Inhalt

Äußere Anwendungen sind ein fester Bestandteil des therapeutischen Konzepts in der anthroposophischen Medizin und wurden dort bereits in den 1920er-Jahren als vollgültiges Behandlungsverfahren in die medizinische Heilkunst integriert. Dazu gehören Wickel und Auflagen, Waschungen, Bäder und die Rhythmische Massage, aus der später die Rhythmischen Einreibungen entwickelt wurden. Diese Anwendungen reichen über die klassische Naturheilkunde hinaus. Sie dienen nicht nur der Linderung von Beschwerden, sondern werden ebenso ergänzend zu Medikamenten oder kreativ-therapeutischen Verfahren eingesetzt. Besonders bei schwer behandelbaren Erkrankungen zeigen sie häufig verblüffende Erfolge.
Dabei kommen verschiedene Substanzen zum Einsatz. Mineralische Stoffe wie Quarz, Kupfer oder Gold sowie pflanzliche Bestandteile wie Kamille, Aconitum, Schafgarbe und weitere Heilpflanzen werden in unterschiedlichen Potenzierungen in Wasser, Öl oder einer Salbengrundlage äußerlich angewendet. Auch Nahrungsmittel finden auf diese Weise Verwendung, beispielsweise Honig, Zitrone oder Quark. Bei neuropathischen Schmerzen finden 2 Substanzen bevorzugt Anwendung: der Schwarze Senf und Aconit, der Eisenhut.
Schwarzer Senf
Der Schwarze Senf, botanisch Brassica nigra, ist eine Pflanzenart aus der Familie der Kreuzblütler und gehört zur selben Gattung wie Raps, Kohl oder andere Senfarten. Er stammt ursprünglich aus dem Mittelmeerraum und Vorderasien, wird aber heute in vielen Teilen der Welt angebaut. Die Pflanze wird etwa 1–2 Meter hoch und trägt im Sommer gelbe Blüten, die typisch für Kreuzblütler sind. Die Samen sind klein und rund sowie dunkelbraun bis schwarz.
Inhaltsstoffe und chemische Zusammensetzung
Die Samen des Schwarzen Senfs enthalten etwa 30–35% fettes Öl und 0,5–1,2 % Senfölglykoside (Glucosinolate), vor allem Sinigrin. Wird der Samen verletzt oder gemahlen, spaltet das Enzym Myrosinase das Sinigrin zu Allylsenföl (Allylisothiocyanat). Dieses ist für den charakteristischen scharfen Geschmack und den stechenden Geruch verantwortlich. Das Allylisothiocyanat besitzt zudem antimikrobielle und antifungale Eigenschaften. In der Pflanze dient es als Abwehrstoff gegen Fressfeinde und Mikroorganismen.
Nutzung
Aus den Samen wird Senföl gewonnen oder sie werden zu Senfgewürz verarbeitet. Schwarzer Senf schmeckt schärfer als Gelber oder Brauner Senf und wird oft in der indischen und afrikanischen Küche verwendet.
Im medizinischen Kontext ist der Schwarze Senf vor allem deshalb interessant, weil er durchblutungsfördernd und entzündungshemmend wirkt und in der Naturheilkunde beispielsweise als Breiauflage bei Bronchitis, Lungenentzündung oder Muskelverspannungen eingesetzt wird. Dabei muss je nach Anwendungsform die Dauer der Behandlung angepasst werden: Breiauflage max. 5–10 Minuten (Cave: Verbrennungsgefahr!).
Das einsetzende Brennen auf der Haut sollte in der Vorbereitung auf die Breiauflage explizit benannt werden. Die Anwesenheit des Pflegepersonals während der Behandlung wird dringend empfohlen! Weniger intensiv ist das Senfmehlfußbad.
Senfmehlfußbad
Indikationen
beginnende Erkältung, Migräne
Kontraindikation
Unverträglichkeit gegenüber Senf, Hautverletzungen, Venenprobleme aller Art (Varizen, Entzündung), Polyneuropathie, Lymphödeme
Material
- Waschschüssel
- 1 Handvoll Senfmehl (Schwarzer Senf)
- 1 Handtuch
- warmes Wasser (max. 45 °C)
- Olivenöl oder Lavendelöl
Anwendung
Gefäß mit Wasser füllen, Senf einrühren und Füße für max. 15 Minuten darin baden. Zum Schutz gegen die aufsteigenden Dämpfe kann das Handtuch während der Behandlung über die Knie gelegt werden. Das Brennen setzt rasch ein.
Dauer der Anwendung
Individuell anpassen, aber max. 15 Minuten. Danach gut mit warmem Wasser abspülen und Zehenzwischenräume nicht vergessen. Abtrocknen, die Füße mit wenig Öl einreiben und dann mit einem Tuch umhüllen und nachruhen.
Nachruhe
30 Minuten
Erfahrungsbericht zum Senfmehlfußbad
Migräne und Fibromyalgie
57-jährige Patientin
Diagnosen:
- Migräne
- Fibromyalgie
- seit ca. 2 Monaten schnelle Erschöpfung
Symptome: Einschlafprobleme, Schmerzen in Schulter, Nacken, Rücken bzw. Lendenwirbel, Arm, Beine, Knie, hauptsächlich linke Seite, Fuß rechts schmerzt auch, links schlimmer, rechte und linke Hüfte, 7–9-mal wach nachts, Konzentrationsschwäche, Müdigkeit, rechts Kieferschmerzen
Medikamente: Schmerzmittel helfen ihr nicht mehr, gehe alles auf den Magen; Senfmehlfußbad seit ca. 2 Wochen täglich.
Behandlungseffekt: Die Migräne hatte sich verbessert, die Müdigkeit ebenfalls. Sie wurde gelassener, das Ein- und Durchschlafen gelangen ihr besser, sie war viel wacher. Da sie immer kalte Füße hatte, empfand sie den Zustand nach dem Senfmehlfußbad als sehr angenehm und schön warm. Sie hatte ein gutes Gefühl und machte zu Hause mit den Anwendungen weiter. Seit 2 Tagen hatte sie keine Migräne mehr, nur leichten Kopfdruck.
Aconit-Öl
Aconit-Öl (hier: Aconit-Schmerzöl) kann als Einreibung oder Ölauflage bei Patient*innen mit Herpes zoster, Trigeminusneuralgie oder anderen Nervenschmerzen eingesetzt werden.
Der Blaue Eisenhut (Aconitum napellus) ist eine mehrjährige krautige Pflanze aus der Familie der Hahnenfußgewächse, die etwa 50–150 cm hoch werden kann. Sie wird auch „Sturmhaube“ oder „Wolfswurz“ genannt und findet sich in den Alpen, Mittelgebirgen, auf feuchten Bergwiesen und an Waldrändern. Die Pflanze hat tiefblaue bis violette helmförmige Blüten, die an Ritterhelme erinnern – daher der Name Eisenhut. Sie zählt zu den giftigsten Wildpflanzen Europas.
Inhaltsstoffe und chemische Zusammensetzung
Insbesondere die Wurzel enthält Gerbstoffe und Harze, vor allem aber das hochwirksame Alkaloid Aconitin, eines der stärksten pflanzlichen Nervengifte. Schon kleinste Mengen können tödlich wirken. Aconitin blockiert Natriumkanäle in Nervenzellen, was zu Herzrhythmusstörungen und Atemlähmung führt. Selbst Hautkontakt mit frischen Pflanzenteilen kann Kribbeln oder ein Taubheitsgefühl verursachen.
Nutzung
Schon in der Antike wurde Eisenhut als Schmerzmittel oder bei Neuralgien genutzt, im Mittelalter auch als äußeres Mittel gegen Rheuma und Gicht (Salben, Einreibungen). Aufgrund seiner hohen Toxizität wurde die innere Anwendung später verboten. In der Schulmedizin wird der Eisenhut nicht als Heilpflanze verwendet, aber in stark verdünnter Form in der Homöopathie und in der anthroposophischen Medizin: Hier wird das Aconit-Schmerzöl in einer Ölauflage oder Einreibung eingesetzt. Die Einreibung wird speziell bei der Trigeminusneuralgie praktiziert. Da es sich um hochpotenzierten Aconit handelt, kann das Öl bedenkenlos ohne Handschuhe eingerieben werden.
Aconit-Ölauflage
Indikationen
Herpes zoster oder andere Nervenschmerzen
Kontraindikationen
Bläschen bei Herpes zoster, Hautverletzungen, Unverträglichkeit gegenüber der angewandten Substanz
Material
- Aconit-Schmerzöl
- Baumwolltuch, Wärmetuch, z.B. ein Handtuch oder Wollvlies
- Wickeltuch oder Schal
- Butterbrotpapiertüte oder Gefrierbeutel
- Wärmflasche (max. 60 °C Wassertemperatur)
Anwendung
Das Baumwolltuch mit dem Öl beträufeln und in den Gefrierbeutel oder die Butterbrotpapiertüte legen. Ein oder zwei Wärmflaschen ca. 10 Minuten durchwärmen lassen, dabei das Wärmetuch und das Wickeltuch außen um die Wärmflaschen legen, sodass diese auch schön warm werden. Das angewärmte Öltuch aus der Tüte nehmen, dann auf die zu behandelnde Stelle auflegen und mit dem Wärme- und dem Wickeltuch einhüllen. Das Tuch sollte mindestens 20 Minuten wirken. Ölwickel können aber auch gut über Nacht verbleiben, da sie nicht auskühlen.
Achtung
Vor dem Auflegen die Temperatur prüfen. Das Tuch darf nicht zu heiß sein (Verbrennungsgefahr!). Es kommt keine Wärmflasche an den Körper!
Nachruhe
hier nicht extra erforderlich
Erfahrungsbericht zum Aconit-Öl
57-jährige Patientin
Diagnosen:
- Zoster-Neuralgie rechts, Stirn, Herpes zoster Juli 2021
- diabetische Polyneuropathie
- Schulter-Arm-Syndrom rechts, V. a. Impingement-Syndrom der Schulter rechts
- Fußschmerzen beidseits
- Migräne ohne Aura
- Spannungskopfschmerz
- chronische Schmerzstörung mit somatischen und psychischen Faktoren
- chronisches Schmerzsyndrom seit Sept. 2005
Symptome: einschießend stechender Schmerz rechte Stirnhälfte mit Herpes zoster, Beginn im Juli 2021, Schmerzstärke bis NRS 8. Nach Behandlung des Herpes zoster mit Aciclovir und mit Verblassen der Effloreszenzen Ergänzung von Aconit-Öl, nachlassender Schmerz an der rechten Stirn nach Herpes-zoster-Infektion. Fortsetzung der sonstigen Schmerzmedikamente bei chronischem Schmerz.
Aktuelle Medikamente: Tapentadol retard 50 mg 2 × tgl., Laxans Drg., MCP, Lidocain 5 % Pflaster, rechte Stirn für 12 Stunden, ohne Pflaster Aconit-Öl rechte Stirn, Pregabalin 100–0–50 mg, THC/CBD TD 5 Sprühstöße, Novaminsulfon 2 Tbl. bei Kopfschmerz oder vermehrtem Gelenkschmerz ca. 1×/Woche, 2 × 2 Tbl., bis 4 × 2 Tbl., Venlafaxin 75 mg + 37,5 mg, Rizatriptan bei Migräne, Bedarf < 10 ×/Monat oder Sumatriptan nasal statt Rizatriptan.
Behandlungseffekt: gute zusätzliche Linderung des neuropathischen Schmerzes an der Stirn durch Aconit-Öl, bis NRS 6. Im weiteren Verlauf vergingen die Post-Zoster-Schmerzen bis zum Herbst desselben Jahres.
Autorin
Doris Rapp ist Gesundheits- und Krankenpflegerin, Expertin für Anthroposophische Pflege (IFAP) und Rhythmische Einreibung. Sie gibt Seminare und ist Ausbilderin für Rhythmische Einreibung.
Interessenkonflikt: Die Autorin gibt an, dass kein Interessenkonflikt vorliegt.



