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Die Benutzung von Heilpflanzen ist viel älter als die Menschheit selbst. Sie geht in prähominide Zeiten zurück. Zahlreiche ethologische Studien zeigen, dass kranke Tiere instinktiv pharmakologisch wirksame Pflanzen suchen, um sich zu heilen [3]. Bei uns Menschen geschieht das weniger instinktiv als durch kulturelle Überlieferung. Wird der Klimawandel dies verändern?
Auf einen Blick
Heilpflanzen begleiten den Menschen schon seit Tausenden von Jahren. Durch den immer wieder kontrovers diskutierten Klimawandel wird befürchtet, dass sich viele unserer Umweltbedingungen verändern und damit auch Heilpflanzen ausgelöscht werden. Historische Betrachtungen zeigen jedoch, dass Pflanzen als Lebewesen anpassungsfähig sind und dies in ihrer Geschichte bereits viele Male getan und sich sogar über Kontinente verschoben haben. Der Kohlendioxidgehalt in der Atmosphäre, der für den Klimawandel verantwortlich gemacht wird, dient den Pflanzen als Nahrung und schadet ihnen nicht. Dennoch ist unsere Flora gefährdet – ob und welchen Anteil der Klimawandel daran hat, darauf geht dieser Beitrag ein.
Apokalyptischer Klimawandel
Gibt man in Suchmaschinen das Thema „Klimawandel und Heilpflanzen“ ein, dann werden einem als Erstes folgende Inhalte geboten: Die Pharmazeutische Zeitung [2] schreibt, „dass Heilpflanzen oft nicht nachhaltig geerntet werden, ist kein neues Phänomen. Neu ist, dass die Last, die der Klimawandel mit sich bringt, dieses Problem deutlich beschleunigt, so die Wissenschaftler. So sei absehbar, dass einzelne Populationen sehenden Auges für immer verschwinden werden, wenn nicht unverzüglich gegengesteuert wird. Hinzu kommt, dass durch den Stress, den der Klimawandel bei den Pflanzen induziert, nicht nur ein Rückgang der Biomasseproduktion absehbar ist. Mit großer Wahrscheinlichkeit wird es auch zu Veränderungen im Muster der sekundären Stoffwechselprodukte kommen, auf dem der therapeutische Einsatz der Arzneipflanzen bekanntlich beruht. Daher ist davon auszugehen, dass sich nicht nur die bekannte Qualität, sondern womöglich sogar die Sicherheit der pflanzlichen Rohstoffe und der daraus abgeleiteten Medikamente ändern wird“.
Häufig wird die Aussage von David Nogués Bravo (Center for Macroecology, Evolution and Climate der Universität Kopenhagen) zitiert: „Die bioaktiven Pflanzenstoffe, die wir als Heilmittel einsetzen, erfüllen in der Natur spezifische Aufgaben in der Interaktion von Pflanze und Ökosystem – von der Bestäubung bis zur Bodenqualität. […] Extreme Temperaturen, Dürreperioden und eine erhöhte CO2-Konzentration in der Atmosphäre können dieses komplexe Zusammenspiel stören.“
Weiter heißt es, Klima- und Biodiversitätsforschung müssten zusammenarbeiten, um geeignete Schutzkonzepte zu schaffen [14]: „Jedes zweite der in den vergangenen 40 Jahren zugelassenen Medikamente basiert auf den Inhaltsstoffen von Pflanzen oder wurden nach ihrem Vorbild im Labor entwickelt. Forscher warnen davor, dass diese natürliche Ressource verloren geht.“
Derartige Feststellungen klingen alarmierend und scheinen auf wissenschaftlichen Fakten zu beruhen. Es handelt sich jedoch dabei lediglich um Hypothesen, um Annahmen, denen kaum empirische Daten zugrunde liegen. Wenn überhaupt, dann beruhen sie auf Computermodellierungen, die weder der Komplexität des Klimageschehens noch dem Wesen der Pflanzen Genüge leisten können. (Eine Auflistung renommierter Wissenschaftler, die die Daten weniger alarmierend interpretieren und auf die ich mich hier berufe, ist in dem Buch „Unerwünschte Wahrheiten“ [16] oder in der Aufführung kritischer wissenschaftlicher Manifeste bei Hans-Joachim Lüdecke [4] nachzulesen.)
Wurzeln der Phytotherapie
Pollenanalysen des Bodens einer mittelpaläolithischen Bestattung in der Shanidar-Höhle (Zagros-Gebirge, Kurdistan) vor rund 60 000 Jahren ergeben den ältesten Hinweis auf eine mögliche menschliche Anwendung von Heilkräutern. Die mikroskopischen Analysen der Erde, auf der ein Neandertaler (Homo sapiens neanderthalensis) bestattet wurde, zeigen Häufungen von Blütenstaub von 28 Pflanzen, die heute noch als Heilpflanzen verwendet werden: Darunter mehrere verschiedene Arten der Gattung Achillea, 2 Arten von Centaurea, 4 Arten von Senecio sowie Ephedra, Althea und Muscari [5]. Der Tote wurde auf Sträuße dieser blühenden Kräuter gelegt [9].
60 000 Jahre ist eine sehr lange Zeit. Damals wanderten die ersten anatomisch modernen Menschen (Homo sapiens sapiens) in Europa ein. Die steinzeitliche Migration hatte vermutlich mit der einsetzenden Kaltzeit (Würm-Eiszeit) zu tun, als die afrikanischen Wälder schrumpften und Wüsten sich ausbreiteten. Die Areale der verschiedenen Pflanzengattungen verschoben sich, wie immer, mit dem wandelnden Klima.
Pflanzen als resiliente Lebewesen
Pflanzen sind Lebewesen. Sie reagieren sensibel auf ihre Umwelt, passen sich an, zeigen Resilienz. Vor rund 475 Mio. Jahren gingen die ersten Pflanzen an Land; die ersten Gefäßpflanzen erschienen im Silur vor etwas mehr als 400 Mio. Jahren und die ersten Blütenpflanzen (Angiospermen) in der Kreidezeit vor rund 140 Mio. Jahren. Das ist eine sehr lange Zeit, in der es in der Umwelt gewaltige Klimaschwankungen gab: abwechselnde Heiß- und Eiszeiten, veränderte Intensität der Sonneneinstrahlung, Veränderungen des Kohlendioxidgehalts der Atmosphäre, Vulkanismus etc. Allen diesen Wechseln konnte sich die Vegetation anpassen, weil sie aus Lebewesen besteht und nicht nach Gesetzen der anorganischen Chemie agiert.
Beständiger Klimawandel
Es gibt keine Konstante, keinen Steady State, was das Klima betrifft. Ständiger Wandel ist die Norm. Das lehrt uns die sich über viele Millionen Jahre erstreckende Klimageschichte. Wärmezeiten wechseln sich periodisch mit Kältezeiten ab.
Die Ursachen des Wandels sind vielfältig. Dazu gehören u. a. die Milanković-Zyklen, die Präzision der Erdrotationsachse, der Neigungswinkel der Erdachse, der Sonnenfleckenzyklus, kosmische Winde, zyklisch auftretende Zirkulationsschwankungen der Meeresströme und viele andere Faktoren. Anthropogene Faktoren gehören nicht mit dazu. Es wird jedoch argumentiert, dass es einen derartig rapiden Klimawandel, wie wir ihn heute erleben, noch nie gegeben hat und dass es dafür keine andere Erklärung geben könne als den Kohlendioxidausstoß durch Industrie und die Verbrennung fossiler Energie. Aber auch das ist nicht ganz korrekt – z. B. stieg mit dem Beginn des Holozäns (vor etwa 12 000 Jahren) die durchschnittliche Jahrestemperatur innerhalb weniger Jahrzehnte um 7 °C an. Da spielte die industrielle Luftverschmutzung noch keine Rolle. Primärer Auslöser war erhöhte Sonnenaktivität [1]. Der gegenwärtige Anstieg der Temperatur um 0,07 °C in den letzten 100 Jahren ist dagegen sehr langsam [6].
Wird es kälter, wandern die Pflanzen nach Süden; die Baumgrenze sinkt. Wo die Umwelt sie nicht mehr tragen kann, verkümmern sie, können sich nicht erfolgreich fortpflanzen und werden von „Schädlingen“ und Pilzen angegriffen: Das sind die „abbauenden Organismen“ (Destruenten), die der britische Mykologe Sir Albert Howard als Teil des allgemeinen „Rad des Lebens“ beschreibt; auch im Herbst, wenn die mit der Sonne verbundenen Lebenskräfte abnehmen, wirken sie beim Abbau der Biomasse. Sie stehen dem Aufbau gegenüber [11]. Falls die Vegetation bei ihrem Rückzug nach Süden auf Barrieren stößt, dann besteht die Gefahr des Aussterbens. Das geschah etwa in den letzten Eiszeiten in Europa, wo die auf einer Ost-West-Achse verlaufenden Gebirge (Alpen, Pyrenäen, Karpaten etc.) und das Mittelmeer die Ausweichmöglichkeiten blockierten. Tausende endemische Arten und hunderte Gattungen verschwanden [11]. In Amerika und Ostasien, wo ihr Rückzug nicht versperrt wurde, überlebten sie. Zu den in Europa ausgelöschten Gattungen gehören Hamamelis, Gingko, Mahonia, Liquidambar, Thuja, Wisteria, Actinidia und andere, die ich in meinem Buch „Wesen und Geheimnisse der Neophyten“ aufgelistet habe [11].
Auch bei dem relativ schnellen Rückgang des Klimaoptimums der mittelalterlichen Wärmezeit (ca. 900–1300 n. u. Z.), als es 2–3 °C wärmer war als heute, die Wikinger Ackerbau in Grönland betrieben, Wein in Südskandinavien und bis Schottland angebaut werden konnte und im Rheinland – wo Hildegard von Bingen wirkte – auch Feigen, Mandelbäume und Oliven wuchsen, schwanden in der folgenden „Kleinen Eiszeit“ (1300–1850) die wärmeliebenden Kulturpflanzen in den nördlichen Breitengraden [6].
Wenn der Klimawandel langsam stattfindet, dann können sich die Pflanzen genetisch anpassen. So z. B. auf den Kanaren, wo die Spanier die Esskastanie (Castanea sativa) einführten. Der Baum verwilderte, und im Verlauf von 500 Jahren passte er sich – ganz im Sinne der darwinistischen Selektion – an das milde „ewige Frühlingsklima“ an, indem der winterliche Laubabwurf inzwischen 6 Wochen verkürzt ist.
Ein weiteres Beispiel: Während der Missionierung der keltischen und germanischen Bevölkerung im 7. und 8. Jahrhundert wurden Heilkräuter zuerst als Heilmittel verboten. Weihwasser, Gebet und Wallfahrten sollten genügen. Da die Indigenen jedoch mit den Kräutern gute Erfahrungen gemacht hatten, ließen sie nicht von ihrem Gebrauch ab. In Zugzwang geraten, erlaubte die Kirche wieder Heilkräuter, aber nur solche, die im Heiligen Land oder in den Ländern wuchsen, in denen einst die Apostel wandelten. Benediktiner brachten daraufhin altbewährte mediterrane Medizinpflanzen mit nach Norden. Diese waren jedoch ökotopfremd; die kälteren, feuchten, rauen Wetterbedingungen und gelegentliche (satanische) bitterkalte Winde zwangen die Mönche, ummauerte Klostergärten anzulegen. Nun, nach über 1000 Jahren, hatten diese mediterranen Gewächse – Rosmarin, Salbei, Poleiminze, Muskatellersalbei etc. – genügend Zeit, um sich genetisch anzupassen [13].
Vor ungefähr 30 Jahren sah ich in Leipzig, mitten im Dezember, ein mir unbekanntes Greiskraut blühen. Was für eine merkwürdige Pflanze, die da im Schneeregen florierte! Es stellte sich heraus, dass es sich um das Schmalblättrige Greiskraut (Senecio inaequidens) handelte, ein Neophyt aus dem Highveld Südafrikas. Dort sind die Jahreszeiten umgekehrt, dort wäre Sommer gewesen. Inzwischen hat sich der gelbblühende Korbblütler auf unserem Breitengrad erfolgreich auf die neue Situation eingestellt. Die Pflanze wuchert nun im Spätherbst, vor allem in den Autobahnmittelstreifen.
Kohlendioxid
Kohlendioxid ist Pflanzennahrung. Jedes Schulkind weiß, dass die Vegetation aus Kohlenstoff (C) und Wasser (H2O) mithilfe der Sonnenenergie ihre Körpersubstanz (organische Kohlenstoffverbindungen) aufbaut und dabei das Basismolekül der organischen Chemie, Glukose, synthetisiert. In diesem Vorgang wird Sauerstoff (O2) als „Abfall“ ausgeschieden. Sauerstoff ist wiederum die lebensnotwendige Grundlage der Zellatmung aller nicht pflanzlichen Lebewesen, von Pilzen, Bodenmikroorganismen bis zu den höheren Tieren. Mittels der Atmung und der Verdauung „verbrennen“ diese heterotrophen Organismen die pflanzliche Biomasse und gewinnen dadurch die Energie und Wärme, die sie für ihr Überleben benötigen. Das CO2, das bei diesem Verbrennungsprozess (Oxidation) abgegeben (ausgeatmet) wird, kommt der Vegetation bei der Photosynthese wiederum zugute. Somit entsteht ein Kreislauf, ganz im Sinne der vom Biophysiker James Lovelock und der Mikrobiologin Lynn Margulis postulierten Gaia-Hypothese. Die These besagt, dass die Biosphäre mit ihren vielfältigen Rückkopplungseffekten einem lebenden, selbstregulierenden Organismus ähnelt. Dabei werden Temperatur- und Klimarhythmen, der globale Wasserkreislauf, der Salzgehalt der Meere, die Zusammensetzung der Gase der Erdatmosphäre und andere Prozesse in einem Zustand der Homöostase gehalten. Das gilt auch für den Kohlenstoffhaushalt der Erde. Wenn Vulkane, Waldbrände, die Respiration der Bodenmikroorganismen und andere geophysikalische Abläufe den CO2-Gehalt der Luft erhöhen, kommen entgegengesetzte Prozesse – Beschleunigung des Wachstums der Vegetation, das Aufnehmen des Gases durch die Meere etc. – ins Spiel, die das homöostatische Gleichgewicht wiederherstellen [12].
Seit den letzten 150 Jahren erwärmt sich die Erdatmosphäre relativ schnell. Computersimulationen lassen befürchten, dass es zu einer Klimakatastrophe kommen wird. Die Verbrennungsrückstände von fossilen Energieträgern, der Ausstoß von CO2 seit der Industriellen Revolution, insbesondere seit dem 2. Weltkrieg, werden für den sog. „Treibhauseffekt“ verantwortlich gemacht. (Die Treibhaus-These ist zu hinterfragen, denn im Gegensatz zu einem gläsernen Gewächshaus ist jede Wüste wie ein offenes Fenster, durch das die Wärme ins All zurückströmt. Jeder Reisende in Wüstengebieten wird erlebt haben, dass – egal wie heiß der Tag war – die Nächte unerträglich kalt werden.)
In seinem populären, mit einem Oscar preisgekrönten Film „An Inconvenient Truth“ (2006) weist Al Gore darauf hin, dass es in Hinblick auf die Erdgeschichte eine Korrespondenz zwischen Temperaturverläufen und dem Kohlendioxidgehalt der Luft gibt. Der Politiker und Hedgefonds-Manager kommt zu der Schlussfolgerung, dass CO2 der treibende Faktor der Erwärmung ist. Diese These ist inzwischen widerlegt: Bei genauerer Betrachtung steigt immer zuerst die Temperatur und dann folgt die Zunahme an CO2. Das Meer ist der Hauptspeicher dieses Spurengases. Die Atmosphäre enthält 800 Mrd. Tonnen CO2, die Ozeane dagegen enthalten 39 000 Mrd. Tonnen. Wenn es kälter wird, nehmen die Ozeane CO2 auf; wenn es wärmer wird, geben sie – mit einer Verzögerung von rund 800 Jahren – Kohlendioxid wieder ab [6], [15]. Es verhält sich wie beim Sprudel, der, wenn er warm wird, Kohlensäure herausperlt.
Im Silur und im Devon, vor 440–360 Mio. Jahren, enthielt die Atmosphäre 5000 respektive 4000 ppm CO2 (ppm = parts per million. Von 1 Mio. Luftmolekülen bestehen 420 aus CO2. Von diesen sind 97 % natürlichen Ursprungs und 3 % anthropogen. Das bedeutet, etwa 12 Moleküle pro 1 000 000 gehen auf das Schuldenkonto der Menschen.) Aufgrund des damaligen hohen Gehalts des atmosphärischen Kohlenstoffs entwickelten sich die Pflanzen explosionsartig, wurden groß und diversifizierten rapide. Sie konnten von den Destruenten kaum abgebaut werden und hinterließen gewaltige Flöze organischen Materials (Kohle) [1]. In den folgenden Erdzeitaltern nahm der Kohlendioxidgehalt der Luft allmählich ab. Der größte Teil dieses Spurengases wurde in den Außenskeletten von Foraminiferen, Kalkflagellaten (Cocolithophorida), Korallen, Muscheltieren und anderer Meeresfauna als Karbonat-Sedimente (Kalke, CaCO3) abgelagert. In der letzten Eiszeit sank der CO2-Gehalt der Luft auf 182 ppm. Das war ein bedrohlicher Tiefpunkt – unter 150 ppm ist Photosynthese nicht mehr möglich; das Leben erlischt [16], [18].
Fossile Pflanzen haben weniger Spaltöffnungen (Stomata) auf den Unterseiten ihrer Blätter als die heutigen Pflanzen. In früheren Erdzeiten enthielt die Luft eben mehr von dem Gas des Lebens. Indem die Vegetation jetzt mehr Spaltöffnungen bildet, versucht sie ihre Transpiration zu steigern, also mehr des für sie lebensnotwendigen Kohlenstoffdioxids aufzunehmen. Bei der Transpiration wird ständig Wasser verdunstet. Wenn der CO2-Bedarf gesättigt ist, schließt die Pflanze ihre Spaltöffnungen. Wenn also die Luft mehr CO2 enthält, verdunstet die Pflanze weniger Wasser.
Vom Standpunkt der Pflanzen aus hat sich glücklicherweise der CO2-Gehalt erholt und – dank der Ausgasung der Meere und der Verbrennung fossiler Energie – auf gegenwärtig 420 ppm erhöht. Resultat ist, dass sich weltweit die Photosynthese-Leistung seit der vorindustriellen Zeit um 65 % gesteigert hat. Satellitenbilder zeigen eindeutig eine Zunahme der grünen Biomasse auf der Erde [19], was einer Fläche doppelt so groß wie die der USA entspricht. Ohne diesen CO2-Anstieg hätten wir 15 % weniger Reis, Weizen, Gemüse oder Soja und eine zunehmende menschliche Hungersnot.
Wenn in Gewächshäusern der Kohlendioxidgehalt der Luft verdoppelt oder verdreifacht wird, wachsen die Pflanzen zügiger, haben ein stärkeres Immunsystem, werden weniger von Schädlingen befallen, können sich besser gegen Hitzestress und Ozonbelastung durchsetzen und besser Stickstoff (N) und Phosphor (P) aufnehmen [16]. Sie bilden ein stärkeres Wurzelwerk aus, was ihnen hilft, in nährstoffarmen Böden an Feuchtigkeit und Mineralien zu gelangen. Obst und Gemüse haben mehr Geschmack und einen höheren Vitamingehalt. Man könnte annehmen, dass sich auch die Wirkstoffbilanz der Heilkräuter verbessert, aber dazu liegen mir keine empirischen Daten vor.
Satellitenbilder belegen, dass die Sahel-Zone wieder grüner wird. Das rührt nicht unbedingt von höheren Niederschlägen her, sondern resultiert vor allem aus dem höheren CO2-Gehalt der Luft. Die Pflanzen sind schneller mit dem Spurengas gesättigt, sodass sie ihre Spaltöffnungen schließen können und dadurch weniger Wasser verdunsten.
Gefährdung für die Flora
Es ist weniger der Klimawandel, der die Vegetation – auch unsere Heilpflanzen – gefährdet, sondern andere, durchaus anthropogene Eingriffe. Dazu gehören:
- Agrarchemie: die massive Anwendung von Breitband-Herbiziden, wie etwa Glyphosat, die sämtliche Begleitkräuter auf den Feldern eliminieren, bestäubenden Insekten schaden und störend in die ökologischen Zusammenhänge eingreifen.
- Genetische Manipulation: Wir erleben weltweit die Verarmung der genetischen Vielfalt vieler Kulturpflanzen durch gentechnisch verändertes Saatgut. Beispielsweise haben die Inder im Laufe der Zeit 200 000 Reissorten entwickelt, die jeweils an die lokalen Umweltbedingungen angepasst sind. Diese werden durch das patentierte Saatgut der großen internationalen Agrarkonzerne ersetzt, was zu einer Verengung der genetischen Basis dieser Pflanzen führt und gleichzeitig zu einem Verlust der Resilienz, die bei Umweltveränderungen (wie etwa dem Klimawandel) notwendig ist [8]. Das betrifft evtl. auch den kommerziellen Anbau von Heilpflanzen.
- Industrielle Umweltverschmutzung und elektromagnetische Felder: Verschiedene Studien zeigen, dass Elektrosmog Stressreaktionen sowohl bei Pflanzen als auch bei bestäubenden Insekten auslöst. Elektromagnetische Strahlungen wirken mutagen und führen zu Wachstumshemmungen sowie zu verringerter Funktionsfähigkeit des Photosynthese-Apparats [17].
Fazit
Obwohl das Thema Heilkräuter und Klimawandel kontrovers diskutiert wird, erlaube ich mir, nach intensivem Studium dieses Themas zu sagen: Wir können entspannen. Heilpflanzen – besonders die wild wachsenden – sind resilient und werden, wie schon immer, mit dem Klimawandel zurechtkommen.
Autor
Dr. phil. Wolf-Dieter Storl
Jahrgang 1942, ist Ethnobotaniker und Kulturanthropologe. 1974 promovierte er zum Doktor der Ethnologie (magna cum laude) in Bern, Schweiz. Es folgte eine langjährige internationale Lehrtätigkeit. Zahlreiche Reisen sowie ethnografische und ethnobotanische Feldforschungen prägten sein Denken. Er ist Autor von mehr als 30 Büchern, die in viele Sprachen übersetzt wurden. Die wilde, ursprüngliche Natur war stets seine Inspiration, formte seine Lebensphilosophie. Pflanzen sind für ihn nicht nur botanische Gegenstände, sondern haben, durch ihre Wechselbeziehung mit den Menschen, auch eine kulturelle, sprachliche, heilkundliche und mythologische Identität.
Interessenkonflikt: Der Autor gibt an, dass kein Interessenkonflikt besteht.
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