
Der Beckenboden ist ein fein abgestimmtes Team aus mehreren Muskelschichten. Er trägt die Beckenorgane, fängt Bewegungen ab, reguliert den Druck im Bauchraum – und unterstützt gemeinsam mit dem äußeren Schließmuskel den Verschluss des Afters, während der innere Schließmuskel automatisch für den Grundverschluss sorgt. Damit dieses Team zuverlässig arbeitet, braucht es eine gute Koordination: nicht zu schwach, nicht zu verkrampft, im richtigen Moment an- und im richtigen Moment entspannen. Bei Stuhlinkontinenz lohnt es sich deshalb, den Beckenboden bewusst in den Blick zu nehmen. Denn sowohl fehlende Kraft als auch eine dauerhafte Anspannung können Probleme machen. Und nicht selten ist das größte Hindernis, dass die Wahrnehmung und Koordinationsfähigkeit für diesen Bereich verloren gegangen ist.
Angeleitetes Beckenboden- und Wahrnehmungstraining
Erst spüren, dann steuern: Haben Sie schon einmal versucht, nur den ringförmigen Muskel um den After sanft zusammenzuziehen – ohne Bauch, Gesäß oder Beine anzuspannen, ohne den Atem anzuhalten, ohne die Zähne zusammenzubeißen? Gar nicht so leicht, oder? Vielleicht haben Sie festgestellt, dass Ihnen Entspannung nicht gelingt. Oder Sie wissen gar nicht, was Sie da eigentlich tun, wenn es um Ihren Beckenboden und den Afterschließmuskel geht.
Genau hier setzt Wahrnehmungs- und Koordinationstraining an. Es beginnt oft in einfachen Ausgangspositionen – auf dem Rücken liegend, im Sitzen oder im Vierfüßlerstand. Eine zentrale Rolle spielt die Atmung, denn der Beckenboden arbeitet eng mit dem Zwerchfell und der tiefen Bauchmuskulatur zusammen. Wer beim Ein- und Ausatmen bewusst in sich hineinspürt, entdeckt oft feine Bewegungen dort, wo vorher kaum Wahrnehmung oder Anspannung war. Für viele Menschen ist es übrigens gar nicht so einfach, sich ganz allein auf den Weg des »Spürens« zu machen.
Gezielte Physiotherapie: Eine spezialisierte Physiotherapeutin oder ein spezialisierter Physiotherapeut erkennt, was Ihr Beckenboden braucht. Scheitert es an der Wahrnehmung? Sollte eher Kraft aufgebaut oder Spannung gelöst werden? Ist die Koordination gestört? Diese Unterscheidung ist wichtig, denn nicht jede Stuhlinkontinenz ist auf Schwäche zurückzuführen. Bei manchen Menschen steht das Entspannen im Vordergrund – langsames Atmen, Lockerung, vegetative Beruhigung statt »Powertraining«. Andere profitieren von einem sanften Aufbau der Muskulatur. Wiederum andere brauchen ein Umlernen der Koordination beteiligter Strukturen.
Ziele des Trainings: Schritt für Schritt geht es darum, den Beckenboden wieder ins Bewusstsein zu holen, An- und Entspannung gezielt steuern zu lernen, Kraft aufzubauen, wenn Muskeln zu schwach sind, und Überaktivität zu regulieren, wenn die Muskulatur in Habachtstellung steht und angespannt ist. Mit Geduld, Wiederholung und der richtigen Anleitung können Sie im Alltag spürbare Fortschritte erreichen. Irgendwann gelingt es ganz automatisch, den Beckenboden beim Husten, Treppensteigen oder Bücken einzusetzen – oder bewusst lockerzulassen, wenn es darauf ankommt.
Und bei Stoma? Auch wenn kaum oder gar kein Stuhl mehr den After passiert, bleibt der Beckenboden wichtig für Ihre Körpermitte. Er trägt, stützt, reagiert auf Druckveränderungen im Bauchraum – und ist nach Operationen, Schonhaltungen oder bei veränderter Körperhaltung oft besonders belastet. Viele Stomaträger berichten von Spannungs- oder Druckgefühlen im Becken, unsicherem Gang oder Schmerzen.
Hier wirkt Beckenbodentraining gleich mehrfach: Es stabilisiert, verbessert Haltung und Beweglichkeit, löst Verspannungen und stärkt das Körpergefühl. Es hilft auch dabei die neue Lebenssituation besser zu verarbeiten. Wird später ein Rückverlagerungseingriff geplant, ist eine trainierte Beckenbodenmuskulatur ein großer Vorteil. Doch auch wenn das Stoma dauerhaft ist, lohnt sich sanftes Training: Der Beckenboden bleibt anatomisch erhalten, er gibt Halt, stabilisiert beim Gehen, Stehen oder Heben, schützt die Organe und trägt zu Sexualleben und Lustempfinden bei. Wenn ein Rest-Enddarm belassen wurde, bleibt auch die Schließmuskulatur aktiv. Sie kontrolliert den natürlichen Schleimabgang. Ohne Training verliert diese Muskulatur nach und nach an Kraft und an feiner Wahrnehmung. Sanftes Training ist daher keine »überflüssige Erhaltungsarbeit«, sondern stärkt Sicherheit und Selbstvertrauen. Mein Rat: Holen Sie sich für den Einstieg professionelle Unterstützung. Achten Sie bei der Wahl der Physiotherapie auf Zusatzqualifikationen im Bereich Beckenboden.
Gerätetraining – Biofeedback und/oder Stimulation
Als Ergänzung zum angeleiteten Beckenbodentraining – oder in manchen Fällen auch als eigenständige Therapie – kann ein sogenanntes »gerätegestütztes Training« sinnvoll sein. Von Ihrer Situation und der Geräteeinstellung hängt es ab, ob Sie dabei mit Biofeedback, mit elektrischer Stimulation oder mit einer Kombination aus beidem arbeiten. Es gibt verschiedene Hersteller mit vergleichbarer Technik. Entscheidend ist weniger das Gerät selbst als die fachkundige Einweisung, die individuelle Anpassung und die begleitende Betreuung. Nur wenn Sie sich gut angeleitet und sicher fühlen, kann dieses Training seine Wirkung entfalten.
Das Grundprinzip ist bei allen Geräten ähnlich: Über eine kleine Sonde, die rektal eingeführt wird, wird entweder die Muskelaktivität und -kraft gemessen (Biofeedback) oder die Muskulatur durch sanfte elektrische Impulse stimuliert (Stimulation). Für viele Menschen ist das anfangs ungewohnt und es kostet sie Überwindung. Mit guter Anleitung und in einem geschützten Rahmen gelingt die Anwendung jedoch meist gut.
Ziele des Gerätetrainings: Im Zentrum stehen vier Dinge: die bewusste Wahrnehmung und damit auch eine mögliche gezielte Ansteuerung der Schließ- und Beckenbodenmuskulatur, der Aufbau von Kraft und Ausdauer sowie das Erlernen einer guten Koordination von An- und Entspannung. Auch das kontrollierte Loslassen spielt eine große Rolle – besonders bei Menschen, deren Beckenboden durch chronische Anspannung blockiert oder deren äußerer Schließmuskel fest zugekniffen ist. Bei funktionellen Entleerungsstörungen kann in Einzelfällen auch die Dehnungsfähigkeit des Mastdarms (»Rektum-Compliance«) verbessert werden.
Wann Gerätetraining besonders hilfreich ist: Typische Einsatzgebiete sind eine Schwächung der Schließmuskulatur, etwa nach Geburtsverletzungen, Operationen oder altersbedingt eine mangelnde Ansteuerbarkeit oder eine Koordinationsstörung im Beckenboden sowie ein vermindertes Wahrnehmungsvermögen im Enddarm. Auch zur Vorbereitung einer Schließmuskelrekonstruktion oder einer geplanten Stomarückverlagerung kann Gerätetraining sinnvoll sein. Bei erhöhter Anspannung im Bereich von Beckenboden oder Schließmuskel hilft vor allem Biofeedback dabei, Entspannung zu lernen. Auch bei Dranginkontinenz oder Überempfindlichkeit des Enddarms kann es entlastend wirken. Genauso kann eine gezielte Biofeedbacktherapie bei Reizdarmsyndrom mit ausgeprägtem Schmerzcharakter eine sogenannte »vegetative Entkopplung« unterstützen.
Biofeedback: Viele Menschen mit Stuhlinkontinenz spüren ihren Schließmuskel nicht richtig. Stattdessen ziehen sie automatisch Bauch, Oberschenkel oder Gesäß mit an. Oder ihr Beckenboden und Afterschließmuskel sind stark angespannt, Entspannung ist kaum möglich – und sie merken das gar nicht. Beim Biofeedback macht das Gerät sichtbar, was im Beckenboden passiert. Auf einem Bildschirm oder über einen Ton zeigt es direkt an: Jetzt haben Sie die richtige Muskulatur »erwischt«. Durch das Feedback lernen Sie, die richtigen Muskeln gezielt anzuspannen, zu halten und wieder zu lösen. Biofeedback ist deshalb mehr als Muskeltraining: Es unterstützt das Wieder-Erlernen einer koordinierten Darmfunktion – motorisch, sensorisch und reflektorisch.
Doch Biofeedback kann noch mehr: Die kleine Sonde im Enddarm dehnt die Darmwand sanft. Das simuliert eine Füllung – so, als hätte sich der Darm mit Stuhl gefüllt – und aktiviert die Reflexe, die normalerweise den Entleerungsreiz auslösen. Manche Menschen spüren dadurch zum ersten Mal wieder rechtzeitig, wenn der Darm voll ist. Andere merken, dass der Drang nicht sofort kommt, sondern hinausgezögert werden kann. So trainieren sie nicht nur die Muskeln, sondern auch das Zusammenspiel von Wahrnehmung und Reflexen. Besonders hilfreich ist Biofeedback, wenn die Darmempfindlichkeit gestört ist, der Drang zu früh oder zu spät kommt oder wenn der Enddarm kaum noch etwas »meldet«. Auch bei einer Überempfindlichkeit (»alles ist zu schnell zu viel«) kann das Training helfen, den Darm wieder toleranter zu machen.
Wann Biofeedback besonders hilfreich ist:
- Sensibilisierung: Wenn der Füllungszustand des Darms nur schwach oder zu spät wahrgenommen wird (z. B. nach Operationen, bei neurologischen Erkrankungen oder nach chronischer Obstipation).
- Training des Reflexbogens: Wenn der rektoanale Inhibitionsreflex gestört oder abgeschwächt ist (z. B. bei neurogener Inkontinenz), kann er durch gezieltes Training wieder stimuliert oder neu eingeübt werden.
- Verbesserung der Mastdarm-Compliance: Wenn der Darm zu empfindlich ist oder schon kleine Mengen sofort Drang auslösen kann regelmäßiges Training helfen, den Darm »toleranter« zu machen.
Stimulation: Im Stimulationsmodus gibt das Gerät über die Sonde sanfte elektrische Impulse an die Nerven ab, die eine passive Kontraktion des Schließmuskels auslösen – auch dann, wenn die bewusste Ansteuerung noch nicht gelingt. Diese Methode eignet sich vor allem bei stark geschwächter oder kaum aktivierbarer Muskulatur, etwa nach Operationen oder bei neurologischen Erkrankungen. Stimulation kann helfen, überhaupt wieder einen ersten Zugang zur Muskulatur zu bekommen und ein Gefühl dafür zu entwickeln: »Hier ist mein Schließmuskel.«
Praktisches Vorgehen: Viele Geräte ermöglichen einen Wechsel zwischen Biofeedback und Stimulation, sodass ein Kombinationstraining möglich ist. Wichtig sind regelmäßige – idealerweise tägliche – Trainingseinheiten von 20 Minuten. Erste Effekte zeigen sich meist nach einigen Wochen, nachhaltige Verbesserungen nach drei Monaten oder länger. Geduld und Kontinuität sind entscheidend, denn die Schließmuskulatur lässt sich nicht so schnell trainieren wie etwa ein Arm- oder Beinmuskel.
Grenzen und Kontraindikationen: Gerätetraining ist nicht für alle und jederzeit geeignet. Bei akuten Schmerzen im Analbereich, Fissuren, Entzündungen, Abszessen oder bis etwa sechs Wochen nach Operationen im Beckenboden- oder Rektumbereich sollte es nicht angewandt werden. Auch fehlende kognitive oder manuelle Fähigkeiten zur sicheren Anwendung sowie ein starkes Schamempfinden können eine Anwendungsgrenze sein.
Quelle: Stuhlinkontinenz
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