NeurodermitisNeue Hilfe bei Neurodermitis? Hautregeneration mit Bitterstoffen

Bitterstoffe schmecken nicht nur bitter. Sie regulieren diverse Prozesse im menschlichen Organismus und stärken unter anderem die Hautbarriere.

Blühender Gelber Enzian vor Berglandschaft
K. Oborny/Thieme
Die Wurzel des Gelben Enzian enthält reichlich Bitterstoffe.

Bitterstoffrezeptoren überall ...

Bitterstoffe liegen voll im Trend. Völlig zu Recht, denn sie haben eine vielfältige, positive Wirkung auf unseren Organismus. Nehmen wir einen bitteren Geschmack im Mund wahr, aktiviert das unser Immunsystem und unsere Verdauung und reguliert das vegetative Nervensystem.

Was pflanzliche Bitterstoffe sind, scheint schnell beantwortet: Es sind Inhaltsstoffe, die bitter schmecken. Für diesen Beitrag wollen wir aber eine andere Definition wählen: Es sind Stoffe, die an Bitterrezeptoren andocken. Geschieht dies im Zungenbereich, nehmen wir einen bitteren Geschmack wahr. Doch nicht nur die Zunge ist mit diesen Rezeptoren bestückt. In den letzten zwei Jahrzehnten konnten sie im Gehirn, der Blase, auf der Atemschleimhaut und in weiten Bereichen des Darms nachgewiesen werden. Und auch auf der Haut.

Was die vielen Funktionen dieser Bitterrezeptoren ist, wird immer noch erforscht. Fest steht: Nur jene der Zunge dienen der bewussten Wahrnehmung eines bitteren Geschmackes. Alle anderen haben andere Aufgaben. In diesem Beitrag widmen wir uns jenen der Haut.

Mehr zum Thema:

Die Haut nimmt bitter wahr

Bittere Heilpflanzen finden als verdauungsanregende und tonisierende Arzneimittel seit Jahrtausenden Anwendung. Ihr Anwendungsbereich dürfte sich in den nächsten Jahren erweitern, da Bitterstoffe nicht nur im Mundbereich ihre Wirkung entfalten. Auch auf der Haut treffen sie auf Rezeptoren, mit denen sie interagieren. Die Bitterstoffrezeptoren der Haut wurden erst 2015 zum ersten Mal beschrieben [1]. Sie befinden sich auf der Außenseite der Haut und in den Keratinozyten (Oberhautzellen).

Was machen Bitterstoffrezeptoren dort? Es ist gut möglich, dass sie sich dort im Laufe der Evolution als Warn- und Abwehrsystem etabliert haben. Eine der wichtigsten Aufgaben der Haut ist die Barrierefunktion gegenüber Bakterien. Einerseits ist eine bakterielle Hautflora wichtig für die Gesundheit der Haut, andererseits können Bakterien, die die Hautbarriere überwinden, schnell zum Problem für den ganzen Organismus werden. Eine Vielzahl von Bakterien ist auf der Haut harmlos, unter der Haut aber eine Gefahr als Krankheitserreger. Besonders diese überwacht die Haut, unter anderem mithilfe der Bitterstoffrezeptoren: Die Stoffwechselprodukte vieler pathogener Bakterien schmecken bitter, reagieren also mit Bitterstoffrezeptoren. Diese alarmieren daraufhin ihr Umfeld, indem sie einen Kalziumeinstrom in die umliegenden Hautzellen veranlassen. Das führt wiederum zur Bildung von Schutzproteinen und Hautlipiden, die die Hautbarriere stärken und die Haut befeuchten. Bitterstoffe regen somit auf der Haut den Stoffwechsel und die Regeneration der Haut an. Sie wirken auch auf die Immunzellen im Hautgewebe und können dafür sorgen, dass diese weniger Entzündungsbotenstoffe freisetzen [2].

Diese Effekte könnten sich positiv auf die Neurodermitis auswirken, bei denen Entzündungsvorgänge zu trockener und in ihrer Barrierefunktion geschwächter Haut führen.

Bitterstoffe bei Neurodermitis

2017 gelang der Nachweis, dass der Bitterstoff Amarogentin des Gelben Enzians (Gentiana lutea) an die Bitterstoffrezeptoren der Haut bindet und die oben beschriebenen positiven Wirkungen auf die Hautregeneration hat [3].

Bei Patienten mit leichter Neurodermitis wurde Amarogentin zusammen mit der Rinde von Weiden (Salix purpurea, daphnoides oder fragilis) und einem Extrakt aus dem Süßholz (Glycyrrhiza glabra) äußerlich verabreicht. Bereits nach einer Woche hatten sich die Symptome um ca. 50 %, nach 2 Wochen um ca. 70 % gebessert [2].

Das sind beachtliche Ergebnisse, die jedoch einer Validierung durch weitere und größere klinische Studien bedürfen. Doch schon jetzt darf angenommen werden, dass Bitterstoffe das Hautbild bei Neurodermitis verbessern.

Bitterstoffe bei Neurodermitis anwenden

Im Handel sind mittlerweile verschiedene Pflegeprodukten erhältlich, die pflanzliche Bitterstoffe enthalten, aus dem bereits erwähnten Enzian, aber zum Beispiel auch aus dem Hopfen (Humulus lupulus). Diese Produkte können auch von Menschen mit Neurodermitis benutzt werden, doch sollte ihre Anwendung zunächst mit einem Therapeuten besprochen werden. Nicht jedes frei verkäufliche Präparat ist für die Anwendung auf durch die Erkrankung geschädigte Haut geeignet.

Insbesondere bei akuten Schüben sollte auf Produkte mit potenziell irritierenden Inhaltsstoffen verzichtet werden. Dann ist eine möglichst reizfreie Hautpflege, die auf die Stärkung der Hautbarriere und den Erhalt der Feuchtigkeit abzielt, angezeigt.

Und zum Schluss

Bitterstoffe lassen aufhorchen: Sie haben eine Vielzahl an gesundheitsfördernden Wirkungen, von denen uns wohl erst ein Teil bekannt ist. Für Aufsehen sorgten ihre jüngst entdeckten Wirkungen auf die Hautbarriere. Kommen Bitterstoffe mit den entsprechenden Rezeptoren der Haut in Kontakt, rüstet sich diese mit Schutzproteinen und -lipiden. Daneben werden Entzündungsprozesse gehemmt. Davon könnten insbesondere Menschen mit Neurodermitis profitieren.

Wichtiger Hinweis!

Wie jede Wissenschaft ist die Heilpflanzenkunde ständigen Entwicklungen unterworfen. Soweit in diesem Beitrag medizinische Sachverhalte, Anwendungen und Rezepturen beschrieben werden, handelt es sich naturgemäß um allgemeine Darstellungen, die eine individuelle Beratung, Diagnose und Behandlung durch eine Ärztin, einen Arzt oder eine/einen Apothekerin nicht ersetzen können. Jede/Jeder Nutzende ist für die etwaige Anwendung und vorherige sorgfältige Prüfung von Dosierungen, Applikationen oder sonstigen Angaben selbst verantwortlich. Autoren und Autorinnen und Verlag haben große Sorgfalt darauf verwendet, dass diese Angaben bei ihrer Veröffentlichung dem aktuellen Wissensstand entsprechen. Eine Haftung für Schäden oder andere Nachteile ist jedoch ausgeschlossen.

Für die meisten Heilpflanzen fehlen Studien zu Unbedenklichkeit bei der Anwendung in der Schwangerschaft und während der Stillzeit, sowie bei Säuglingen, (Klein-)Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren. Alle beschriebenen Anwendungen sollten daher, sofern nicht ausdrücklich im Beitrag anders beschrieben, bei diesen Personen und in diesen Lebensphasen nicht ohne ärztliche Zustimmung angewendet werden.

  1. Wölfle U, Elsholz FA, Kersten A et al. Expression and functional activity of the bitter taste receptors TAS2R1 and TAS2R38 in human keratinocytes. Skin Pharmacol Physiol 2015; 28: 137-146
  2. Schempp CM. Die Haut mag’s bitter. Deutsche Heilpraktiker Zeitschrift 2017; 12(03): 22-25
  3. Wölfle U, Haarhaus B, Seiwerth J et al. The herbal bitter drug Gentiana lutea modulates lipid synthesis in human keratinocytes in vitro and in vivo. Int J Mol Sci 2017; 18: 1814 

Heilpraktiker mit dem Therapieschwerpunkt Phytotherapie

Erfahren Sie mehr über den Autor