
"Fieber ist keine Krankheit, sondern eine Reaktion des Körpers – und meist keine, die behandelt werden muss", erklärt der Kinderarzt Prof. David Martin von der Universität Witten/Herdecke (UW/H). Diese zentrale Botschaft zieht sich durch die neue S3-Leitlinie Fiebermanagement bei Kindern und Jugendlichen.
Die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) gibt mit der neuen Leitlinie klare, wissenschaftlich geprüfte Handlungsempfehlungen zum Umgang mit Fieber bei Kindern – für Ärzt*innen, Pflegekräfte, Eltern und alle, die Kinder betreuen.
Die neue Leitlinie gibt konkrete Hinweise zur Behandlung zu Hause. Ziel ist, Eltern zu ermutigen, dem natürlichen Verlauf von Fieber zu vertrauen – ohne unnötige Medikamente oder voreilige Arztbesuche.
Fieber ist keine Notfallsituation, wenn keine Warnzeichen vorliegen
"Wir möchten, dass Eltern wissen, wann Fieber ein Warnsignal ist und wann nicht", erklärt Martin:
- Fieber ist in der Regel eine hilfreiche Abwehrreaktion des Körpers.
- Die Expert*innen empfehlen nicht mehr, Fieber allein aufgrund seiner Höhe zu senken. Entscheidend ist, wie sich das Kind fühlt.
- Nur wenn es sichtbar unter dem Fieber leidet und andere Maßnahmen nicht geholfen haben, kommen Medikamente wie Paracetamol oder Ibuprofen infrage. Und auch dann nur über einen begrenzten Zeitraum.
Viel trinken, schlafen, Wärme und Zuwendung spenden
Besser ist demnach: Viel trinken, schlafen, Wärme spenden, Zuwendung – das Kind soll sich sicher und geborgen fühlen. Maßnahmen wie Wadenwickel sind laut Martin "nur bei warmen Extremitäten und subjektivem Unwohlsein sinnvoll und sollten körperwarm, nicht kalt sein".
Antibiotika mit Bedacht
Zudem widerspricht die Leitlinie dem weitverbreiteten Irrglauben, fiebersenkende Mittel würden den Krankheitsverlauf verkürzen oder Fieberkrämpfe verhindern. "Sie können sogar Nebenwirkungen verursachen, wenn sie unnötig gegeben werden", sagt Martin.
Eine Ausnahme gilt für die Meningokokken-B-Impfung: Hier empfiehlt die Ständige Impfkommission (STIKO) vorbeugend gegen Fieber und Schmerzen Paracetamol zu geben. Das gilt vor allem, wenn gleichzeitig noch andere Impfungen erfolgen. Das Medikament sollte am besten direkt mit der Impfung oder kurz danach eingenommen werden.
Eine weitere wichtige Botschaft: Fieber ist kein Grund für Antibiotika. "Die meisten fieberhaften Infekte sind viral bedingt. Eine unnötige Gabe kann das Mikrobiom schädigen, Resistenzen fördern und Nebenwirkungen verursachen", so Prof. Tim Niehues von der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin.
Ob ärztliche Hilfe nötig ist, hängt nicht allein von der Temperatur ab – sondern vor allem vom Allgemeinzustand des Kindes und klar definierten Warnzeichen, zum Beispiel schrilles Schreien, Bewusstseinsstörungen, Atemnot oder Austrocknung. Auch die Rekapillarisierungszeit, die Zeit bis zur Durchblutung nach Druck auf die Haut, ist ein relevanter Faktor. Diese darf maximal 2 Sekunden betragen, eine längere Zeit deutet auf eine Durchblutungsstörung hin.
Säuglinge brauchen besondere Aufmerksamkeit – und Kinder ausreichend Erholung
Auch bei der Temperaturmessung gibt es klare Empfehlungen: Bei Säuglingen sollte rektal gemessen werden, bei älteren Kindern reicht ein Trommelfellthermometer. Stirn- oder Achselmessungen sind zu ungenau. Jugendliche können – mit Einschränkungen – auch oral messen.
Besondere Vorsicht gilt bei Vorerkrankungen und Säuglingen unter 3 Monaten: Bereits bei Fieber ab 38 °C (rektal) ist ärztliche Abklärung erforderlich, da in dieser Altersgruppe auch bei leicht erhöhten Temperaturen schwere bakterielle Infektionen möglich sind.
Auch die Rückkehr in Kita oder Schule ist ein Thema der Leitlinie: Kinder sollten mindestens einen vollen Tag fieberfrei und wieder belastbar sein. Arbeitgeber, so die Empfehlung, sollten diese Erholungszeit unterstützen – sie ist eine Investition in die Gesundheit aller.
Die S3-Leitlinie wurde von der DGKJ koordiniert und unter Mitwirkung von 15 Fachgesellschaften, Berufsverbänden und Patientenorganisationen erarbeitet. Sie ist über die AWMF zugänglich und dient als Grundlage für die ebenfalls veröffentlichte Elternleitlinie zum Umgang mit Fieber bei Kindern und Jugendlichen.
Quelle: Universität Witten/Herdecke


