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Das Alter eines Menschen wird üblicherweise anhand seines Geburtsdatums bestimmt. Dieses chronologische Alter dient nicht nur der jährlichen Geburtstagfeier, sondern auch als Orientierung in verschiedenen Lebensbereichen – wie dem Schuleintritt, dem Mindestalter für die Fahrerlaubnis oder dem Renteneintrittsalter. In den letzten Jahrzehnten hat sich in der Medizin, der Biologie und der Anti-Aging-Forschung eine weitere Perspektive etabliert: die des biologischen Alters.
Was versteht man unter biologischem Alter?
Das biologische Alter beschreibt den tatsächlichen Zustand des Körpers und seiner Zellen. Zwei Menschen können das gleiche chronologische Alter haben, sich aber in Gesundheit, Leistungsfähigkeit, Aussehen und Krankheitsrisiko erheblich unterscheiden.
Besonders eindrücklich wird das bei Studien an eineiigen Zwillingen, die bei der Geburt genetisch und körperlich quasi identisch sind. Allerdings kann der eine durch ein alterungsbeschleunigendes Verhalten wie Zigarettenrauchen mit 60 oder 70 Jahren deutlich älter aussehen als sein Zwilling [1]. Während der eine mit 60 Jahren vital, leistungsfähig und gesund ist, leidet der andere möglicherweise bereits mit 50 an chronischen Erkrankungen.
Genau hier setzt das Konzept des biologischen Alters und dessen Messung an. Denn im Kontext von Anti-Aging gewinnt die Bestimmung des biologischen Alters immer mehr an Bedeutung. Das Konzept des biologischen Alters ermöglicht es, Alterungsprozesse besser zu verstehen, Risiken frühzeitig zu erkennen und gezielte Maßnahmen zur Verlangsamung des Alterns zu ergreifen.
Doch wie lässt sich das biologische Alter messen? Welche Methoden sind wissenschaftlich fundiert und welche haben eher orientierenden Charakter?
6 Methoden das biologische Alter zu messen
Mittlerweile existiert eine Vielzahl an Messmethoden. Sechs wichtige sollen hier vorgestellt werden. Die ersten drei werden häufig bei Hausarztbesuchen oder geriatrischen Evaluierungen bestimmt, drei weitere werden verstärkt in der Anti-Aging-Medizin durch Laborbestimmungen eingesetzt.
1) Messung von Muskelkraft und Muskelmasse
Im Laufe des Erwachsenenlebens kommt es zum altersbedingten Muskelabbau, der Sarkopenie. Diese setzt meist um das 30. Lebensjahr ein und die Muskelmasse nimmt ab diesem Zeitpunkt sukzessive ab. Bestimmte Erkrankungen oder ein ungesunder Lebensstil können die Sarkopenie beschleunigen.
Häufig werden die folgenden Messmethoden angewendet:
- Handkraftmessung mittels eines Dynamometers: Hier wird der Patient gebeten, ein bestimmtes Werkzeug in der eigenen Hand zusammen zu drücken. Die Stärke des Händedrucks kann dann mittels Tabelle als altersgemäß oder eben stärker bzw. schlechter als für das Alter üblich festgestellt werden.
- Bioelektrische Impedanzanalyse: Ein geringer und oft nicht wahrnehmbarer Stromimpuls wird durch den Körper des Patienten gegeben. Mit Messelektroden kann der Abfall der Signalspannung bestimmt werden, was Rückschlüsse auf die Muskelmasse zulässt. Es kann überprüft werden, ob die Muskelmasse altersgemäß ist oder sie schneller oder langsamer altert.
2) Messung der kardiovaskulären Fitness
Zur Messung der kardiovaskulären Fitness werden am häufigsten entweder die maximale Herzfrequenz oder die maximale Sauerstoffaufnahme (VO₂max) festgestellt. Klassischerweise erfolgt die Messung über ein Spirometriegerät.
Den Ablauf hat man sich wie folgt vorzustellen: Der Patient sitzt auf einem stationären Rad und trägt ein Atemgasmessgerät, das in etwa wie eine Gasmaske aussieht. Elektroden überwachen seine Herzfunktion. Die Testperson wird verschiedenen Belastungsstufen mittels Ergometer ausgesetzt, der Widerstand des Tretens wird verändert. Im Laufe der Untersuchung wird der prozentuale Gasgehalt der Ausatemluft mit dem der umgebenden Luft verglichen. Anschließend werden verschiedene Werte der kardiovaskulären Fitness berechnet wie das Atemminutenvolumen, die Kohlendioxidabgabe und die Sauerstoffaufnahme von der Lunge ins Blut. Letzterer Wert ist der wichtigste, denn er kann mit altersentsprechenden Werten verglichen werden und gibt einen Überblick, inwieweit die kardiovaskuläre Fitness eher für ein langsames oder beschleunigtes Altern spricht.
3) Beweglichkeit und Gleichgewicht
Beweglichkeit und das Gleichgewichtsfähigkeit nehmen mit zunehmendem Alter ab. Einfach wirkende Untersuchungen wie der Einbeinstand oder der besonders in der englischsprachigen Welt beliebte Timed-Get-Up-and-Go-Test können in sehr kurzer Zeit einen guten Einblick in das Alter und die Alterungsgeschwindigkeit der untersuchten Person geben.
Beim Timed-Get-Up-and-Go-Test wird der Proband gebeten, die Arme zu verschränken, von einem Stuhl aus sitzender Haltung heraus aufzustehen, 3 Meter zu gehen, umzudrehen und sich wieder hinzusetzen. Wer beweglicher und jünger ist, bewegt sich nicht nur sicherer, sondern auch schneller. Besonders stark gealterte oder ältere Probanden können diesen Test zum Teil gar nicht absolvieren.
4) Blutbasierte Biomarker
Blutbasierte Biomarker können einen guten Einblick nicht nur über die Gesundheit, sondern auch dem biologischen Alter eines Menschen geben. Häufig entweder einzelne Werte wie Entzündungsindikatoren gemessen (z.B. C-reaktives Protein, Interleukin-6, Tumornekrosefaktor-alpha. Es können jedoch auch andere Stoffwechselparameter wie Nüchternblutzucker, HbA1c, Cholesterinwerte oder bestimmte Hormone wie Testosteron, Östrogen oder DHEA bestimmt werden.
Obwohl einzelne Blutwerte durchaus einen guten Einblick in das biologische Altern geben können, sind besonders bestimmte Gleichungen von Interesse, die eine Vielzahl dieser Werte beinhalten und als Endresultat ein biologisches Alter angeben. Diese Gleichungen basieren im Regelfall auf einer Vielzahl an Studien und sind in Anti-Aging-Kliniken besonders beliebt, aber oft nur schwer zugänglich für Interessierte.
5) Epigenetische Alterungsuhr
Zunehmend wird die sogenannte epigenetische Alterungsuhr bestimmt. Die Epigenetik beschäftigt sich mit Veränderungen der Genaktivität, die nicht auf Änderungen der DNS-Sequenz beruhen. Ein zentraler Mechanismus ist die DNS-Methylierung, also das Anhängen von kleinen Methyl-Gruppen an die menschliche DNS: Wer schneller altert, hat mehr Methylgruppen als ein biologisch jüngerer Mensch [2]. Hier korrelieren sowohl die Zahl der Methylgruppen als auch bestimmte Methylierungsmuster ziemlich genau mit dem biologischen Alter.
Mittlerweile wurde eine Vielzahl solcher Tests entwickelt. Noch ist nicht abschließend geklärt, welche(r) Test die besten Resultate erbringt. Deshalb wird an dieser Stelle auf eine namentliche Empfehlung verzichtet. Die Tests sind problemlos im Internet zu finden und sogar für den häuslichen Gebrauch erhältlich. Allerdings liegen die Kaufpreise oft im 3- bis 4-stelligen Bereich. Der jeweilige Entwickler des Tests hat sozusagen eine Monopolstellung, weil die Interpretation der Methylgruppen im Regelfall nur von ihm oder seiner Firma gemacht werden kann.
Tests zur epigenetischen Alterungsuhr sind derzeit sehr in Mode in der Anti-Aging-Szene. Sie haben den Ruf, das biologische Alter mit erstaunlicher Präzision bestimmen zu können. Allerdings kann man dazu aktuell nur spekulieren und diese Behauptung lässt sich wohl erst in 10 bis 15 Jahren überprüfen.
6) Bestimmung der Telomerlänge
Telomere sind Schutzkappen an den Enden der Chromosomen. Sie verkürzen sich mit jeder Zellteilung. Sind sie zu kurz, verliert die Zelle ihre Teilungsfähigkeit und geht ultimativ unter. Die Telomerlänge kann man durch eine Blutuntersuchung bestimmen lassen. Kürzere Telomere sind mit einem höheren biologischen Alter vergesellschaftet und umgekehrt.
Im Jahr 2009 erhielten 3 Wissenschaftler*innen für ihre Forschung zu Telomeren den Nobelpreis für Medizin. Diese Messmethode war lange Zeit populär und galt noch bis vor 10 Jahren als die beste zur Bestimmung des biologischen Alters. Mittlerweile wurde sie jedoch von anderen Methoden wie der epigenetischen Alterungsuhr verdrängt und hat an Popularität verloren.
Fazit
Das biologische Alter zu messen ist ein zentrales Element moderner Anti-Aging-Konzepte. Es ermöglicht, Alterungsprozesse sichtbar zu machen, Präventionsstrategien zu individualisieren und Erfolge messbar zu überprüfen. Während einfache Funktionstests bereits wertvolle Hinweise liefern, gelten die obengenannten Blutwerte aktuell als der präziseste Ansatz.
Was die Messung so wichtig macht ist, dass das biologische Alter kein starres Urteil, sondern ein beeinflussbarer Zustand ist. Der größte Vorteil seiner Bestimmung liegt in der Motivation, die sie geben kann. Denn wer einmal verstanden hat, dass Altern kein unvermeidlicher, gleichförmiger Prozess ist, sondern aktiv gestaltet werden kann, der kann mittels des biologischen Alters aktiv eingreifen: in die eigene Gesundheit, das eigene Leben, die eigene Alterung. Damit hat man einen entscheidenden Schritt in Richtung gesunde Langlebigkeit gemacht.
Anti-Aging bedeutet nicht, dem Altern zu entkommen, sondern besser, gesünder und bewusster zu altern, vielleicht sogar eines Tages sehr, sehr lange leben zu können.
- Okada HC, Alleyne B, Varghai K et al. Facial Changes Caused by Smoking. Plastic and Reconstructive Surgery 2013; https://doi.org/10.1097/prs.0b013e3182a4c20a
- Kabacik S, Lowe D, Fransen L et al. The relationship between epigenetic age and the hallmarks of aging in human cells. Nature Aging 2022; https://doi.org/10.1038/s43587-022-00220-0
Dr. med. Peter Niemann

Peter Niemann arbeitet als Geriater, Internist und Integrativmediziner vor allem in den USA. Der Autor einer Reihe von Gesundheitsratgebern bietet aber auch Beratungen zu Anti-Aging, Anti-Entzündung, Testosteronmangel und vielen anderen Themen an.


