MigräneAdd-on-Behandlung mit Placebo verbessert Lebensqualität bei Migräne

Offen deklarierte Placebos zur Migräneprophylaxe reduzieren zwar nicht die Migränetage, verbessern aber die Lebensqualität. Das zeigt eine neue Studie.

Junge Frau sitzt mit Kopfschmerzen im Bett, hält sich mit beiden Händen den schmerzenden Kopf
staras/stock.adobe.com - Stockphoto. Posed by a Model.
Rund 15 Prozent der Deutschen leiden an Migräne. Nicht immer sind die etablierten Medikamente ausreichend effektiv.

Helfen offen deklarierte Placebos (OLP) Patient*innen bei der Migräneprophylaxe? Dieser Frage ging ein Team um Prof. Ulrike Bingel vom Zentrum für Schmerzmedizin der Uni Essen nach. Mit diesem Ergebnis:

  • Offen deklarierte Placebos reduzieren zwar nicht die Anzahl der Kopfschmerztage. Aber sie können die Migränebehandlung sinnvoll ergänzen und die Lebensqualität der Patient*innen verbessern.

Studie: Helfen Placebos in der Migräne-Prophylaxe?

Bis zu 15 Prozent aller Deutschen leiden unter Migräne. Nicht immer lindern die üblichen erprobten Medikamente zufriedenstellend die Symptomatik. Die Studie sollte prüfen, ob sich offen deklarierte Placebos als Zusatztherapie günstig auf die Häufigkeit von Migräneattacken, die Schmerzintensität und weitere wichtige klinische Endpunkte auswirken.

Das Forschungsteam startete in Essen und Frankfurt eine randomisierte kontrollierte Studie mit 120 Migräne-Betroffenen. Über einen Zeitraum von 3 Monaten verglichen die Forschenden, ob offen verabreichte Placebos (OLP) in Kombination mit einer Standardtherapie positive Effekte zeigen.

Die Teilnehmenden wussten durch die Studieninformation und ein erklärendes Video über die Natur der wirkstofffreien Tablette Bescheid. Aber: Nur diejenigen in der OLP-Gruppe nahmen 2-mal am Tag über einen Zeitraum von 3 Monaten ein Placebo ein. Die Standardtherapie erfolgte regulär. Die Kontrollgruppe erhielt die Standardtherapie ohne zusätzliche OLPs.

Zu 6 unterschiedlichen Zeitpunkten wurden die Teilnehmenden am Zentrum für Schmerzmedizin der Universitätsklinik Essen und am Kopfschmerzzentrum Frankfurt befragt oder untersucht.

Ergebnisse

  • Zwischen der OLP-Gruppe und der Kontrollgruppe zeigten sich zwar keine Unterschiede in der Anzahl der Kopfschmerz- und Migränetage.
  • Allerdings war die Add-on-OLP-Behandlung mit relevanten Verbesserungen der schmerzbedingten Beeinträchtigung und der Lebensqualität verbunden.

"Das ist ein ermutigendes Ergebnis. Insgesamt fühlten sich OLP-behandelte Patient*innen signifikant besser als die Patient*innen in der Kontrollgruppe", fasst die Essener Psychologin Dr. Katharina Schmidt zusammen.

Fazit

Offen deklarierte Placebos könnten für ausgewählte Patient*innen eine Erweiterung der Standardtherapie sein, um den Behandlungserfolg einer Migräneprävention zu optimieren. Sie könnten eine sichere ergänzende Option darstellen, um Therapieergebnisse positiv zu beeinflussen.

"Offen gegebene Placebos sind im Vergleich zum traditionellen Verständnis von Placebos ethisch unbedenklich, wurden von den teilnehmenden Patient*innen gut vertragen und haben daher das Potenzial, die positive Wirkung des Placebo-Effekts in der Behandlung der Migräne tatsächlich nutzbar zu machen", erklärt Dr. Julian Kleine-Borgmann.

Prof. Ulrike Bingel von der Schmerzmedizin an der Uni Essen bestätigt: "Eine als unwirksam beschriebene Pille zu nehmen kann dennoch positive Reaktionen auslösen, Selbstregulationsprozesse aktivieren und positive Erwartungen stärken. Diese Mechanismen könnten die wahrgenommene Beeinträchtigung durch Migräne im Alltag reduzieren, ohne notwendigerweise die Frequenz der Attacken zu verändern.“

Zukünftig sollen die neuronalen und psychologischen Mechanismen, die diesen positiven klinischen Effekten zugrunde liegen, weiter untersucht werden. Welchen Einfluss haben persönliche Faktoren wie Optimismus, Angst oder Stress? Welche Patient*innen profitieren am wahrscheinlichsten von OLPs? Und wie könnte man den Einfluss einer positiven Erwartung gegebenenfalls auch ohne OLPs induzieren und aufrechterhalten?

Quelle: Universitätsklinikum Essen