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Entzündung vermindern, Serotonin erhöhen, Cannabinoide steigern
Die Omega-3-Fettsäuren EPA und DHA sind Vorläufer von antientzündlichen Hormonen wie Prostaglandinen der Gruppe 3, Leukotrienen der Gruppe 5, Protectinen, Resolvinen und Maresinen [1]. In einer aktuellen Studie konnte auch gezeigt werden, dass Omega-3-Fettsäuren im Vergleich zu Placebo Interleukin-4 und Zytokin IFN-γ hochsignifikant senken können [2]. Entscheidend sind aber klinische Studien.
In einer Übersichtsarbeit wird beschrieben, dass Vitamin D die Serotoninproduktion im präsynaptischen Neuron erhöht. EPA verbessert die Freisetzung aus den serotoninspeichernden Vesikeln in den synaptischen Spalt und DHA erhöht die Sensibilität der Serotoninrezeptoren am postsynaptischen Neuron. Damit wirken Vitamin D plus Omega-3 quasi wie Trizyklika oder SSRI, die ja mitunter auch zur Migräneprophylaxe eingesetzt werden – allerdings ohne deren teilweise erheblichen Nebenwirkungen [3].
Klinische Studien
In einer aktuellen Metaanalyse [6] wurden 40 Studien zu Omega-3 und Migräne inkludiert. Unter einer hohen Dosis kam es zu einer Verminderung der Migränefrequenz mit einer Effektstärke von –1,36 und zu einer Reduktion der Anfallsintensität von –2,23, was ziemlich hoch ist. Als eine hohe Dosis wurde dabei eine Menge von > 1500 mg EPA/DHA definiert. Ich setze bei Erwachsenen nicht unter 2000 mg ein bzw. bediene mich einer Fettsäureanalyse, wobei ich einen optimalen Index von 8–11 % bzw. einen AA/EPA-Quotienten von ca. 2,5 (unter Fischöl) bzw. 4 (unter Algenöl) anstrebe.
In einer Einzelstudie – allerdings in einer Kombination mit Curcumin – wurden noch überzeugendere Effekte erzielt. In dieser 4-armigen Studie erhielten die Teilnehmer Placebo, 1800 mg EPA/DHA, Nano-Curcumin oder beides. Der Entzündungsbotenstoff TNF-α sank unter Placebo um 9 %, unter Curcumin um 11 %, unter Omega-3 um 14 % und unter der Kombination um 47 %, was synergistische Effekte beider antiinflammatorischer Agenzien belegt. Auch die klinische Wirksamkeit war beeindruckend: Die Anzahl der Migräneattacken in den 4 Gruppen sanken von durchschnittlich 2,7–2,8 pro Woche unter Placebo um etwa einen halben, unter Curcumin um knapp einen, unter Omega-3 um etwas mehr als einen und unter der Kombination um mehr als 2 Tage [7].
Aufgrund seiner antiinflammatorischen und analgetischen Effekte sind Cannabinoide bei verschiedensten Schmerzstörungen, aber auch bei Migräne hilfreich [4]. Die Zufuhr von 1,9 g EPA/DHA war in einer Studie in der Lage, das Cannabinoid Docosahexaenoylethanolamid (DHEA) signifikant zu steigern, was ein weiteres physiologisches Wirkprinzip in der Prävention bzw. Therapie von Migräne darstellen könnte [5].
Symptomatik und Therapie von Migräne
Einer meiner Patienten (Alter 50 Jahre) litt bereits seit seiner Kindheit unter Migräne. Im Rahmen einer Amalgamsanierung vor etwa 30 Jahren konnte die Frequenz zwar um die Hälfte reduziert werden, jedoch trat pro Woche noch immer mindestens ein Migräneanfall auf. Ibuprofen und ASS erwiesen sich zum Teil als wirksam. Wiederholt waren jedoch auch stärkere Medikamente vonnöten, die den Patienten dennoch nicht vor Übelkeit, erhöhter Licht- und Geräuschempfindlichkeit sowie massivem einseitigem Kopfschmerz bewahren konnten (VAS 8–10). Ferner war mein Patient von einer außergewöhnlich starken Empfindlichkeit gegenüber Alkohol betroffen, sodass bereits 1 bis 2 Gläser Wein regelmäßig zu starken Kopfschmerzen am nächsten Morgen führten.
Vor 12 Jahren begann der Patient mit der Einnahme von Fischöl. Seit diesem Zeitpunkt lebt er laut eigenen Angaben beschwerdefrei und benötigt keinerlei Schmerzmedikamente mehr. Er berichtete zudem freudig, dass der Genuss von Alkohol nun keine Kopfschmerzen mehr nach sich ziehe. Selbst dann, wenn im Verlaufe eines ausgelassenen Abends mal eine ganze Weinflasche geleert werden sollte. Der AA/EPA-Quotient wurde leider vor Beginn der Einnahme nicht bestimmt. Hierbei handelt es sich um das Verhältnis von der Omega-6-Fettsäure „AA“ (Arachidonsäure) zu der Omega-3-Fettsäure „EPA“ (Eicosapentaensäure). Unter der Einnahme des Fischöls beträgt der Quotient nunmehr sehr gute 1,8.
Therapeutischer Einsatz von Omega-3-Fettsäuren bei Migräne
Die folgenden Punkte resultieren aus meinem 20-jährigen Erfahrungswissen in der Therapieanwendung von Omega-3-Fettsäuren sowie in meiner 6-jährigen Therapie-Expertise mit flüssigem Fischöl.
- Leinöl kann wegen seines hohen Anteils an Omega-3-Fettsäuren (ca. 60 % ALA) als gutes Omega-3-Öl eingeordnet werden. Der Körper kann die pflanzliche Fettsäure ALA allerdings nur zu einem äußerst geringen Prozentsatz in die wirksamen Omega-3-Fettsäuren EPA und DHA umwandeln. Bisher konnte ich bei keinem meiner Patienten, der täglich 2 Esslöffel Leinöl oder mehr einnahm, einen zufriedenstellenden Omega-3-Index oder AA/EPA-Quotienten feststellen. Daher sollte Leinöl lediglich zusätzlich zu Fisch- oder Algenöl, nicht jedoch alternativ anwendet werden.
- Fischöl ist im Gegensatz zu Leinöl reich an den lebensnotwendigen Fettsäuren EPA und DHA. Und ich möchte Sie gleich zu Beginn beruhigen: Ein gutes Fischöl schmeckt – entgegen der Erwartung vieler – nahezu gar nicht nach Fisch. Erst wenn ein Öl bereits verdorben ist, beginnt es unangenehm zu riechen bzw. tranig zu schmecken. Bei einem flüssigen Öl kann die Qualität des Produktes daher auf einfachem Wege beurteilt werden. Bei Fischöl-Kapseln empfiehlt es sich, nach Erwerb einmalig auf eine Kapsel zu beißen, um beurteilen zu können, ob dieses ranzig ist. Kommt es nach der Kapseleinnahme zu einem unangenehmen, fischigen Aufstoßen, kann ebenfalls davon ausgegangen werden, dass das darin enthaltene Fischöl bereits verdorben ist. In diesem Fall sollte das Produkt besser entsorgt werden.
- Krillöl verfügt über ebenso positive Eigenschaften wie Fischöl. Um auf die zumeist empfohlene Mindestmenge von 2 g EPA/DHA pro Tag zu kommen, fallen im Hinblick auf die handelsüblichen Krillöl-Preise jedoch Kosten in Höhe von 10–20 Euro an – und das jeden einzelnen Tag! Somit ist eine Therapie mit Krillöl in etwa 10-mal teurer als eine Fischöltherapie mit gleicher EPA/DHA-Dosierung.
Bestimmung der notwendigen Dosierung bei Migräne
Jeder Therapie sollte zunächst eine Diagnostik – in diesem Fall eine Fettsäureanalyse – zugrunde liegen. Liegt der dabei ermittelte AA/EPA-Quotient bei ungefähr 10, ist eine tägliche Einnahme von 2 g Omega-3 empfehlenswert. Das entspricht 1 EL natürlichem Fisch- oder 1 TL Algenöl oder 15 handelsüblichen Kapseln mit je 500 mg Fischöl. Bei einem Quotienten von 15 benötigt der Körper bereits 3 g Omega-3, also 1 ½ EL Fischöl oder 1 ½ TL Algenöl oder 20 Fischölkapseln. Liegt der Wert über 20, rate ich zu 4 g Omega-3, was 2 EL Fischöl oder 1 EL Algenöl oder 30 Fischölkapseln entspricht.
Da meine Patienten Kapseln oftmals nicht in dieser Fülle zu sich nehmen möchten, fällt die Wahl häufig auf das Öl. Selbst aufkonzentrierte Kapseln in größerem Format, bei denen lediglich ein Drittel bis die Hälfte der Menge einzunehmen ist, werden oft als kaum tragbar eingestuft.
Das Körpergewicht spielt ebenfalls eine Rolle bei der Dosierung. Wiegt ein Kind beispielsweise zwischen 30 und 40 kg, bedarf es in etwa der Hälfte der beschriebenen Dosierung. Bei einem Gewicht von über 100 kg erhöht sich die empfohlene Dosis dementsprechend um 50 %. Ein gesteigerter Bedarf an Omega-3-Fettsäuren entsteht des Weiteren auch bei einem hohen Verzehr von tierischen Fetten. Steht dagegen besonders häufig Fisch auf dem Speiseplan, kann die benötigte Dosis auch etwas geringer ausfallen.
Eine optimale Aufnahme von Omega-3-Fettsäuren im Körper wird am besten gewährleistet, wenn diese direkt vor, während oder im Anschluss an eine Mahlzeit eingenommen werden. Da die Resorption von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich ist, sollte die Fettsäureanalyse nach 3 bis 4 Monaten ein weiteres Mal durchgeführt werden. Dabei ist zu beachten, dass sich die Analyse der Erythrozyten als zuverlässiger als eine Untersuchung des Blutserums erwiesen hat, da Letztere leichter von kurzfristigen Änderungen beeinflusst wird. Basierend auf der zweiten Fettsäureanalyse wird die Therapie individuell auf die Bedürfnisse des Patienten abgestimmt und – falls erforderlich – die Dosierung angepasst.
Fazit
In meinem Therapiealltag ist die Verabreichung eines hochwertigen natürlichen Fisch- oder Algenöls bei einer Vielzahl an Erkrankungen kaum mehr wegzudenken. Um einen optimalen Therapieerfolg zu erzielen, sollte sich die Behandlung am vorliegenden AA/EPA-Quotienten des Patienten orientieren. Dieser kann im Rahmen einer Fettsäureanalyse bestimmt und durch eine anschließende Kontrolle nach 3 bis 4 Monaten subtil optimiert werden. Ich rate zudem häufig zu einer komplementären Therapie mit weiteren Nährstoffen wie Vitamin D (gute Wirksamkeit bei Inflammation), Selen oder Phytotherapeutika (beispielsweise Curcuma).
- Gutiérrez S, Svahn SL, Johansson ME. Effects of omega-3 fatty acids on immune cells. Int J Mol Sci 2019; 20 (20) 5028
- Djalali M, Talebi S, Djalali E. et al. The effect of omega-3 fatty acids supplementation on inflammatory biomarkers in subjects with migraine: A randomized, double-blind, placebo-controlled trial. Immunopharmacol Immunotoxicol 2023; 45 (05) 565-570
- Patrick RP, Ames BN. Vitamin D and the omega-3 fatty acids control serotonin synthesis and action, part 2: Relevance for ADHD, bipolar disorder, schizophrenia, and impulsive behavior. FASEB J 2015; 29 (06) 2207-22
- Baron EP. Medicinal properties of cannabinoids, terpenes, and flavonoids in cannabis, and benefits in migraine, headache, and pain: An update on current evidence and cannabis science. Headache 2018; 58 (07) 1139-1186
- Fisk HL, Childs CE, Miles EA. et al. Dysregulation of endocannabinoid concentrations in human subcutaneous adipose tissue in obesity and modulation by omega-3 polyunsaturated fatty acids. Clin Sci (Lond) 2021; 135 (01) 185-200
- Tseng P-T, Zeng B-Y, Chen J-J. et al. High dosage omega-3 fatty acids outperform existing pharmacological options for migraine prophylaxis: A network meta-analysis. Adv Nutr 2024; 15 (02) 100163
- Abdolahi M, Tafakhori A, Togha M. et al. The synergistic effects of ω-3 fatty acids and nano-curcumin supplementation on tumor necrosis factor (TNF)-α gene expression and serum level in migraine patients. Immunogenetics 2017; 69 (06) 371-378
- Schmiedel V. ω-3-Fettsäuren bei Migräne. OM 2018; 16: 23-24
Autor
Dr. med. Volker Schmiedel war von 1996–2015 Chefarzt der Inneren Abteilung der Habichtswaldklinik Kassel. Seit 2016 ist er als Arzt im ganzheitlichen Ambulatorium Paramed in Baar (Schweiz) tätig. Er war viele Jahre Fortbildungsleiter für „Naturheilverfahren“ der Medizinischen Woche und Mitherausgeber der Zeitschrift „Erfahrungsheilkunde“. Er ist Mitherausgeber des „Leitfaden Naturheilkunde“ sowie Autor zahlreicher weiterer naturheilkundlicher Bücher für Therapeuten und Laien.
Interessenkonflikt: Der Autor hat in den letzten Jahren zur Thematik Vorträge gehalten für die Firmen: Biogena, loges, Hepart, NatuGena, SanOmega, SwissMedicalPlus.


