Kretischer DiptamKretischer Diptam - Origanum dictamnus L.

Origanum dictamnus L. wird seit der Antike zur Wundbehandlung, bei gastrointestinalen und gynäkologischen Beschwerden sowie Erkältungskrankheiten verwendet. Erfahren Sie mehr über die Krautdroge.

Inhalt
Origanum dictamnus L. in der Nahaufnahme.
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Origanum dictamnus L., der Kretische Diptam, wuchs ursprünglich nur auf Kreta.

Auch heute wird der Kretische Diptam, wie schon in der Antike, von den Einheimischen auf Kreta zu arzneilichen Zwecken angewendet. Im Jahr 2013 erkannte der HMPC der EMA der Krautdroge den sog. „traditional use“-Status aufgrund der langjährigen arzneilichen Verwendung in der EU zu. Dennoch ist diese Droge hierzulande weitgehend unbekannt und wird auch nicht in nennenswertem Maße arzneilich eingesetzt. Daher soll in diesem Porträt der Kretische Diptam und insbesondere seine Krautdroge vorgestellt werden.

Herkunft der Pflanzenbezeichnung

Bereits in der Antike war die Pflanze unter der (griechischen) Bezeichnung „diktamo“ (Δίκταμο), „diktamnon“ (Δίκταμνον) und „diktamnos“ (Δίκταμνος) auf Kreta bekannt und wird von über 20 griechischen und römischen Schriftstellern der Antike erwähnt [15] [17] [19]. Erst durch Linné erhielt diese Pflanze die botanische Bezeichnung „Origanum dictamnus“. Die Gattungsbezeichnung „Origanum“ soll auf die griechischen Wörter „óros“ (o’́ρος, für Berg, Gebirge) und „gános“ (γάνος, für Glanz, glänzend; Erfrischung) zurückzuführen sein [11]. Offenbar handelt es sich bei der Artbezeichnung um ein zusammengesetztes Wort aus „dicti“ (Δίκτη) als Name des Bergs mit ca. 2100 m Höhe auf Kreta, wo Zeus gemäß der antiken Mythologie aufgezogen worden sein soll, und „thamnos“ (θάμνος) für Busch [19] [29] [30] [32]. In anderen Quellen wird berichtet, dass der Name „Diktam“ auf die Tochter des Gottes Zeus, Diktynna, zurückgeht [11] [25].

Auf Kreta und auch im übrigen Griechenland gibt es eine Vielzahl von weiteren Bezeichnungen für O. dictamnus. Diese Pflanze ist in Deutschland als Diptam-Dost, Kretischer Diktam oder Kretischer Diptam und Kretamajoran bekannt, in England als „dittany of Crete“ oder kurz „dittany“ [19].

Verbreitung und Botanik

Origanum dictamnus L. (Lamiaceae), syn. Amaracus dictamnus (L.) Bentham, wächst endemisch auf der Insel Kreta in einer Höhe von (0–) 100–1800 (–2300) m auf Klippen, in kalkreichen Felsspalten und Felsvorsprüngen sowie am Grund der Schluchten und steht meist in Schattlagen. Es handelt sich um einen Halbstrauch, dessen Stängel bis zu 35 cm hoch, gelblich oder leicht violett, behaart und teilweise verzweigt sind. Pro Stängel sind bis zu 15 Blattpaare kreuzgegenständig vorhanden, wobei die unteren Blätter kurzgestielt sind und die Blätter rund bis oval oder eiförmig sind und eine Größe von 15 (4–30) mm × 15 (4–30) mm haben, weißlich-grünlich sind und beiderseitig wollig behaart sind. Der Blattrand ist leicht nach unten eingerollt; auffallend ist die Blattnervatur auf der Blattunterseite.

Die Blüten des Kretischen Diptam erscheinen von Anfang Juli bis Ende September und stehen in Gruppen von 3–10 Scheinähren, die 16 (7–40) mm lang und 14 (10–17) mm breit sind. Die Hochblätter sind purpurfarben, mit 7–10 mm länger als der Kelch und dachziegelartig angeordnet und geben damit dem Blütenstand ein hopfenartiges Aussehen. Die Kronblätter (Lippenblüte!) sind rosa bis hellviolett. Die Kronröhre ist doppelt so lang wie der Kelch. Die Bestäubung der Blüten erfolgt durch Insekten. Aus den Fruchtknoten entwickeln sich schließlich Spaltfrüchte, in denen sich die schwarzen Samen bilden. Die Wurzel kann einen Durchmesser von bis zu 1 cm haben [4] [11] [14] [19].

Haartypen sehr unterschiedlich

Bei einer mikroskopischen Untersuchung der Blätter von O. dictamnus fällt die große Variation an Haartypen auf: ein- und mehrzellige Haare, aufrechte und gebogene Haare sowie verzweigte und unverzweigte Haare. Die verzweigten Haare führen zu der wolligen Behaarung. Auf beiden Blattseiten sind die für Lamiaceen typischen Drüsenschuppen zu beobachten. Der Inhalt der Kutikularblase mit dem ätherischen Öl ist gelblich-bräunlich. Daneben gibt es Drüsenhaare, in deren Kopfzelle ein bräunliches, hydrophiles Gemisch von Stoffen enthalten ist [4] [19] [33].

Bei O. dictamnus handelt es sich um eine dimorphe Pflanze, abhängig von der Jahreszeit. Im Winter tragen die Triebe wenige Blätter, die größeren Blätter sind abgeworfen, nur an den Triebspitzen sind Blätter mit einer dichten Behaarung. Im Sommer dagegen sind die Triebe kräftig, mit großen grünen Blättern [4]. Sowohl die Winter- als auch die Sommerblätter tragen Haare und Drüsenhaare, wobei auf den Sommerblättern mehr Drüsenschuppen vorhanden sind und damit der Ätherischöl-Gehalt höher ist. Die Winterblätter sind dicker als die Sommerblätter. Damit erfolgt eine Adaptation an das warme Klima im Sommer und die geringen Temperaturen im Winter [4] [18].

Streng geschützt – Ernte aus Anbau

Arzneilich wurde und wird die Krautdroge von O. dictamnus verwendet [11] [19]. Bis 1930 wurde die Krautdroge wild gesammelt, was für die Sammler aufgrund des steilen Geländes nicht ungefährlich war. Bedingt durch die starke Ausrottung der Pflanze erfolgte ab 1920 ein erster Anbau auf Kreta, der dann nach und nach die Wildsammlung dort ablöste [29] [31] [32]. O. dictamnus ist heute streng geschützt. Nach der Ernte wird das Kraut an einem schattigen Ort getrocknet, zum Teil aufgehängt in Bündeln oder ausgebreitet auf Gittern, damit die ätherischen Öle nicht verloren gehen [19]. Etwa 85% der Ernte werden exportiert, vorwiegend nach Italien, Frankreich, Deutschland und Japan, während 15% in Griechenland verwendet werden [29]. Heute findet zusätzlich auch ein Anbau außerhalb von Kreta statt, u. a. in Nordgriechenland [2].

Unter dem Namen „Diptam“ bzw. „Diktam“ sind neben dem Kretischen Diptam, O. dictamnus, noch weitere Pflanzen bekannt, besonders der Weiße Diptam (Dictamnus albus L., Rutaceae) [26] (Info).

"Diktam"

In der Antike wurden – abgesehen vom Kretischen Diktam – verschiedene Pflanzen der Familie der Rutaceae sowie der Lamiaceae als „Diktam“ bezeichnet: Dictamnus albus L. (Rutaceae), der Weiße Diptam, Ballota pseudodictamnus (L.) Benth., die Kreta-Schwarznessel, und B. acetabulosa (L.) Benth., die Napf-Schwarznessel (beide Lamiaceae) sowie auch Dictamnus hispanicus Webb ex Willk. (Rutaceae) [21].

Auch im Mittelalter bzw. in der Renaissance wurden mehrere Pflanzen als „Diktam“ bezeichnet: So beschreibt Matthiolus in seinem Kräuterbuch O. dictamnus („edler oder Cretischer Dictam“), Dictamnus albus („Gemeiner Dictam“) und den „Vermeinter Cretischer Dictam“ („Pseudodictamnus cretensis“) [22].

Phytochemie

Zu den Inhaltsstoffen der Krautdroge von O. dictamnus liegen zahlreiche Untersuchungen vor, insbesondere aus den letzten 20 Jahren. Charakteristische Inhaltsstoffe sind einfache phenolische Säuren (u. a. p-Hydroxybenzoesäure, Gallussäure), Zimtsäure-Derivate (u. a. Kaffeesäure, Ferulasäure und p-Cumarsäure) und die für Lamiaceen charakteristischen sog. Depside, bei denen Kaffeesäure über Ester- und Ether-Brücken mit anderen Molekülen verknüpft sind. Beispiele für Depside sind die Rosmarinsäure, die Lithospermsäure und die Salvianolsäuren A, R, Z und S [3] [8] [13] [32]. Eine große Zahl an Flavonoid-Aglyka ist in Extrakten enthalten, die zu den Flavonen, Flavonolen, Flavanonolen und Flavanonen gehören, wobei viele der Flavonoide teilweise oder durchweg in O-methylierter Form vorliegen (z. B. Cirsimaritin, Thymonin, Xanthomicrol); nur wenige Flavonoid-O-glykoside sind bisher isoliert worden. Daneben sind auch Vertreter der Flavon-C-glucosyle (Apigenin-6,8-di-glucosyl und Nisenin-2) und Isoflavone (Biochanin A, Genistein) in kleineren Mengen enthalten [3] [13] [30]. Neben den phenolischen Verbindungen wurden auch Triterpene isoliert, darunter Oleanolsäure und Ursolsäure und davon abgeleitete Verbindungen [24].

Ätherisches Öl

Als Lamiacee enthält O. dictamnus ein ätherisches Öl, das durch Wasserdampfdestillation gewonnen wird und gelb gefärbt ist; der Gehalt liegt bei bis zu 2,5% (m/m) und ist während der Blütezeit am höchsten [2] [23] [31]. Seit 1966 wurde immer wieder das ätherische Öl untersucht [31]. In einer sehr frühen Untersuchung wurde festgestellt, dass Carvacrol der Hauptbestandteil des ätherischen Öls ist [26]. Beim Wildtyp werden heute hinsichtlich der Zusammensetzung des ätherischen Öls zwei O. dictamnus-Chemotypen unterschieden, der Carvacrol- und der Thymol-Chemotyp. Eindeutig vorherrschend ist der Carvacrol-Chemotyp mit den Komponenten Carvacrol (ca. 50–80%), p-Cymol (ca. 6–10%), γ-Terpinen (ca. 8–9%) und weiteren Komponenten mit Monoterpen-Struktur, insbesondere Monoterpen-Kohlenwasserstoffe [1] [23]. Nur wenige Arbeiten haben über den Thymol-Chemotyp berichtet, in dem Thymol mit 62–76% die Hauptkomponente ist, gefolgt von Carvacrol (4–12%) [9]. Interessant ist auch, dass das ätherische Öl der Winterblätter hauptsächlich p-Cymol (60%), Borneol (9%), Carvacrol (8%) und γ-Terpinen (ca. 0,9%) enthält und sich damit auch hinsichtlich der Zusammensetzung des ätherischen Öls von den Sommerblättern unterscheidet [18]. Charakteristische Inhaltsstoffe in O. dictamnus sind in [Abb. 1] dargestellt.

Traditionelle und volksmedizinische Verwendung

Historische arzneiliche Verwendung

In der Antike wurde der Diktam als „Panacea“ (Allheilmittel) angesehen. Euripides (480–406 v. Chr.) beschreibt, dass die Geburt erleichtert werde. Hippokrates (ca. 460–370 v. Chr.) verwendete den Diktam bei Magenbeschwerden, Gallenleiden, Tuberkulose und zur Wundbehandlung in Form von Umschlägen sowie zusammen mit Myrrhe als Geburt beschleunigendes Mittel. Hippokrates berichtete auch, dass der Diktam zum Schwangerschaftsabbruch verwendet werden könne [11] [19] [25]. Theophrast (ca. 372–287 v. Chr.) beschreibt in seiner Geschichte der Pflanzen den Diktam und erwähnt die arzneiliche Anwendung zur Erleichterung der Geburt und zur Verringerung von Schmerzen. Zudem berichtet er, dass auf Kreta Ziegen, die von Pfeilen getroffen wurden, nach dem Verzehr des Krauts des Diktams geheilt würden. Letztere Angabe ist ursprünglich von Aristoteles (384–322 v.Chr.) überliefert. Diese Wirkung wurde noch bis in das 17. Jahrhundert immer wieder erzählt bzw. angenommen [19] [22] [31].

Auch die römischen Dichter Cicero (106–43 v. Chr.), Vergil (70–19 v. Chr.), Plinius (23–79 n. Chr.), Celsus (ca. 25 v. Chr.–50 n. Chr.) erwähnen die Anwendung von Diktam. In dem Epos Aeneis des Dichters Vergil wird der Einsatz zur Wundheilung beschrieben: Hier heilt die Göttin Aphrodite die Wunden ihres Sohnes Aeneas mit Diktam [11] [15] [19]. In den folgenden Jahrhunderten wurde der Diktam immer wieder erwähnt, u. a. von den Griechen Plutarch (ca. 46–127 n. Chr.) und Dioskurides (1. Jahrhundert n.Chr.): sie nennen ähnliche Anwendungsgebiete wie Aristoteles. Der griechische Arzt Galen (ca. 129–201 n.Chr.) erwähnt die heilende Wirkung von Diktam, Wirkungen bei Rheuma und die Wirkung als Abtreibungsmittel [19]. Weitere Informationen zu Autoren der Antike, in deren Werken der Diktam vorkommt, sind in einer Übersichtsarbeit zu finden [15].

Auch im Mittelalter war die Verwendung von Diktam bekannt, u. a. in einer Landgüterverordnung von Karl dem Großen und später auch in Kräuterbüchern der Renaissance [11] [19]. Im Kräuterbuch von Matthiolus von 1586, in der auch eine Abbildung zu O. dictamnus enthalten ist, werden die innerliche Anwendung der Droge, in Wein gesotten, gegen Gifte sowie harntreibende, harnsteinlösende und abtreibende Wirkungen genannt; äußerlich werden Umschläge mit der Krautdroge bei Milzleiden und bei Wunden durch giftige Tiere eingesetzt [22]. Im Mittelalter wurde aus dem Diktam der Benediktinerlikör hergestellt. Heute werden Kräuterweine oder Liköre mit dem Kraut gewürzt [25] [26].

Heutige volksmedizinische Verwendung

Auf Kreta wird die Krautdroge heute als Tee (und ggf. als Tinktur) eingesetzt bei Tonsillitis und Erkältungskrankheiten, bei gastrointestinalen Beschwerden, bei Gingivitis (hierbei ggf. auch durch Kauen der Droge) und als Diuretikum, aber auch bei Lebererkrankungen, Diabetes, Übergewicht und Rheuma. Äußerlich wird der Infus oder Dekokt in Form von Kompressen als Antiseptikum, bei Prellungen und Geschwüren und zur Wundheilung angewendet [11] [29].

Der HMPC (Herbal Medicinal Products Committee) stand der zerkleinerten Krautdroge von O. dictamnus den Status des sog. „traditional use“ (=Wirksamkeit nur aufgrund der langjährigen Anwendung belegt) zu, wobei das Kraut als Infus oder als Abkochung eingesetzt wird. Indikationen bei peroraler Anwendung sind die Linderung von Husten bei Erkältungen und die Linderung von leichten gastrointestinalen Beschwerden und äußerlich die Linderung von leichten Hautentzündungen und Prellungen als Umschläge. Da keine klinischen Studien der Beurteilung zugrunde liegen, sind auch keine Angaben zur Anwendung bei Kindern, Schwangeren, Stillenden, zu unerwünschten Wirkungen etc. bekannt [12].

Zur Krautdroge von O. dictamnus gibt es bislang noch keine Monografie im Europäischen Arzneibuch, die Mindestanforderungen an die Qualität der Droge festlegt.

Biologische Aktivitäten

Zahlreiche Publikationen beschäftigten sich mit den Wirkungen von Extrakten von O. dictamnus (Krautdroge) und dem ätherischen Öl dieser Droge. Untersucht worden sind insbesondere antimikrobielle, antioxidative und antiproliferative Wirkungen.

Antioxidative Wirkungen

Hydrophile Extrakte wirkten im DPPH-Test (2,2-Diphenyl-1-picrylhydrazyl) und im ABTS-Test (2,2′-Azino-di(3-ethylbenzthiazolin-6-sulfonsäure)) stark antioxidativ [13] [16] [28], während lipophile Extrakte starke antioxidative Wirkungen auf die beschleunigte Oxidation eines Baumwollsamenöls zeigten, messbar an einem geringeren Anstieg des Peroxid-Werts im Vergleich zu einem Baumwollsamenöl ohne Einwirkung des Extrakts [16]. Für einen Teeaufguss wurde eine starke reduzierende Wirkung im FRAP-Test (Ferric Ion Reducing Antioxidant Power) ermittelt [13].

Das ätherische Öl war im DPPH-Test nur schwach wirksam. Dagegen zeigte das ätherische Öl sehr starke reduzierende Eigenschaften im FRAP-Test [20]. Im gleichen Jahr wurde über starke antioxidative Wirkungen des ätherischen Öls im DPPH-Test berichtet, wobei nur die Komponente Carvacrol aktiv war [23]. Interessanterweise enthielt das ätherische Öl in der ersten Studie nur 14,7% Carvacrol [20], während in der zweiten Studie der Gehalt mit 52,2% wesentlich höher lag [23]. Damit könnten die unterschiedlichen Ergebnisse im DPPH-Test erklärbar sein.

Antimikrobielle Wirkungen

Ein Extrakt von O. dictamnus (Dekokt) zeigte im Mikrodilutionstest nur mäßige Aktivitäten gegen ein breites Spektrum an grampositiven und gramnegativen Bakterien sowie gegen 3 Candida-Arten. Antifungale Wirkungen wurden auch gegen 3 Malassezia-Arten beobachtet. Die Wirkungen werden auf Carvacrol, das als Ätherischöl-Komponente auch in Extrakten enthalten ist, zurückgeführt [32]. In einer anderen Publikation war das Depsid Salvianolsäure P, das aus einem Extrakt isoliert worden war, besonders stark antimikrobiell wirksam, wobei dieser Stoff gegen die gramnegativen Keime Acinetobacter haemolyticus, Empedobacter brevis, Pseudomonas aeruginosa und Klebsiella pneumoniae mit MIC-Werten von 0,012 mmol/ml ähnlich stark aktiv war wie Antibiotika (Ampicillin, Tetrazyklin). Rosmarinsäure und zwei Ätherischöl-Komponenten zeigten zum Teil inhibitorische Wirkungen gegen die Testkeime [5].

Im Agar-Diffusionstest zeigte das ätherische Öl von O. dictamnus sehr starke antimikrobielle Aktivitäten gegen die grampositiven Bakterien Staphylococcus aureus, Staphylococcus epidermidis, Listeria monocytogenes und Bacillus subtilis sowie gegen die gramnegativen Bakterien Salmonella enteritidis, Salmonella typhimurium und Escherichia coli [23] [27], die mit Hilfe der Agardilutionsmethode bestätigt wurden [20] [23]. Antifungale Wirkungen zeigte das ätherische Öl gegen die Hefe Saccharomyces cerevisiae und gegen den Schimmelpilz Aspergillus niger [23]. Die Autoren führen die antimikrobiellen Wirkungen insbesondere auf den Inhaltsstoff Carvacrol zurück, aber auch auf die Stoffe γ-Terpinen, p-Cymol und Linalool sowie Thymol [20] [23] [27].

Antiproliferative Wirkungen

Ein wässriger Extrakt (Teeaufguss) von O. dictamnus zeigte in vitro sehr starke antiproliferative Wirkungen gegen HT29-Zellen (epitheliale Kolonkrebs-Zelllinie) und gegen PC3-Zellen (Prostatakrebs-Zelllinie). Die Autoren verweisen darauf, dass für Carvacrol antiproliferative Effekte gegen Prostatakrebs-Zelllinien beschrieben sind [13]. In vitro konnte für einen methanolischen Extrakt von O. dictamnus nur eine schwache antiproliferative Wirkung gegen T24-Zellen (humane Blasenkarzinom-Zelllinie) nachgewiesen werden [8]. In einer anderen Untersuchung war die Dichlormethan-Fraktion eines Extrakts sehr stark antiproliferativ wirksam gegen P-388 (3PS)-Zellen (murine Leukämie-Zelllinie), L-1210-Zellen (lymphatische Leukämie-Zelllinie der Maus) und NSCLC-N6-Zellen (nicht-kleinteiliges Bronchialkarzinom-Zelllinie), ebenso wie die aus diesem Extrakt isolierte Ursolsäure. Diese Wirkungen konnten allerdings in vivo in einem Maus-Aszites-Modell nicht bestätigt werden [6].

Für das ätherische Öl von O. dictamnus wurde eine dosis- und zeitabhängige Hemmung der Proliferation von HepG2-Zellen (humane Leberkarzinom-Zelllinie) und LoVo-Zellen (humane Kolon-Adenokarzinom-Zelllinie) sowie weiteren Krebszelllinien (Brust-, Kolon- und Lungen-Adenokarzinome) beschrieben [20] [23]. Carvacrol hemmte die Proliferation von HepG2-Zellen [23].

Antientzündliche Wirkungen

Im Tiermodell des Carrageenan-induzierten Rattenpfotenödems konnte für einen ethanolischen Extrakt von O. dictamnus eine starke antiinflammatorische Wirkung beobachtet werden [7]. In vitro wurde für einen Teeaufguss von O. dictamnus nach TNF-α-Stimulation von PC3- und HT29-Zellen eine starke Abnahme des proinflammatorischen Zytokins Interleukin-8 (IL-8) ermittelt [13].

Antiparasitäre Wirkungen

Ein Dichlormethan-Extrakt von O. dictamnus zeigte in vitro eine starke Wirksamkeit gegen Leishmania donovani, wobei die eingesetzten Dosierungen nicht zytotoxisch waren; als wirksame Stoffe wurden die Triterpene Ursolsäure und Oleanolsäure identifiziert. Eine nur schwache Wirkung wurde gegen Plasmodium falciparum beobachtet [10].

Toxizität

Zur Abschätzung der Toxizität wurde ein marines, biolumineszierendes Bakterium, Vibrio fischeri, als Testorganismus verwendet. Untersucht wurden Extrakte verschiedener Lamiaceen, darunter auch ein Heißwasserauszug (85°C), ein Kaltwasserauszug und ein Kaltwasserauszug in Kombination mit Ultraschallbehandlung von O. dictamnus. In diesem Testassay war der Heißwasserauszug gemessen an den EC50-Werten (50%iger Verlust der Lumineszenz) toxischer als die beiden Kaltwasserauszüge. Die Extraktion der 3 wässrigen Extrakte mit Petrolether führte zu einer deutlichen Verringerung der Toxizität in diesem Testmodell. Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass die flüchtigen Stoffe in den Extrakten zur toxischen Wirkung wesentlich beitragen, auch aufgrund der bekannten antimikrobiellen Wirkung von einzelnen Ätherischöl-Komponenten wie Carvacrol, γ-Terpinen und p-Cymol [28].

Weitere Untersuchungen zur Toxizität (Gen-, Reproduktionstoxizität, Karzinogenität) und zur Toxizität nach einer einzelnen oder nach wiederholter Anwendung von Extrakten oder des ätherischen Öls von O. dictamnus liegen bisher nicht vor.

Fazit

Die Wirksamkeit von O. dictamnus als Teeaufguss für die innerliche Anwendung oder als Abkochung für die äußerliche Anwendung ist ausschließlich aufgrund der langjährigen Anwendung in der Europäischen Union belegt, sodass der HMPC hierfür den sog. „traditional use“ anerkannte. In-vitro-Untersuchungen liefern erste Ergebnisse für antimikrobielle/antiseptische, antiinflammatorische und antiparasitäre Wirkungen, die zum Teil bestimmten Substanzen oder Naturstoffen zugeordnet werden können (u. a. Carvacrol, Triterpene, phenolische Verbindungen). Weitere Untersuchungen zu den biologischen Aktivitäten von Extrakten und dem ätherischen Öl und vor allem Studien am Menschen wären wünschenswert.

Dr. Klaus Peter Latté 
ist Apotheker und war wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Pharmazeutische Biologie der FU Berlin und wurde dort 1999 promoviert.

Interessenkonflikt: Der Autor erklärt, dass kein Interessenkonflikt besteht.

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