DopingDoping im Freizeitsport: Durchtrainiert um jeden Preis?

Doping im Freizeitsport betrifft oft junge Männer. Die gesundheitlichen Folgen sollten nicht unterschätzt werden. Was ein Experte empfiehlt.

Mann im Fitnessstudio mit Tabletten
Valerii Honcharuk/stock.adobe.com
Die Beschäftigung mit der eigenen Muskulatur kann in sehr ausgeprägter Form auftreten, bis hin zu einer pathologischen Körperbildstörung.

Etwa 5 bis 15 Prozent der männlichen Besucher von Fitnessstudios nehmen muskelanabole Substanzen ein. Bei „Bodybuilder-Habitus“-Besuchern liegt die Quote sehr wahrscheinlich höher, mindestens bei 25 Prozent. Hauptsächlich werden androgene Steroide, seltener zusätzlich Wachstumshormon verabreicht.

Das berichtete Prof. Sven Diederich auf einer Pressekonferenz. Der Endokrinologe machte aufmerksam auf die Risiken des Dopings im Freizeitsport und dessen mögliche ernste Folgen.

Doping meist unter jungen Männern verbreitet

Die betroffenen jungen Männer sind oft übermäßig mit dem Gedanken beschäftigt, zu wenig muskulös zu sein. Objektiv sei die Muskulatur dieser jungen Männer aber überdurchschnittlich. Die Beschäftigung mit der eigenen Muskulatur kann in sehr ausgeprägter Form auftreten, bis hin zu einer pathologischen Körperbildstörung, die international einen eigenen Diagnoseschlüssel hat: Die Diagnose lautet dann Muskeldysmorphie-Syndrom.  

Bei den Betroffenen handelt es sich häufiger um Schüler, Studenten oder Auszubildende in den „Discounter-Fitness-Studios“, die 

  • fast jeden Tag mehrere Stunden dort sind,
  • sich häufig im Spiegel checken,
  • rigide Diäten praktizieren,
  • sehr häufig Anabolika-Erfahrung haben.

Partnerinnen würden die Situation oft noch „befeuern“,  so Diederich („Freundin gibt mir die Spritzen“). Durch diese spezielle psychosoziale Situation treten öfter Komorbiditäten wie Depression, Angststörungen und soziale Isolation mit erhöhter Rate an Suizidalität auf.

Die Effektivität von anabolen Substanzen gut belegt: Der Muskelzuwachs unter Anabolika ohne Training ist ähnlich wie unter 12 Wochen hochintensivem Muskeltraining.

Gesundheitliche Schäden und Risiken nicht unterschätzen

Diederich sieht das Phänomen in der endokrinologischen Praxis etwa dann, wenn ein Kinderwunsch besteht und die Fertilität betroffen ist. Meist sei es mit endokrinologischer Begleitung möglich, die Infertilität rückgängig zu machen. Aber es existieren auch Kasuistiken, die eine dauerhafte Störung der Fertilität berichten. 

Zu weiteren nicht zu unterschätzenden Risiken bei anabolen Steroiden zählen:

  • Herz/Gefäße: Artherosklerose, Kardiomyopathie, Dyslipidämie, plötzlicher Herztod, Hypertonie
  • Hämatologisch: Polyglobulie, verstärkte Gerinnungsneigung inklusive Thrombose
  • Neuropsychiatrisch: affektive Störungen (Manie, Depression), Aggressivität, Anabolikaabhängigkeit mit auch vermehrter Co-Abhängigkeit (Amphetamine etc.), kognitive Defekte
  • Hormonell: Gynäkomastie, Infertilität
  • Bewegungsapparat: vorzeitiger Schluss der Epiphysenfugen - werden bereits während der Pubertät Anabolika appliziert, kann das Größenwachstum vorzeitig enden; Sehnenrupturen
  • Haut: Akne, Striae
  • Niere: selten Niereninsuffizienz durch Muskeldestruktion (Rhabdomyolyse): Patienten haben durch das abnorme Muskeltraining dauerhaft stark erhöhte Kreatinkinase (Muskelenzym), was aber meist keine Schäden bewirkt.
  • Leber: Lebertoxizität bei alkylierten Anabolika, insbesondere bei oraler Einnahme

Selbsterkenntnis bezüglich der Gesundheitsrisiken

Die Selbsterkenntnis bei den Betroffenen sei aufgrund des Suchtcharakters gering, so Diederich. Die Patienten werden sehr häufig erst bei einem Kinderwunsch aufmerksam oder bei vermehrten Sportverletzungen/Sehnenrupturen, bei Meldungen über Gefahren der Schwarzmarktsubstanzen (Verunreinigungen etc.), bei vermehrter Akne oder auffälliger weiblicher Brustbildung (Gynäkomastie).

Sind Laborwerte wie der Hämatokrit („dickes Blut“) oder Muskel- und Leberwerte erhöht, seinen manche Patienten besorgt. Andere hingegen ignorieren die Alarmsignale.

Absetzen der Anabolika: Was der Experte empfiehlt

Das Absetzen der Anabolika sollte keinesfalls abrupt erfolgen. Das könne zu starken psychischen und physischen Beschwerden führen und die Sucht neu befeuern. Das durch die Anabolika herunterregulierte männliche Hormonsystem braucht Zeit, um nach Absetzen wieder anzuspringen. 

Der endokrinologische Facharzt ist hier gegebenenfalls der richtige medizinische Ansprechpartner, der den Patienten diesbezüglich mit entsprechender Medikation (Antiöstrogene, niedrig dosiertes Testosteron) und Aufklärung begleitet. Eine psychosoziale Begleitung ist ebenfalls wichtig, gegebenenfalls professionell. Je länger der Anabolika-Abusus besteht, desto wahrscheinlicher seien dauerhafte Schäden.

Diederich plädiert für mehr Aufklärung über die Risiken und möglichen gesundheitlichen Folgen von Anabolika, zum Beispiel in Fitness-Studios auf Werbebildschirmen.

Quelle: Pressekonferenz/Kongress für Endokrinologie/3.3.2026