NotfallversorgungGender-Effekte bei der Behandlung psychiatrischer Notfälle

Ärztinnen setzen bei psychiatrischen Notfällen signifikant häufiger auf empathische Patientenansprache als ihre männlichen Kollegen, zeigt eine Ulmer Studie.

Blaulicht
Studio Nordbahnhof GmbH/Thieme
Bei der Behandlung psychiatrischer Notfälle bestehen geschlechtsspezifische Unterschiede.

Bei der prähospitalen Behandlung psychiatrischer Notfälle bestehen geschlechtsspezifische Unterschiede auf der Seite der Behandler*innen:

  • Notärztinnen entscheiden sich häufiger als ihre männlichen Kollegen gegen invasive Maßnahmen wie das Spritzen von Beruhigungsmitteln.
  • Um zu deeskalieren, verzichten Frauen im notärztlichen Dienst auch häufiger auf die Messung von Vitalparametern.

Zu diesem Ergebnis kommt eine Auswertung der Uni Ulm.

Auswertung von rund 2900 Einsatz-Protokollen

Psychiatrische Notfälle sind für Notärzt*innen häufig eine große Herausforderung. Anders als bei einem Herzinfarkt, Schlaganfall oder Knochenbruch, für die es klar definierte prähospitale Handlungsabläufe gibt, sind die individuellen Spielräume für die Behandlung psychiatrischer Notfälle größer. Notfälle wie Angststörungen oder suizidales Verhalten sind oft komplex und unvorhersehbar und erfordern flexible Entscheidungen. 

Für die Studie wurden 2882 Protokolle von Notarzteinsätzen mit psychiatrischer Indikation analysiert. Einbezogen wurden Notfalleinsätze der 3 Ulmer Notarztstandorte Eselsberg, Michelsberg und Safranberg von 2015 bis 2021. Die Einsätze wurden kategorisiert und quantifiziert:

Rund 47 Prozent der Fälle waren auf eine Intoxikation mit Alkohol oder anderen Drogen zurückzuführen,

  • 17 Prozent auf suizidales Verhalten,
  • 10 Prozent befanden sich in einer psychischen Ausnahmesituation,
  • 9 Prozent der Fälle zeigten Anzeichen einer motorischen Hyperaktivität (Agitation),
  • 9 Prozent zeigten Anzeichen einer Angst- oder Panikstörung und
  • rund 8 Prozent der Fälle fielen unter „sonstige psychiatrische Erkrankungen“.

Insgesamt 68 Prozent der Notfallpatient*innen wurden nach der notärztlichen Intervention stationär aufgenommen. Davon kam ein Fünftel direkt in die psychiatrische Akutbehandlung. Durchschnittlich 24 Ärztinnen und 31 Ärzte leiteten pro Untersuchungsjahr die Notfalleinsätze. 

Die Analyse zeigt: Männliche Notärzte verabreichen doppelt so häufig intravenöse Hypnotika als ihre weiblichen Kolleginnen. „Die Einweisung in ein psychiatrisches Krankenhaus gegen den Patientenwillen in Kombination mit der erzwungenen Verabreichung von Psychopharmaka zur Beruhigung, Sedierung und Betäubung sind für den Betroffenen als Maximaleskalation der Intervention zur sehen und bedeuten massive Eingriffe in die Integrität der Personen“, ordnet Erstautor Dr. Benedikt Schick diese Maßnahmen ein.

Solche Maximalinterventionen waren bei den Notärztinnen seltener. Der entscheidende Faktor scheint dabei aber nicht das Geschlecht an sich, sondern die geschlechtsspezifischen Unterschiede in der Kommunikation zu sein.

Schwerpunkt auf Kommunikation bei Notärztinnen

Notärztinnen verzichten insbesondere bei Angst- und Panikstörungen signifikant häufiger auf invasive Eingriffe. Laut Co-Autorin Celine Schwarzer, die die Behandlungsprotokolle ausgewertet hat, legen Frauen mehr Wert auf vertrauensvolle Kommunikation.

„Das Ergebnis der Ulmer Untersuchung stützt bereits bekannte Befunde, dass Ärztinnen im Vergleich zu ihren männlichen Kollegen einen empathischeren Kommunikationsstil pflegen. Es scheint ihnen durch aktives Zuhören und positiven Zuspruch besser zu gelingen, eine vertrauensvollen Arzt-Patienten-Beziehung auf Augenhöhe aufzubauen und seltener eine Interventionseskalation zu riskieren“, so Schönfeldt-Lecuona. 

Quelle: Universität Ulm