
Implantatgetragener Zahnersatz kann dazu beitragen, Risikofaktoren für Kiefernekrosen zu reduzieren. So lassen sich beispielsweise Druckstellen durch herausnehmbaren Zahnersatz vermeiden. Vor allem hat eine Implantatbehandlung positive Auswirkungen auf die Lebensqualität, wenn sie das Sprechen und Essen erleichtert.
Das Wichtigste in Kürze
- Menschen, die Antiresorptiva einnehmen (Medikamente gegen Knochenabbau), können grundsätzlich mit Zahnimplantaten versorgt werden.
- Dies ist eine wichtige Botschaft der Deutschen Gesellschaft für Implantologie und der Deutschen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde in einer aktualisierten Leitlinie.
- Allerdings müsse das Risiko für Komplikationen sorgfältig und individuell geprüft werden.
Aufgrund der alternden Bevölkerung steigt die Zahl der Patient*innen, die mit Antiresorptiva behandelt werden. Diese Medikamente, Bisphosphonate oder der Antikörper Denosumab, verlangsamen den Knochenabbau und werden bei gutartigen Knochenstoffwechselstörungen wie Osteoporose verordnet. Auch bei Knochenmetastasen und Multiplem Myelom (Knochenmarkkrebs) kommen sie zum Einsatz. Wenn antihormonelle Therapien bei Brust- oder Prostatakrebs zu Knochenschwund führen, können Antiresorptiva die Knochen stabilisieren und Komplikationen vermeiden.
Kiefernekrose: Seltene, aber ernste Nebenwirkung
Antiresorptiva beeinflussen jedoch auch die natürliche Erneuerung des Knochens. Genau das kann im Kieferbereich problematisch werden. Unter einer Behandlung mit Antiresorptiva können Entzündungen im Mundraum, Druckstellen von Prothesen oder Eingriffe am Kiefer, etwa Zahnextraktionen oder auch eine Implantatbehandlung, eine sogenannte Antiresorptiva-assoziierte Kiefernekrose auslösen. Diese Form der Kiefernekrose ist eine seltene, aber schwerwiegende Nebenwirkung: Der Kieferknochen heilt schlecht, Gewebe entzündet sich und kann absterben. Die Folgen können erheblich sein und reichen von Schmerzen bis hin zu aufwendigen chirurgischen Behandlungen.
Implantate sind möglich – wenn die Rahmenbedingungen stimmen
Gleichzeitig kann implantatgetragener Zahnersatz dazu beitragen, Risikofaktoren für Kiefernekrosen zu reduzieren. So lassen sich beispielsweise Druckstellen durch herausnehmbaren Zahnersatz vermeiden. Vor allem hat eine Implantatbehandlung positive Auswirkungen auf die Lebensqualität, wenn sie das Sprechen und Essen erleichtert.
„Implantate sind bei Patient*innen mit Antiresorptiva möglich und oft sinnvoll, erfordern jedoch eine risikoadaptierte Planung“, betont Leitlinienkoordinator Prof. Knut A. Grötz. „Entscheidend für die Prognose sind die Entzündungskontrolle, eine einfache Prothetik und eine strenge Indikationsstellung, wenn der Kieferknochen aufgebaut werden muss.“
Die aktualisierte Leitlinie beschreibt deshalb einen therapeutischen Korridor, innerhalb dessen Zahnärzt*innen Implantatbehandlungen fundiert und sicher planen können.
Entscheidung immer individuell
Die Expert*innen betonen deshalb: Ob Implantate infrage kommen, muss immer individuell entschieden werden. Bei dieser Entscheidung müssen Faktoren berücksichtigt werden:
- die Grunderkrankung,
- Art und Dauer der Medikamenteneinnahme,
- zusätzliche Therapien wie Chemo-, Immun- oder Antikörpertherapien,
- der allgemeine Gesundheitszustand,
- die Wundheilungskapazität der Gewebe,
- Mundhygiene und
- frühere Nekrosen des Kieferknochens.
Umfangreichen Knochenaufbau möglichst vermeiden
Besonders kritisch sehen die Fachleute sogenannte Augmentationen des Kieferknochens. Reicht das vorhandene Knochenangebot für eine stabile Verankerung des Implantats nicht aus, muss der Kieferknochen aufgebaut werden. Zahnärzt*innen verwenden mittlerweile dafür meist Knochenersatzmaterial, da so die Knochenentnahme aus einer anderen Körperregion entfällt. Unter Antiresorptiva heilt der Knochen jedoch oft langsamer, weshalb solche Eingriffe problematisch sein können.
Die Leitlinie empfiehlt nicht, Antiresorptiva vorübergehend abzusetzen. Für einen Nutzen einer solchen Therapiepause gibt es bislang keine ausreichenden wissenschaftlichen Belege. Auch spezielle Bluttests zur individuellen Risikobewertung werden nicht empfohlen.
Gute Mundhygiene besonders wichtig
Eine gute Mundhygiene und die konsequente Wahrnehmung von Kontrollterminen gelten als besonders wichtig für den langfristigen Erfolg der Behandlung. Diese langfristige Nachsorge ist ein weiterer Schwerpunkt der Leitlinie. Patient*innen sollten sich regelmäßigen Kontrolluntersuchungen unterziehen, damit Entzündungen früh erkannt werden können.
Aufklärung vor dem Eingriff
Die aktuelle Studienlage zeigt: Kurzfristig unterscheiden sich die Erfolgsaussichten von Implantaten bei vielen Patient*innen unter Antiresorptiva oft kaum von den Erfolgsraten bei Menschen, die diese Medikamente nicht einnehmen.
Unabhängig davon sollten Patient*innen vor einer geplanten Implantation umfassend über mögliche Risiken informiert werden – insbesondere über das individuelle Risiko für eine Kiefernekrose. Dazu gehört auch der Hinweis, dass regelmäßige Nachsorgeuntersuchungen notwendig sind und zusätzliche Kosten entstehen können.
Quelle: Deutsche Gesellschaft für Implantologie


