
Mangelernährung gilt als unterschätztes Gesundheitsproblem – gerade bei älteren Menschen. Ein neuer Cochrane Review hat deshalb untersucht: Können gezielte orale Ernährungsmaßnahmen helfen, wenn mangelernährte oder davon bedrohte Senior*innen im Krankenhaus versorgt werden?
Die Ergebnisse in Kürze:
- Trinknahrung „für besondere medizinische Zwecke“ statt der Standardversorgung senkt möglicherweise das Sterberisiko und das Risiko für schwerwiegende Komplikationen innerhalb von einem Monat bzw. bis zur Entlassung.
- Für die anderen untersuchten Ernährungsansätze – etwa zusätzliche Eiweißgabe oder individuelle Hilfe beim Essen – zeigten sich keine klaren Unterschiede zur Standardversorgung. Oder die Datenlage war zu schlecht, um belastbare Aussagen ableiten zu können.
Datenauswertung zu verschiedenen Ernährungsinterventionen
Die Cochrane-Autor*innen schlossen 21 Studien zu verschiedenen oralen Ernährungsinterventionen in ihre Übersichtsarbeit ein. Insgesamt wurden die Daten von 3309 älteren Krankenhauspatient*innen (mittleres Alter: 75 bis 85 Jahre) mit unterschiedlichen akuten Erkrankungen ausgewertet, etwa Hüftfrakturen oder internistische Erkrankungen.
Nicht untersucht wurden Patient*innen mit Krebs oder nach einem Schlaganfall sowie dialysepflichtige Menschen und Patient*innen auf der Intensivstation.
Die Studien verglichen folgende Ernährungsmaßnahmen meist mit der Standardversorgung im Krankenhaus:
- speziell zusammengesetzte medizinische Ernährungsprodukte in flüssiger oder fester Form, (rechtlich als „Lebensmittel für besondere medizinische Zwecke“ definiert). In den meisten Studien wurde spezielle Trinknahrung eingesetzt. Diese Nahrung ist über Apotheken und teils im Sanitätsfachhandel erhältlich und wird – sofern sie ärztlich verordnet ist – von den Krankenkassen finanziert. Es gibt sie in unterschiedlichen Zusammensetzungen, etwa besonders eiweiß- und kalorienreich und so zusammengesetzt, dass sie den Körper bei medizinisch bedingtem Bedarf vollständig oder ergänzend mit den nötigen Nährstoffen versorgt. Sie ist für Patient*innen gedacht, deren Energie- und Nährstoffbedarf mit normaler Ernährung nicht gedeckt werden kann.
- eiweißreiche Zusatzprodukte oder eiweißangereicherte Speisen
- kalorienreiche Ergänzungsprodukte
- individuelle Unterstützung bei den Mahlzeiten, etwa durch geschulte Hilfskräfte im Bereich Pflege oder Ernährung
- individuell ausgearbeitete Ernährungstherapie mit mehreren Bausteinen, zum Beispiel Hilfe durch Fachkräfte wie Diätassistent*innen
Im Review galten Senior*innen als mangelernährt bzw. davon bedroht, wenn sie nach anerkannten Screeningverfahren oder anhand von Merkmalen wie niedrigem BMI, ungewolltem Gewichtsverlust in den letzten 3 Monaten oder unzureichender Nahrungsaufnahme in der Vorwoche als mangelernährt oder gefährdet eingestuft wurden.
Hintergrund: Mangelernährung
Mangelernährung bedeutet, dass ein Mensch zu wenig Energie oder Nährstoffe über die Nahrung zuführt oder aufnimmt. Das kann die Körperzusammensetzung beeinflussen und dafür sorgen, dass sich körperliche und mentale Funktionen messbar verändern.
In Krankenhäusern sind besonders ältere Menschen oft mangelernährt. Laut der German Hospital Malnutrition Studie aus dem Jahr 2006 galt das für 56 Prozent der Patient*innen auf geriatrischen Stationen.
Mangelernährung kann schwerwiegende Folgen haben: Nach Operationen beispielsweise kann die Wundheilung verzögert sein, der Krankenhausaufenthalt kann sich verlängern und auch die Sterblichkeit kann steigen. Etliche Experten fordern deshalb seit Jahren, Mangelernährung in Krankenhäusern besser in den Blick zu nehmen und die Ernährungstherapie in Kliniken zu stärken.
Vor diesem Hintergrund hat die Politik kürzlich beschlossen, dass bis Ende 2027 verpflichtende Qualitätsvorgaben entwickelt werden sollen, wie Patient*innen bei der stationären Aufnahme ins Krankenhaus systematisch auf Mangelernährung hin untersucht und bei Bedarf entsprechend behandelt werden.
Spezielle Trinknahrung senkt wahrscheinlich Sterberisiko
Die Ergebnisse des Reviews zeigen:
- Im Vergleich zur üblichen Krankenhausversorgung senkt die spezielle Trinknahrung „für besondere medizinische Zwecke“ möglicherweise das Sterberisiko bis zur Entlassung aus dem Krankenhaus bzw. innerhalb eines Monats nach Behandlungsbeginn.
- Mit der Standardversorgung starben 106 pro 1000 Studienteilnehmer*innen, mit Trinknahrung hingegen waren es möglicherweise 57 weniger (3 Studien mit 910 Teilnehmenden, Vertrauenswürdigkeit der Evidenz nach GRADE: gering)
Möglicherweise seltener schwere Komplikationen
- Auch schwere Komplikationen wie lebensbedrohliche Ereignisse kommen bei Menschen, die mit spezieller Trinknahrung versorgt werden, möglicherweise seltener vor als bei Menschen mit Standardversorgung.
- Pro 1000 Studienteilnehmer*innen mit herkömmlicher Versorgung kam es zu 192 Fällen, unter 1000 Teilnehmer*innen mit Trinknahrung waren es möglicherweise 84 Fälle weniger (5 Studien mit 465 Teilnehmenden, Vertrauenswürdigkeit der Evidenz nach GRADE: gering)
Für die anderen untersuchten Aspekte – beispielsweise Lebensqualität, Dauer des Krankenhausaufenthalts, Körpergewicht und Selbstständigkeit bei Alltagsaktivitäten wie etwa Ankleiden – sowie für die anderen untersuchten Ernährungsmaßnahmen zeigte sich beim Vergleich zur Standardversorgung meist kein klarer Unterschied oder die Evidenz war so unsicher, dass sich daraus keine verlässlichen Schlussfolgerungen ziehen lassen.
Beim Vergleich der verschiedenen Formen der Ernährungsunterstützung untereinander wurde klar: Es gibt bisher nicht genügend Evidenz, um zu sagen, dass eine Form der Ernährungsunterstützung den anderen überlegen ist.
„Leider basieren die Vergleiche der Netzwerk-Metaanalysen häufig auf wenigen Studien und wenigen Teilnehmenden. Zudem haben wir nur 2 Studien gefunden und ausgewertet, die unterschiedliche Interventionen direkt miteinander verglichen. Weil die Datenlage zu dünn ist, lassen sich so gut wie keine belastbaren Vergleiche zwischen den verschiedenen Ernährungsmaßnahmen ziehen. Das heißt: Wir können nicht sicher sagen, ob eine Maßnahme besser oder schlechter wirkt als eine andere. Das zeigt, wie wichtig weitere Forschung ist, um ältere Menschen mit drohender oder bereits bestehender Mangelernährung im Krankenhaus bestmöglich versorgen zu können“, so die Ernährungswissenschaftlerin PD Dr. Eva Kiesswetter.
Studien zu Mangelernährung anspruchsvoll
„Die unsichere Datenlage hängt unter anderem damit zusammen, dass es anspruchsvoll und herausfordernd ist, hochwertige Ernährungsstudien mit älteren Menschen mit Mangelernährung im Krankenhaus durchzuführen – auch, weil diese Patient*innengruppe häufig an mehreren Erkrankungen gleichzeitig leidet und zusätzlich körperliche Einschränkungen hat“, erläutert Kiesswetter.
„Schon vor einem Krankenhausaufenthalt kann es zahlreiche Gründe dafür geben, warum ältere Menschen zu wenig essen: nachlassender Appetit beispielsweise, Magen-Darm-Beschwerden, Probleme beim Kauen oder Schlucken oder Schwierigkeiten dabei, sich Essen zuzubereiten.“ Während einer akuten Erkrankung könne sich der Ernährungszustand dann weiter verschlechtern, etwa wenn der Energie- und Nährstoffbedarf steigt oder Nährstoffe schlechter aufgenommen würden. „Wir wollten mit unserer Netzwerk-Metaanalyse mehrere orale Ernährungsinterventionen sowohl miteinander als auch mit der Standardversorgung vergleichen, um abzuschätzen, welche Maßnahmen bei den besonders vulnerablen älteren Patient*innen im Krankenhaus insgesamt am besten abschneiden“, so die Ernährungswissenschaftlerin.
Quelle: Cochrane Deutschland


