
Die kollektive Nutzung von Messenger Diensten, Online-Dating Apps, sozialen Medien, Subscription Plattformen (wie Only Fans) und sozialen Chatbots haben neue Formen der Intimität hervorgebracht. Sie transformieren jedoch auch zunehmend das Beziehungsverhalten und soziale Organisation über digitale Kontexte hinaus.
Das berichtete die Sozial-Psychologin Dr. Johanna Lisa Degen auf einer Pressekonferenz. Degen beschäftigt sich u.a. mit Social Media und Identität.
Demnach versteht die Forschung durch Technologien mediierte Beziehungen als psychologisch. Sie stellt die These auf, dass digitale Mediennutzung nicht nur durch praktische Gründe wie Kontakthalten, Informationssuche, Unterhaltung oder Angst und Sucht hat. Sie wird durch soziale Mechanismen getrieben. Der Treiber ist also die digitale Beziehungsbildung.
Parasoziale und digitale Beziehungen
Ein zentrales Konzept zur Analyse dieser Entwicklungen ist Parasozialität. Ursprünglich beschreibt der Begriff der parasozialen Beziehung eine einseitige Relationen zwischen Publikum und medialen Figuren. Heute zeigen sich parasoziale Beziehungen über ein breites Spektrum von digital mediierten Beziehungen:
- Beziehungen werden über Dating-Apps initiiert,
- Familien, Paare und Freundschaften über Messenger Dienste organisiert und Teile von Kommunikation und Beziehungspflege dahin ausgelagert,
- soziale Bezogenheit und körperliche Mechanismen der Beruhigung werden auf Social Media verlagert,
- Intimität wird (auch) über Only Fans bedient, wobei gerade die erlebte Gegenseitigkeit der parasozialen Beziehung dort gegenüber Pornografienutzung bedeutsam ist,
- und Beziehungen mit sozialen Chatbots gewinnen fortlaufend an sozialer Bedeutung.
Viele dieser Formen von Parasozialität wirken zunächst funktional und scheinen unmittelbare Potenziale für soziale Interaktionen und Wohlbefinden zu haben: Nutzer*innen können auf Dating Plattformen Beziehungen finden, über Messenger Services Nähe herstellen und Kontakt halten, über Social Media subjektives Einsamkeitserleben reduzieren sowie Sozialität und Politik leben: Man kann die beruhigende Wirkweisen von Social Media auf den Körper nutzen, und sogar bei einem sozialen Chatbot Trost finden.
Auslagern der Face-to-Face-Kommunikation fördert Entfremdung
In der Forschung zeigen sich auch negative Mechanismen, die auf Krisen im Sozialen und im Wohlbefinden hinweisen:
- Online-Dating-Praktiken haben zu einer kollektiven Erschöpfung geführt,
- Phubbing (das als unangemessen erlebte benutzen eines Smartphones während einer sozialen Interaktion) und Interneteifersucht wirken sich stark negativ auf Beziehungen aus,
- wiederholtes Auslagern von Teilen der Kommunikation fördert Entfremdung, Missverständnisse wirken negativ auf die Beziehungsqualität,
- Ideen über Sexualität werden fragmentiert, technisiert und Performance-orientiert
- Social Media bietet Boden für Polarisierung und soziale (auch negative) Gruppendynamiken
- Social Media und Chatbot-Beziehungen haben auch trennende, individualisierende und vereinsamende Wirkweisen und konkurrieren mit Face-to-Face Beziehungen.
Gerade auf der Ebene der sozialen Ordnung und für vulnerable Gruppen bedarf es dabei eines kritischen Blicks, der kontextualisiert und längerfristige Wirkweisen berücksichtigt.
Die parasozialen Beziehungen spielen dabei nicht nur für die selbige Nutzungsequenz eine Rolle:
- Zum einen hat die Mediennutzung ganz pragmatische Bedeutung und konkurriert mit Face-to-Face Beziehungen um Zeit, Fokus und Emotionen.
- Zum anderen verändern sich subtil die Orte der sozialen Bedürfnisregulation (wie körperliche Beruhigung und Comforting), Ideen über Beziehungsführung (sie dürfen einseitig und mit einem Business Case untermauert sein) und Beziehungskompetenzen (Gewöhnung an Verfügbarkeit, Vorhersagbarkeit, Fragmentierung und Vereindeutigung).
Dabei drängen sich gesellschaftskritische und ethische Fragestellungen auf wie: Welche Art von Sozialität soll in unserer Gesellschaft organisiert werden? Welche Rolle sollen Beziehungssubstitute spielen? Und für die Medizin, Psychologie und Therapie: Wie forschen, lehren und therapieren wir zu Phänomenen der Parasozialität?
Drängende gesellschaftliche Fragen
Es ist Aufgabe der Forschung in den Feldern von Medizin, Psychologie und Soziologie sowie in den Berufsfeldern der Therapie, Beratung, Pädagogik und der sozialen Arbeit, kompetente Antworten zu finden.
Die drängende gesellschaftliche Frage ist: Wie können Gesundheit, Wohlbefinden und Sozialität gelingen, damit sich Menschen Technik aneignen und sie nutzen können, ohne zum Rohmaterial von Technik zu werden?
Quelle: Kongress-Presskonferenz/Deutscher Kongress für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie


