SchaufensterkrankheitpaVK: Paradigmenwechsel in der Therapie

Gehtraining, Medikamente und Maßnahmen wie Nikotinabstinenz und Gewichtsreduktion stehen an erster Stelle. Das hält nun die aktualisierte Leitlinie fest.

Illustration: Blutgefäß, das von einem Klumpen verschlossen wird
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Ob undurchlässige Gefäße endovaskulär, offen chirurgisch mit einem Bypass oder gar nicht operiert werden, hängt in erster Linie von den Beschwerden, dem Zustand und dem Risiko der Erkrankten ab.

Neue S3-Leitlinie zur pAVK: Paradigmenwechsel bei der Therapie der Schaufensterkrankheit

Lange Zeit galt, fortgeschrittene Durchblutungsstörungen in den Beinen nach Möglichkeit minimalinvasiv zu beseitigen. Doch die Regel "endovaskulär first" ist überholt. Diese Erkenntnis ist festgehalten in der aktualisierten S3-Leitlinie zur peripheren arteriellen Verschlusskrankheit (pAVK).

Konkret bedeutet das:

  • Gehtraining, medikamentöse Therapie und vorbeugende Maßnahmen wie Nikotinabstinenz und Gewichtsreduktion stehen an erster Stelle.

Ob undurchlässige Gefäße endovaskulär, offen chirurgisch mit einem Bypass oder gar nicht operiert werden, hängt in erster Linie von den Beschwerden, dem Zustand und dem Risiko der Erkrankten ab. Damit erfolgt eine weitgehende Neubewertung der pAVK-Therapie. Das teilt die Deutsche Gesellschaft für Gefäßchirurgie und Gefäßmedizin (DDG) mit. Auch in Bezug auf das frühe Erkrankungsstadium habe ein Umdenken stattgefunden. 

Drei Mal pro Woche Bewegungstraining

Klassischerweise macht sich die pAVK zu Beginn mit krampfartigen Schmerzen in den Waden bemerkbar. Diese zwingen Betroffene beim Gehen zum Anhalten (vor dem Schaufenster stehen bleiben). Wer sich in diesem Stadium befindet, soll gemäß Leitlinie zunächst ein Gehtraining erhalten, flankiert von Lebensstilmaßnahmen und einer optimalen medikamentösen Therapie – für die Dauer von 3 bis 6 Monaten. 

"Ganz konkret empfehlen wir ein gefäßspezifisches Bewegungstraining mit mindestens 3 Übungseinheiten wöchentlich, jeweils zwischen 30 und 60 Minuten", sagt PD Dr. Ulrich Rother von der Kommission pAVK und Diabetischer Fuß der DGG. Die medikamentöse Therapie umfasst in jedem Fall ein Statin und einen Thrombozytenfunktionshemmer, idealerweise Clopidogrel, bei Bedarf ergänzt durch weitere Medikamente. "Bessern sich die Symptome, ist die Fortführung dieser konservativen Therapie empfohlen", so Rother. 

Gehtraining und Medikamente stehen an erster Stelle

Damit rücken operative Maßnahmen im Anfangsstadium der Erkrankung stärker in den Hintergrund.

"Verglichen mit früher sind medikamentöse Behandlung, vorbeugende Maßnahmen wie Nikotinabstinenz und Gewichtsreduktion und vor allem Bewegungstraining in der aktualisierten Leitlinie gegenüber den invasiven Eingriffen deutlich aufgewertet", resümiert Rother.

Die Kombination aus Medikamenten und Gehtraining ist auch die richtige Behandlung für alle Patient*innen, die noch keine Beschwerden spüren, bei denen jedoch ein auffälliger Knöchel-Arm-Index gefunden wurde. Das betrifft schätzungsweise ein Viertel aller 45- bis 74-Jährigen. Der Knöchel-Arm-Index ist eine Ultraschalluntersuchung an Arm und Bein, die anzeigt, ob die Gefäße verengt sind. Bei einem Wert unter 0,9 liegt eine pAVK vor. 

Endovaskuläre und chirurgische Eingriffe sind gleichwertig

Doch nicht immer gelingt es, die Schaufensterkrankheit mittels konservativer Therapie zu bessern. "Bei Stagnation oder Verschlechterung kann ein Eingriff erwogen werden", sagt der Gefäßchirurg Prof. Markus Steinbauer. Was die Art des Gefäßeingriffs betrifft, kommen die Autoren der Leitlinie auf Basis wissenschaftlicher Daten zu dem Schluss: Beide verfügbaren Methoden – endovaskulär und chirurgisch – sind gleichwertig, insbesondere im fortgeschrittenen Stadium der pAVK.

"Früher nahm man an, dass minimalinvasive Eingriffe kaum Komplikationen auslösen", erläutert Rother. "Doch die Sterblichkeit ist bei beiden Vorgehensweisen vergleichbar, weil sie mehr den schweren Grunderkrankungen der Patient*innen geschuldet ist als der Art des Verfahrens." 

Bei Gebrechlichkeit ist kein Eingriff oft die bessere Option

Diese Erkenntnis ist besonders wichtig für betagte Erkrankte, die oft unter mehreren Erkrankungen gleichzeitig leiden. Gebrechlichen und älteren Personen mit geistigen Einschränkungen droht zudem durch jedwegen Eingriff eine Verschlechterung ihres körperlichen und mentalen Zustands. "Und das liegt nicht etwa an der Narkose", betont Steinbauer. "Wir wissen heute, dass es der Eingriff selbst ist, der eine Kaskade an ungünstigen Reaktionen triggert und Demenzen fördert."

So sei es bei Bettlägerigen häufig die bessere Option, gar keinen Eingriff vorzunehmen und konservativ zu behandeln. 

Leitlinie rät zur Ermittlung des Gebrechlichkeitsgrads

Zur Entscheidungsfindung, ob eine invasive Therapie erfolgen soll, empfiehlt die Leitlinie die Ermittlung des Gebrechlichkeitsgrades, das sogenannte Frailty-Assessment. Ergibt das Assessment eine alterstypische Muskelschwäche, kann eine gezielte Prähabilitation mit leichten körperlichen Übungen und hochkalorischer Ernährung die Patient*innen vor dem Eingriff in einen besseren Zustand bringen.

"Ist der Betroffene zu gebrechlich und ein Eingriff zu riskant, rücken eine gute Schmerztherapie und eine professionelle Wundpflege in den Fokus, um bestmögliche Lebensqualität zu erhalten", erläutert Steinbauer.

Quelle: Deutsche Gesellschaft für Gefäßchirurgie und Gefäßmedizin