Evidenzbasierte NaturheilkundeIntegrative Medizin unterstützt nachhaltig bei Krebs

Beschwerden lindern, Lebensqualität verbessern, die Selbstwirksamkeit stärken - das ermöglicht Integrative Medizin, sagt die Stuttgarter Ärztin Dr. Marcela Winkler.

Bund mit Lavendelblüten, daneben ein Braunfläschchen mit ätherischem Öl auf weißem Hintergrund
Floydine/stock.adobe.com
Komplementärmedizin kann in der Krebstherapie unterstützen, z.B. als Lavendel-Herz-Auflage bei Schlafstörungen.

“Patient*innen wollen aktiv an ihrem Genesungsprozess mitwirken. Das ermöglicht ihnen Integrative Medizin”, sagt Dr. med. Marcela Winkler, ärztliche Leiterin der Abteilung Naturheilkunde und Integrative Medizin am Stuttgarter Robert Bosch Krankenhaus.

Patient*innen werden aktive Gestalter ihrer Gesundheit

Die Diagnose Krebs ist ein dramatischer Einschnitt im Leben eines Menschen. Um mit den psychischen Belastungen, den körperlichen Nebenwirkungen der Therapie und den Veränderungen im eigenen Leben zurechtzukommen “wünschen sich viele Patient*innen eine ganzheitliche Betreuung oder zumindest fundierte Informationen über ergänzende Ansätze”, so Winkler. Vor allem aber wollen sie in jeder Phase der Erkrankung ernstgenommen und gehört werden. Integrative Medizin, das Miteinander aus konventioneller Medizin und komplementärmedizinischen Verfahren, könne hier einen wichtigen Beitrag leisten.

“Diese Patient*innen wünschen sich, aktiv an ihrem Genesungsprozess mitzuwirken und nicht das Gefühl zu haben, der Situation ausgeliefert zu sein”, sagt Winkler. “Die Integrative Medizin bietet mir die wunderbare Möglichkeit, Patient*innen wirklich auf Augenhöhe zu begegnen und dabei 2 Welten zu vereinen” - die die konventionelle Therapie mit einer wissenschaftlich fundierten, evidenzbasierten Naturheilkunde.

Naturheilkundliche, integrative Verfahren können die starken Nebenwirkungen der konventionellen onkologischen Therapie lindern, die Lebensqualität deutlich verbessern und die Ressourcen der Patient*innen stärken. Dazu gehören z.B. Verfahren aus der Mind-Body-Medizin, die auch am Stuttgarter Robert-Bosch-Krankenhaus angeboten werden.

Die Selbstwirksamkeit stärken

Allein im stationären Bereich begleiten die Ärztin und ihr Team rund 50 Patient*innen täglich in allen Abteilungen des Krankenhauses, die sich für den integrativen Behandlungsweg entschieden haben. Hinzu kommen ambulante Patient*innen in der integrativmedizinischen Sprechstunde. 

Sie können ihre Selbstwirksamkeit beispielsweise stärken, indem sie eine einfache Druckpunktmassage erlernen und selbst durchführen: Akupressur kann positive Effekte bei Übelkeit, Ängste und kreisende Gedanken haben. Ebenso könne den Patient*innen während der onkologischen Therapie durch Selbsthilfestrategien aus der Naturheilkunde und Mind-Body-Medizin bei Erbrechen, Durchfall oder Verstopfung geholfen werden. “Zudem unterstützen wir bei Hautveränderungen oder polyneuropathischen Beschwerden sowie bei Symptomen des Fatigue-Syndroms”, erklärt Marcela Winkler. Dazu zähle in erster Linie Bewegung, wie es auch die S3-Leitlinie zur Komplementärmedizin in der Onkologie empfiehlt. 

Behandlung beruht auf externer und interner Evidenz

Das Marcela Winkler und ihr Team setzen neben Verfahren mit externer Evidenz durch Studien auch solche mit interner Evidenz ein: “Das sind Verfahren, die nicht in die Leitlinie integriert worden sind, mit denen wir über Jahre hinweg aber gute Erfahrungen gemacht haben”, berichtet Winkler. Diese müssen sich als nebenwirkungsarm und kosteneffizient erwiesen haben. Ein Beispiel dafür sei die Lavendel-Herz-Auflage bei Schlafstörungen.

Begleitend zur eigentlichen Therapie können sich stationäre und ambulante Patient*innen für ein 11-wöchiges Kompaktprogramm entscheiden. Darin erhalten sie Empfehlungen zur Ernährung bei Krebs, zu Bewegung, Entspannung, Phytotherapie, Kneipp'scher Hydrotherapie, Verhaltenstherapie bei Angst und depressiven Symptomen, naturheilkundlichen Selbsthilfestrategien und Methoden der Mind-Body-Medizin.

“Damit bestärken wir die Patient*innen darin, dauerhaft einen gesundheitsförderlichen Lebensstil zu entwickeln, ihre Ressourcen zu stärken und ihre Gesundheit eigenverantwortlich in die Hand zu nehmen”, erklärt Marcela Winkler. 

Kostenübernahme und langfristige Perspektiven

Trotz nachweislicher Erfolge des Kompaktprogramms bleibt ein Wermutstropfen: die Finanzierung des Kompaktprogramms. Nur 2 gesetzliche Krankenkassen kommen bislang dafür auf, trotz des wachsenden Interesses und der positiven Resonanz von Patient*innen und medizinischen Fachkräften.

Winkler wünscht sich: “Die Politik sollte kosteneffiziente und evidenzbasierte Angebote wie unser Kompaktprogramm stärker in die Regelversorgung integrieren. Unterstützende Maßnahmen der Sekundär- und Tertiärprävention sind vergleichsweise günstig, nebenwirkungsarm und haben das Potenzial, langfristig nicht nur die Lebensqualität der Patient*innen zu verbessern, sondern auch Kosten zu reduzieren.” Eine flächendeckende Einführung solcher Programme könnte ihrer Ansicht nach etwa im Rahmen von Pilotprojekten gefördert werden, um Wirksamkeit und Nutzen noch weiter zu evaluieren und zu dokumentieren.

Naturheilkundliche Begleitangebote für Krebspatienten in Deutschland

Naturheilkundliche Angebote begleitend zur konventionellen Therapie gibt es mittlerweile an vielen (Universitäts-)Kliniken in Deutschland, z.B. in Essen, Würzburg, Berlin, Freiburg, Jena, Heidelberg, Ulm, Hamburg und Tübingen.

Quelle: Initiative Gesunde Vielfalt