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Seit mindestens 2500 Jahren wird die Harnschau (Uroskopie) praktiziert und galt jahrhundertelang als wichtigstes diagnostisches Instrument der abendländischen Medizin. So heißt es beispielsweise in den antiken Schriften des Corpus hippocraticum (hippokratische Schriften) sinngemäß: Schwimmt Fett auf dem Urin wie Spinngewebe, bedeutet es, dass die Person an Schwindsucht erkrankt ist.
Auch heute werden zahlreiche Diagnosen über den Harn gesichert, zum Beispiel durch Urinstreifentests (Synonyme: Urostix, Urinstix).
Kurz gefasst
- Der Urin wird bei der Diagnostik seit Jahrtausenden einbezogen: seit der Antike als Harnschau, heute zudem mit Urinteststreifen und weiteren Labormethoden.
- Bei der Klassischen Harnschau liegt die Vier-Säfte-Lehre zugrunde; betrachtet werden auch unter anderem Farbe und Konsistenz des Harns.
- Beim modernen Harnstatus werden meist die physikalische und chemische Untersuchung des Harns sowie die mikroskopische Untersuchung des Harnsediments einbezogen.
Tab 1. Harnschau nach der Temperamentenlehre
| Menschentyp | Elementarqualitäten | Beschaffenheit des Harns |
| Phlegmatiker | kalt + feucht | weiß + dick |
| Choleriker | heiß + trocken | rot + dünn |
| Melancholiker | kalt + trocken | weiß + dünn |
| Sanguiniker | heiß + feucht | rot + dick |
Klassische Harnschau
Das Verfahren der Harnschau wurde maßgeblich von den antiken Ärzten Hippokrates von Kos (460–370 v. Chr.) und Galenos von Pergamon (auch bekannt als Galen, 128/131–199/ 216 n. Chr.) auf Grundlage der Vier-Säfte-Lehre geprägt. Die fehlerhafte Zusammensetzung der Säfte (Blut, gelbe Galle, schwarze Galle und Schleim) als Ursprung von Krankheiten, zeigt sich demnach auch in Farbe und Konsistenz des Urins. Auf der Grundlage der Temperamentenlehre sagte man den 4 verschiedenen Menschentypen (Phlegmatiker, Choleriker, Melancholiker, Sanguiniker) jeweils eine eigene übliche Grundbeschaffenheit des Harns nach (siehe Tabelle 1).
Im Mittelalter galt die Harnschau als unfehlbares Diagnoseverfahren. Erst die wissenschaftlichen Fortschritte in der Chemie begannen Anfang des 19. Jahrhundert die traditionelle Harnschau zu verdrängen.
Durchführung einer Harnschau
In der Klassischen Harnschau wurde ursprünglich der Morgenurin in der Matula aufgefangen (siehe Kasten „Harnglas“). Der Bremer Arzt Euricius Cordus forderte im 16. Jahrhundert frischen Harn, aufgefangen beim ersten Hahnenschrei. Das Glasgefäß musste bedeckt werden, und die Harnschau durfte damals frühestens stattfinden, wenn die Sonne aufgegangen war. Dann fand eine erste Begutachtung statt, eine zweite folgte nach 1–2 Stunden. Heute werden auch andere Gefäße verwendet. Der Patient sollte unbedingt nüchtern die Urinprobe abgeben, da es sonst zu Verfälschungen kommt – man denke nur an die Verfärbung durch vorherigen Genuss von Roter Bete.
Hintergrundwissen Harnglas
Ab dem 13. Jahrhundert gab es spezielle Harngläser, genannt Matula, die nach Ansicht der analysierenden Ärzte den Aufbau des menschlichen Körpers darstellen sollten (siehe Abschnitt „Schichten der Humoralpathologie“. Sie hatten die Form eines Kolbens mit engerem Hals und weiterem Bauch und bestanden aus klarem, weißem Glas. In ihm war die Beurteilung von Geruch, Farbe, Trübung, Ablagerung und Konsistenz möglich. Noch heute ist das Harnglas das Emblem der Deutschen Gesellschaft für Urologie.
Der Harn wird heutzutage in ein Gefäß gegeben und bei Tageslicht ohne weitere Wartezeit betrachtet. Kriterien für die Beurteilung sind Farbe, Konsistenz, Geruch, Schaumbildung und sichtbare Teilchen. Die Interpretation bedarf einer großen Erfahrung.
Farbe
In der mittelalterlichen Literatur werden über 20 unterschiedliche Farben von Zitronengelb, über Ockergelb, Brombeerrot, Grün bis hin zu Schwarz beschrieben. Dabei wird auch auf die Farbe des Zirkulus (oberster Flüssigkeitsrand) geachtet, weil sich dort oft weitere Farben finden. Normalerweise sollte der Harn strohgelb bis bernsteinfarben sein. Künstliche Beleuchtung beeinträchtigt die Farben.
Konsistenz & Geruch
Durch Schütteln und Schwenken kann die Konsistenz (dünn, mittelmäßig oder dickflüssig) überprüft werden. Ein gesunder Urin ist geruchsneutral. Ein Geruch nach Ammoniak kann aber auf Harnwegsinfektionen, ein fischiger Geruch auf eine bakterielle Vaginose (zum Beispiel durch Gardnerella vaginalis) oder auf eine Trichomonadeninfektion hindeuten (Behandlungsverbot für Heilpraktiker gemäß IfSG beachten!).
Schaumbildung und sichtbare Teilchen
Gröberer Schaum kann auf eine vermehrte Eiweißausscheidung oder einen empfindlichen Magen hinweisen. Wenn Proteine entsprechend vorhanden sind, verschwinden diese Blasen nicht. Blasen, die nicht bis an die Oberfläche gelangen, deuten erfahrungsgemäß auf eine Harnsäure-Diathese hin.
Im Harn sind Bestandteile wie Carbonate, Phosphate, Urate oder Zellen enthalten. Diese können sich als staubiger (feinerer) oder salziger (gröberer) Niederschlag, Trübung oder Kristalle (möglicher Hinweis auf Nierensteine, Gicht) zeigen.
Schichten der Humoralpathologie
Nach humoralpathologischen Gesichtspunkten wird das Harnglas in 4 Schichten eingeteilt und auf verschiedene Körperregionen bezogen. So wird
- der oberste Flüssigkeitsrand (Zirkulus oder Zirkel) Gehirn und Sinnesorganen,
- der darunterliegende Teil Brust-, Brustkorb, Herz, Arterien und Lunge,
- die Harnglasmitte Magen, Leber, Milz sowie Darm und
- der Bodensatz Harnblase, Nieren, Uterus und den Geschlechtsorganen zugeordnet.
Die Schichten spiegeln jeweils den Zustand der Körperregionen wider.
Merke
Selbstverständlich müssen beim Umgang mit Urin alle geltenden Hygienevorschriften sowie bei Laborarbeiten die Richtlinien der Bundesärztekammer eingehalten werden.
Der moderne Harnstatus
Der Harnstatus beinhaltet heutzutage meist folgende Aspekte:
- physikalische Untersuchung des Harns
- chemische Untersuchung mittels Harnteststreifen
- mikroskopische Untersuchung des Harnsediments
Anamnestisch sollten Miktionsstörungen (Dysurie, Pollakisurie, Strangurie, Inkontinenz) abgefragt werden. Bei Hinweisen auf eine veränderte Harnmenge und Niereninsuffizienz (Verminderung der endogenen Kreatinin-Clearance) kann zusätzlich der 24-Stunden-Sammelurin untersucht werden (siehe Kasten „24-Stunden-Sammelurin“).
Physikalische Untersuchung
Bei der modernen physikalischen Untersuchung des Harns werden insbesondere die Harnmenge, die Farbe und der Geruch beurteilt. Im Idealfall sollte für die Beurteilung der Farbe und des Geruchs der morgendliche Mittelstrahl-Urin verwendet werden. Dabei wird sowohl die erste als auch die letzte Portion des Harns verworfen, damit keine Keime aus der Harnröhre in die Probe gelangen.
Harnmenge
Ein gesunder erwachsener Mensch scheidet circa 1,5–2 l Urin pro Tag aus. Die Menge kann allerdings aufgrund einer veränderten Flüssigkeitsaufnahme und körperlicher Betätigung mit Schwitzen variieren. Liegt die tägliche Urinausscheidung unter 500 ml, spricht man von einer Oligurie, sinkt sie unter 100 ml, von einer Anurie. Ursächlich sind Dehydratation, Erbrechen, Durchfall, Schock oder eine Glomerulonephritis (mangelnde Filtration). Auch das akute Nierenversagen ist durch Anurie gekennzeichnet. Bei älteren Menschen ist oft das Durstgefühl nicht mehr so ausgeprägt, sodass sie in der Folge zu wenig trinken. Eine vermehrte Urinausscheidung (Polyurie) kann durch Einnahme von Diuretika, Hyperkalzämie oder Erkrankungen wie dem Diabetes mellitus oder Diabetes insipidus verursacht werden. Beim Diabetes insipidus unterscheidet man eine zentrale Form, bei der zu wenig ADH (anti-diuretisches Hormon) im Hypothalamus gebildet wird, von der häufigeren renalen Form, bei der geschädigte Nierentubuli nicht mehr ausreichend auf die ADH-Wirkung reagieren.
Hintergrundwissen 24-Stunden-Sammelurin
Für einen 24-Stunden-Sammelurin wird in einem getönten Sammelgefäß die gesamte Urinmenge eines Tages aufgefangen. Diese Untersuchung ist für den Patienten dadurch sehr aufwendig. Mit ihr ist es aber möglich, die genaue glomeruläre Filtrationsleistung zu bestimmen. Darüber hinaus dient sie der Diagnose von Hormonerkrankungen (vor allem der Nebenniere), der Messung von zum Beispiel Blei und der Quantifizierung bei Proteinurie (nephrotisches Syndrom).
Farbe des Urins
Verantwortlich für die Färbung des Urins sind Urochrome. Darunter versteht man verschiedene Stoffwechselprodukte, die die Gelbfärbung verursachen. Der wichtigste Stoff ist das aus dem Hämoglobinabbau stammende Urobilin. Auch beim Gesunden kann die Harnfarbe aufgrund von Flüssigkeitsschwankungen, Nahrungsmitteln wie Roter Bete oder Medikamenteneinnahme schwanken.
Gelbbrauner/gelborangener Urin: Zu beachten ist, dass Harn, der länger stehen bleibt, nachdunkelt. Dies ist auf eine Umwandlung des Urobilinogens in Urobilin zurückzuführen. Ist mehr Urobilinogen enthalten (zum Beispiel bei hämolytischen Prozessen oder Lebererkrankungen), tritt dieses Phänomen verstärkt auf. Neben Flüssigkeitsmangel ist an eine Ausscheidung von direktem Bilirubin zu denken, was durch Lebererkrankungen oder Gallenabflussstörungen vorkommt. Hier wird auch von „bierfarbenem Urin“ gesprochen. Eine Vielzahl von Mitteln kann auch verantwortlich sein. Dazu gehören nicht nur verschiedene Antibiotika oder Schmerzmittel, sondern auch Vitamin-B-Präparate. Seltenere Ursachen sind Porphyrien (Stoffwechselerkrankungen, bei denen die Bildung des roten Blutfarbstoffs Häm gestört ist) oder Vergiftungen.
Roter/rotbrauner Urin: Außer an Medikamente und Nahrungsmittel ist bei Rotfärbung an ernstzunehmende Ursachen zu denken. Zum einen kann dies Hinweis auf eine Hämaturie sein (siehe Abschnitt „Untersuchung mittels Urinstreifentest“), zum anderen können hämolytische Prozesse auch zum Auftreten von Hämoglobin im Harn führen. Auch Myoglobin (Sauerstofftransporteur im Muskel) kann bei Muskelschädigung in den Urin gelangen. Sind Urate (Salze der Harnsäure) enthalten, wird eine Rosafärbung beobachtet; zudem ist der Harn dann trüb.
Grünlicher/bläulicher Urin: Grünlicher Urin ist relativ selten. Er kann auch aus der Kombination des normalen Gelbs des Urins in Kombination mit Blau entstehen. Verursacht werden kann er durch die Aufnahme von Lebensmittelfarbstoffen wie Brillantblau, genetische Defekte oder Medikamente. Bekannt ist auch das „Blaue-Windeln-Syndrom“. Dabei handelt es sich um eine erblich bedingte Stoffwechselstörung, bei der es zu einer Malabsorption der Aminosäure Tryptophan kommt, was zu einer bläulichen Verfärbung des Urins führt. Enthält der Harn Bilirubin, kann sich dieses bei Kontakt mit der Luft in grünliches Biliverdin umwandeln. Harnwegsinfekte zum Beispiel durch Pseudomonas fallen manchmal auch durch grünlichen Urin auf.
Schwarzer Urin: In seltenen Fällen können von Melanomen produzierte Pigmente schwarzen Urin bedingen. Häufiger verantwortlich ist aber die Einnahme von Medikamenten wie L-Dopa oder eine schwere Hämolyse, zum Beispiel im Rahmen einer Malaria tropica (Schwarzwasserfieber). Eventuell ist lediglich die Urinprobe mit enthaltenem Blut zu lange gestanden.
Geruch des Urins
Frischer, normaler Urin ist normalerweise geruchsneutral. Nicht immer ist ein vorhandener Geruch pathologisch. Der Konsum von Spargel oder Knoblauch kann zu einem unangenehmen, schwefeligen Duft führen. Ein scharfer, obstartiger Geruch tritt bei der Ketoazidose im Rahmen eines Diabetes mellitus Typ I auf. Sie ist Folge eines ausgeprägten Insulinmangels und muss notfallmäßig behandelt werden.
Die meisten haben schon einmal unsaubere, öffentliche Toiletten vorgefunden, in den ihnen ein stechender Geruch entgegengekommen ist. Dabei handelt es sich um Ammoniak. Im Rahmen von Harnwegsinfekten treten von Bakterien verursachte Zersetzungsprozesse auf, die zu einem erhöhten Ammoniakgehalt im Urin führen können.
Bakterielle Vaginosen oder Trichomonadeninfektionen zeigen sich durch einen – auch vaginalen – Fischgeruch. Hefepilze wie Candida rufen nicht nur Pruritus der Vaginalschleimhaut, sondern auch manchmal einen Hefegeruch hervor.
Seltenere Gerüche sind fauliger Urin bei Gewebszerfall, beispielsweise im Rahmen eines Blasenkarzinoms, oder Geruchsveränderungen bei angeborenen Stoffwechselstörungen wie der Phenylketonurie oder der Ahornsirup-Krankheit.
Trübung des Urins
Der normale, frischgelassene Urin ist klar. Trübungen können bedingt sein durch Blutzellen, Bakterien, Salze, Schleim, Epithelien und emulgierte Fette.
Untersuchung mittels Urinstreifentest
Mittels des Urinstreifentests (Urostix, Urinstix) können unkompliziert und schnell Hinweise auf verschiedene Pathologien gewonnen werden. Im Folgenden eine Übersicht der wichtigsten Parameter. Im Handel sind verschiedene Urinstreifentests mit verschiedenen Parametern erhältlich. Je nach Bedarf gibt es auch Stix, die beispielsweise nur Blut und Protein oder eine Schwangerschaft über (Beta-Humanes Choriogonadotropin) nachweisen.
pH-Wert
Der pH-Wert im Urin schwankt im Tagesverlauf enorm (etwa 4,8–6/7). Er ist sehr abhängig von der aufgenommenen Nahrung. Optimalerweise befindet er sich im sauren Bereich zwischen 5 und 6. Ein basischer Urin weist auf bakterielle Harnwegsinfektionen hin.
Blut im Urin
Blut im Urin ist abseits der Menstruation immer abklärungsbedürftig (Karzinomverdacht). Die Ursachen können sein:
- prärenal: Einnahme von Antikoagulantien, hämorrhagische Diathese, Marschhämaturie, Nierenvenenthrombose, Rechtsherzinsuffizienz
- renal: Tumoren, Karzinome, Nierensteine, Nephritis, Glomerulonephritis, Pyelonephritis, Tuberkulose, Trauma, Nierenanomalien, Lupus erythematodes, Vaskulitiden
- postrenal: Entzündungen, Steine, benigne und maligne Tumoren der ableitenden Harnorgane oder Geschlechtsorgane, Endometriose
Man unterscheidet zudem eine Mikrohämaturie (nicht mit bloßem Auge sichtbar) von einer Makrohämaturie (sichtbar).
Protein im Urin
Physiologisch sind nur kleine Mengen Protein (maximal 150 mg/Tag) im Urin enthalten. Diese werden nicht auf dem Urinstix angezeigt. Bei höheren Mengen, die angezeigt werden, unterscheidet man auch wie bei Blut im Urin zwischen prä-, intra- und postrenalen Ursachen:
- prärenal zum Beispiel: Stauungsniere bei Rechtsherzinsuffizienz oder Thrombosen, Präeklampsie, Hypertonie, Marschproteinurie
- renal zum Beispiel: diabetische Nephropathie, Glomerulonephritis, nephrotisches Syndrom, Tumoren, Karzinome, PN (Pyelonephritis, Nierenbeckenentzündung), Lupus erythematodes, Amyloidosen
- postrenal: Entzündungen, Tumoren
Merke
Bence-Jones-Eiweiße im Rahmen eines Multiplen Myeloms sind mit den gängigen Teststreifen nicht erfassbar!
Urobilinogen
Urobilinogen (UBG) ist natürlicher Bestandteil des Urins und ist erst bei einer erhöhten Konzentration nachweisbar. Ursachen für erhöhte Werte sind Hämolysen und Lebererkrankungen.
Bilirubin
Bilirubin ist normalerweise nicht im Harn enthalten. Das Vorhandensein deutet auf Lebererkrankungen oder Cholestase hin, zum Beispiel bei Gallensteinen, Stenosen der Gallenwege und Tumoren der Gallenwege oder des Pankreaskopfes.
Nitrit
Ein erhöhter Nitritgehalt ist typisch für Harnwegsinfekte durch nitritbildende Bakterien, wie E. coli oder Klebsiellen.
Merke
Chlamydien, Gonokokken, Mykobakterium tuberculosis, Pilze, Viren und Einzeller sind nicht nitritbildend!
Ketone
Ein erhöhter Ketongehalt ist ein Hinweis auf Ketoazidose bei Diabetes mellitus, kann aber auch beim Fasten oder Hungern durch gesteigerte Lipolyse auftreten.
Glukose
Glukose wird bei einer gesunden Niere erst ab einem Blutglukosegehalt von 160–180 mg/dl in den Harn sezerniert (Nierenschwelle). Bei einer Glukosurie hat sich entweder die Nierenschwelle verschoben (zum Beispiel durch eine Nierenerkrankung, Schwangerschaft), oder der Blutzucker ist erhöht (zum Beispiel durch Diabetes mellitus, sehr hohe Glukoseaufnahme in kurzer Zeit, Hyperkortisolismus).
Leukozyten
Häufigste Ursachen für Leukozyten im Urin sind Entzündungen des Nierenbeckens oder der ableitenden Harnwege. Differenzial-diagnostisch sollte auch an Tumoren gedacht werden.
Ascorbinsäure
Erhältlich sind auch Urinstix mit dem Testfeld „Ascorbinsäure“. Ascorbinsäure in erhöhter Konzentration verhindert die Oxidation von Indikatorsubstanzen des Teststreifens. Deshalb kann dies bei den Testfeldern Glukose und Blut zu falsch-negativen Ergebnissen führen. Ascorbinsäure kann durch orale Aufnahme in den Urin gelangen – das ist an sich gesundheitlich nicht relevant. Mittels dieses Testfeldes ist also ermittelbar, ob Ascorbinsäure in erhöhter Konzentration im Urin ist, was darauf hinweist, dass die Ergebnisse für Glukose und Blut verfälscht sein können.
Spezifisches Gewicht
Zudem kann auch das spezifische Gewicht über einen Urinteststreifen gemessen werden. Dieser Wert ist von den im Urin gelösten Stoffen und von der ausgeschiedenen Wassermenge abhängig. Es ist zum Beispiel bei Dehydratation oder starker Proteinurie erhöht, bei Erkrankungen wie Diabetes insipidus verringert.
Das Harnsediment
Bei der Harnsediment-Untersuchung wird der Urin in einem entsprechenden Röhrchen zentrifugiert (10 min bei ca. 7500 Umdrehungen/min, je nach Zentrifuge). Dann wird der klare Überstand abgegossen und der Bodensatz/das Sediment aufgeschüttelt und auf einem Objektträger unter dem Mikroskop durchmustert. Vorhandene kristalline und organische Bestandteile werden ausgezählt und dokumentiert. Auch Heilpraktiker können diese Untersuchung mittels Schulungen erlernen.
Bei einer höheren Bakterienzahl sollte man den Patient an einen Arzt verweisen, damit gegebenenfalls eine Urinkultur (zum Beispiel Uricult) angelegt werden kann.
Welche Zellen sind im Harnsediment relevant?
Im Harnsediment sind folgende Zellen relevant:
- Erythrozyten: Ein vermehrtes Vorkommen deutet auf Infektionen, Tumoren oder Steine hin. Ihre Morphologie (zum Beispiel ringförmig) gibt Hinweise auf den Ursprungsort der Störung. Am häufigsten sind sie aber durch eine Verunreinigung während der Menstruation bedingt.
- Leukozyten: Bis 5 Leukozyten/µl gelten als normal. Eine höhere Anzahl tritt vor allem bei Infektionen auf.
- Epithelien: Auch beim Gesunden können Epithelien im Urin vorhanden sein, vor allem, wenn nicht genug getrunken wird. Der Nachweis größerer Mengen, insbesondere in zusammenhängenden Verbänden, kann auf eine akute oder chronische Entzündung der Harnwege hinweisen, zum Beispiel auf eine Harnwegsinfektion. Aus der Art der Epithelien kann nicht auf die Lokalisation der Erkrankung geschlossen werden. Eine Ausnahme bilden die sogenannten Nierenepithelien. Sie sind bei akut-entzündlichen Nierenerkrankungen nachweisbar.
Ziegelmehlsediment
Ein harmloses Phänomen bei Säuglingen ist das Ziegelmehlsediment. Es kann auch in der Windel in Form von roten Körnchen sichtbar werden. Dabei binden sich Urate an Abbauprodukte des Hämoglobins, welches insbesondere in den ersten Tagen nach der Geburt vermehrt abgebaut wird.
Zylinder
Zylinder (kleine längliche Strukturen im Urin) entstehen in den Harnkanälchen der Niere und sind somit beweisend für eine renale Herkunft:
- Erythrozytenzylinder: kennzeichnend für eine Glomerulonephritis
- Leukozytenzylinder: bei interstitieller Nephritis oder Pyelonephritis
- hyaline Zylinder: nach Anstrengung oder beim Vorliegen einer glomerulären Proteinurie
- granulierte Zylinder: bei akuten und chronischen Nierenerkrankungen, vor allem bei Proteinurie
Kristalle
Auch im normalen Urin können in einem gewissen Umfang Kristalle gefunden werden. Dabei spielt vor allen der pH-Wert eine Rolle. Bei vermehrtem Vorkommen können sie auf Nierensteine, Gichterkrankungen, Leberzirrhose oder Tumoren hinweisen. Die häufigsten bestehen aus Kalziumverbindungen (Kalziumoxalat, Kalziumphosphat) oder Uraten.
Merke
Wird der Urin zu lange stehen gelassen, entstehen mehr Kristalle.
Welche Untersuchungen können in der Heilpraktikerpraxis erfolgen?
In vielen Heilpraktikerpraxen werden auch heute Harnuntersuchungen durchgeführt. Welche Methoden praktiziert werden, hängt von der Spezialisierung und den jeweiligen Möglichkeiten ab. Am einfachsten lässt sich auch in einer kleineren Praxis die physikalische Untersuchung und die Untersuchung mit Harnteststreifen durchführen. Die mikroskopische Untersuchung des Harnsediments setzt eine spezielle Ausbildung voraus. Der 24-Stunden-Urin wird in der Regel im Labor untersucht.
Autorin
Angelika Wurster
ist seit 1974 MTA mit Examen in Labor und Radiologie. Seit 1989 Heilpraktikerin in eigener Praxis in Pforzheim.
Interessenkonflikt: Die Autorin gibt an, dass kein Interessenkonflikt besteht.



