Polyzystisches OvarsyndromPCO-Syndrom früher erkennen und ganzheitlich behandeln

Das PCO-Syndrom bleibt oft unerkannt. Die neue ärztliche Leitlinie möchte das ändern - für mehr Lebensqualität für betroffene Frauen.

Frau hält ein Modell mit Uterus und Eierstöcken mit Zysten vor ihrem Unterbauch
Jo Panuwat D/stock.adobe.com
PCOS ist ein komplexes endokrinologisch, gynäkologisch und internistisches Krankheitsbild. Die Ursache ist bislang unklar.

Neue PCOS-Leitlinie für Ärzt*innen: Früher erkennen, ganzheitlich behandeln

Jetzt liegt erstmals eine umfassende S2k-Leitlinie vor, die unter Federführung der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie (DGE) in Zusammenarbeit mit weiteren medizinischen Fachgesellschaften* entstanden ist. Damit erhalten Ärzt*innen aktuelle Empfehlungen, die eine schnellere Diagnose, gezielte Therapie sowie Vorbeugung von Folgeerkrankungen und damit spürbar mehr Lebensqualität für die Betroffenen ermöglichen

PCOS: Das polyzystische Ovarsyndrom

Das polyzystische Ovarsyndrom (PCOS) betrifft jede 10. Frau im gebärfähigen Alter. PCOS ist eine der häufigsten Hormonstörungen bei Frauen und oft mit ernsthaften gesundheitlichen Risiken verbunden. Die Hormonstörung führt oft zu Zyklusstörungen, unerfülltem Kinderwunsch und erhöhten Risiken für Diabetes sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

"Es handelt sich um ein komplexes endokrinologisch, gynäkologisch und internistisches Krankheitsbild mit bisher unklarer Ursache", erklärt die Endokrinologin Dr. Cornelia Jaursch-Hancke, Koordinatorin der Leitlinie.

Die Stoffwechselstörung PCOS bewirkt, dass die Eierstöcke zu viele männliche Sexualhormone wie Testosteron produzieren, was zu hormonellem Ungleichgewicht, Zyklusstörungen und zystenähnlichen Bläschen an den Eierstöcken führen kann. Dieser Überschuss verursacht zudem häufig Symptome wie starke Körperbehaarung, dünner werdendes Kopfhaar und Übergewicht.

Frühe Diagnose entscheidend

"PCOS bleibt häufig unerkannt. Neben Zyklusstörungen, erhöhten männlichen Hormonen und unerfülltem Kinderwunsch steigt bei betroffenen Frauen auch das Risiko für weitere Erkrankungen: Typ-2-Diabetes, Schwangerschaftsdiabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Fettleber sowie psychische Erkrankungen wie Depressionen und Angststörungen. Daher ist eine frühe Diagnose entscheidend", erläutert Prof. Susanne Reger-Tan, Mitkoordinatorin der Leitlinie.

Die Leitlinie präzisiert die Diagnostik gemäß den sogenannten Rotterdam-Kriterien. Demnach liegt ein PCOS vor, wenn mindestens 2 der folgenden 3 Kriterien erfüllt sind:

  • Klinischer Hyperandrogenismus (nicht zwingend erhöhte männliche Hormone, aber sichtbare Symptome wie beispielsweise vermehrte Behaarung/Akne) und/oder biochemischer Hyperandrogenismus (erhöhte männliche Hormone)
  • Ovulatorische Dysfunktion: Störung der normalen Eizellreifung und/oder ein ausbleibender/unregelmäßiger Eisprung
  • Polyzystische Ovarmorphologie (PCOM), eine Veränderung der Eierstöcke, und/oder eine hohe Konzentration des Anti-Müller-Hormons (AMH), das in den Eierstöcken produziert wird und Ausschluss relevanter Differenzialdiagnose

"Die Symptome bei PCOS sind sehr ähnlich zu anderen Erkrankungen, beispielsweise der Schilddrüse, Tumoren oder des Cushing-Syndroms. Bei der Diagnose müssen behandelnde Ärzt*innen daher andere Erkrankungen mit ähnlichen Symptomen ausschließen. Nur dann können wir die Diagnose PCOS zweifelsfrei sicherstellen", so Jaursch-Hancke.

Regelmäßige Kontrollen auf Risikofaktoren

Die Leitlinie empfiehlt regelmäßige Untersuchungen auf Risikofaktoren und Begleiterkrankungen ausdrücklich: "Besonders wichtig ist die Überprüfung des Zuckerstoffwechsels beispielsweise mit einem oralen Glukosetoleranztest, da Frauen mit PCOS unabhängig vom Alter ein erhöhtes Risiko für Diabetes Typ 2 und Schwangerschaftsdiabetes haben. Dafür räumt die Leitlinie mit der weit verbreiteten Annahme auf, dass die Messung der sogenannten Insulinresistenz eine zentrale Bedeutung für Therapieentscheidungen hat. Es sollten außerdem regelmäßige Kontrollen von Gewicht, Blutdruck und Fettstoffwechsel durchgeführt werden, um rechtzeitig präventive und therapeutische Maßnahmen einzuleiten", so Reger-Tan.

Ärzt*innen sollten ebenso auf psychische Belastungen wie Depressionen, Angststörungen oder ein negatives Körperbild achten und dies frühzeitig in die Behandlungen einbeziehen.

Neue Leitlinie als Basis für eine vernetzte PCOS-Versorgung

Zur Behandlung des PCOS empfiehlt die Leitlinie eine multimodale und individuelle Therapie. Im Mittelpunkt stehen insbesondere Lebensstiländerungen wie:

  • regelmäßige körperliche Aktivität,
  • Gewichtsreduktion bei Übergewicht,
  • gesunde Ernährung.

"Es ist wichtig, die Betroffenen erst einmal dort zu unterstützen, wo sie selbst aktiv werden können. Je nach Symptomprofil und Kinderwunsch lassen sich diese Maßnahmen gezielt mit medikamentösen Therapien wie orale Kontrazeptiva, Metformin oder antiandrogene Medikamente ergänzen", erklärt Jaursch-Hancke. Damit dieser Ansatz greift, müsse die Behandlung fachübergreifend erfolgen. „Nur im Team aus Endokrinologie, Gynäkologie, Diabetologie und Psychologie können wir Frauen mit PCOS optimal behandeln und Komplikationen vorbeugen." 

"Medizinische Leitlinien haben eine große Bedeutung für die Gesundheitsversorgung. Ärzt*innen, aber auch Patient*innen und Angehörige anderer Gesundheitsberufe erhalten so eine praxisrelevante, allgemein zugängliche Leitlinie auf aktuellem Stand der Wissenschaft. Mit der neuen PCOS-Leitlinie liefern wir einen klaren Handlungsrahmen für die behandelnden Ärzt*innen und verbessern so langfristig die Lebensqualität der Betroffenen", erklären die beiden Koordinatorinnen der Leitlinie abschließend.

Eine Leitlinie, die sich an Patientinnen richtet, ist derzeit in Arbeit und wird noch in diesem Jahr veröffentlicht.

Quelle: Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie