ZuckerZucker fördert Entzündungen – trotz Zähneputzen

Zucker treibt Entzündungen im Mund und im gesamten Körper an. Sorgfältiges Zähneputzen allein kann die negativen Folgen eines hohen Zuckerkonsums nicht vollständig ausgleichen.

Lebensmittel mit viel Zucker: Donuts, Fertigmüsli, Softdrinks, Schokolade
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Deutsche konsumieren im Schnitt 100 Gramm Zucker pro Tag – viermal so viel wie von der WHO empfohlen.

Zwar ist Karies in Deutschland dank Präventionsprogrammen und Fluoridierung deutlich zurückgegangen. Doch auch bei guter Mundhygiene kann ein dauerhaft hoher Zuckerkonsum Zahnfleischentzündungen begünstigen und steht zudem in engem Zusammenhang mit Volkskrankheiten wie Typ-2-Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Adipositas.

„Die Daten zeigen klar, dass wir Prävention breiter denken müssen", betont Prof. Peter Proff von der Deutschen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde. „Wenn Ernährungsfaktoren entzündliche Erkrankungen beeinflussen, brauchen wir neben individueller Aufklärung auch strukturelle Maßnahmen, die den Zuckerkonsum in der Bevölkerung wirksam reduzieren. Mundgesundheit ist Teil der Allgemeingesundheit – und Prävention bedeutet mehr als Mundhygiene.“

Warum der Zahnbelag nicht das eigentliche Problem ist

„Eine gute Mundhygiene ist durchaus effektiv“, erklärt der Zahnarzt und Ernährungsmediziner Prof. Johan Wölber. „Doch Zähneputzen ist evolutionsbiologisch betrachtet ein junges kulturelles Hilfsmittel. Die Mundgesundheit wird grundsätzlich vor allem aber durch unsere Ernährung beeinflusst.“

Eine viel zitierte Steinzeit-Studie zeigte: Probanden verzichteten 4 Wochen lang auf moderne Mundhygiene, ernährten sich aber ohne raffinierten Zucker und stark verarbeitete Kohlenhydrate. Obwohl sich mehr Zahnbelag bildete, gingen Zahnfleischbluten und Entzündungszeichen deutlich zurück. Das klassische Modell „mehr Plaque gleich mehr Entzündung“ ließ sich unter diesen Ernährungsbedingungen nicht bestätigen.

Auch Analysen historischer Zahnsteinproben belegen, dass sich das Mundmikrobiom mit der Industrialisierung und steigendem Zuckerkonsum deutlich verändert hat. Zahnbelag ist aus biologischer Sicht normal – die dauerhaft hohe Zuckerexposition hingegen nicht.

Weniger Zucker – weniger Zahnfleischentzündung

Eine aktuelle wissenschaftliche Übersichtsarbeit mit Metaanalysezeigt, dass die Reduktion freier Zucker signifikant mit weniger Zahnfleischentzündung verbunden ist. Bereits 2019 konnte eine klinische Studie nachweisen, dass eine 4-wöchige zuckerarme, entzündungshemmende Ernährung Zahnfleischbluten deutlich senken kann – selbst ohne Zahnpflege.

Zucker wirkt dabei doppelt:

  • Im Mund fördert Zucker Stoffwechselprozesse von Bakterien.
  • Gleichzeitig löst er im Körper Blutzuckerspitzen aus, die entzündliche Reaktionen verstärken.

Chronische, niedriggradige Entzündungen gelten heute als gemeinsamer Risikofaktor für Parodontitis, Typ-2-Diabetes, Fettleibigkeit und Herz-Kreislauf-Erkrankungen, sowie sogar für Tumor- und Demenzerkrankungen.

Karies sinkt – Zuckerkonsum bleibt hoch

Dank der modernen Zahnmedizin sind 78 Prozent der Zwölfjährigen in Deutschland heute kariesfrei, wie die Deutsche Mundgesundheitsstudie belegt. Gleichzeitig konsumiert die Bevölkerung durchschnittlich rund 100 Gramm Zucker pro Tag – viermal so viel wie von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfohlen.

„Es ist heute möglich, kariesfreie Zähne zu haben und dennoch ernährungsbedingte Gesundheitsrisiken zu entwickeln“, sagt Wölber. „Wenn wir über Mundgesundheit sprechen, müssen wir auch über Ernährung sprechen."

Zuckerreduktion als Ziel

Vor diesem Hintergrund sieht auch die zahnärztliche Fachgesellschaft gesundheitspolitischen Handlungsbedarf in Sachen einer Reduktion von Zucker in Softgetränken. Während das Vereinigte Königreich nach Einführung einer Zuckersteuer den Zuckergehalt in Softdrinks um 29 Prozent senkte, blieb Deutschland mit freiwilligen Vereinbarungen bei einer Reduktion von nur 2 Prozent.

„Wir haben gesellschaftlich gelernt, Tabakkonsum kritisch zu hinterfragen“, sagt Wölber. „Rauchen ist heute nicht mehr normal. Eine ähnliche Sensibilisierung für übermäßigen Zuckerkonsum wäre der nächste konsequente Schritt.“

Quelle: Deutsche Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde