
Chemische Abführmittel greifen direkt in die Darmfunktion ein. Je nach Wirkstoff regen sie die Darmbewegung künstlich an oder verändern den Flüssigkeitshaushalt im Darm. Manche wirken über den Mechanismus der Osmose: Sie ziehen gezielt Wasser vom Körper in den Darm, sodass der Stuhl weicher wird und schneller weitertransportiert werden kann, allerdings fehlt dieses Wasser dem Körper dann an anderer Stelle. Diese Funktionsweise führt zwar zu einem schnellen Stuhlgang, geht aber oft auch mit Bauchkrämpfen oder Durchfall - also noch mehr Wasserverlust - einher.
Vor allem bei häufiger Anwendung besteht die Gefahr, dass sich der Darm daran gewöhnt, ohne Abführmittel träge wird und der Stuhlgang immer schwieriger - das ist nicht zu unterschätzen! Man sollte sie deshalb für äußerste Notfälle aufsparen.
Die meisten natürlichen Abführmittel hingegen arbeiten mit dem Körper zusammen und unterstützen ihn auf sanftere Weise. Sie zielen weniger darauf ab, einen Stuhlgang zu „erzwingen“, sondern setzen an natürlichen Prozessen im Verdauungstrakt an. So enthalten z.B. bestimmte Heilpflanzen Schleimstoffe oder Ballaststoffe, die im Darm Wasser binden, das Stuhlvolumen erhöhen oder den Stuhl gleitfähiger machen. Andere Pflanzenstoffe regen die Darmbewegung behutsam an oder unterstützen die Verdauung insgesamt. Die Wirkung setzt meist nicht sofort ein, dafür wird der Darm langfristig weniger gereizt. Wie genau Heilpflanzen dabei helfen können und welche Heilpflanzen sich besonders bewährt haben, erfährst du weiter unten im Artikel.
Doch bevor man zu Abführmitteln greift - egal ob chemisch oder natürlich - lohnt sich ein Blick auf die eigentlichen Ursachen. Denn Verstopfung entsteht natürlich nicht ohne Grund und wenn man die Ursache behebt, braucht man auch keine Abführmittel mehr.
Warum kommt es überhaupt zu Verstopfung?
Verstopfung entsteht in der Regel nicht von heute auf morgen, sondern ist das Ergebnis verschiedener Faktoren, die zusammenkommen. Drei der häufigsten Gründe, die ich sehe, sind: Was man isst, wieviel man trinkt und wie man sich bewegt - es gibt auch noch andere; dazu gleich mehr.
Zu wenig Ballaststoffe
Wer sich ballaststoffarm ernährt, also zu wenig Gemüse, Obst oder Vollkornprodukte isst, dem fehlt im Darm oft das nötige Volumen, um den Stuhlgang in Schwung zu halten. Oft ist die Schale besonders ballaststoffreich: Wenn man keinen Reizdarm oder ähnliche Beschwerden hat, lohnt es sich deshalb, die Schale von Karotten, Äpfeln, Gurken, Zucchini und Co. mitzuessen, um mehr Ballaststoffe aufzunehmen und Verstopfung vorzubeugen.
Zu wenig Flüssigkeit
Auch zu wenig Flüssigkeit spielt eine große Rolle: Wird nicht genug getrunken, wird der Stuhl hart und trocken und es fällt dem Körper viel schwerer, ihn im Darm weiterzutransportieren. Das spielt insbesondere bei Älteren häufig eine Rolle.
Zu wenig Bewegung
Ähnlich ist es bei Bewegungsmangel: Damit der Nahrungsbrei weitertransportiert wird, ziehen sich die Darmmuskeln rhythmisch zusammen und entspannen sich wieder - man nennt das Darmbewegung oder Peristaltik. Diese Bewegungen sorgen dafür, dass der Stuhl Schritt für Schritt Richtung Ausgang geschoben wird. Körperliche Bewegung unterstützt genau diesen Prozess. Besonders langes Sitzen kann deshalb problematisch sein. Denn der Körper befindet sich dann über Stunden im Ruhemodus und auch die Darmbewegungen werden langsamer. Der Stuhl bleibt länger im Darm, es wird mehr Wasser entzogen und er wird härter.
Hormonelle Veränderungen, Medikamente, Erkrankungen
Zusätzlich können auch hormonelle Veränderungen, bestimmte Medikamente oder Erkrankungen eine Verstopfung begünstigen. Schmerzmittel, Antidepressiva oder Eisenpräparate sind bekannte Beispiele. Und nicht zuletzt spielt das Mikrobiom (die Darmflora) eine Rolle: Ist das Gleichgewicht der Darmbakterien gestört, wirkt sich das ebenfalls auf die Verdauung aus.
Oft ist Verstopfung also kein einzelnes Problem, sondern ein Zusammenspiel aus Lebensstil, Ernährung und inneren Abläufen. Genau deshalb sollte man nicht nur das Symptom behandeln, sondern den Darm allumfassend unterstützen - zum Beispiel mit Prä- und Probiotika und gezielt ausgewählten Heilpflanzen.
Welche Heilpflanzen eignen sich bei Verstopfung?
Heilpflanzen können den Darm auf unterschiedliche Weise unterstützen. Entscheidend ist dabei, welche Inhaltsstoffe sie enthalten und wo sie im Verdauungsprozess ansetzen. In diesem Abschnitt zeige ich Dir konkrete Beispiele:
Flohsamenschalen und Leinsamen - Quell- und Schleimstoffe für mehr Stuhlvolumen und besseren Transport
Die Schalen von Flohsamen (Plantago ovata / Plantago psyllium) und die Samen des gemeinen Lein (Linum usitatissimum) wirken beide über Quellstoffe und Schleimstoffe. Sie zählen deshalb zu den sanftesten natürlichen Abführmitteln. Sie binden im Darm Wasser, quellen auf und vergrößern dadurch das Stuhlvolumen. Das regt die natürliche Darmbewegung an und macht den Stuhl gleichzeitig weicher, ohne den Darm zu reizen. Diese Wirkweise gilt als besonders gut verträglich und eignet sich auch für eine längerfristige Anwendung oder um Verstopfung vorzubeugen.
Der wichtigste Unterschied zwischen beiden liegt im Quellvermögen und in der Zusammensetzung:
- Flohsamenschalen haben ein besonders hohes Quellvermögen und wirken dadurch sehr zuverlässig auf das Stuhlvolumen.
- Leinsamen quellen etwas weniger stark, enthalten dafür aber zusätzlich viele Schleimstoffe und wertvolle Fettsäuren. Diese Schleimstoffe legen sich schützend auf die Darmschleimhaut und können den Stuhl besonders gut gleitfähig machen. Leinsamen werden deshalb oft als etwas „milder“ empfunden und eignen sich gut bei empfindlichem Darm.
Anwendung
Da sowohl Flohsamenschalen als auch Leinsamen Flüssigkeit benötigen, um quellen und wirken zu können, sollten sie immer mit ausreichend Wasser eingenommen werden.
Für Erwachsene empfehle ich bei Flohsamenschalen 1–2 Teelöffel in etwa 200 ml Wasser eingerührt einzunehmen und anschließend 2 Gläser Wasser (ca. 400 ml) nachzutrinken. Das Ganze kann ein- bis zweimal täglich wiederholt werden.
Bei Kindern ab 10 Jahren wird die Dosis halbiert, bei Kindern ab 6 Jahren reicht ein halber Teelöffel bis zu dreimal täglich.
Leinsamen können geschrotet oder eingeweicht eingenommen werden, ebenfalls mit ausreichend Flüssigkeit. Sie wirken etwas sanfter und eignen sich gut für Menschen, die Flohsamenschalen nicht so gut vertragen oder zusätzlich ihre Darmschleimhaut unterstützen möchten.
Sowohl bei Leinsamen, als auch bei Flohsamenschalen ist es wichtig ist, einen Abstand von etwa einer Stunde zu anderen Heilmitteln oder Medikamenten einzuhalten.

Löwenzahn - Bitterstoffe zur Anregung der Verdauung
Löwenzahn (Taraxacum sect. Ruderalia/Taraxacum off.) enthält Bitterstoffe, die die Bildung von Verdauungssäften fördern und die Darmtätigkeit anregen. Seine Wirkung setzt weniger direkt am Stuhl an, sondern unterstützt den Verdauungsprozess insgesamt. Das kann hilfreich sein, wenn Verstopfung mit einem trägen Stoffwechsel oder Völlegefühl einhergeht.
Anwendung
Löwenzahn eignet sich eher zur begleitenden Unterstützung und weniger als alleinige Maßnahme bei ausgeprägter Verstopfung. Menschen, die morgens einen Kaffee brauchen, um auf Toilette gehen zu können, empfehle ich gerne stattdessen morgens nüchtern ein Tasse Löwenzahnwurzeltee zu trinken. In der Regel kommt die Erleichterung dann recht schnell.
Für eine Tasse Tee setze ich am Vorabend 1-2 TL Löwenzahnwurzel in kaltem Wasser an, lasse es am nächsten Morgen kurz aufkochen und trinke ihn dann.
Sennesblätter - starke Wirkung mit Vorsicht
Sennesblätter (Folium Sennae) gehören zu den stark wirksamen pflanzlichen Abführmitteln. Sie enthalten Anthrachinone, die im Dickdarm eine abführende Wirkung entfalten. Sie wirken laxierend, indem sie die Darmperistaltik gezielt anregen und gleichzeitig verhindern, dass dem Stuhl zu viel Flüssigkeit entzogen wird. Zusätzlich fördern sie auch den Einstrom von Wasser in den Darm. Dadurch wird der Stuhl weicher und schneller weitertransportiert.
Anwendung
Sennesblätter werden meist als Tee oder in standardisierten Präparaten eingesetzt. Aufgrund ihrer intensiven Wirkung sollten sie nur wenige Tage (maximal 2 Wochen) und nicht zur regelmäßigen Anwendung verwendet werden. Sie eignen sich eher für akute Verstopfung oder Ausnahmesituationen. Der Wirkungseintritt erfolgt in der Regel nach ungefähr 7 bis 9 Stunden. Deshalb werden Sennesblätter häufig abends eingenommen, sodass der Stuhlgang am nächsten Morgen einsetzt.
Sennesblätter können sowohl als Kalt- als auch als Warmauszug zubereitet werden. Ich empfehle, zunächst mit dem Kaltauszug zu beginnen, da er in der Regel etwas milder und besser verträglich ist.
- Zubereitung als Kaltauszug (milder): Für eine Tasse Tee setzt man morgens einen Kaltauszug mit 1-2 TL Sennesblättern an und trinkt den Tee abends vor dem Schlafengehen.
- Zubereitung als Warmauszug: Für eine Tasse 1-2 TL Sennesblättern mit heißem Wasser übergießen und 10-15 min ziehen lassen. Anschließend abseihen und trinken.
Der Warmauszug wirkt häufig etwas stärker und schneller, kann aber eher zu krampfartigen Beschwerden führen.
Können natürliche Abführmittel Nebenwirkungen haben?
Auch natürliche Abführmittel sind nicht völlig frei von Nebenwirkungen, denn „natürlich“ bedeutet nicht automatisch „harmlos“. Entscheidend ist immer, welche Pflanze eingesetzt wird, wie hoch sie dosiert ist und wie lange sie angewendet wird.
Sanfte Mittel wie Flohsamenschalen oder Leinsamen gelten bei richtiger Anwendung als gut verträglich. Werden sie jedoch ohne ausreichend Flüssigkeit eingenommen, können sie Blähungen, Völlegefühl oder im ungünstigen Fall sogar eine Verstopfung verstärken. Gerade bei solchen ballaststoffreichen Abführmitteln ist es daher wichtig, die Menge langsam zu steigern und genug zu trinken.
Stärker wirksame Heilpflanzen wie Sennesblätter können bei häufiger oder längerfristiger Anwendung problematisch werden. Möglich sind Bauchkrämpfe, Durchfall und damit einhergehend ein Verlust von Mineralstoffen. Zudem kann sich der Darm an die starke Reizung gewöhnen, sodass ohne Abführmittel kaum noch ein natürlicher Stuhlgang stattfindet. Deshalb sollten sie wirklich nur kurzfristig und gezielt eingesetzt werden.
Achtung: Sennesblätter sollten nicht eingenommen werden bei Darmverschluss, Blinddarmentzündung, Schwangerschaft, entzündlichen Darmerkrankungen (z.B. Morbus Crohn, Colitis ulcerosa), auch nicht bei abdominalen Schmerzen unbekannter Ursache und schweren Dehydratationserscheinungen.
Auch individuelle Faktoren spielen eine Rolle: Menschen mit empfindlichem Darm, chronischen Darmerkrankungen oder bestimmten Vorerkrankungen reagieren oft sensibler. Deshalb gilt auch bei pflanzlichen Abführmitteln: weniger ist oft mehr und eine bewusste, gut informierte Anwendung ist entscheidend.
Mein Fazit
Natürliche Abführmittel können eine gute Hilfe sein, wenn die Verdauung aus dem Gleichgewicht geraten ist. Besonders Heilpflanzen wie Flohsamenschalen, Leinsamen oder Löwenzahn wirken sanft, indem sie natürliche Prozesse im Darm fördern, statt ihn zu überfordern. Entscheidend ist dabei, das passende Mittel auszuwählen und es richtig anzuwenden: mit ausreichend Flüssigkeit und in einer Dosierung, die zum eigenen Körper passt.
Gleichzeitig sollte man Abführmittel nicht als einzige Lösung sehen. Oft helfen schon einfache Dinge wie mehr Ballaststoffe im Essen, ausreichend trinken, regelmäßige Bewegung und etwas mehr Ruhe im Alltag, um den Darm wieder in Schwung zu bringen. Auch Prä- und Probiotika können dabei unterstützen.
Nicht für jede Person sind Abführmittel geeignet. Schwangere, Kinder oder Menschen mit chronischen Darmerkrankungen sollten besonders vorsichtig sein. Und wenn Verstopfung länger anhält oder immer wiederkommt, ist es sinnvoll, die Ursachen abklären zu lassen. Richtig eingesetzt, können natürliche Abführmittel aber eine hilfreiche Unterstützung sein.
Wichtiger Hinweis!
Wie jede Wissenschaft ist die Heilpflanzenkunde ständigen Entwicklungen unterworfen. Soweit in diesem Beitrag medizinische Sachverhalte, Anwendungen und Rezepturen beschrieben werden, handelt es sich naturgemäß um allgemeine Darstellungen, die eine individuelle Beratung, Diagnose und Behandlung durch eine Ärztin, einen Arzt oder eine/einen Apothekerin nicht ersetzen können. Jede/Jeder Nutzende ist für die etwaige Anwendung und vorherige sorgfältige Prüfung von Dosierungen, Applikationen oder sonstigen Angaben selbst verantwortlich. Autoren und Autorinnen und Verlag haben große Sorgfalt darauf verwendet, dass diese Angaben bei ihrer Veröffentlichung dem aktuellen Wissensstand entsprechen. Eine Haftung für Schäden oder andere Nachteile ist jedoch ausgeschlossen.
Für die meisten Heilpflanzen fehlen Studien zu Unbedenklichkeit bei der Anwendung in der Schwangerschaft und während der Stillzeit, sowie bei Säuglingen, (Klein-)Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren. Alle beschriebenen Anwendungen sollten daher, sofern nicht ausdrücklich im Beitrag anders beschrieben, bei diesen Personen und in diesen Lebensphasen nicht ohne ärztliche Zustimmung angewendet werden.
Ruby Nagel
Heilpraktikerin mit dem Schwerpunkt Pflanzenheilkunde


