HeilpflanzenporträtUnterschätzte Heilpflanze: die Gemeine Wegwarte (Cichorium intybus L.)

Die Gemeine Wegwarte wirkt bei einer Reihe von Beschwerden, unter anderem bei Schmerzen, Rheuma, Hautkrankheiten und Verdauungsbeschwerden. 

Inhalt
Zwei Blüten der Gemeinen Wegwarte in der Nahaufnahme.
Birute Vijeikiene/stock.adobe.com
Blüte der Gemeinen Wegwarte.

Die 2020 durch den NHV Theophrastus zur „Heilpflanze des Jahres“ gekürte Gemeine Wegwarte enthält eine Vielzahl an wertvollen Wirkstoffen – Sie wirkt bei einer Reihe von Beschwerden, unter anderem bei Schmerzen

Süß ist das neue Bitter: Bitterstoffe, wie sie auch in der Wegwarte zu finden sind, gehören für die meisten Menschen nicht gerade zu den beliebten pflanzlichen Inhaltsstoffen. Entweder landen bitter schmeckende Gemüse gar nicht erst auf den Teller oder es werden nur noch Sorten serviert, aus denen die Bitterstoffe zugunsten des Geschmacks weitestgehend herausgezüchtet worden sind. Und dabei sind es gerade die Bitterstoffe, die ein immenses Potenzial zur Erhaltung der Gesundheit des Menschen beinhalten.

Kurz gefasst

Die Gemeine Wegwarte ist eine Pflanze, die eine Vielzahl an medizinisch wertvollen Inhaltsstoffen enthält. Als Anwendungsgebiete von Tee aus der Wurzel der Gemeinen Wegwarte werden in der Monografie des Herbal Medicinal Product Committee (HMPC) der European Medicines Agency (EMA) die Folgenden genannt: zur Linderung von Symptomen leichter Verdauungsstörungen wie Völlegefühl, Blähungen und langsame Verdauung sowie bei vorübergehender Appetitlosigkeit. Traditionell wird die Wegwarte auch bei Erkrankungen wie Rheuma und Hautkrankheiten sowie bei Schmerzen und Infekten wie Malaria eingesetzt.

Botanischer Steckbrief

Die Wegwarte (Cichorium intybus L.), die auch als „Gemeine Wegwarte“, „Wegewart“, „Wegetret“ [2], „Wegeleuchte“ oder seltener als „Blauwarte“ bezeichnet wird, ist eine mehrjährige, krautige Pflanze mit einer durchschnittlichen Wuchshöhe von etwa 50–100 cm (selten bis 150 cm). Sie ist in Europa, einschließlich Nordeuropa, beheimatet [4]. Gemäßigtes Klima bevorzugend kommt sie auch in Russland und Vorderasien, seltener in Nordafrika vor [4].

Die Pflanze ist, wie der Name bereits vermuten lässt, insbesondere an Weges- und Feldrändern, aber auch an Böschungen zu finden. Sie bevorzugt etwas schwerere, trockene und lehmige Böden [3]. Die Unterart der Gemeinen Wegwarte, die 2005 zur „Pflanze Europas“ gewählt worden ist, trägt neben dem Namen Waldwegwarte auch den Namen Blauwarte (Cichorium intybus ssp. silvestre).

Die Gattung der Wegwarten (Cichorium), die etwa 10 Arten umfasst, stellt neben Gattungen wie Lattiche (Lactuca), Gänsedisteln (Sonchus), Ringelblumen (Calendula), Kamillen (Matricaria) und Löwenzahn (Taraxacum) eine der etwa 1500–2000 Gattungen aus der großen Familie der Korbblütler (Asteraceae) dar.

Blätter oder Kraut einiger der genannten Gattungen werden gerne als Wildgemüse, aber auch als Kulturgemüse bzw. als Salat verzehrt. Chicorée und Radicchio (Cichorium intybus var. foliosum) sind Kulturformen bzw. Varietäten der Gemeinen Wegwarte, die Endivie (Cichorium endivia) ist eine nächste Verwandte.

Die bis zu 75 cm langen Pfahlwurzeln der Gemeinen Wegwarte können in den späten Herbstmonaten und im Winter geerntet, getrocknet, geröstet und gemahlen als Zichorien-Kaffee zubereitet werden, der seinen Ursprung im 18. Jahrhundert hat. Hierbei spielt insbesondere die Varietät der Kaffee-Zichorie (Cichorium intybus var. sativum) eine Rolle, deren Pfahlwurzel einen relativ hohen Gehalt (bis zu 58 %) an präbiotisch wirksamem Inulin aufweist [1]. Daher ist diese Wurzel einer der wichtigsten Rohstoffe in der weltweiten Inulin-, aber auch Fructose-Sirup-Produktion [5].

Wegwarten (Cichorium) gehören zu den über 12 000 Pflanzenarten, die Milchsaftröhren besitzen [1] und in der Lage sind, Milchsaft (sog. Latex) zu produzieren, welcher wiederum artspezifische sekundäre Pflanzenstoffe zur effektiven Abwehr von Herbivoren enthält. Dies ist eine mögliche Erklärung dafür, dass die Gemeine Wegwarte einen bemerkenswert geringen Befall durch für die Pflanze schädliche Insekten zeigt [1].

Arzneidrogen und Extrakte

Wie dem Europäischen Arzneibuch entnommen werden kann, sind die Pflanzenteile, die von der Gemeinen Wegwarte als Arzneidrogen genutzt werden, das Kraut (Cichorii herba), die Wurzel (Cichorii radix) und die zu einem Pulver gemahlenen Samen (Cichorii seminis pulvis). Gehandelt werden außerdem alkoholische Extrakte (Tinkturen bzw. Urtinkturen) oder alkoholfreie Extrakte (z. B. auf Glycerin-Basis), die aus dem frischen Kraut, der Wurzel oder den Samen hergestellt werden. Arzneidrogen und Extrakte finden sich auch in Kapsel- und Tablettenform.

Traditionelle Verwendung

Gemäß den Angaben von Dioskurides und Plinius sei die Wegwarte bereits im Altertum bekannt und in Ägypten (500 v. Chr.) als magenstärkendes Gemüse kultiviert worden [4]. Aufgrund der bitteren Inhaltsstoffe stellt die Wegwarte ein Tonikum amarum, also ein bitteres Anregungs- und Kräftigungsmittel dar, welches im europäischen Raum als Tee-Aufguss (Wurzel) oder Press-Saft (oberirdische Frischpflanze) unter anderem bei Appetitlosigkeit, Vollgefühl, Blähungen sowie Gallenblasen- und Leberleiden eingesetzt wurde [3] [4].

Die Verwendung als leberschützendes Mittel findet sich auch in der indischen Medizin [5] bzw. dem Ayurveda wieder, wo die Gemeine Wegwarte den Namen Kasani trägt. Zudem wird die Anwendung als Diuretikum (nach Sebastian Kneipp) [4], bei Kopfschmerzen [3] [4] und seltener bei Hysterie sowie Hypochondrie [4] beschrieben.

Weitere in der Literatur genannte Anwendungen sind Wundbehandlung, Schmerzbehandlung (Lendenwirbelsäure), Rheuma und Hautkrankheiten (Ekzeme) [7]. Auch wurde der Latex in der Volksmedizin zur Behandlung von Tumoren eingesetzt [5]. Eine interessante traditionelle Indikation der Verwendung der Pflanze in Afghanistan, genauer gesagt eines wässrigen, lichtempfindlichen Wurzelextraktes, stellt Malaria dar. Ihre Wirkung bei Malaria konnte durch die Identifikation der entsprechenden Inhaltsstoffe bereits bestätigt werden [6].

Indikationen

Als Anwendungsgebiete von Tee aus der Wurzel der Gemeinen Wegwarte werden in der Monografie des Herbal Medicinal Product Committee (HMPC) der European Medicines Agency (EMA) die Folgenden genannt: zur Linderung von Symptomen leichter Verdauungsstörungen wie Völlegefühl, Flatulenz (Blähungen) und langsamer Verdauung sowie bei vorübergehender Appetitlosigkeit.

Enthaltene Inhaltsstoffe

Mineralstoffe, Vitamine und organische Säuren

Eine entsprechende Analyse der Blätter der Gemeinen Wegwarte ergab, dass diese Magnesium, Phosphor, Calcium, Zink, Natrium und Eisen sowie die Vitamine A, E, K, C, B1, B2, B3, B5, B6 und B9 enthalten [11].

Organische Säuren

Nachweisbare organische Säuren sind Weinsäure, Oxalsäure, Chinasäure, Zitronensäure, Äpfelsäure und Ascorbinsäure [7].

Sekundäre Pflanzenstoffe

Aus phytochemischer Sicht enthalten alle Pflanzenteile der Gemeinen Wegwarte ein überaus spannendes und breites Inhaltsstoff-Profil, wobei sich die Gehalte an sekundären Pflanzenstoffen in Wurzeln und Kraut je nach Gruppe durchaus unterscheiden [8]. Aufgrund der Vielzahl der bisher identifizierten (und noch nicht identifizierten) sekundären Pflanzenstoffe ist, wie bei allen Pflanzen, eine vollständige Aufzählung aller enthaltenen sekundären Pflanzenstoffe nicht möglich. 2013 konnten bereits mehr als 100 verschiedene sekundäre Pflanzenstoffe in der Gemeinen Wegwarte nachgewiesen werden – die Mehrzahl in der Pfahlwurzel [5]. Nachfolgend sollen daher nur einige genannt werden.

Bitterstoffe

Die wohl wichtigste Gruppe an sekundären Pflanzenstoffen in Wegwarten stellen die Sesquiterpenlactone (vor allem vom Guajanolid-Typ) dar, auf die auch deren Bitterkeit zurückzuführen ist bzw. die in der Literatur allgemein als „Bitterstoffe“ Erwähnung finden [3]. Besondere Bekanntheit wird hierbei den beiden lichtempfindlichen Vertretern Lactucin und Lactucopikrin (Lactucin-15-p-hydroxy-phenylacetat, auch: Intybin) zuteil, für die eine Wirksamkeit gegen Malaria – wie oben erwähnt – nachgewiesen werden konnte [6]. Die Sesquiterpenlactone bilden eine große Gruppe an sekundären Pflanzenstoffen, die in vielen Pflanzen aus der Familie der Korbblütler (Asteraceae) zu finden sind [22].

Triterpene

In den Blättern konnten zudem Triterpene nachgewiesen werden, darunter β-Sitosterol und dessen Glucosid Daucosterol, Stigmasterol, Campesterol sowie Intybusoloid, welches ebenfalls in den Wurzeln enthalten ist [7].

Hydroxy-Zimtsäure-Derivate

Auch Hydroxy-Zimtsäuren wie Kaffeesäure und Derivate lassen sich in den Blättern der Gemeinen Wegwarte finden. Hauptvertreter der in den Blättern vorhandenen Hydroxy-Zimtsäure-Derivaten sind die Depside, genauer gesagt Ester zwischen der Kaffeesäure oder Ferulasäure und der Chinasäure oder Weinsäure, darunter Kaftarsäure (2-Kaffeoylweinsäure), Cichoriensäure (2,3-Di-Kaffeoylweinsäure), Chlorogensäure (3-Kaffeoylchinasäure) und das aus der Artischocke bekannte Cynarin (1,3-Di-Kaffeoylchinasäure) [7] [8].

Kaftarsäure, Cichoriensäure und Chlorogensäure sind in den Blättern im Vergleich zu den Wurzeln in deutlich höheren Konzentrationen nachweisbar [8]. Die genannten Verbindungen zählen zu den denen, die in der Literatur oftmals ohne nähere Erklärung als „Gerbstoffe“ genannt werden [3].

Sowohl in den Wurzeln als auch im oberirdischen Teil konnten die von der Ferulasäure herrührenden Verbindungen Coniferylaldehyd, Coniferylalkohol sowie dessen Glucosid Coniferin nachgewiesen werden [7], welches das Hauptglucosid vieler Koniferen darstellt.

Cumarin-Derivate

Die blauen Blüten enthalten verschiedene Cumarin-Derivate, vor allem Aesculetin-Derivate, die Kaffeesäure als Vorläufersubstanz besitzen. Darunter Umbelliferon, Aesculetin (Cichorigenin) und Aesculetin-Glykoside wie Aesculin (Aesculetin-6-O-glucosid) und Cichoriin (Aesculetin-7-O-glucosid), und Scopoletin [7]. In den Blättern der Ester Cichoriin-6‘-p-hydroxyphenyl-acetat [7]. In den Blättern und in den Wurzeln gelang auch der Nachweis der 3 Benzo-Isochromene Cichorin A, B und C [7], die sich strukturell von den Cumarin-Derivaten ableiten lassen.

Flavonoide

Der oberirdische Teil der Gemeinen Wegwarte enthält außerdem eine Vielzahl an verschiedenen Flavonoiden bzw. Glykosiden aus der Gruppe der Flavone (Iso-Scutellarein, Apigenin, Lutein), der Flavonole (Quercetin, Iso-Rhamnetin, Kaempferol, Myricetin) und der Anthocyanidine (Cyanidin, Petunidin, Pelargonidin, Delphinidin) [7], wobei Letztere insbesondere in den Blüten enthalten sind [7]. Auch sind kondensierte Tannine in der Pflanze zu finden [5]. Diese zählen ebenfalls zu den „Gerbstoffen“.

Stickstoffhaltige sekundäre Pflanzenstoffe

Spannenderweise konnten in der Gemeinen Wegwarte auch stickstoffhaltige sekundäre Pflanzenstoffe gefunden werden. So enthält die Wurzel, die wie eingangs erwähnt auch als Kaffee-Ersatz Verwendung findet, unter anderen die beiden Purin-Alkaloide Coffein und Theophyllin [7]. Die Blätter enthalten unter anderen die biogenen Amine Putrescin und Spermidin [7].

Ätherische Öle

Etwas ätherisches Öl ist ebenfalls in den Wurzeln und Blüten der Gemeinen Wegwarte enthalten. Bestandteile sind unter anderem Octan, Nonadecan und Pentenylsalicylat (Salicylsäure-Amylester) und mit geringem Anteil Monoterpene wie beispielsweise 1,8-Cineol (Eucalyptol) und Campher [5] [7].

In den Samen enthaltene Inhaltsstoffe

Die Samen enthalten neben 8-Deoxy-Lactucin und 11β,13-Dihydro-Lactucopikrin auch einen Kaffeesäure-Ester eines Sesquiterpenlactonglucosids (vom Guajanolid-Typ), das Cichotybosid [7].

Weiterhin enthalten sie die Triterpen-Alkohole Lupeol und Betulin, das Triterpenaldehyd Betulinaldehyd und die Triterpen-Säure Betulinsäure [7]. Außerdem sind sie reich an polyphenolischen Verbindungen [13].

Wirkung

Wie für die traditionelle Anwendung bei Malaria-Infektionen konnten auch für andere Anwendungen wissenschaftliche Belege für die potenzielle Wirkung der Gemeinen Wegwarte auf die Gesundheit des Menschen geliefert werden.

Tierexperimentelle Studien zeigten eine mit Silymarin, dem Wirkstoff aus Mariendistel, vergleichbare leberschützende Wirkung des alkoholischen und wässrigen Wurzelextrakts der Wegwarte sowie eine schützende Wirkung vor einer Tetrachlormethan-induzierten Leberfibrose [7]. Als ein wichtiger Wirkstoff wurde hierfür Aesculetin identifiziert, das auch vor Paracetamol-induzierter Leberschädigung schützt [16]. Die Silymarin-ähnliche Wirkung wurde auch für das in den Wegwarten-Samen enthaltene Cichotybosid festgestellt [15]. Zudem konnte für einen Wurzelextrakt ein magenschützender Effekt gefunden werden [7].

Für das in den Wurzeln enthaltene Inulin ließen sich in tierexperimentellen Studien eine Verbesserung des Fettstoffwechsels sowie eine Reduzierung des abdominalen Übergewichts nachweisen [7]. Extrakte der Gemeinen Wegewarte demonstrierten zudem neben der Reduzierung der Blutfettspiegel auch eine Verringerung der Blutviskosität, des Blutglucosespiegels sowie des Serumharnsäurespiegels [7]. Auch bei Menschen konnten eine Verbesserung der Blutviskosität [7] sowie eine Reduzierung des Triglyceridblutspiegels durch einen Samenextrakt [13] bestätigt werden.

Eine Fütterung von diabetischen Wistar-Ratten mit einem aus den Blättern der Gemeinen Wegwarte hergestellten Pulver führten zu einer Normalisierung des Blutglucosespiegels sowie zu einem Anstieg des Glutathionspiegels [5]. Dies spricht für positive Effekte sowohl auf die Bauchspeicheldrüse als auch auf die Leber. Kaffee- und Chlorogensäure gelten hierbei als wirksame Inhaltsstoffe, da sie die Insulinausschüttung und damit gleichzeitig die Glucoseaufnahme in den Muskelzellen stimulieren [5].

Aufgrund der Vielzahl der in den Blättern der Gemeinen Wegwarte enthaltenen Hydroxy-Zimtsäure-Derivate (z. B. Kaffeesäure), Depside (z. B. Chlorogen- und Cichoriensäure) und Flavonoide ist es nicht verwunderlich, dass diese ein außergewöhnliches antioxidatives und antiinflammatorisches Potenzial zeigen. Das antioxidative Potenzial konnte unter anderem in einem Lipid-Peroxidations-Assay nachgewiesen werden, in dem hepatische Mikrosomen-Membranen einer oxidativen Beschädigung durch Tetrachlormethan ausgesetzt wurden [5].

Die Wegwarte kann gegen Viren, Bakterien und Pilze wirken.

Die Gemeine Wegwarte weist auch ein vielversprechendes antibakterielles, einschließlich gegen den Methicillin-resistenten Stamm Staphylococcus aureus (MRSA) wirkendes, und fungizides Potenzial auf. Ein Extrakt aus dem Samen erzielte gute Hemmwirkung gegen Staphylococcus aureus [7]. 8-Deoxy-Lactucin und 11β,13-Dihydro-8-Deoxy-Lactucin wurden als mitverantwortliche Inhaltsstoffe für diese Wirkung identifiziert [13].

Auch eine antivirale Aktivität gegen Herpex-simplex-Viren vom Typ 1 wurden bei Extrakten der Gemeinen Wegwarte beobachtet. Bezüglich der Aktivität gegen SARS-CoV-2 sind weitere Untersuchungen notwendig. Für das Depsid Cichoriensäure konnte eine vielversprechende Aktivität gegen Hepatitis-B-Viren festgestellt werden [12]. Zudem wirkt Wegwarten-Extrakt gegen bestimmte gastrointestinale Nematoden, die Schafe und Ziege befallen [13].

Für Sesquiterpenlactone vom Guajanolid- sowie Eudesmanolid-Typ sind antikanzerogene sowie zytotoxische Wirkungen festgestellt worden [12]. Es wird davon ausgegangen, dass die zytotoxischen Eigenschaften auf das Strukturelement der α-Methylen-β-Lacton-Gruppe zurückzuführen sind. Dieses Strukturelement findet sich unter anderen in Lactucin und Lactucopikrin, aber auch in Cichoriosid A. Antiproliferative Effekte wurden in tierexperimentellen Studien u. a. für ethanolische bzw. wässrig-ethanolische Extrakte aus der Wurzel bzw. den Blättern der Gemeinen Wegwarte belegt [5].

Für Sesquiterpenlactone vom Guajanolid-Typ sind zudem analgetische Wirkungen festgestellt worden [12]. So zeigten tierexperimentelle Studien, in denen die Sesquiterpenlactone intraperitoneal injiziert worden waren, dass insbesondere Lactucopikrin, aber auch Lactucin und 11β,13-Dihydro-Lactucin sowohl analgetische als auch sedierende Wirkeigenschaften aufweisen [13]. Lactucin und Lactucopikrin sind auch die Wirkstoffe im Latex des Gift-Lattichs (Lactuca virosa), dem sog. „Lactucarium“, die speziell für dessen sedativ-hypnotische Wirkung verantwortlich sind [18]. Der Giftlattich gilt auch als Namensgeber der Verbindungen, da diese erstmals in dessen Latex nachgewiesen werden konnten.

Der analgetische Effekt der Wurzelextrakte lässt sich darauf zurückführen, dass die enthaltenen Inhaltsstoffe (v. a. Sesquiterpenlactone und Triterpene) in der Lage sind, die Ausschüttung des proinflammatorischen Cytokins TNF-α sowie die Induktion der Bildung von COX-1 und COX-2 zu hemmen [13]. Der antinozizeptive Effekt war vergleichbar mit der einer doppelten Dosis an Ibuprofen [13]. Die Inhaltsstoffe der Gemeinen Wegwarte sind ferner in der Lage, auch die Level der proinflammatorischen Interleukine IL-1 und IL-6 sowie von Stickstoffmonoxid (NO) zu senken [13]. Dies lässt sich auf die Hemmung der TNF-α-Ausschüttung zurückführen.

Cichoriensäure demonstrierte eine vasorelaxierende Wirkung gegen eine Noradrenalin-induzierte Kontraktion [5]. Dies deutet auf eine insgesamt regulierende Wirkung auf die Gefäßendothelien durch die Wirkstoffe der Gemeinen Wegwarte hin.

Ähnliches konnte für einen Extrakt aus den Samen gezeigt werden, der sich als herzschützend erwies, indem er oxidativen Stress inhibierte und die Level proinflammatorischer Cytokine reduzierte [7]. In der Folge wirkte sich dies auch inhibierend auf die Lymphozyten-Proliferation aus [7]. Ein alkoholischer Wurzelextrakt bewirkte in Untersuchungen eine Inhibierung der Lymphozyten-Proliferation [5].

Bei Probanden, die Wegwarten-Samenextrakte zu sich nahmen, reduzierten sich der oxidative Stress und die Entzündungswerte [13]. Die immunmodulierenden Effekte hinsichtlich der genannten proinflammatorischen Wirkungen erklären die traditionellen Anwendungen bei Kopfschmerzen und anderen entzündlichen, bspw. rheumatischen, Schmerzen.

Antiinflammatorische und antioxidative Effekte, aber auch eine Inhibierung der Hyaluronidase und Collagenase wurden für β-Sitosterol evaluiert, einem Wirkstoff in den Blättern, der im methanolischen Extrakt zu finden ist. Diese Wirkungen sind grundlegend für die Wundheilung [5] und erklären die traditionelle Anwendung bei der Wundbehandlung.

Wässrige Extrakte zeigten neben den genannten immunmodulierenden Effekten auch Einfluss auf Mastzell-vermittelte allergische Reaktionen [5] bzw. die IgE-vermittelte Histamin-Ausschüttung durch Mastzellen.

Die Reduktion von TNF-α ist auch auf die modulierende Wirkung auf GABA-Rezeptoren zurückzuführen. So nehmen die in der Gemeinen Wegwarte enthaltenen sekundären Pflanzenstoffe in unterschiedlicher Weise Einfluss auf exzitatorische GABA- und inhibierende Glutamat-Rezeptoren. Triterpene und deren Glykoside verstärken die GABA-Transmission, Flavonoide und deren Glykoside erhöhen das Expressionslevel von GABA-Rezeptoren. Sesquiterpenlactone und Triterpene verstärken die Aktivität von GABA-Neuronen. Triterpene und deren Glykoside inhibieren gleichzeitig die Glutamat-Transmission [13].

Die Wirkung der Sesquiterpenlactone auf die Aktivität von GABA-Neuronen liefert eine Erklärung für die sedierenden Wirkeigenschaften. Wie eine neuere tierexperimentelle Studie zeigt, erhöht die orale Verabreichung eines Lactucin-reichen Extrakts aus dem Garten-Lattich (Lactuca sativa L.) die Gen- und Proteinexpression der GABA-Rezeptoren Typ A und B [21] – sowie darüber hinaus die des Serotonin-Rezeptors 1 A. Zudem zeigte der Extrakt einen positiven Einfluss auf die Delta-Wellen und verlängerte die Schlafdauer [21].

Des Weiteren konnte bereits Ende der 1970er Jahre festgestellt werden, dass sowohl 8-Deoxy-Lactucin als auch Lactucopikrin signifikant die Acetylcholin-Esterase (AChE) hemmen [7] und somit, neben GABA und Glutamat, auch Einfluss auf den Neurotransmitter Acetylcholin nehmen.

Wirksamkeit

Die antiinflammatorischen, neuroprotektiven und analgetischen Eigenschaften der in der Gemeinen Wegwarte enthaltenen Sesquiterpenlactone sind vielversprechend. Wie bereits geschrieben, konnten insbesondere für Lactucopikrin, aber auch für Lactucin und 11β,13-Dihydro-Lactucin sowohl analgetische als auch sedierende Wirkeigenschaften nachgewiesen werden [13].

Hinweis

Da die Gemeine Wegwarte in der Lage ist, Schwermetalle wie Blei und Cadmium aus dem Boden zu speichern, sollte bei der Rohstoffauswahl auf den Standort der Pflanzen geachtet werden [17].

Allerdings sind viele der Verbindungen nur wenig oder gar nicht wasserlöslich, teilweise lichtempfindlich und verfügen bei oraler Aufnahme über eine nur recht geringe Bioverfügbarkeit. Das analgetisch wirksame Lactucopikrin wird erwartungsgemäß durch die Darmflora in das weniger wirksame Lactucin und p-Hydroxy-Phenylessigsäure gespalten [14].

Zudem wurde bis 2023 nicht untersucht, inwiefern diese Wirkstoffe in der Lage sind, die Blut-Hirn-Schranke zu überwinden.

Ein In-vitro-Assay zur Untersuchung der Überwindung der Blut-Hirn-Schranke fand, dass Lactucopikrin nur etwa zu 0,33 % die Blut-Hirn-Schranke passiert, Lactucin und 11β,13-Dihydro-Lactucin sowie auch 11β,13-Dihydro-Lactucopikrin diese zu etwa 12–14 % passieren. Jedoch sind hier weitere Untersuchungen notwendig, insbesondere bezüglich der Überwindung der Blut-Hirn-Schranke durch Phase-II-Metaboliten [9].

Unerwünschte Wirkungen

Extrakte der Gemeinen Wegwarte bewirken nach bisherigen Erkenntnissen keine unerwünschten Wirkungen [11]. Jedoch sollten Präparate der Gemeinen Wegwarte bei bekannter Korbblütler-Allergie nicht eingenommen werden. Zudem sind alkoholische Extrakte unter anderen nicht für Kinder und Schwangere zu empfehlen.

Toxizität

Aufgrund der enthaltenen Vielzahl an sekundären Pflanzenstoffen, die einzeln betrachtet durchaus über potenziell toxische Effekte verfügen, sind Bedenken bezüglich der Anwendung durchaus berechtigt. Für Extrakte, die hohe Dosen an Sesquiterpenlactonen enthalten, konnten erwartungsgemäß zytotoxische Wirkungen festgestellt werden [5].

Durchgeführte Studien zur akuten Toxizität sowie Mutagenität ergaben jedoch, dass Extrakte der Gemeinen Wegwarte als unbedenklich bzw. sicher für den Menschen gelten [5] [7].

Fazit

Abschließend sei noch einmal betont, dass die wohl bedeutendsten Wirkstoffe der Gemeinen Wegwarte die Bitterstoffe aus der Gruppe der Sesquiterpenlactone sind. Die erste Wirkung entfalten diese an den G-Protein-gekoppelten Bitterstoff-Rezeptoren (TAS2R oder T2R) der Zunge, insbesondere am Rezeptor TAS2R46 [19]. Durch Aktivierung der Bitterstoff-Rezeptoren werden viele gastrointestinale Vorgänge angeregt. Dies unterstreicht die Anwendung als Tonikum amarum. Seit Anfang der 2000er Jahre wurde jedoch die Expression von TAS2R auch in Zellen des Atemwegs- und Urogenitalsystems, in Gehirnzellen einschließlich Zellen der Blut-Hirn-Schranke, Immunzellen, Hautzellen, Tumorzellen gemessen [20].

Wir können gespannt darauf sein, welche zukünftigen Forschungsergebnisse sich diesbezüglich ergeben. Sicherlich erklärt die Existenz von extraoralen Bitterstoff-Rezeptoren das breite Wirkspektrum der Gemeinen Wegwarte noch ein Stück mehr.

Dr. rer. nat. Franziska Gaunitz
Franziska Gaunitz hat einen Diplom-Abschluss in Lebensmittelchemie erworben und im Bereich Forensische Toxikologie, Biochemie und Analytik promoviert. Sie hat an Publikationen zu den sekundären Pflanzenstoffen in ausgewählten Thymian-Arten mitgewirkt und während ihrer Promotionen Publikationen zu synthetischen Cannabinoiden veröffentlicht. Ihr Forschungsinteresse gilt den sekundären Pflanzenstoffen, deren Chemie und Wirkungen sowie der Bedeutung von Wild- bzw. Heilkräutern und Lebensmittelpflanzen auf die Gesunderhaltung des Menschen.

Interessenkonflikt: Die Autorin gibt an, dass kein Interessenkonflikt besteht.

  1. Hänsel R, Sticher O. Pharmakognosie, Phytopharmazie. 8. Aufl. Heidelberg: Springer Medizin; 2007.
  2. Höfler M. Volksmedizinische Botanik der Germanen (Nachdruck der Ausgabe von 1908). Berlin: Verlag für Wissenschaft und Bildung; 1990.
  3. Pahlow M. Das große Buch der Heilpflanzen. 4. Aufl. Hamburg: Nikol; 2015.
  4. Madaus G. Lehrbuch der biologischen Heilmittel – Band 5 (Nachdruck der Ausgabe 1938). Ravensburg: Mediamed; 1988.
  5. Street RA, Sidana J, Prinsloo G. Review article – Cichorium intybus. Traditional uses, phytochemistry, pharmacology, and toxicology. Evid Based Complement Alternat Med 2013; 2013: 579319.
  6. Bischoff TA, Kelley CJ, Karchesy Y, et al. Antimalarial activity of lactucin and lactucopicrin: Sequiterpene lactones isolated from Cichorium intybus L. J Ethnopharmacol 2004; 95(2–3): 455–457.
  7. Aisa HA, Xin XL, Tang D. Chemical constituents and their pharmacological activities of plants from Cichorium genus. Chin Herb Med 2020; 12(03): 224–236.
  8. Malarz J, Stojakowska A, Kisiel W. Long-term cultured hairy roots of chicory – A rich source of hydroxycinnamates and 8-deoxylactucin glucoside. Appl Biochem Biotechnol 2013; 171(07): 1589–1601.
  9. Ávila-Gálvez MÁ, Marques D, Figueira I, et al. Costunolide and parthenolide – Novel blood-brain barrier permeable sesquiterpene lactones to improve barrier tightness. Biomed Pharmacother 2023; 167: 115413.
  10. Nwafor IC, Shale K, Achilonu MC. Chemical composition and nutritive benefits of chicory (Cichorium intybus) as an ideal complementary and/or alternative livestock feed supplement. Sci World J 2017; 2017: 7343928.
  11. Saeed M, Abd El-Hack ME, Alagawany M, et al. Chicory (Cichorium intybus) herb: Chemical composition, pharmacology, nutritional and healthical applications. Int J Pharmacol 2017; 13: 351–360.
  12. Duda Ł, Kłosiński KK, Budryn G, et al. Medicinal use of chicory (Cichorium intybus L.). Sci Pharm 2024; 92(02): 31.
  13. Wesołowska A, Nikiforuk A, Michalska K, et al. Analgesic and sedative activities of lactucin and some lactucin-like guajanolides in mice. J Ethnopharmacol 2006; 107(02): 254–158.
  14. Weng H, He L, Zheng J, et al. Low oral bioavailability and partial gut microbiotic and phase II metabolism of brussels/witloof chicory sesquiterpene lactones in healthy humans. Nutrients 2020; 12: 3675.
  15. Ahmed B, Khan S, Masood M, et al. Anti-hepatotoxic activity of cichotyboside, a sesquiterpene glycoside from the seeds of Cichorium intybus. J Asian Nat Prod Res 2008; 10(3–4): 223–231.
  16. Gilani AH, Janbaz KH, Shah BH. Esculetin prevents liver damage induced by paracetamol and CCL4. Pharmacol Res 1998; 37(01): 31–35.
  17. Aksoy A. Chicory (Cichorium intybus L.): A possible biomonitor of metal pollution. Pak J Bot 2008; 40(02): 791–797.
  18. Ilgün S, Küpeli AE, Ilhan M, et al. Sedative effects of latexes obtained from some Lactuca L. species growing in Turkey. Molecules 2020; 25(07): 1587.
  19. Yanagisawa T, Misaka T. Characterization of the human bitter taste receptor response to sesquiterpene lactones from edible asteraceae species and suppression of bitterness through pH control. ACS Omega 2021; 6(06): 4401–4407.
  20. Lu P, Zhang CH, Lifshitz LM, et al. Extraoral bitter taste receptors in health and disease. J Gen Physiol 2017; 149(02): 181–197.
  21. Ahn Y, Lee HH, Kim BH, et al. Heukharang lettuce (Lactuca sativa L.) leaf extract displays sleep-promoting effects through GABAA receptor. J Ethnopharmacol 2023; 314: 116602.
  22. Shulha O, Zidorn C. Sesquiterpene lactones and their precursors as chemosystematic markers in the tribe cichorieae of the asteraceae revisited: An update (2008–2017). Phytochemistry 2019; 163: 149–177.