StoffwechselAdipositas ist viel mehr als Übergewicht

Adipositas ist mehr als eine bloße Fortsetzung von Übergewicht. Nicht die Fettmenge ist entscheidend, sondern die Stoffwechselantwort.

Übergewichtiger Junge mit dickem Bauch
artit/stock.adobe.com - Stockphoto. Posed by a Model.
Fettgewebe fungiert als hormonell aktives Organ, das zentrale Stoffwechselprozesse steuert.

Das Paradigma, dass Adipositas eine bloße Fortsetzung von Übergewicht ist, gilt nicht mehr. Das berichteten Expert*innen auf der Pressekonferenz der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM).

Neue Erkenntnisse aus der Stoffwechselforschung zeigen: Entscheidend für gesundheitliche Risiken ist nicht primär die Menge an Körperfett, sondern die Fähigkeit des Körpers, überschüssige Energie sicher zu speichern und im Organismus richtig zu verteilen. Ist diese Regulation gestört, wird Fett vermehrt in Organen wie der Leber abgelagert – mit weitreichenden Folgen für den gesamten Stoffwechsel.

Adipositas liegt in der Evolution des Menschen

Expert*innen des Leipzig Center of Metabolism stellten auf dem Kongress ihre neuen Erkenntnisse vor. Ein wichtiger Erklärungsansatz für die Entstehung von Adipositas liegt in der Evolution des Menschen:

  • Mechanismen, die ursprünglich das Überleben in Zeiten von Nahrungsmangel sichern sollten, wirken heute in einer Umwelt mit dauerhaftem Nahrungsüberangebot weiter.
  • Gleichzeitig steuert das Gehirn die Nahrungsaufnahme nicht nur nach Energiebedarf, sondern auch über Belohnungssysteme.
  • Dieses Zusammenspiel begünstigt die Entstehung und Aufrechterhaltung von Adipositas.

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Nicht die Fettmenge entscheidet, sondern die Stoffwechselantwort

Adipositas ist eine chronisch fortschreitende Erkrankung, die mit einem erhöhten Risiko für Typ-2-Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Schlaganfall, Schlafapnoe, Depressionen und bestimmte Krebserkrankungen einhergeht. Gleichzeitig zeigt sich in der klinischen Praxis eine große Vielfalt an Krankheitsverläufen und Risiken.

„Diese Unterschiede lassen sich zunehmend durch individuelle Stoffwechselprozesse erklären – nicht allein durch das Körpergewicht“, sagt Prof. Michael Stumvoll vom Universitätsklinikum Leipzig. Verlässliche Prognosen zu Krankheitsverlauf oder Therapieansprechen sind bislang jedoch nur eingeschränkt möglich.

Fettgewebe ist hormonell aktiv

Im Zentrum der aktuellen Forschung steht das Fettgewebe: Es fungiert als hormonell aktives Organ, das zentrale Stoffwechselprozesse steuert. „Die Umwandlung überschüssiger Energie in Fett ist ein evolutionär sinnvoller Schutzmechanismus“, so der Leipziger Endokrinologe.

Wird diese Speicherfunktion gestört oder dauerhaft gefordert, kommt es zur krankhaften Fehlverteilung von Fett – mit Ablagerungen in Organen wie Leber, Herz oder Muskulatur. Diese Prozesse gelten als entscheidender Treiber für Insulinresistenz und weitere metabolische Folgeerkrankungen.

„Entscheidend ist nicht allein, wie viel wir essen, sondern was wir essen, wie wir essen und ob der Körper Energie sicher speichern, richtig verteilen und wieder freisetzen kann“, erklärt Stumvoll. Oftmals geht „ungesunde“ Fettablage mit Makrophageninfiltritation und chronischer, folgenschwerer Entzündung einher.

Risiko auch ohne sichtbares Übergewicht

Diese Perspektive erweitert den Blick auf betroffene Patientengruppen. Auch Menschen mit unauffälligem Körpergewicht können ein erhöhtes Risiko für Stoffwechselerkrankungen haben. Ein modellhaftes Beispiel sind seltene genetische Erkrankungen wie die Lipodystrophie, bei denen Unterhaut-Fettgewebe fehlt und Energie deshalb in Organen abgelagert wird – ein eindrücklicher Hinweis darauf, dass klassische Kenngrößen wie das Körpergewicht allein nicht ausreichen, um Risiken zu erfassen.

Neue Ansätze für Prävention und Therapie

Aus diesen Erkenntnissen ergeben sich Konsequenzen für Prävention und Therapie: „Statt allein auf Gewichtsreduktion zu fokussieren, sollten wir stärker die individuelle Stoffwechselsituation berücksichtigen“, sagt Stumvoll. Moderne bildgebende Verfahren ermöglichen zunehmend eine differenzierte Analyse metabolischer Risikokonstellationen. Parallel werden Therapien entwickelt, die gezielt in Krankheitsmechanismen eingreifen – etwa über hormonelle Signalwege, entzündliche Prozesse oder den Einfluss des Darms auf den Stoffwechsel. Auch geschlechtsspezifische Unterschiede rücken dabei stärker in den Fokus.

„Trotz dieser Fortschritte ist eine individualisierte Präzisionsmedizin in der Stoffwechselmedizin bislang noch nicht erreicht“, so der Experte. Auch komplexe Modelle zur Risikobewertung erlauben derzeit noch keine verlässliche Vorhersage individueller Krankheitsverläufe oder Therapieeffekte.

Adipositas als systemische Erkrankung verstehen

Internistisch ist Adipositas damit als systemische Erkrankung zu verstehen, bei der mehrere Organsysteme eng miteinander interagieren. „Für die Versorgung bedeutet das: Wir müssen weg von einer eindimensionalen Betrachtung des Körpergewichts und hin zu einer differenzierten Risikobewertung“, sagt die Endokrinologin und Diabetologin Prof. Dagmar Führer-Sakel. „Nur wenn wir die zugrunde liegenden metabolischen Prozesse genau verstehen, können wir die Versorgung von Patient*innen mit Stoffwechselerkrankungen weiter verbessern.“

Quelle: Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin