefügten isolierten Zuckerarten. Und zwar der Zucker, der zum Beispiel aufgrund von Bewegungsmangel nicht verbrannt wird. Zucker, der aerob verbrannt wird, hinterlässt lediglich Wasser und Kohlendioxid, welches bekanntermaßen schlicht abgeatmet bzw. ausgeschwitzt wird. An dieser Stelle wird die Schlüsselrolle von Bewegung einmal mehr deutlich.

Mehrfachzuckeralkohole wie Birkenzucker & Co. als Zuckeraustauschstoffe (enden meist auf -it, z. B. Xylit, Sorbit) führen leicht zu Verdauungsbeschwerden. Besser: die Süßschwelle nach und nach heruntersetzen und mit etwas Honig, Rohrohrzucker, Maulbeersirup oder Kokosblütenzucker süßen. Es hat sich gezeigt, dass Bitterstoffe aus Tees von milden Bitterstoffdrogen wie Tausendgüldenkraut oder Schafgarbe dabei helfen. Deshalb gibt es Bitterextrakte mittlerweile als Spray in Drogeriemärkten zu kaufen. Auch das Schlürfen von heißem Wasser – bekannt aus dem Ayurveda und aus der Traditionellen Chinesischen Medizin – unterstützt viele Menschen in ihrem Vorhaben, weniger „Süßkram“ zu konsumieren.

Nebenwirkungen lindern und Verträglichkeit verbessern

Für die Bekömmlichkeit spielt generell gründliches, bewusstes Kauen eine große Rolle. Neben der mechanischen Zerkleinerung und der Initiierung der enzymatischen Verdauung werden auch sekretorische antientzündliche Immunglobuline (IgA) von den Speicheldrüsen produziert bzw. durch den Vorgang des Kauens sezerniert und mit dem Speisebrei abwärts transportiert. Das bedeutet auch: Zeit zum Essen einplanen, genießen ermöglichen.

Merke

Geschmacksstörungen sind vorübergehender Natur. Oft zeigt sich, so meine Beobachtung, dass frisch zubereitete Speisen mit natürlichen Zutaten weniger Dysgeusie hervorrufen.

Ist die Mundschleimhaut geschädigt, empfiehlt sich neben Kamillentee Leinsamentee sowie Leinsamenschleim. Vor dem Herunterschlucken für rund 20 Sekunden im Mund belassen. Die Teezubereitung ist weniger aufwendig und erfüllt den Zweck der Gelbildung. Kaltgeschleuderter Bienenhonig sowie hochwertiger Manukahonig sind weitere Möglichkeiten sowie das Lutschen von Eibischpastillen und Islamoos-Drops. Zwischendurch ein wenig rotes Palmfruchtöl oder, nach Geschmack, bestes Olivenöl im Mund verteilen. Wenn zu wenig Speichel da ist, hilft das auch jeweils vor dem Essen.

Erleichterung bei Übelkeit bringen viel frische Luft anstelle von starken (Essens-)Gerüchen, Kamillen-Minze-Roibuschtee, Ingwerbonbons, bitter schokolierter Ingwer, nicht zu starker Ingwertee. Kühle, nur dezent gewürzte Speisen wie Apfel- oder Quittenmus und Joghurtspeisen. Ebenso trockene, stärkereiche Nahrungsmittel wie Cracker, Kekse oder Zwieback. In aufrechter Haltung essen und anschließend ein paar Schritte gehen.

Bei Durchfall auf Flüssigkeit achten, das können auch Brühen sein, überdies Vollkornschmelzflocken und Hausmittel: geriebener Apfel, lang gekochte Möhrensuppe und dergleichen, ggf. feinste braune oder grüne Heilerde. Weiteres kann nur individuell anhand der spezifischen Situation geklärt werden, ob z. B. Fettmodifizierung (MCT-Fette) sinnvoll ist.

Flohsamen wirken stuhlregulierend, sie sind also sowohl bei Diarrhö als auch bei Obstipation hilfreich. Sie lassen sich mit Leinsamenschrot hervorragend in Brotrezepten verwenden. Cave: ausreichend Flüssigkeit dazu.

Hauptausscheidungsorgane für Säure sind die Nieren, deshalb ausreichend trinken: 30 Milliliter pro Kilogramm Körpergewicht gelten als Orientierungszahl. Davon mindestens die Hälfte als freies Wasser trinken, denn Wasser ist nun mal das wichtigste Lösungsmittel der Welt. Da Süßstoffe nach wie vor umstritten sind, sollten sie nicht oder lediglich „ab und zu“ konsumiert werden. Besser Trinkwasser ganz einfach im Glaskrug selbst „aromatisieren“: mit unbehandelten Zitronen-, Orangen-, Apfel- oder Gurkenscheiben und/oder -schale, Beeren als Ganzes, Zitronenmelisse, Minze, Basilikum (alle kühlend)… je nach individueller Vorliebe „Infused Water“ hausgemacht. Künstlich aromatisierte Getränke, Energydrinks etc. enthalten zu viele Aroma-, Farb- und andere Zusatzstoffe, meist auch Zucker, und sind nicht empfehlenswert. Tipp: Gerstenwasser!

Aufgrund der physiologischen Plausibilität ist klar: Alkoholkonsum in der Phase der Chemotherapie ist kontraproduktiv, weil die Leber bereits beschäftigt ist. Ihre Ab- und Umbauaktivitäten unter enzymatischer Kontrolle sollten möglichst ungestört ablaufen können.

Merke

Verbote bzw. Hinweise zu Grapefruitsaft, Johanniskraut usw. müssen ärztlicherseits benannt werden, idealerweise beim Aufklärungsgespräch.

Bei übermäßigem Schwitzen und Hitzewellen helfen neben kalten Unterarmbädern kühlende Lebensmittel, weitgehender Verzicht auf Reiz- und Röststoffe (Gegrilltes, scharf Gebratenes, Frittiertes, Kaffee, Knoblauch, Chili) und täglich 1–2 Tassen Salbeitee. Tipp: Gleich etwas mehr kochen und länger ziehen lassen für eine Körperwaschung mit kaltem Salbeitee. Nur kalte Lebensmittel zu essen schwächt den Körper. Auch zu viele Kohlenhydratkonzentrate (Brot, Kuchen, Süßigkeiten) erzeugen Feuer/Hitze im Körper (Tab. 2).

Allgemeine Tipps

Hygiene ist gerade im Umgang mit Lebensmitteln unverzichtbar. Eingekaufte, einwandfreie Ware sachgerecht lagern, bei der Zubereitung entsprechend auf saubere Hände, Arbeitsflächen und Werkzeuge achten sind Grundlagen. Das Konzept der keimarmen Ernährung dagegen hat sich nicht bewährt und ist „vom Tisch“ [14].

Auch Patient:innen, die sich selbst versorgen können, haben schlechte Tage. Dann sind sie froh, wenn sie darauf hingewiesen wurden, sich dafür einen gewissen Vorrat an Tiefkühl- und Trockenware zuzulegen oder sich per Bestelldienst eine „Bio-Kiste“ liefern zu lassen. Tipp: „Kochen ohne Strom“ – das Kochbuch des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe – kostenlos zum Download auf der entsprechenden Seite im Internet.

Merke

Wenn essen und oder kochen so gar nicht geht: Schmelzflocken in Flüssigkeit eingerührt ausprobieren und Babygläschen nutzen!

Die Frage nach Essenszeiten wird immer wieder gestellt. Hier kann den Patient:innen vermittelt werden, dass der Maßstab das eigene Befinden sein darf und soll. In einem Ernährungstagebuch kann festgehalten werden, was, wann, in welcher Situation, wie viel gegessen wird und dazu das jeweilige Befinden. Darauf aufbauend können im persönlichen Gespräch Verbesserungsmöglichkeiten erarbeitet oder aufgezeigt werden. Verblüffend waren die Ergebnisse einer Studie mit 2413 Frauen mit Brustkrebs zum verlängerten Nachtfasten [15], die ein um 36% geringeres Rezidivrisiko bei Frauen nach Mamma-Ca aufzeigte, die 13 Stunden lang nichts aßen. Dieser Hinweis wird von vielen Betroffenen gern angenommen und umgesetzt. Die Mechanismen hierzu sind allerdings noch unklar; es hat möglicherweise auch etwas mit Schlafqualität zu tun. Wenn das Abendessen um 19 Uhr gegessen wird, und dann statt um 7 Uhr erst ab 8 Uhr gefrühstückt wird, ist es für die meisten machbar. Viele berichten über ein geringeres Fatigue-Empfinden. Ob dies durch eine bessere Leistung der Mitochondrien erklärbar ist, bedarf der wissenschaftlichen Erforschung.

Kurzzeitfasten um die Chemotherapie herum (36–48 Stunden vorher, 24 Stunden nachher) kann im Einzelfall gemacht werden (z. B. wenn ein starker Patientenwunsch besteht und der Ernährungszustand es zulässt). Hinweise für weniger Fatigue und mehr Lebensqualität zeigen sich in kleinen Studien. Doch für eine allgemeine Empfehlung fehlen die Daten bzw. sind weitere Studien erforderlich. Dies war Konsens auf dem 19. Internationalen Fastenkongress der ÄGHE in Überlingen/Buchinger Klinik am 18. Juni 2022.

Gedanken

„Nach meiner Erfahrung ist hinsichtlich der Ernährung das Wichtigste, die Empfehlungen der Expert:innen zusammenzubringen mit der eigenen Bekömmlichkeit (wie vertrage ich es?) und dem eigenen Empfinden (mag ich es?). Also: wissen was kann helfen, worauf kommt es an, zum Beispiel genug Eiweiß zu sich zu nehmen, und dann prüfen, was und wie passt es zu mir, zu meinen Bedürfnissen und in mein Leben. Sich nicht zu sehr verbiegen und Lebensqualität soweit eben möglich erhalten oder sich zurückerobern.“

Zitat von Annette Rexrodt von Fircks (Autorin und Gründerin einer Stiftung zur Unterstützung krebskranker Mütter und ihrer Kinder (www.rvfs.de) und ehemalige Patientin

Fazit

Mit diesen Empfehlungen versetzen Sie Ihre Patient:innen in die Lage, den Bedarf an Makro- und Mikronährstoffen zu decken, ohne auf Supplemente setzen zu müssen, wenngleich dies im Einzelfall (z. B. Vitamin D) natürlich richtig und sinnvoll ist. Außerdem gibt es Situationen, wo es klarzustellen gilt, dass es nicht darum geht, alles richtig zu machen, sondern dass die Ernährung Möglichkeiten bietet. Möglichkeiten, dem Körper zu geben, was er an Substanzen benötigt, aber auch Genussmöglichkeiten. Die wärmende Suppe an einem kalten Tag, das kühle Getränk, wenn es heiß ist, ein Mahl, das geteilt wird.

Zitierweise für diesen Artikel: Deutsche Zeitschrift für Onkologie 2022; 54: 128–135. DOI 10.1055/a-1826-6531

Sabine Pork
Therapeutin, Dozentin und Autorin.
Mit ganzheitlicher Ernährungsberatung möchte sie zu mehr Gesundheit, Nachhaltigkeit und Zufriedenheit beitragen.

Interessenkonflikt: Die Autorin erklärt, dass kein Interessenkonflikt besteht.

  1. Birbaumer N, Schmidt RF. Biologische Psychologie. 7. Aufl.. Heidelberg: Springer; 2010. 175.
  2. Beliveau R, Gingras D. Krebszellen mögen keine Himbeeren. Nahrungsmittel gegen Krebs. München: Kösel; 2007
  3. Servan-Schreiber D. Das Antikrebs-Buch. München: Verlag Antje Kunstmann; 2008
  4. Knasmüller S. Krebs und Ernährung: Risiken und Prävention – wissenschaftliche Grundlagen und Ernährungsempfehlungen. Stuttgart: Thieme; 2014
  5. Watzl B, Leitzmann C. Bioaktive Substanzen in Lebensmitteln: Ernährung und Immunologie. Stuttgart: Hippokrates;; 2005
  6. Hooshmand S, Brisco JR, Arjmandi BH. The effect of dried plum on serum levels of receptor activator of NF-κB ligand, osteoprotegerin and sclerostin in osteopenic postmenopausal women: a randomised controlled trial. Br J Nutr 2014; 112: 55-60 DOI: 10.1017/S0007114514000671.
  7. Hooshmand S, Chai SC, Saadat RL. Comparative effects of dried plum and dried apple on bone in postmenopausal women. Br J Nutr 2011; 106: 923-930 DOI: 10.1017/S000711451100119X.
  8. Metti D. et al. Effects of low dose of dried plum (50 g) on bone mineral density and bone biomarkers in older postmenopausal women. FASEB J 2015; 29 Experimental Biology Meeting Abstracts DOI: 10.1096/fasebj.29.1_supplement.738.12.
  9. Innovations-report.de. „Zitrusduft hemmt Leberkrebs: Bochumer Forscher entschlüsseln Signalweg“. Im Internet: www.innovations-report.de/fachgebiete/medizin-gesundheit/zitrusduft-hemmt-leberkrebs-bochumer-forscher-entschluesseln-signalweg/; Zugriff am 14.06.2022
  10. Deutsche Forschungsanstalt für Lebensmittelchemie, Hrsg. Lebensmitteltabelle für die Praxis. Der kleine Souci/Fachmann/Kraut. Stuttgart: Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft; 2011
  11. von Koerber K, Männle T, Leitzmann C. Vollwerternährung: Konzeption einer zeitgemäßen und nachhaltigen Ernährung. Stuttgart: Haug;; 2012
  12. Memorial Sloan Kettering Cancer Center. About herbs: Milk Thistle. Im Internet: www.mskcc.org/cancer-care/integrative-medicine/herbs/milk-thistle; Zugriff am 09.06.2022
  13. Melnik B, Schmitz G, John S. Gesundheitsrisiken durch Milchkonsum. MMW – Fortschritte der Medizin 2021; 163: 3-9 DOI: 10.1007/s15006-021-9652-x.
  14. Schmidt L, Erickson NT, Reudelsterz C. et al. Keimarme Ernährung bei der Hochdosistherapie: ein Risiko für PatientInnen. Ernaehrungs Umschau 2022; 69: 24-29
  15. Marinac CR, Nelson SH, Breen CI. et al. Prolonged nightly fasting and breast cancer prognosis. JAMA Oncology 2016; 2: 1049-1055 DOI: 10.1001/jamaoncol.2016.0164.